»Und das Gleiche sagt Ihr über Perrin. Ihr wollt mir weismachen, dass sie alle so schlicht gestrickt sind. Ohne einen Funken Verstand im Kopf.«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Und doch bedient Ihr Euch der gleichen alten Gegenargumente. Wie ermüdend. Nun, ich erkannte, was der Lord Drache da andeutete, also wandte ich meine Aufmerksamkeit einem seiner engsten Vertrauten zu. Vielleicht hat er ihn mir nicht ›versprochen‹. Das war eine schlechte Wortwahl. Aber ich wusste, dass es ihn erfreuen würde, wenn ich mit einem seiner engsten Verbündeten und Freund den Ehebund einginge. Ich vermute, dass er das von mir erwartete – schließlich hat der Lord Drache mich zusammen mit Perrin auf diese Mission geschickt. Aber er konnte seinen Wunsch nicht offen zum Ausdruck bringen, damit er Perrin nicht beleidigte.«
Faile zögerte. Einerseits redete Berelain da völligen Unsinn … andererseits konnte sie verstehen, was die Frau da möglicherweise gesehen hatte. Oder hatte sehen wollen. Für sie lag nichts Unmoralisches darin, einen Mann und seine Frau auseinanderzubringen. Das war nur Politik. Und logisch gesehen hätte Rand vermutlich versuchen sollen, Nationen durch den Ehebund von jenen, die ihm am nächsten standen, an sich zu binden.
Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass weder sie noch Perrin Herzensangelegenheiten auf diese Weise betrachteten.
»Ich musste Perrin aufgeben«, fuhr Berelain fort. »Ich hielt mich an mein Versprechen. Aber das hat mich in eine schwierige Situation gebracht. Ich war lange der Ansicht, dass eine Verbindung zu dem Wiedergeborenen Drachen Mayenes einzige Hoffnung darstellt, in den kommenden Jahren seine Unabhängigkeit zu bewahren.«
»Bei einer Ehe geht es doch nicht nur darum, politische Vorteile in Anspruch zu nehmen.«
»Und doch sind die Vorteile so offensichtlich, dass man sie nicht ignorieren kann.« »Und dieser Weißmantel?«
»Ist der Halbbruder der Königin von Andor«, sagte Berelain und errötete etwas. »Falls der Lord Drache Elayne Trakand heiraten will, stehe ich auf diese Weise mit ihm in Verbindung. «
Da steckte mehr dahinter, das konnte Faile an der Art und Weise sehen, wie sich Berelain benahm, wie sich ihr Blick veränderte, wenn sie von Galad Damodred sprach. Aber wenn sie es als politische Motivation betrachten wollte, dann hatte Faile keinen Grund, ihr das auszureden, vor allem nicht, wenn es dabei half, sie von Perrin abzulenken.
»Ich habe getan, worum Ihr mich gebeten habt«, sagte Berelain. »Also bitte ich jetzt Euch um Hilfe. Sollte es den Anschein haben, dass er sie tatsächlich angreift, dann helft mir bitte bei dem Versuch, ihn davon abzubringen.«
»Also gut«, sagte Faile.
Perrin ritt an der Spitze eines Heeres, das sich zum ersten Mal wie eine Einheit anfühlte. Die Flagge von Mayene, die Flagge von Ghealdan, die Banner der Adelshäuser unter den Flüchtlingen. Sogar ein paar Banner, die die Jungs gemacht hatten und die verschiedenen Gegenden der Zwei Flüsse repräsentieren sollten. Über ihnen allen wehte der Wolfskopf.
Lord Perrin. Daran würde er sich nie gewöhnen, aber vielleicht war das ja ganz gut so.
Er lenkte Traber neben das offene Wegetor, während die Truppen vorbeimarschierten und salutierten. Im Augenblick spendeten ihnen Fackeln Licht. Hoffentlich würden die Machtlenker später das Schlachtfeld beleuchten können.
Ein Mann näherte sich Traber, und Perrin roch Tierfelle, krumige Erde und Hasenblut. Elyas war auf die Jagd gegangen, während er darauf gewartet hatte, dass sich das Heer sammelte. Man musste schon ein aufmerksamer Jäger sein, um nachts Hasen zu fangen. Elyas behauptete, dass es eine bessere Herausforderung darstellte.
»Du hast mir einmal etwas gesagt, Elyas«, sagte Perrin. »Du hast mir gesagt, dass, sollte ich die Axt jemals mögen, ich sie wegwerfen sollte.«
»Das habe ich.«
»Ich glaube, das gilt auch für die Führung. Anscheinend sollen die Männer, die keine Titel haben wollen, diejenigen sein, die sie bekommen. Solange ich das nicht vergesse, sollte ich das eigentlich ganz gut hinbekommen.«
Elyas kicherte. »Das Banner sieht dort oben ganz gut aus.«
»Es passt zu mir. Tat es immer. Bloß dass ich nicht immer dazu passte.«
»Das ist aber sehr tiefsinnig für einen Schmied.«
»Vielleicht.« Perrin zog das schmiedeeiserne Geduldsspiel aus der Tasche, das aus Maiden. Es war ihm noch immer nicht gelungen, es in seine Einzelteile zu zerlegen. »Ist es dir je seltsam vorgekommen, dass Schmiede so einfache Leute zu sein scheinen, aber ausgerechnet sie diese verfluchten Rätselspiele herstellen, die so schwierig zu lösen sind?«
»So habe ich das noch nie betrachtet. Also bist du endlich einer von uns?«
»Nein.« Perrin steckte das Rätselspiel weg. »Ich bin, wer ich bin. Endlich.« Er war sich nicht sicher, was sich in ihm verändert hatte. Aber vielleicht hatte das Problem ja nur darin bestanden, sich viel zu viele Gedanken darüber zu machen.
Er wusste, dass er sein Gleichgewicht gefunden hatte. Er würde nie wie Noam werden, der Mann, der sich im Wolf verloren hatte. Und das reichte.
Perrin und Elyas sahen zu, wie das Heer vorbeizog. Diese größeren Wegetore machten das Reisen so viel einfacher; sie würden sämtliche Kämpfer, Männer und Frauen, in weniger als einer Stunde auf der anderen Seite haben. Männer hoben die Hände Perrin entgegen und rochen nach Stolz. Seine Verbindung zu den Wölfen machte ihnen keine Angst; tatsächlich erschienen sie jetzt, wo sie die Einzelheiten kannten, bedeutend weniger besorgt. Zuvor hatte es viele Spekulationen gegeben. Fragen. Jetzt konnten sie sich in Ruhe an die Wahrheit gewöhnen. Und stolz darauf sein. Ihr Herr war kein gewöhnlicher Mann. Er war etwas Besonderes.
»Ich muss gehen, Perrin«, sagte Elyas. »Heute Nacht, wenn das geht.«
»Ich weiß. Die Letzte Jagd hat begonnen. Geh mit ihnen, Elyas. Wir treffen uns im Norden wieder.«
Der alternde Behüter legte Perrin die Hand auf die Schulter. »Falls wir uns dort nicht sehen, dann treffen wir uns vielleicht im Traum, mein Freund.«
Perrin lächelte. »Das hier ist der Traum. Und wir werden uns wiedersehen. Ich finde dich, wenn du bei den Wölfen bist. Gute Jagd, Langzahn.«
»Gute Jagd, Junger Bulle.«
Elyas verschwand beinahe lautlos in der Dunkelheit.
Perrin griff nach dem warmen Hammer an seiner Seite. Er war immer davon ausgegangen, dass die Verantwortung nur eine weitere Last für ihn darstellen würde. Aber nachdem er sie nun akzeptiert hatte, war ihm viel leichter zumute.
Perrin Aybara war bloß ein Mann, aber Perrin Goldauge war ein Symbol, erschaffen von den Menschen, die ihm folgten. Daran konnte er nichts ändern; er konnte nur so gut führen, wie ihm das möglich war. Tat er das nicht, würde das Symbol nicht verschwinden. Die Leute würden nur einfach den Glauben daran verlieren. So wie der arme Aram.
Es tut mir leid, mein Freund, dachte er. Dich habe ich von allen am meisten enttäuscht. Aber es war sinnlos, den Blick auf diese Weise in die Vergangenheit zu richten. Er würde einfach nach vorn sehen müssen und es besser machen. »Ich bin Perrin Goldauge«, sagte er. »Der Mann, der mit den Wölfen sprechen kann. Und ich schätze, es ist gut, dieser Mann zu sein.«
Er stieß Traber die Fersen in die Seiten und ritt durch das Wegetor. Leider musste Perrin Goldauge heute Nacht noch töten.
Galad erwachte sofort, als sein Zelteingang raschelte. Er vertrieb die Reste seines Traums – irgendeinen Unsinn, wie er mit einer dunkelhaarigen Schönheit mit perfekten Lippen und berechnenden Augen speiste – und griff nach dem Schwert.
»Galad!«, zischte eine Stimme. Es war Trom. »Was ist?«, fragte Galad, die Hand noch immer am Schwertgriff.
»Ihr hattet recht«, sagte Trom. »Womit?«
»Aybaras Heer ist wieder da. Galad, sie sind direkt über uns auf den Höhen! Wir haben sie nur zufällig entdeckt; unsere Männer beobachteten die Straße, genau wie Ihr befohlen habt.«
Galad fluchte, setzte sich auf und griff nach seinem Unterzeug. »Wie sind sie da raufgekommen, ohne dass wir es bemerkt haben?«