Выбрать главу

»Ich kann das noch nicht fühlen, Euer Majestät. Nicht bevor sie stärker sind.« Sie begann mit der üblichen täglichen Routine. Sie hörte Elaynes Herzschlag ab, dann lauschte sie nach dem des Kindes. Melfane wollte noch immer nicht glauben, dass es Zwillinge waren. Danach untersuchte und tastete sie Elayne ab und führte sämtliche Untersuchungen ihrer geheimnisvollen Liste ärgerlicher und peinlicher Dinge durch, die man mit einer Frau machen konnte.

Schließlich stemmte sie die Hände in die Hüften und musterte Elayne, die ihr Nachthemd schloss. »Ich glaube, Ihr habt Euch in letzter Zeit zu sehr verausgabt. Ich will, dass Ihr Euch auf jeden Fall genug ausruht. Die Kusine meiner Tochter Tess hat vor nicht einmal zwei Jahren ein Kind zur Welt gebracht, das bei der Geburt kaum atmen konnte. Dank dem Licht hat das Kind überlebt, aber sie musste ja bis zum Tag der Geburt bis spät in die Nacht auf dem Feld arbeiten und nicht vernünftig essen. Stellt Euch das nur vor! Achtet auf Euch, meine Königin. Eure Kinder werden es Euch danken.«

Elayne nickte und entspannte sich. »Wartet!«, sagte sie dann und richtete sich wieder auf. »Kinder?«

»Ja«, erwiderte Melfane und ging zur Tür. »In Eurem Schoß gibt es zwei Herzschläge, so wie ich zwei Arme habe. Ich kann nicht verstehen, woher Ihr das wusstet.«

»Ihr habt die Herzschläge gehört!«, rief Elayne aufgeregt.

»Ja, sie sind da, so sicher wie die Sonne.« Melfane schüttelte den Kopf und ging, schickte Naris und Sephanie herein, damit sie sie ankleiden und ihr Haar machen konnten.

Elayne ließ alles in einem Zustand des Staunens über sich ergehen. Melfane glaubte ihr! Sie konnte nicht aufhören zu lächeln.

Eine Stunde später machte sie es sich in ihrem kleinen Wohnzimmer gemütlich, in dem alle Fenster weit geöffnet waren, um das Sonnenlicht hereinzulassen, und trank warme Ziegenmilch. Meister Norry trat auf seinen langen dürren Beinen ein; hinter seinen Ohren standen Haarbüschel ab, sein Gesicht war lang und spitz wie immer, unter dem Arm klemmte die Ledermappe. Begleitet wurde er von Dyelin, die normalerweise nicht zu den Morgenkonferenzen erschien. Elayne sah die Frau stirnrunzelnd an.

»Ich habe die Informationen, um die Ihr gebeten habt, Elayne«, sagte Dyelin und schenkte sich eine Tasse des morgendlichen Tees ein. Heute war es Wolkenbeere. »Wie ich höre, hat Melfane Herzschläge gehört?«

»Das hat sie in der Tat.«

»Meinen Glückwunsch, Euer Majestät«, sagte Meister Norry. Er schlug seine Mappe auf und fing an, auf dem hohen schmalen Tisch neben ihrem Stuhl Papiere zu arrangieren. In Elaynes Gegenwart setzte er sich nur selten. Dyelin wählte einen der anderen bequemen Stühle neben dem Kamin.

Um welche Informationen hatte sie denn noch einmal gebeten? Elayne konnte sich nicht mehr erinnern. Die Frage beschäftigte sie die ganze Zeit, während Norry seinen täglichen Bericht über die verschiedenen in der Nähe befindlichen Heere vortrug. Es gab eine Liste mit Streitigkeiten zwischen Söldnergruppen.

Außerdem sprach er von Problemen der Lebensmittelversorgung. Obwohl die Kusinen Wegetore in Rands Länder im Süden erschufen, damit man Vorräte herbeischaffte – und trotz der unerwarteten Vorräte, die man in der Stadt entdeckt hatte -, wurden in Caemlyn die Lebensmittel knapp.

»Und was unsere, äh, Gäste angeht«, sagte Norry. »Boten haben die erwarteten Antworten gebracht.«

Keines der drei Häuser, deren Adlige in Gefangenschaft saßen, konnte sich das Lösegeld leisten. Einst hatten die Güter von Arawn, Sarand und Marne zu den größten und produktivsten in ganz Andor gehört – und jetzt waren sie bettelarm, ihre Geldtruhen leer und ihre Felder verdorrt. Und Elayne hatte zwei von ihnen ihrer Führung beraubt. Beim Licht, was für ein Schlamassel!

Norry fuhr fort. Sie hatte einen Brief von Talmanes bekommen, der sich einverstanden erklärte, mehrere Kompanien der Bande der Roten Hand nach Cairhien zu verlegen. Also befahl sie Norry, ihm einen Erlass mit ihrem Siegel zu schicken, der die Soldaten autorisierte, bei der »Wiederherstellung der Ordnung« zu helfen. Das war natürlich völliger Unsinn. Es musste keine Ordnung wiederhergestellt werden. Aber wollte sich Elayne jemals um den Sonnenthron bemühen, musste sie langsam ein paar Schritte in diese Richtung unternehmen.

»Darüber wollte ich sprechen, Elayne«, sagte Dyelin, als Norry seine Papiere zusammensuchte und jedes Blatt mit ausgesuchter Sorgfalt an Ort und Stelle legte. Das Licht stehe ihnen bei, sollte auch nur eine dieser kostbaren Seiten einen Riss oder gar einen Fleck davontragen.

»Die Situation in Cairhien ist… kompliziert«, sagte Dyelin.

»Wann ist sie das nicht?«, fragte Elayne seufzend. »Ihr habt Informationen über das derzeitige politische Klima dort?«

»Es ist ein Durcheinander«, sagte Dyelin schlicht. »Wir müssen uns darüber unterhalten, wie Ihr zwei Nationen führen wollt und Euch doch nur in einer aufhaltet.«

»Wir haben Wegetore«, erwiderte Elayne.

»Das stimmt. Aber Ihr müsst eine Möglichkeit finden, Euch den Sonnenthron zu nehmen, ohne es aussehen zu lassen, als würde Andor Cairhien unterdrücken. Der dortige Adel würde Euch möglicherweise als seine Königin akzeptieren, aber nur, wenn sie sich den Andoranern gleichwertig fühlen. Ansonsten werden die Intrigen in dem Augenblick, in dem Ihr Euch umdreht, wie Hefe in warmem Wasser aufquellen.«

»Sie werden den Andoranern gleichgestellt sein.«

» Das werden sie nicht so sehen, wenn Ihr dort mit Euren Heeren einmarschiert«, meinte Dyelin. »Die Cairhiener sind ein stolzes Volk. Wenn sie den Eindruck haben, von Andors Krone erobert worden zu sein …«

»Sie leben alle unter Rands Macht.«

»Bei allem nötigen Respekt, Elayne. Er ist der Wiedergeborene Drache. Ihr nicht.«

Elayne runzelte die Stirn, aber da konnte sie kaum widersprechen.

Meister Norry räusperte sich. »Euer Majestät, Lady Dyelins Rat basiert nicht allein auf müßigen Spekulationen. Ich, äh, habe Dinge gehört. Da ich ja Euer Interesse an Cairhien kenne …«

Er wurde besser darin, Informationen zu sammeln. Sie würde ihn noch zu einem richtigen Spionmeister machen!

»Euer Majestät«, fuhr Norry mit gesenkter Stimme fort, »es kursieren Gerüchte, nach denen Ihr bald kommen wollt, um den Sonnenthron an Euch zu reißen. Man spricht bereits von einer Rebellion gegen Euch. Ich bin sicher, das sind bloß müßige Spekulationen, aber …«

»Die Cairhiener könnten Rand al’Thor als Kaiser betrachten«, sagte Dyelin. »Nicht als fremden König. Das ist etwas ganz anderes.«

»Nun, wir brauchen keine Heere auszusenden, um den Sonnenthron zu übernehmen«, sagte Elayne nachdenklich.

»Ich… bin mir da nicht so sicher, Euer Majestät«, sagte Norry. » Die Gerüchte sind ziemlich hartnäckig. Anscheinend haben gewisse Elemente sofort nach der Ankündigung des Lord Drachen, dass der Thron Euch übergeben werden soll, mit sehr subtilen Bemühungen angefangen, um zu verhindern, dass das jemals geschieht. Aufgrund dieser Gerüchte sorgen sich viele Leute, dass Ihr dem cairhienischen Adel seine Titel aberkennt und an Andoraner weiterreicht. Andere behaupten, dass Ihr jeden Cairhiener zu einem Bürger zweiter Klasse zurückstufen werdet.«

»Unsinn«, sagte Elayne. »Das ist doch völlig idiotisch!«

»Offensichtlich.« Norry nickte. »Aber es gibt viele Gerüchte. Sie neigen dazu, wie Schlingpflanzen zu wuchern. Diese Ansicht ist weit verbreitet.«

Elayne knirschte mit den Zähnen. Die Welt verwandelte sich schnell in einen Ort für jene mit starken Bündnissen, geknüpft mit Banden aus Blut und Papier. Sie hatte eine bessere Chance als jede andere Königin seit Generationen, Cairhien und Andor zu vereinen. »Wissen wir, wer diese Gerüchte in Umlauf gebracht hat?«