So würden die Aiel ihre Ehre zurückerhalten. Sobald man sein Toh erbracht hatte, vergaß man es. Sich an einen Fehler zu erinnern, für den man bezahlt hatte, war arrogant. Sie würden fertig sein. Sie konnten zurückkehren und würden nicht länger Scham für die Ereignisse der Vergangenheit verspüren. Aviendha nickte.
»Und so«, sagte Nakomi und reichte ihr eine Tasse Tee, »war das Dreifache Land unsere Strafe. Wir kamen her, um zu wachsen, damit wir unser Toh begleichen konnten.«
»Ja«, sagte Aviendha. Ihr war das völlig klar.
»Wenn wir also für den Car’a’carn gekämpft haben, dann haben wir dieses Toh beglichen. Und darum wird es dann keinen Grund mehr geben, noch länger bestraft zu werden. Aber wenn das der Fall ist, warum sollten wir dann in dieses Land zurückkehren? Wäre das nicht so, als würde man noch länger bestraft werden, obwohl das Toh beglichen ist?«
Aviendha erstarrte. Aber nein, das war albern. Sie wollte sich nicht mit Nakomi in diesem Punkt streiten, aber die Aiel gehörten in das Dreifache Land.
»Das Volk des Drachen.« Nakomi nippte an ihrem Tee. »Das ist es, was wir sind. Dem Drachen zu dienen war der Sinn hinter all unseren Taten. Unsere Bräuche, die ständigen Raubzüge gegeneinander, unsere brutale Ausbildung… unsere ganze Lebensart.« , »Ja«, sagte Aviendha.
»Aber sobald Sichtblender besiegt ist«, sagte Nakomi leise, »was bleibt dann noch für uns? Vielleicht haben sich deswegen so viele geweigert, dem Car’a’carn zu folgen. Weil sie sich sorgten, was es wirklich bedeutet. Warum die alten Bräuche fortführen? Wie sollen wir Ehre in Raubzügen und dem gegenseitigen Töten finden, wenn wir uns nicht länger auf eine so wichtige Aufgabe vorbereiten? Warum härter werden? Nur um aus reinem Selbstzweck hart zu sein?«
»Ich…«
»Es tut mir leid«, sagte Nakomi. »Ich habe wieder einfach laut gedacht. Ich fürchte, ich neige dazu. Kommt, lasst uns essen.«
Aviendha zuckte zusammen. Sicherlich konnten die Wurzeln noch nicht fertig sein. Aber Nakomi zog sie aus dem Feuer, und sie rochen köstlich. Sie schnitt den Panzerrücken auf und holte zwei Zinnteller aus ihrem Bündel. Sie würzte Fleisch und Wurzeln, dann reichte sie Aviendha einen Teller.
Aviendha probierte vorsichtig. Das Essen war köstlich. Sogar großartig. Besser als das Essen auf so manchen Festen, von dem sie in den schönen Palästen in den Feuchtlanden gekostet hatte. Erstaunt starrte sie den Teller an.
»Entschuldigt mich«, sagte Nakomi. »Die Natur verlangt nach mir.« Lächelnd stand sie auf und schlurfte in die Dunkelheit.
Aviendha aß leise, die Unterhaltung hatte sie verstört. War so eine wunderbare Mahlzeit wie diese hier, die man über einem Feuer zubereitet und aus so bescheidenen Zutaten gemacht hatte, nicht der Beweis, dass man den Luxus der Feuchtländer wirklich nicht brauchte?
Aber welchen Sinn hatte es jetzt noch, Aiel zu sein? Wenn sie nicht mehr auf den Car’a’carn warten mussten, was taten sie dann? Kämpfen, ja. Und dann? Sich weiterhin auf Raubzügen umringen? Wozu?
Sie beendete ihre Mahlzeit und dachte dann noch lange Zeit nach. Zu lange. Nakomi kehrte nicht zurück. Besorgt machte sich Aviendha auf die Suche, fand von der Frau aber nicht die geringste Spur.
Als sie zu ihrem Feuer zurückkehrte, entdeckte sie, dass Nakomis Bündel und Teller verschwunden waren. Sie blieb noch eine Weile auf, aber die Frau kehrte nicht zurück.
Schließlich legte sich Aviendha von großer Unruhe erfüllt schlafen.
40
Schmiedearbeiten
Perrin saß allein auf einem Baumstumpf und hielt das Gesicht mit geschlossenen Augen dem dunklen Himmel entgegen. Das Lager war aufgeschlagen, das Wegetor geschlossen und die Berichte angehört. Er hatte endlich Zeit, sich auszuruhen.
Das war gefährlich. Ausruhen bedeutete, er konnte nachdenken. Nachdenken förderte Erinnerungen zutage. Erinnerungen brachten Schmerzen.
Der Wind ließ ihn die Welt riechen. Die verschiedensten Schichten von Gerüchen, die sich vermengten. Das Lager: verschwitzte Menschen, Gewürze, Kernseife, Pferdemist, Gefühle. Die sie umgebenden Hügeclass="underline" vertrocknete Kiefernnadeln, Schlamm von einem Fluss, der Kadaver eines toten Tieres. Die sich dahinter ausbreitende Welt: Anzeichen von Staub einer fernen Straße, ein Büschel Lavendel, das irgendwie in der sterbenden Welt überlebt hatte.
Pollen gab es keine. Es gab keine Wölfe. Beides erschien Perrin wie ein schreckliches Zeichen.
Ihm war übel. Körperlich übel, als wäre sein Magen mit schlammigem Sumpfwasser, verfaulendem Moos und toten Käfern gefüllt. Er wollte schreien. Er wollte den Schlächter finden und ihn töten, ihm die Fäuste ins Gesicht schlagen, bis sie im Blut versanken.
Schritte näherten sich. Faile. »Perrin? Magst du reden?«
Er schlug die Augen auf. Er hätte weinen sollen, schreien. Aber er fühlte sich so kalt. Kalt und wütend. Das passte seiner Meinung nach überhaupt nicht zusammen.
Sein Zelt war in der Nähe aufgeschlagen; die Eingangsplanen flatterten im Wind. Ein paar Schritte entfernt lehnte Gaul an einem Zwerglorbeerschössling. In der Ferne arbeitete noch einer der Hufschmiede. Leise Hammerschläge in der Nacht.
»Ich habe versagt, Faile«, flüsterte er.
Sie kniete neben ihm nieder. »Du hast das Ter’angreal erbeutet. Du hast die Menschen gerettet.«
»Und trotzdem hat uns der Schlächter geschlagen«, sagte er bitter. »Ein Rudel aus fünf von uns reichte nicht aus, um ihn zu besiegen.«
Genauso hatte er sich gefühlt, als er seine tote Familie fand, getötet von den Trollocs. Wen würde ihm der Schatten noch entreißen, bis das hier vorbei war? Springer hätte im Wolfstraum sicher sein müssen.
Dummer Welpe, dummer Welpe.
Hatte es überhaupt je eine Falle für sein Heer gegeben? Möglicherweise war der Traumnagel des Schlächters ja für einen ganz anderen Zweck bestimmt gewesen. Und alles war nur ein Zufall.
Für einen Ta’veren gibt es keine Zufälle …
Er musste etwas finden, was er mit seinem Zorn und seinem Schmerz tun konnte. Er stand auf, drehte sich um und sah überrascht, wie viele Lichter noch im Lager brannten. In der Nähe wartete eine Gruppe Menschen, weit genug von ihm entfernt, dass er ihre Gerüche nicht einzeln wahrgenommen hatte. Alliandre in einem goldenen Kleid. Berelain in Blau. Beide saßen an einem kleinen Reisetisch aus Holz auf Stühlen. Darauf stand eine flackernde Laterne. Neben ihnen saß Elyas auf einem Stein und schärfte seine Messer. Ein Dutzend Männer von den Zwei Flüssen – darunter Will al’Sleen, Jon Ayellin und Grayor Frenn – kauerten um ein Feuer und schauten in seine Richtung. Selbst Arganda und Gallenne waren da und unterhielten sich leise.
»Sie sollten schlafen«, sagte Perrin.
»Sie sorgen sich um dich«, sagte Faile. Sie roch ebenfalls besorgt. »Und sie haben Angst, dass du sie jetzt fortschickst, weil die Wegetore wieder funktionieren.«
»Narren«, flüsterte Perrin. »Es sind Narren, weil sie mir folgen. Narren, weil sie sich nicht verstecken.«
»Würdest du das wirklich von ihnen wollen?«, sagte Faile ärgerlich. »Sich irgendwo zu verkriechen, während die Letzte Schlacht geschlagen wird? Hast du nicht gesagt, dass jeder Mann gebraucht wird?«
Sie hatte recht. Jeder Mann würde gebraucht werden. Er begriff, dass seine Frustration nicht zuletzt daher stammte, weil er nicht wusste, was er eigentlich genau entkommen war. Er war davongekommen, aber wovon? Wofür war Springer gestorben? Den Plan des Feindes nicht zu kennen gab ihm das Gefühl, völlig blind zu sein.
Er erhob sich vom Baumstumpf und begab sich zu Arganda und Gallenne. »Bringt mir Eure Karte«, verlangte er. »Die von der Jehannahstraße.«
Arganda rief Hirshanin herbei und erklärte ihm, wo er eine finden würde. Hirshanin rannte los, und Perrin ging ins Lager hinein. Auf den Laut aufeinandertreffenden Metalls zu, in Richtung des Hufschmieds. Perrin schien davon angezogen zu werden. Um ihn herum wogten die Gerüche des Lagers, über ihm grollte der Himmel.