»Trink, mein Sohn«, sagte Perrin beruhigend. Freundlich. »Es ist gut. Wir haben dich gefunden. Du wirst wieder gesund. «
»Mir kam es vor, als hätte ich stundenlang geschrien«, sagte der Junge. »Aber ich war so schwach, und sie lagen auf mir. Wie … wie habt Ihr mich gefunden?«
»Ich habe gute Ohren«, sagte Perrin. Er nickte Galad zu, und sie hoben den Jungen gemeinsam auf. Perrin nahm die Arme, Galad die Beine. Vorsichtig trugen sie ihn über das Schlachtfeld. Der Junge murmelte weiter vor sich hin, verlor langsam das Bewusstsein.
Am Rand des Schlachtfelds Heilten Aes Sedai und Weise Frauen die Verwundeten. Bei Galads und Perrins Eintreffen eilte eine hellhaarige Weise Frau herbei, die keinen Tag älter als Galad erschien, aber mit der Autorität einer alten Matrone sprach. Während sie nach der Stirn des Jungen tastete, fing sie an sie zu schelten, weil sie ihn über das Feld geschleppt hatten.
»Gebt Ihr die Erlaubnis, Galad Damodred?«, fragte sie. »Der ist zu hinüber, als dass er für sich selbst sprechen könnte.«
Galad hatte darauf bestanden, dass jedem Kind die Entscheidung freistand, eine Heilung abzulehnen, ganz egal wie schwer seine Verletzung war. Das hatte weder Aes Sedai noch Weisen Frauen gefallen, aber Perrin hatte den Befehl wiederholt. Sie schienen auf ihn zu hören. Seltsam. Galad war nur wenigen Aes Sedai begegnet, die auf Befehle oder gar Meinungen von Männern hörten. »Ja«, sagte er. »Heilt ihn.«
Die Weise Frau wandte sich ihrer Arbeit zu. Die meisten Kinder hatten die Heilung abgelehnt, obwohl sich einige anders entschieden hatten, nachdem Galad es akzeptiert hatte. Die Atmung des Jungen stabilisierte sich, seine Wunden schlossen sich. Die Weise Frau Heilte ihn nicht vollständig – nur genug, dass er den Tag überlebte. Als sie die Augen öffnete, sah sie abgezehrt aus, sogar noch müder, als sich Galad fühlte.
Die Machtlenker hatten die ganze Nacht gekämpft und dann die Heilungen vollzogen. Galad und Perrin gingen zurück aufs Schlachtfeld. Natürlich suchten sie nicht als Einzige nach Verwundeten. Perrin selbst hätte ins Lager zurückgehen können, um sich auszuruhen. Aber das hatte er nicht.
»Ich kann Euch eine andere Möglichkeit anbieten«, sagte Perrin unterwegs. »Statt hier in Ghealdan zu bleiben, Wochen von Eurem Ziel entfernt. Ich könnte Euch heute Abend in Andor haben.«
»Meine Männer würden diesem Schnellen Reisen nicht vertrauen.«
»Sie gehen, wenn Ihr es ihnen befehlt«, sagte Perrin. »Ihr habt gesagt, Ihr wollt an der Seite der Aes Sedai kämpfen. Nun, ich sehe da keinen Unterschied zwischen beiden Dingen. Kommt mit mir.«
»Ihr würdet zulassen, dass wir uns Euch anschließen?«
Perrin nickte. »Allerdings brauche ich einen Eid von Euch.«
»Wie soll der aussehen?«
»Ich will ehrlich zu Euch sein, Galad. Ich glaube nicht, dass uns noch viel Zeit bleibt. Vielleicht nur ein paar Wochen. Nun, ich glaube, dass wir Euch brauchen werden, aber Rand wird nicht begeistert sein, unbeaufsichtigte Weißmäntel in den Schlachtreihen zu haben. Also will ich, dass Ihr mich als Euren Kommandanten akzeptiert, bis die Schlacht vorüber ist.«
Galad zögerte. Die Morgendämmerung war nun nahe; tatsächlich war sie möglicherweise schon da, verborgen hinter diesen Wolken. »Ist Euch eigentlich klar, was für einen dreisten Vorschlag Ihr da macht? Dass der Kommandierende Lordhauptmann der Kinder des Lichts den Befehlen irgendeines Mannes gehorcht, wäre schon für sich genommen erstaunlich. Aber Euch, einem Mann, den ich erst kürzlich als Mörder verurteilen ließ? Ein Mann, von dem die meisten Kinder überzeugt sind, dass er ein Schattenfreund ist?«
Perrin wandte sich ihm zu. »Ihr begleitet mich jetzt, und ich bringe Euch zur Letzten Schlacht. Wer weiß, was ohne mich geschehen wird?«
»Ihr sagtet, dass jedes Schwert gebraucht wird«, erwiderte Galad. »Ihr würdet uns zurücklassen?«
»Ja. Das werde ich, falls Ihr diesen Eid nicht leistet. Obwohl Rand möglicherweise für Euch zurückkommt. Bei mir wisst Ihr, wo Ihr dran seid. Ich werde Euch gerecht behandeln. Ich bitte Euch nur darum, dass sich Eure Männer benehmen und dann dort kämpfen, wo man ihnen sagt, wenn es so weit ist. Rand … nun, zu mir könnt Ihr Nein sagen. Bei ihm wird Euch das weitaus schwerer fallen. Und ich bezweifle, dass Euch das Ergebnis nur halb so gut gefällt, sobald Ihr am Ende Ja gesagt haben werdet.«
Galad runzelte die Stirn. »Ihr seid ein seltsam überzeugender Mann, Perrin Aybara.«
»Sind wir uns einig?« Perrin streckte die Hand aus.
Galad ergriff sie. Ihn hatte nicht die Drohung überzeugt; es war die Erinnerung an Perrins Stimme gewesen, als er den verwundeten Jerum gefunden hatte. Das Mitgefühl. Das konnte kein Schattenfreund vortäuschen.
»Ihr bekommt meinen Eid«, sagte Galad. »Euch bis zum Ende der Letzten Schlacht als meinen militärischen Kommandanten zu akzeptieren.« Plötzlich fühlte er sich schwächer als zuvor, und er atmete aus und setzte sich auf einen Stein.
»Und Ihr erhaltet meinen Eid«, erwiderte Perrin. »Ich sorge dafür, dass man sich genauso um Eure Männer kümmert wie um meine. Setzt Euch und ruht Euch einen Moment aus; ich suche die Stelle da hinten ab. Die Schwäche wird bald vorbei sein.«
»Schwäche?«
Perrin nickte. »Ich weiß, wie es ist, sich in die Bedürfnisse eines Ta’veren zu verstricken. Beim Licht, das tue ich.« Er musterte Galad. »Habt Ihr Euch je gefragt, warum wir hier gelandet sind, am selben Ort?«
»Meine Männer und ich nahmen an, das Licht hätte Euch zu uns geführt«, sagte Galad. »Damit wir Euch bestrafen konnten.«
Perrin schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht. Die Wahrheit ist, dass ich Euch anscheinend brauchte, Galad. Und darum seid Ihr hier.« Und mit diesen Worten ging er los.
Alliandre rollte den Verband sorgfältig zusammen and gab ihn dann einem wartenden Gai’schain. Seine dicken Finger waren voller Schwielen, die Kapuze seines Gewands verbarg sein Gesicht. Möglicherweise war es Niagen der Bruderlose, für den sich Lacile interessierte. Das ärgerte Faile noch immer, was Alliandre nicht verstehen konnte. Ein Aielmann passte vermutlich gut zu Lacile.
Alliandre nahm den nächsten Verband und wickelte ihn auf. Zusammen mit anderen Frauen saß sie auf einer schmalen Lichtung in der Nähe des Schlachtfelds, umgeben von ein paar erbärmlichen Zwerglorbeerbäumen. Abgesehen vom Stöhnen der Verwundeten in der Nähe war es in der kühlen Luft still.
Sie zerschnitt ein weiteres Tuch im Morgenlicht. Das war einmal ein Hemd gewesen. Jetzt war es Verbandsmaterial. Kein großer Verlust; allem Anschein nach war es kein besonders schönes Hemd gewesen.
»Die Schlacht ist vorbei?«, fragte Berelain leise. Sie und Faile arbeiteten in der Nähe, saßen einander gegenüber auf Hockern, während sie Stoff entzweischnitten.
»Ja, so sieht es zumindest aus«, erwiderte Faile.
Beide verstummten. Alliandre runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Irgendetwas ging zwischen den beiden vor. Warum taten sie plötzlich so, als wären sie die besten Freundinnen? Damit schienen sie viele der Männer im Lager zu täuschen, aber die Art und Weise, wie sich ihre Lippen spannten, wenn sie sich ansahen, verriet Alliandre die Wahrheit. Es war weniger ausgeprägt, seit Faile Berelain das Leben gerettet hatte, aber es hatte sich nicht völlig in Luft aufgelöst.
»Ihr hattet recht mit ihm«, sagte Berelain.
»Ihr klingt überrascht.«
»Ich irre mich nicht oft, wenn es um Männer geht.«
»Mein Gemahl ist nicht wie andere Männer. Es…« Faile unterbrach sich. Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie zu Alliandre herüber.
Verdammte Asche, dachte Alliandre. Sie saß zu weit weg, weswegen sie angestrengt lauschte. Das war verdächtig.
Die beiden verstummten wieder, und Alliandre hob die Hand, als wollte sie ihre Nägel mustern. Ja, dachte sie. Ignoriert mich. Ich bin ja bloß eine Frau, die mit allem schrecklich überfordert ist und sich anstrengen muss, um mitzuhalten. Natürlich waren Faile und Berelain nicht dieser Ansicht, genauso wenig wie die Männer von den Zwei Flüssen je an Perrins Untreue geglaubt hatten. Hätte man sich zu ihnen gesetzt und sie danach gefragt, sie dazu gebracht, ernsthaft darüber nachzudenken, wären sie zu dem Schluss gekommen, dass etwas anderes passiert sein musste.