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Aviendha spähte zur Seite. War das ein Hinterhalt? Oder war die Frau ein Geist? Eine der wandelnden Toten? Warum hatte sie ihr Näherkommen nicht gehört?

»Ich grüße Euch, Weise Frau«, sagte die Fremde und neigte den Kopf. »Darf ich Wasser mit Euch teilen? Ich komme von weit her und sah Euer Feuer.« Die Frau hatte faltige Haut und konnte nicht die Macht lenken – es kostete Aviendha keine Mühe, das zu spüren.

»Ich bin noch keine Weise Frau«, sagte Aviendha misstrauisch. »Ich bin auf meiner zweiten Reise nach Rhuidean.«

»Dann werdet Ihr bald große Ehre erlangen«, sagte die Frau. »Ich bin Nakomi. Ich verspreche, dass ich Euch nicht schaden will, Kind.«

Plötzlich kam sich Aviendha albern vor. Die Frau war ohne gezogene Waffen vorgetreten. Sie hatte Nakomi nicht gehört, weil sie von ihren Gedanken abgelenkt gewesen war. »Natürlich, bitte.«

»Danke«, sagte Nakomi, trat ans Licht und legte ihr Bündel neben das kleine Feuer. Sie schnalzte mit der Zunge, dann zog sie ein paar kleine Zweige aus ihrem Bündel, um das Feuer damit zu schüren. Sie holte einen Kessel für Tee hervor und sagte: »Dürfte ich etwas von dem Wasser haben?«

Aviendha holte ihren Wasserschlauch hervor. Eigentlich konnte sie keinen Tropfen erübrigen – bis nach Rhuidean waren es noch einige Tage -, aber es wäre eine Beleidigung, nicht auf die Bitte einzugehen, nachdem man angeboten hatte, den Schatten zu teilen.

Nakomi nahm den Schlauch und füllte den Kessel, den sie dann neben das Feuer stellte, damit er sich erhitzte. »Es ist ein unerwartetes Vergnügen«, sagte sie und kramte in ihrem Bündel herum, »jemanden zu treffen, der auf seinem Weg nach Rhuidean ist. Sagt, musstet Ihr eine lange Lehre absolvieren?«

»Zu lange«, erwiderte Aviendha. »Obwohl das hauptsächlich an meiner eigenen Sturheit lag.«

»Ah. Ihr macht den Eindruck einer Kriegerin, Kind. Sagt, gehört Ihr zu denen, die nach Westen aufbrachen? Die sich dem anschlossen, den man den Car’a’carn nennt?«

»Er ist der Car’a’carn«, sagte Aviendha.

»Ich habe nicht das Gegenteil behauptet«, meinte Nakomi und klang amüsiert. Sie holte ein paar Teeblätter und Kräuter hervor.

Nein. Das hatte sie nicht. Aviendha drehte ihren Panzerrücken, und ihr Magen knurrte. Sie würde auch ihre Mahlzeit mit Nakomi teilen müssen.

»Darf ich eine Frage stellen?«, fragte Nakomi. »Was haltet Ihr vom Car’a’carn?«

Ich liebe ihn, dachte Aviendha augenblicklich. Aber das konnte sie nicht sagen. »Ich glaube, er hat viel Ehre. Und auch wenn er nicht weiß, wie man sich richtig benimmt, lernt er doch.«

»Dann habt Ihr mit ihm Zeit verbracht?«

»Ein bisschen«, sagte Aviendha. Um dann hinzuzufügen, weil sie ehrlicher sein wollte: »Mehr als die meisten.«

»Er ist ein Feuchtländer«, sagte Nakomi nachdenklich. »Und der Car’a’carn. Sagt mir, sind die Feuchtlande so prächtig, wie so viele behaupten? Flüsse, die so breit sind, dass man das andere Ufer nicht sehen kann, Pflanzen, die sich so mit Wasser vollgesogen haben, dass sie platzen, wenn man drückt?«

»Die Feuchtlande sind nicht prächtig«, erwiderte Aviendha. »Sie sind gefährlich. Sie machen uns zu Schwächlingen.« Nakomi runzelte die Stirn.

Wer ist diese Frau? Es war nicht ungewöhnlich, in der Wüste reisende Aiel zu finden; selbst Kinder lernten sich zu beschützen. Aber hätte Nakomi nicht mit Freunden oder der Familie reisen sollen? Sie trug nicht die Kleidung einer Weisen Frau, aber da war etwas an ihr …

Nakomi rührte den Tee um, dann rückte sie Aviendhas Panzerrücken zurecht und platzierte ihn so über den Scheiten, dass er gleichmäßiger garte. Sie holte mehrere Tiefbodenwurzeln aus ihrem Bündel. Aviendhas Mutter hatte sie immer gekocht. Nakomi legte sie in einen kleinen Backkasten aus Keramik, den sie zwischen die Scheite schob. Aviendha hatte gar nicht bemerkt, dass das Feuer so warm geworden war. Wo war das viele Holz hergekommen?

»Ihr erscheint besorgt«, sagte Nakomi. »Es steht mir nicht zu, eine angehende Weise Frau zu befragen. Aber ich lese Sorgen in Eurem Blick.«

Aviendha unterdrückte eine Grimasse. Sie hätte es vorgezogen, in Ruhe gelassen zu werden. Aber sie hatte diese Frau eingeladen, ihr Wasser und ihren Schatten zu teilen. »Ich sorge mich um unser Volk. Gefährliche Zeiten stehen an.«

»Die Letzte Schlacht«, sagte Nakomi leise. »Die Sache, von denen die Feuchtländer sprechen.«

»Ja. Aber meine Sorgen gehen darüber hinaus. Die Feuchtländer korrumpieren unser Volk. Verweichlichen es.«

»Aber die Feuchtländer sind doch Teil unseres Schicksals, oder? Die Dinge, die der Car’a’carn angeblich enthüllt hat… sie verbinden uns auf seltsame Weise mit den Feuchtländern. Immer vorausgesetzt, er hat die Wahrheit gesprochen.«

»Darüber würde er nicht lügen«, sagte Aviendha.

Ein kleiner Schwarm Bussarde flog krächzend durch die dunkle Nachtluft. Die Geschichte von Aviendhas Volk bereitete vielen Aiel noch immer Kummer – die Dinge, die Rand al’Thor enthüllt hatte. In Rhuidean würde Aviendha diese Geschichte bald mit eigenen Augen sehen: dass die Aiel ihre Eide gebrochen hatten. Einst war Aviendhas Volk dem Weg des Blattes gefolgt, hatte ihn dann aber aufgegeben.

»Ihr stellt interessante Fragen, Lehrling«, sagte Nakomi und schenkte den Tee ein. »Man nennt unser Land das Dreifache Land, denn es tat drei Dinge für uns. Es bestrafte uns für unsere Sünden. Es stellte unseren Mut auf die Probe. Es bildete einen Amboss, um uns zu formen.«

»Das Dreifache Land machte uns stark. Wenn wir es also verlassen, werden wir schwach.«

»Aber wenn wir herkommen mussten, um zu etwas Starkem geschmiedet zu werden«, meinte Nakomi, »bedeutet das dann nicht, dass die Prüfungen, denen wir uns in den Feuchtlanden stellen mussten, nicht genauso gefährlich wie das Dreifache Land waren? So gefährlich und schwierig, dass wir herkommen mussten, um uns auf sie vorzubereiten?« Sie schüttelte den Kopf. »Ah, aber ich sollte nicht mit einer Weisen Frau debattieren, nicht einmal einem Lehrling. Ich lade Toh auf mich.«

»Weise Worte auszusprechen bringt niemals Toh. Sagt mir, Nakomi, wo reist Ihr hin? Zu welcher Septime gehört Ihr?«

»Ich bin weit von meinem Dach entfernt«, sagte die Frau wehmütig. »Vielleicht ist es auch weit von mir entfernt. Ich kann Eure Frage nicht beantworten, Lehrling, denn es steht mir nicht zu, diese Wahrheit auszusprechen.«

Aviendha runzelte die Stirn. Was sollte das denn bedeuten?

»Ich bin eigentlich der Ansicht, dass unser Volk großes Toh erlangt hat, weil es den Eid brach, keine Gewalt anzuwenden«, fuhr Nakomi fort.

Aviendha nickte. Was tat man, wenn sein ganzes Volk etwas so Schreckliches getan hatte? Diese Erkenntnis hatte so viele Aiel veranlasst, sich der Trostlosigkeit hinzugeben. Sie hatten sich in ihre Speere geworfen oder sich geweigert, die weiße Kleidung der Gai’schain abzulegen. Damit wollten sie verkünden, dass ihr Volk so großes Toh hatte, dass sich das niemals wieder ins Reine bringen lassen würde.

Aber sie irrten sich. Das Toh der Aiel konnte erbracht werden – es musste erbracht werden. Genau aus diesem Grund diente man dem Car’a’carn, dem Repräsentanten derjenigen, denen die Aiel ursprünglich ihre Eide geleistet hatten.

»Wir werden unser Toh erbringen«, sagte Aviendha. »Indem wir in der Letzten Schlacht kämpfen.«