Die Trollocs heulten auf einmal viel lauter. Die vor ihm drehten sich um und sprachen in einer primitiven, fauchenden Sprache miteinander, die ihn angewidert zurückzucken ließ. Trollocs konnten sprechen? Das hatte er nicht gewusst. Was hatte ihre Aufmerksamkeit erregt?
Dann sah er es. Ein Pfeilhagel aus der Höhe fuhr ganz in der Nähe in die Reihen der Bestien. Die Bogenschützen von den Zwei Flüssen wurden ihrem Ruf gerecht. Galad hätte den meisten Bogenschützen nicht zugetraut, so schießen zu können, ohne dass auch nur ein verirrter Pfeil die Weißmäntel traf. Aber diese Bogenschützen waren präzise.
Die Trollocs schrien und heulten. Dann griffen tausend Reiter vom Hügelkamm an. Um sie herum flackerten Lichter; Feuer zog rotgoldenen Lanzen gleich Bahnen in die Luft. Es beleuchtete die Reiter in Silber.
Ein unglaubliches Manöver. Der Hang war steil genug, dass die Pferde leicht hätten stolpern und stürzen und die ganze Streitmacht in eine nutzlose Masse aus sich überschlagenden Körpern verwandeln können. Aber sie stürzten nicht. Sie galoppierten mit sicherem Tritt, und die Lanzen funkelten. Und an ihrer Spitze ritt ein bärtiges Ungeheuer von Mann mit einem hoch erhobenen Hammer. Perrin Aybara höchstpersönlich, über dessen Haupt ein Banner flatterte, das der direkt hinter ihm reitende Mann trug. Der blutrote Wolfskopf.
Unwillkürlich senkte Galad bei dem Anblick den Schild. Aybara schien beinahe zu brennen, was von den Flammenzungen kam, die ihn umgaben. Galad konnte mühelos die großen goldenen Augen sehen. Sie waren selbst wie ein Feuer.
Die Reiter krachten in die Trollocs hinein, die Galads Streitmacht umzingelten. Aybara stieß ein Brüllen aus, das den Lärm übertönte, dann schlug er wild mit dem Hammer um sich. Der Angriff trieb die Bestien zurück.
»Angriff!«, rief Galad. »Greift an! Treibt sie der Kavallerie entgegen!« Er eilte nach Norden, dem Hang entgegen, Bornhaid an seiner Seite. In der Nähe holte Trom zusammen, was von seiner Legion noch übrig war, und führte sie herum, um die Aybara gegenüber befindlichen Trollocs anzugreifen.
Der Kampf wurde immer chaotischer. Galad schlug um sich wie ein Wilder. Von oben strömte unglaublicherweise Aybaras ganzes Heer den Hang hinunter und gab die erhöhte Position auf. Sie warfen sich auf die Ungeheuer, zehntausende Männer brüllten: »Goldauge! Goldauge!«
Der Angriff brachte Galad und Bornhaid zwischen die Reihen der Trollocs. Die Kreaturen wollten vor Aybara zurückweichen und strömten in alle Richtungen. Die Männer in Galads und Bornhaids Nähe kämpften bald verzweifelt um ihr Leben. Galad erledigte eine Bestie mit Schleife in der Luft, fuhr herum und fand sich einem zehn Fuß großen Behemoth mit einem Widdergesicht gegenüber. An den Seiten des gewaltigen rechteckigen Gesichts bogen sich Hörner in die Höhe, aber die Augen waren genauso menschlich wie der Unterkiefer.
Galad duckte sich, als die Bestie ihren Haken schwang, dann rammte er ihr das Schwert in den Bauch. Die Kreatur blökte auf, und Bornhaid schnitt tief in ihre Seite.
Galad schrie auf und sprang zurück, aber sein verletzter Knöchel ließ ihn in diesem Augenblick endgültig im Stich. Er rutschte in einen Bodenspalt, und Galad hörte ein schreckliches Bersten, während er fiel.
Das sterbende Ungeheuer krachte gegen ihn und nagelte ihn am Boden fest. Sein Bein war ein einziger Schmerz, aber er ignorierte es. Er ließ das Schwert fallen und versuchte, den Kadaver von sich zu schieben. Der fluchende Bornhaid wehrte einen Trolloc mit einer Keilerschnauze ab. Er stieß ein schreckliches Grunzen aus.
Galad wälzte den stinkenden Kadaver zur Seite. Neben sich konnte er Männer in Weiß erkennen – Trom, der mit Byar an seiner Seite verzweifelt darum kämpfte, Galad zu erreichen. Es gab so viele Trollocs, und die Kinder in ihrer unmittelbaren Nähe waren größtenteils gefallen.
Galad griff nach seinem Schwert, als direkt nördlich von ihm ein Berittener durch Schatten und Trollocs brach. Aybara. Er zügelte das Pferd, schmetterte den gewaltigen Hammer auf einen Eber-Trolloc und schickte ihn krachend zu Boden. Dann sprang er aus dem Sattel, während Bornhaid herbeieilte, um Galad aufzuhelfen.
»Seid Ihr verwundet?«, wollte Aybara wissen.
»Mein Knöchel«, erwiderte Galad.
»Auf mein Pferd«, sagte Aybara.
Galad protestierte nicht; das war nur vernünftig. Trotzdem verspürte er eine tiefe Verlegenheit, als Bornhaid ihm in den Sattel half. Aybaras Männer strömten herbei und drängten die Ungeheuer zurück. Jetzt, da sich Aybaras Heer am Kampf beteiligte, sammelten sich Galads Männer.
Den Hang hinunterzueilen war ein gefährliches Spiel gewesen, aber sobald Galad auf Aybaras Pferd saß, konnte er sehen, dass sich das Spiel ausgezahlt hatte. Der massive Angriffhatte die Reihen der Trollocs gesprengt, und einige Gruppen ergriffen bereits die Flucht. Vom Himmel regneten noch immer Flammenzungen, die Myrddraals verbrannten und gleichzeitig ganze mit ihnen verbundene Fäuste Trollocs niederstreckten.
Es wartete noch viel Kampf auf sie, aber das Blatt hatte sich gewendet. Aybaras Streitkräfte schnitten eine Sektion um ihren Anführer heraus und gaben ihm – und damit auch Galad – etwas Raum, um sich den nächsten Schritt zu überlegen.
Galad wandte sich Aybara zu, der die Bestien aufmerksam studierte. »Ihr seid bestimmt der Ansicht, dass die Tatsache, dass Ihr mich gerettet habt, meine Entscheidung über Euer Urteil beeinflussen wird«, sagte Galad.
»Das wäre schon besser«, murmelte Aybara.
Galad runzelte die Stirn. Das war nicht die erwartete Antwort. »Meine Männer finden es verdächtig, dass Ihr so kurz vor den Trollocs aufgetaucht seid.«
»Nun, sie können glauben, was sie wollen. Ich bezweifle, dass ich ihre Ansicht ändern kann, egal was ich sage. In gewisser Weise ist das hier meine Schuld. Die Trollocs sind hier, um mich zu töten; ich war allerdings weg, bevor sie die Falle zuschnappen lassen konnten. Seid froh, dass ich Euch nicht ihnen überließ. Ihr Weißmäntel habt mir beinahe genauso viel Ärger gemacht wie sie.«
Seltsamerweise ertappte sich Galad bei einem Lächeln. Irgendwie war dieser Perrin Aybara stets geradeheraus. Eigentlich konnte ein Mann nicht mehr, von einem Verbündeten verlangen.
Dann sind wir nun also Verbündete?, dachte Galad und nickte dem näher kommenden Trom und Byar zu. Vielleicht für den Augenblick. Er vertraute Aybara. Ja, möglicherweise gab es Männer auf der Welt, die einen so komplizierten Plan geschmiedet hätten, um Galads Vertrauen zu erschleichen. Valda wäre so gewesen.
Aybara war es nicht. Er war wirklich geradeheraus. Hätte er die Kinder aus dem Weg haben wollen, hätte er sie getötet und wäre weitergezogen.
»Dann soll es so sein, Perrin Aybara«, sagte er. »Ich verkünde Eure Strafe hier und jetzt, in dieser Nacht, in diesem Augenblick.«
Perrin runzelte die Stirn und unterbrach seine Betrachtung der Schlachtlinien. »Was? fetzt?«
»Ich bestimme, dass Ihr den Familien der toten Kinder ein Blutgeld, in Höhe von fünfhundert Kronen zu zahlen habt. Darüber hinaus befehle ich Euch, mit sämtlicher Euch zur Verfügung stehenden Kraft in der Letzten Schlacht zu kämpfen. Erfüllt diese Dinge, und ich erkläre Euch von der Schuld gereinigt.«
Es war ein seltsamer Augenblick für diese Proklamation, aber er hatte seine Entscheidung getroffen. Sie mussten noch kämpfen, und vielleicht würde einer von ihnen fallen. Aber Galad wollte, dass Aybara das Urteil für alle Fälle kannte.
Aybara musterte ihn und nickte dann. »Das finde ich gerecht, Galad Damodred.« Er streckte die Hand aus.
»Geschöpf der Finsternis!« Hinter Aybara bewegte sich etwas. Eine Gestalt zog ihr Schwert. Stahl blitzte auf. Byars Augen funkelten zornig. Er hatte eine Position eingenommen, von der aus er Aybaras Rücken treffen konnte.
Aybara fuhr herum; Galad hob die Klinge. Beide waren zu langsam.
Aber Jaret Byars Schlag kam nicht. Erstarrt und mit erhobener Waffe stand er da, Blut tropfte von seinen Lippen. Er sackte auf die Knie, dann fiel er direkt vor Aybaras Füße.