Er stand auf und wollte gehen.
»Tallanvor«, sagte sie. Es war fast ein Flüstern. »Du hast mich nie gefragt, weißt du. Ob ich dich nehmen würde.«
»Ich kann dich nicht in diese Lage bringen. Es wäre nicht richtig, dich zu etwas zu zwingen, von dem wir beide wissen, dass du es tun müsstest, jetzt, da deine Identität bekannt wurde.«
»Und was muss ich tun?«
»Mich abweisen«, fauchte er und wurde offensichtlich wütend. »Zum Wohle Andors.«
»Muss ich das?«, fragte sie. »Ich sage mir das immer wieder, Tallanvor, aber ich grüble immer noch darüber nach.«
»Was nutze ich dir denn? Du brauchst zumindest eine Ehe, die Elayne hilft, die Loyalität einer der Fraktionen zu sichern, die du vor den Kopf gestoßen hast.«
»Also muss ich mich in eine Ehe ohne Liebe fügen«, sagte sie. »Schon wieder. Wie oft muss ich denn mein Herz für Andor opfern?«
»Ich schätze, so oft es nötig ist.« Er klang so verbittert, ballte die Fäuste. War nicht auf sie wütend, sondern auf die Situation. Er war immer ein so leidenschaftlicher Mann gewesen.
Sie zögerte, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Nicht noch einmal. Tallanvor, wirf einen Blick auf den Himmel über uns. Du hast die Dinge gesehen, die auf der Welt wandeln, hast die Flüche des Dunklen Königs erlebt, die uns trafen. Das ist nicht die richtige Zeit, um keine Hoffnung zu haben. Keine Liebe.«
» Und was ist mit der Pflicht?«
»Die Pflicht kann sich verdammt noch mal hinten anstellen. Sie hat genug von mir bekommen. Jeder hat genug von mir bekommen, Tallanvor. Jeder außer dem Mann, den ich will.« Sie trat über sein Schwert, das noch immer in den Kletten lag, dann konnte sie sich nicht länger beherrschen. Einen Augenblick später küsste sie ihn.
»Also gut, ihr beiden«, sagte eine strenge Stimme hinter ihnen. »Wir gehen auf der Stelle zu Lord Aybara.«
Morgase löste sich von Tallanvor. Es war Lini.
»Was?« Morgase versuchte ihre Fassung zurückzugewinnen.
»Du heiratest«, verkündete Lini. »Und wenn ich dich an den Ohren hinschleifen muss.«
»Ich treffe meine eigenen Entscheidungen«, sagte Morgase. »Perrin wollte mich …«
»Ich bin nicht er«, sagte Lini. »Das erledigen wir besser, bevor wir zu Elayne zurückkehren. Sobald du in Caemlyn bist, gibt es nur Komplikationen.« Sie schaute zu Gill hinüber, der endlich die Kiste verstaut hatte. »Und Ihr! Ladet das Gepäck meiner Lady aus.«
»Aber Lini«, protestierte Morgase, »wir reisen nach Caemlyn.«
»Morgen ist früh genug, Kind. Heute feierst du.« Sie musterte die beiden. »Und bis das mit der Hochzeit erledigt ist, halte ich es nicht für sicher, euch beide allein zu lassen.«
Morgase errötete. »Lini«, zischte sie. »Ich bin keine achtzehn mehr!«
»Nein, mit achtzehn warst du anständig verheiratet. Muss ich dich an den Ohren packen?« »Ich…«
»Wir kommen, Lini«, sagte Tallanvor. Morgase starrte ihn finster an. Er runzelte die Stirn. »Was?« »Du hast nicht gefragt.«
Er lächelte, dann nahm er sie in die Arme. »Morgase Trakand, wollt Ihr meine Frau werden?«
»Ja«, erwiderte sie. »Und jetzt lass uns Perrin finden.«
Perrin zog an dem Eichenast. Er brach ab, und pulveriger Holzstaub flog durch die Luft. Als er den Ast in die Höhe hielt, rieselte Sägemehl aus dem Ende zu Boden.
»Das geschah vergangene Nacht, mein Lord«, sagte Kevlyn Torr. »Die ganze Baumgruppe hier, abgestorben und vertrocknet in einer Nacht. Fast hundert Bäume, schätze ich.«
Perrin ließ den Ast fallen und klopfte sich die Hände ab. »Das ist auch nicht schlimmer als das, was wir zuvor gesehen haben.«
»Aber…«
»Macht euch keine Sorgen«, sagte Perrin. »Schickt ein paar Männer, die aus diesen Bäumen Feuerholz machen sollen; sieht aus, als würde es wirklich gut brennen.«
Kevlyn nickte und eilte los. Andere Waldläufer untersuchten die Bäume und sahen verstört aus. Eiche, Esche und Ulmen, die über Nacht starben, waren schon schlimm genug.
Aber zu sterben und dann zu vertrocknen, als wären sie schon seit Jahren tot? Das konnte einen schon durcheinanderbringen. Am besten nahm man das einfach gleichmütig hin, damit die Männer keine Angst bekamen.
Perrin ging zum Lager zurück. In der Ferne klirrten die Ambosse. Sie hatten Rohstoffe aufgekauft, jedes Stück Eisen und Stahl, das in Weißbrücke zu bekommen war. Die Bewohner hatten alles nur zu gern gegen Lebensmittel eingetauscht, und Perrin hatte fünf Schmieden, die nötigen Männer, um sie aufzubauen, und Hämmer, Werkzeuge und Kohle bekommen.
Möglicherweise hatte er gerade jemanden in der Stadt vor dem Verhungern gerettet. Zumindest für eine Weile.
Die Schmiede arbeiteten. Hoffentlich verlangte er Neald und den anderen nicht zu viel ab. Mit der Macht erzeugte Waffen würden seinen Leuten einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Neald hatte nicht genau sagen können, was er eigentlich bei der Herstellung von Mah’alleinir getan hatte, aber das hatte Perrin nicht weiter überrascht. Diese Nacht war einzigartig gewesen. Er legte die Hand auf die Waffe, fühlte die sanfte Wärme, die davon ausging, und dachte an Springer.
Aber jetzt hatte Neald herausbekommen, wie man Schwerter machen konnte, die nie stumpf wurden oder zerbrachen. Je länger er übte, umso schärfere Schneiden produzierte er. Die Aiel hatten bereits angefangen, diese Schneiden für ihre Speere zu verlangen, und Perrin hatte Neald angewiesen, sie zuerst zu bedienen. Das war das Mindeste, was er ihnen schuldete.
Auf dem Reisegelände am Rand des großen Lagers, das zusehends befestigte Züge annahm, stand Grady neben Annoura und Masuri. Sie hatten sich zu einem Zirkel verbunden und hielten ein Tor geöffnet. Das war die letzte Gruppe Zivilisten, die ihn verlassen wollten; die Gruppe reiste nach Caemlyn. Er hatte ihnen einen Boten für Elayne mitgegeben. Er musste sich bald mit ihr treffen, er war sich nicht sicher, ob er sich Sorgen machen musste oder nicht. Die Zeit würde es erweisen.
Andere kamen durch das Tor zurück und brachten ein paar Karren mit Lebensmitteln, die sie in Caemlyn gekauft hatten, wo es noch immer Vorräte gab. Schließlich erblickte er Faile, die ihn im Lager suchte. Er hob die Hand und winkte sie zu sich.
»Alles in Ordnung mit Bavin?«, fragte er. Sie war im Zelt des Quartiermeisters gewesen.
»Alles in Ordnung.«
Perrin rieb sich das Kinn. »Ich wollte dir das schon früher sagen – ich glaube nicht, dass er besonders ehrlich ist.«
»Ich behalte ihn im Auge«, erwiderte sie und roch amüsiert.
»Berelain verbringt immer mehr Zeit mit den Weißmänteln. Anscheinend will sie etwas von Damodred. Mich lässt sie jetzt in Ruhe.«
»Tatsächlich?«
»Ja. Und sie hat diese Proklamation veröffentlicht, in der sie die Gerüchte über sie und mich verurteilt. Beim Licht, die Leute scheinen sie wohl zu glauben. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass sie es als ein Zeichen der Verzweiflung betrachten!«
Faile roch zufrieden.
Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich weiß nicht, was du gemacht hast, aber danke.«
»Kennst du den Unterschied zwischen einem Falken und einem Habicht?«
»Hauptsächlich ist es die Größe. Und die Flügelform. Der Falke sieht eher wie ein Pfeil aus.«
»Der Falke kann besser fliegen«, sagte Faile. »Er tötet mit dem Schnabel, und er kann sehr schnell fliegen. Der Habicht ist langsamer und stärker; er zeichnet sich dadurch aus, dass er am Boden laufende Beute schlägt. Er tötet gern mit den Klauen und greift von oben an.«
»Ja, schon«, sagte Perrin. »Aber heißt das nicht, dass, wenn sie beide einen Hasen in der Tiefe sehen, der Habicht ihn eher fängt?«
»Genau das bedeutet es.« Sie lächelte. »Der Habicht ist besser bei der Hasenjagd. Aber siehst du, der Falke ist besser darin, den Habicht zu jagen. Hast du Elayne einen Boten geschickt?«