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Perrin stand wieder auf. Das ist nicht real.

»Tarmon Gai’don!«, riefen die Leute. »Die Letzte Schlacht ist da! Alles endet! Beim Licht, alles endet!«

Perrin stolperte erneut, zog sich an einem Felsblock nach oben und versuchte zu stehen. Sein Arm schmerzte, und seine Finger wollten nicht richtig zupacken, aber die schlimmste Wunde war die in seinem Bein, wo ihn der Pfeil getroffen hatte. Hose und Mantel waren feucht von Blut, und der Gestank seines eigenen Entsetzens stieg ihm in die Nase.

Er wusste, dass dieser Albtraum nicht real war. Aber wie sollte man sich diesem Schrecken entziehen? Im Westen brach der Drachenberg aus, wütende Rauchwolken quollen dem Himmel entgegen. Der gesamte Berg schien in Flammen zu stehen, rote Flüsse strömten seine Flanken hinab. Perrin konnte fühlen, wie er erzitterte und starb. Gebäude zersprangen, erbebten, schmolzen, zerbrachen. Menschen starben, von Steinen erschlagen oder verbrannt.

Nein. Er würde sich nicht dort hineinziehen lassen. Vor ihm verwandelten sich die zerborstenen Pflastersteine in saubere Bodenfliesen und den Dienstboteneingang der Weißen Burg. Perrin zwang sich auf die Füße und erschuf einen Stab, an dem er humpeln konnte.

Er vernichtete den Albtraum nicht; er musste den Schlächter finden. Möglicherweise war er an diesem schrecklichen Ort im Vorteil. Der Schlächter kannte sich sehr gut mit Tel’aran’rhiod aus, aber vielleicht – falls das Glück auf Perrins Seite stand – war der Mann geschickt genug gewesen, um Albträumen in der Vergangenheit aus dem Weg zu gehen. Vielleicht würde er sich von dem hier überraschen und in ihn hineinziehen lassen.

Zögernd schwächte Perrin seine Entschlossenheit und ließ sich wieder in den Albtraum ziehen. Der Schlächter würde in der Nähe sein. Perrin stolperte über die Straße und hielt sich von dem Gebäude fern, aus dessen Fenstern Lava brodelte. Es fiel schwer, sich von den Schmerzensschreien abzuwenden. Von den Hilferufen.

Da, dachte Perrin, als er zu einer Gasse kam. Dort stand der Schlächter mit gesenktem Kopf und stützte sich mit einer Hand an der Hauswand ab. Neben dem Mann klaffte ein Riss im Boden, in dessen Tiefe Magma brodelte. Menschen klammerten sich schreiend an den Rand des Abgrunds. Der Schlächter ignorierte sie. Wo seine Hand die Wand berührte, fing sie an, sich von weiß getünchten Ziegeln in den grauen Stein des Burginneren zu verwandeln.

Das Ter’angreal hing noch immer an der Taille des Schlächters. Perrin musste schnell handeln.

Die Mauer schmilzt durch die Hitze, dachte Perrin und konzentrierte sich auf die Wand neben dem Schlächter. Hier fiel es leichter, auf diese Art die Dinge zu verändern – man ließ der von dem Albtraum erschaffenen Welt freie Bahn.

Fluchend riss der Schlächter die Hand zurück, als die Wand plötzlich aufglühte. Unter ihm grollte der Boden, und er riss alarmiert die Augen auf. Er fuhr herum, als sich neben ihm eine Spalte öffnete, die Perrin dort hingedacht hatte. In diesem Moment erkannte Perrin, dass der Schlächter – nur für den Bruchteil einer Sekunde – den Albtraum für die Realität hielt. Er wich vor dem Abgrund zurück und schützte sich mit erhobener Hand vor der Hitze, weil er sie für echt hielt.

Dann verschwand er und erschien neben den Traumgestalten, die über dem Abgrund hingen. Der Albtraum vereinnahmte ihn und unterwarf ihn seinen Launen, wies ihm eine Rolle im Schreckensschauspiel zu. Beinahe überwältigte er auch Perrin. Er fühlte, wie er schwankte, um ein Haar auf die Hitze reagiert hätte. Aber nein. Springer lag im Sterben. Er würde nicht versagen!

Perrin gab sich das Aussehen einer anderen Person. Azi al’Thone, einen Mann von den Zwei Flüssen. Er kleidete sich, wie er es auf der Straße gesehen hatte, Weste und weißes Hemd, eine feinere Hose, als man sie in Emondsfelde bei der Arbeit trug. Dieser Schritt überforderte ihn beinahe. Sein Herz schlug schneller, und er stolperte, als der Boden bebte. Ließ er sich völlig von dem Albtraum vereinnahmen, würde er wie der Schlächter enden.

Nein, dachte er und klammerte sich an der Erinnerung an Faile in seinem Herzen fest. An seinem Zuhause. Sein Gesicht mochte sich ändern, die Welt mochte erbeben, aber sie blieb sein Zuhause.

Er lief zum Abgrund, zur Hitze, und verhielt sich wie ein Teil des Albtraums. Vor Entsetzen laut schreiend griff er in die Tiefe, um jenen zu helfen, die in den Abgrund zu stürzen drohten. Und obwohl er nach jemand anderem griff, fluchte der Schlächter und schnappte sich seinen Arm, um sich daran hochzuziehen.

Dabei nahm sich Perrin das Ter’angreal. Der Schlächter kletterte über ihn hinweg und erreichte die relative Sicherheit der Gasse. Verstohlen erschuf Perrin ein Messer in seiner anderen Hand.

»Verflucht«, knurrte der Schlächter. »Ich hasse diesen Unsinn.« Der Boden um ihn herum verwandelte sich plötzlich in Fliesen.

Perrin richtete sich mühsam auf und bemühte sich ängstlich zu erscheinen – das fiel nicht schwer. Er stolperte auf den Schlächter zu. In diesem Augenblick fiel der Blick des hartgesichtigen Mannes auf das Ter’angreal in seinen Fingern.

Der Schlächter riss die Augen auf. Perrin ließ die Hand nach vorn schnellen und rammte ihm das Messer in den Bauch. Aufschreiend stolperte der Mann zurück, hielt sich den Leib. Blut strömte über seine Finger.

Der Schlächter biss die Zähne zusammen. Um ihn herum verzerrte sich der Albtraum. Er würde bald platzen wie eine Blase. Der Schlächter richtete sich wieder auf, senkte die blutige Hand. In seinen Augen blitzte der Zorn.

Perrin fühlte sich unsicher auf den Beinen. Er war so schwer verwundet worden. Der Boden erzitterte. Neben ihm öffnete sich ein neuer Spalt voller Lava, aus dem glühende Hitze emporfauchte, Hitze wie …

Perrin erstarrte. Wie vom Drachenberg. Er betrachtete das Ter’angreal in seiner Hand. Die Angstträume der Menschen sind stark, flüsterte Springers Stimme in seinem Verstand. So stark…

Als der Schlächter auf ihn zukam, biss Perrin die Zähne zusammen und schleuderte das Ter’angreal in den Lavasee.

»Nein!«, schrie der Schlächter, und um ihn herum entfaltete sich wieder die Realität. Der Albtraum zerplatzte, seine letzten Überreste verschwanden. Perrin kniete auf den kalten Fliesen eines kleinen Korridors.

Ein kurzes Stück zu seiner Rechten lag ein zerschmolzener Metallklumpen auf dem Boden. Perrin lächelte.

Genau wie der Schlächter stammte das Ter’angreal aus der realen Welt. Und wie ein Mensch konnte es hier zerbrochen und zerstört werden. Die violette Kuppel über ihnen war verschwunden.

Knurrend kam der Schlächter heran und trat Perrin in den Magen. In seiner Brustverletzung explodierte der Schmerz. Der nächste Tritt folgte. Ihm schwanden die Sinne.

Geh, Junger Bulle, übermittelte Springer. Seine Stimme klang so schwach. Flieh!

Ich kann dich nicht zurücklassen!

Und doch … muss ich dich verlassen.

Nein!

Du hast deine Antwort gefunden. Suche Grenzenlos. Er wird… dir… diese Antwort… erklären.

Perrin blinzelte durch die Tränen hindurch, als ein weiterer Tritt landete. Er schrie auf, während Springers so vertraute und tröstliche Botschaft in seinem Geist verblich.

Er war nicht mehr.

Perrin schrie gequält. Mit erstickter Stimme und tränennassen Augen schickte er sich aus dem Wolfstraum. Floh wie ein erbärmlicher Feigling.

Egwene erwachte mit einem Seufzen. Mit noch geschlossenen Augen atmete sie ein. Der Kampf mit Mesaana hatte ihren Geist belastet – tatsächlich litt sie unter schrecklichen Kopfschmerzen. Um ein Haar wäre sie dort besiegt worden. Ihre Pläne hatten funktioniert, aber die Bedeutung der Geschehnisse hatte in ihr ein sehr nachdenkliches Gefühl hinterlassen, hatte sie vielleicht sogar etwas überwältigt.