Trotzdem war es ein großer Sieg gewesen. Sie würde die Weiße Burg durchsuchen lassen müssen, um die Frau zu finden, die nun nach dem Aufwachen den Verstand eines Kindes hatte. Irgendwie wusste sie, dass sich Mesaana nicht davon erholen würde. Das hatte sie schon gewusst, bevor Bair es ansprach.
Egwene schlug die Augen auf und lag in einem angenehm dunklen Raum, schmiedete die ersten Pläne, den Saal zusammenzurufen und zu erklären, warum Shevan und Carlinya niemals aufwachen würden. Sie nahm sich einen Augenblick der Trauer für sie, als sie sich aufsetzte. Sie hatte ihnen die Gefahren erklärt, konnte aber das Gefühl nicht abschütteln, sie im Stich gelassen zu haben. Und Nicola, die immer schneller gehen wollte, als sie sollte. Sie hätte nicht dort sein sollen. Es war…
Egwene zögerte. Was war das für ein Geruch? Hatte sie nicht die Lampe brennen lassen? Sie musste erloschen sein. Sie umarmte die Quelle und webte eine Lichtkugel, die über ihre Hand schwebte. Der von ihr enthüllte Anblick raubte ihr den Atem.
Die durchsichtigen Vorhänge an ihrem Bett waren blutgetränkt, fünf Körper lagen auf dem Boden. Drei davon trugen schwarz. Einer davon war ein unbekannter junger Mann im Wappenrock der Burgwache. Der Letzte trug einen weißroten Mantel und Hosen.
Gawyn!
Egwene sprang vom Bett und fiel neben ihm auf die Knie, ignorierte die Kopfschmerzen. Er atmete nur schwach und hatte eine klaffende Wunde in der Seite. Sie verwebte Erde, Geist und Luft zum Heilen, war aber auf diesem Gebiet alles andere als begabt. Von Panik erfüllt arbeitete sie weiter. Er gewann wieder etwas an Farbe, und die Wunden schlossen sich langsam, aber sie schaffte einfach nicht genug.
»Hilfe!«, rief sie. »Die Amyrlin braucht Hilfe!«
Gawyn erwachte. »Egwene«, flüsterte er und schlug mühsam die Augen auf.
»Pst, Gawyn. Du wirst wieder gesund. Hilfe! Die Amyrlin braucht Hilfe!«
»Du … du hast nicht genug Lampen angelassen«, flüsterte er.
»Was?«
»Die Botschaft, die ich schickte …«
»Wir haben nie eine Botschaft erhalten«, sagte sie. »Beweg dich nicht. Hilfe!«
»Es ist keine in der Nähe. Ich habe gerufen. Die Lampen … es ist gut… du bist nicht…« Er lächelte benommen. »Ich liebe dich.«
»Beweg dich nicht«, sagte sie. Beim Licht! Sie weinte.
»Aber die Attentäter waren nicht deine Verlorenen«, murmelte er undeutlich. »Ich hatte recht.«
Das hatte er in der Tat; was waren das für fremde schwarze Uniformen? Seanchaner?
Ich müsste tot sein, begriff sie. Hätte Gawyn diese Attentäter nicht aufgehalten, wäre sie im Schlaf ermordet worden und aus Tel’aran’rhiod verschwunden. Sie hätte Mesaana nie töten können.
Plötzlich kam sie sich wie eine Närrin vor, und jedes Triumphgefühl löste sich in Luft auf.
»Es tut mir leid«, sagte Gawyn und schloss die Augen, »dass ich dir nicht gehorcht habe.« Er entglitt ihr.
»Das ist schon in Ordnung, Gawyn«, erwiderte sie und blinzelte Tränen weg. »Ich gehe jetzt mit dir den Bund ein. Das ist die einzige Möglichkeit.«
Sein Griff an ihrem Arm wurde etwas fester. »Nein. Nicht solange … du es nicht…«
»Du Narr«, sagte sie und bereitete die Gewebe vor. »Natürlich will ich dich als meinen Behüten Das wollte ich immer.« » Schwöre es.«
»Ich schwöre es. Ich schwöre, dass ich dich als meinen Behüter und als meinen Gemahl haben will.« Sie legte ihm die Hand auf die Stirn und berührte ihn mit dem Gewebe. »Ich liebe dich.«
Er keuchte auf. Plötzlich konnte sie seine Gefühle und seine Schmerzen fühlen, als wären es ihre eigenen. Und sie wusste, dass er im Gegenzug die Wahrheit ihrer Worte fühlen konnte.
Perrin schlug die Augen auf und holte tief Luft. Er weinte. Weinten Leute im Schlaf, wenn sie normale Träume träumten?
»Dem Licht sei Dank«, rief Faile aus. Er schlug die Augen auf und sah, dass sie neben ihm kniete, genau wie jemand anders. Masuri?
Die Aes Sedai nahm seinen Kopf zwischen die Hände, und er fühlte die Eiseskälte einer Heilung über ihm zusammenschlagen. Die Wunden in seinem Bein und auf seiner Brust schlossen sich.
»Wir haben versucht, dich zu Heilen, während du schliefst«, sagte Faile und bettete seinen Kopf in ihren Schoß. »Aber Edarra hat uns davon abgehalten.«
»Das kann man nicht machen. Es hätte auch nicht funktioniert.« Das war die Stimme der Weisen Frau. Perrin konnte sie irgendwo im Zelt hören. Er blinzelte. Er lag auf seiner Pritsche. Draußen herrschte Dämmerlicht.
»Es ist mehr als eine Stunde vergangen«, sagte er. »Ihr solltet schon lange weg sein.«
»Pst«, machte Faile. »Die Wegetore funktionieren wieder, und fast jeder ist durch. Nur ein paar tausend Soldaten sind noch hier – größtenteils Aiel und Männer von den Zwei Flüssen. Glaubst du, sie würden ohne dich gehen, glaubst du, ich würde dich zurücklassen?«
Er setzte sich auf und wischte sich die Stirn ab. Sie war schweißfeucht. Er versuchte, den Schweiß verschwinden zu lassen, so wie er es im Wolfstraum immer tat. Natürlich scheiterte er. Edarra stand hinter ihm an der Wand. Sie musterte ihn berechnend.
Er wandte sich Faile zu. »Wir müssen hier weg«, sagte er mit brüchiger Stimme. »Der Schlächter wird nicht allein arbeiten. Es wird eine Falle geben, möglicherweise ein Heer. Jemand mit einem Heer. Sie könnten jeden Augenblick zuschlagen!«
»Kannst du stehen?«, fragte Faile.
»Ja.« Er fühlte sich schwach, aber mit Failes Hilfe schaffte er es. Das Zelttuch raschelte, und Chiad trat mit einem Wasserschlauch ein. Perrin nahm ihn dankbar entgegen und trank. Es löschte seinen Durst, aber die Schmerzen wühlten noch immer in seinem Leib.
Springer … Er senkte den Wasserschlauch. Im Wolfstraum war der Tod endgültig. Wohin würde Springers Seele gehen?
Ich muss weitermachen, dachte er. Meine Leute in Sicherheit bringen. Er schritt zum Zelteingang. Seine Beine fühlten sich bereits kräftiger an.
»Ich sehe deine Trauer, mein Gemahl«, sagte Faile, die ihn begleitete und ihm die Hand auf den Arm legte. »Was ist geschehen?«
»Ich verlor einen Freund«, sagte er leise. »Zum zweiten Mal.«
»Springer?« Sie roch ängstlich.
»Ja.«
»Oh, Perrin, es tut mir so leid.« Ihre Stimme war sanft, als sie aus dem Zelt traten. Es stand ganz allein auf dem Feld, das einst sein Heer beherbergt hatte. Auf dem gelben und braunen Gras zeichneten sich noch immer die Abdrücke von Zelten ab; in großen Zickzackmustern waren Pfade in den Schlamm getreten worden. Es sah aus wie der Grundriss einer Stadt, vorgefertigte Abschnitte für Gebäude, gerade Linien für spätere Straßen. Aber jetzt war es so gut wie menschenleer.
Der grollende Himmel war dunkel. Chiad hielt eine Laterne hoch, um das Gras vor ihnen zu beleuchten. Mehrere Gruppen Soldaten warteten. Töchter hoben ihre Speere in die Höhe, als sie ihn sahen, dann schlugen sie sie gegen ihre Schilde. Ein Zeichen der Anerkennung.
Die Männer von den Zwei Flüssen waren auch da, sammelten sich um ihn, als sich die Nachricht verbreitete. Wie viel von dem, was er heute Nacht getan hatte, konnten sie sich denken? Die Männer von den Zwei Flüssen jubelten, und trotz seiner Anspannung nickte Perrin ihnen zu. Das Übel lag noch immer in der Luft. Er hatte angenommen, dass der Traumnagel es verursachte, aber das war anscheinend ein Irrtum gewesen. Hier roch es wie in der Großen Fäule.
Die Asha’man standen, wo sich die Mitte des Lagers befunden hatte. Sie drehten sich bei Perrins Näherkommen um und salutierten mit der Hand auf der Brust. Sie schienen in guter Form zu sein, obwohl sie gerade das ganze Lager transportiert hatten.