Bornhaid stand mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen hinter ihm. Er schaute auf sein Schwert. »Ich … es war nicht richtig, einen Mann in den Rücken zu stechen, nachdem er uns gerettet hat. Es …« Er ließ das Schwert fallen und wich stolpernd von Byars Leiche zurück.
»Ihr habt richtig gehandelt, Kind Bornhaid«, sagte Galad voller Bedauern. Er schüttelte den Kopf. »Er war ein guter Offizier. Vielleicht manchmal unangenehm, aber auch mutig. Es tut mir leid, ihn verlieren zu müssen.«
Aybara blickte sich um, als würde er nach weiteren Kindern Ausschau halten, die ihn möglicherweise angriffen. »Von Anfang an suchte er nach einem Vorwand, mich tot zu sehen.«
Bornhaid sah Aybara noch immer hasserfüllt an, dann säuberte er sein Schwert und rammte es in die Scheide. Er ging und hielt auf die Stelle zu, wo man die Verwundeten sammelte. Die Gegend um Galad und Aybara wurde zusehends sicherer, die Trollocs wurden zurückgedrängt, Aybaras Männer und die restlichen Kinder stellten sich zu stabileren Formationen auf.
»Er glaubt noch immer, dass ich seinen Vater getötet habe«, sagte Aybara.
»Nein«, erwiderte Galad. »Er glaubt, dass Ihr es nicht getan habt, davon bin ich überzeugt. Aber er hat Euch sehr lange Zeit gehasst, Lord Aybara, und er hat Byar noch länger geliebt.« Er schüttelte den Kopf. »Den Freund zu töten. Manchmal ist es sehr schmerzhaft, das Richtige zu tun.«
Aybara grunzte. »Ihr solltet Euch zu den Verwundeten begeben«, sagte er, hob den Hammer und hielt Ausschau, wo der Kampf noch am heftigsten wogte.
»Mir geht es gut genug, um zu kämpfen, wenn ich Euer Pferd solange behalten kann.«
»Nun, dann bringen wir es hinter uns.« Aybara musterte ihn. »Aber ich bleibe bei Euch, nur für den Fall, dass es so aussieht, als würdet Ihr fallen.«
»Danke.«
»Ich hänge an diesem Pferd.«
Lächelnd gesellte sich Galad zu ihm, und sie wateten zurück ins Getümmel.
42
Stärker als Blut
Wieder einmal saß Gawyn in dem kleinen schmucklosen Zimmer in Egwenes Gemächern. Er fühlte sich erschöpft, was aber kein Wunder war, wenn man betrachtete, was er durchgemacht hatte. Das Heilen eingeschlossen.
Seine Aufmerksamkeit wurde von einem neuen Bewusstsein in seinem Inneren in Beschlag genommen. Dieses wundervolle Aufblühen in seinem Hinterkopf, diese Verbindung zu Egwene und ihren Gefühlen. Die Verbindung war ein Wunder und ein Trost. Sie zu spüren verriet ihm, dass sie lebte.
Da er ihr Näherkommen nun vorausahnte, stand er auf, als sich die Tür öffnete. »Gawyn«, sagte sie, als sie eintrat, »in deinem Zustand solltest du nicht stehen. Bitte setz dich.«
»Mir geht es gut«, sagte er, tat aber wie geheißeen.
Sie schob den anderen Stuhl herbei und setzte sich vor ihn. Sie erschien ganz ruhig und beherrscht, aber er konnte fühlen, dass die Ereignisse der Nacht sie noch immer überwältigten. Diener kümmerten sich um die Blutflecken und Leichen, während Chubain in der ganzen Burg den Alarmzustand aufrechterhielt und jede einzelne Schwester überprüfte. Man hatte noch eine weitere Attentäterin gefunden. Sie zu töten hatte zwei Soldaten und einen Behüter das Leben gekostet.
Ja, er konnte den Gefühlssturm hinter dieser ruhigen Fassade fühlen. Während der vergangenen Monate war er allmählich zu der Annahme gelangt, dass die Aes Sedai möglicherweise lernten, überhaupt nichts mehr zu fühlen. Der Bund bewies ihm das Gegenteil. Egwene hatte Gefühle; sie ließ lediglich nicht zu, dass sie sich in ihren Zügen widerspiegelten.
Als Gawyn ihr Gesicht betrachtete und dabei den Sturm in ihr fühlte, erhielt er zum allerersten Mal eine andere Perspektive der Beziehung zwischen Behüter und Aes Sedai. Behüter waren nicht bloß Leibwächter; vielmehr waren sie diejenigen – die Einzigen -, die mitbekamen, was in ihrer Aes Sedai vor sich ging. Ganz egal wie geschickt die Aes Sedai auch darin wurde, Gefühle zu verbergen, ihr Behüter schaute immer hinter die Maske.
»Habt ihr Mesaana gefunden?«, fragte er.
»Ja, es hat aber eine Weile gedauert. Sie gab sich für eine Aes Sedai namens Danelle aus, von der Braunen Ajah. Wir fanden sie wie ein Kind plappernd in ihrem Zimmer. Sie hatte sich bereits beschmutzt. Ich bin mir nicht sicher, was wir mit ihr machen werden.«
»Danelle. Ich kannte sie nicht.«
»Sie blieb für sich«, sagte Egwene. »Vermutlich hat sie Mesaana aus diesem Grund erwählt.«
Einen Augenblick lang schwiegen sie. »Nun«, sagte Egwene schließlich, »wie fühlst du dich?«
»Du weißt, wie ich mich fühle«, antwortete Gawyn ehrlich.
»Das sollte lediglich der Beginn einer Unterhaltung sein.«
Er lächelte. »Ich fühle mich großartig. Erstaunlich. Von Frieden erfüllt. Und besorgt, nervös. Wie du.«
»Etwas muss mit den Seanchanern geschehen.«
»Dem stimme ich zu. Aber das ist es nicht, was dich bewegt. Dir passt es nicht, dass ich dir nicht gehorcht habe, aber du weißt auch, dass es die richtige Handlungsweise war.«
»Du hast nicht gegen einen Befehl verstoßen«, sagte Egwene. »Ich habe dir gesagt, du sollst zurückkehren.«
»Das Moratorium wegen der Bewachung deines Gemaches galt noch immer. Ich hätte Pläne stören und die Attentäter verscheuchen können.«
»Ja«, sagte sie. Ihre Gefühle gerieten noch mehr in Aufruhr. »Aber stattdessen hast du mir das Leben gerettet.«
»Wie sind sie reingekommen?«, wollte Gawyn wissen. »Hättest du nicht aufwachen müssen, als deine Dienerin den Alarm auslöste?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich befand mich tief im Traum und kämpfte gegen Mesaana. Burgwächter hätten den Alarm hören sollen«, erklärte Egwene. »Man hat sie alle tot aufgefunden. Anscheinend gingen die Attentäter davon aus, dass ich angelaufen komme. Sie hatten einen ihrer Leute im Empfangsraum versteckt, um mich zu töten, nachdem ich die anderen beiden gefangen nahm.« Sie verzog das Gesicht. »Es hätte funktionieren können. Ich rechnete mit der Schwarzen Ajah, vielleicht auch mit einem Grauen Mann.«
»Ich schickte eine Warnung.«
»Auch der Bote wurde tot aufgefunden.« Sie musterte ihn. »Du hast heute Nacht das Richtige getan, aber ich mache mir trotzdem Sorgen.«
»Wir werden das klären«, erwiderte Gawyn. »Ich sorge für deinen Schutz, und in allem anderen gehorche ich dir. Ich verspreche es.«
Egwene zögerte, dann nickte sie. »Nun, ich muss gehen und mit dem Saal sprechen. Mittlerweile werden sie kurz davor stehen, meine Tür aufzubrechen und Antworten zu verlangen.« Er wusste, dass sie innerlich eine Grimasse zog.
»Es könnte helfen, wenn du andeutest, dass meine Rückkehr immer ein Teil des Plans gewesen ist«, sagte er.
»Das war sie«, erwiderte sie. »Auch wenn ich nicht mit dieser Verzögerung gerechnet habe.« Sie hielt inne. » Als mir klar wurde, wie Silviana meinen Wunsch, dass du zurückkehrst, ausgedrückt hat, da machte ich mir Sorgen, dass du nie wieder zurückkehrst.«
»Das wäre um ein Haar auch so passiert.«
» Was hat den Ausschlag gegeben?«
»Ich musste lernen, wie man nachgibt. Darin war ich noch nie besonders gut.«
Egwene nickte verständnisvoll. »Ich gebe den Befehl, dass man in diesem Zimmer ein Bett aufstellt. Ich hatte immer geplant, dass sich mein Behüter hier aufhält.«
Gawyn lächelte. In einem anderen Zimmer schlafen? Tief in ihrem Inneren gab es da noch immer Überreste der ehrbaren Wirtstochter. Egwene errötete, als sie seine Gedanken mitbekam.
»Warum heiraten wir nicht?«, sagte Gawyn. »Auf der Stelle, heute. Beim Licht, Egwene, du bist die Amyrlin – in Tar Valon ist dein Wort so gut wie das Gesetz. Sag die nötigen Worte, und wir sind verheiratet.«
Sie wurde blass; seltsam, dass sie diese Vorstellung aus dem Gleichgewicht bringen sollte. Gawyn verspürte ein plötzliches Unbehagen. Sie behauptete, ihn zu lieben. Wollte sie ihn nicht…
Aber nein, er konnte ihre Gefühle fühlen. Sie liebte ihn. Aber warum dann?