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»Das ist sehr schwierig genau festzustellen, meine Lady«, sagte Norry.

»Wer hat den größten Nutzen?«, wollte Elayne wissen. »Dort sollten wir zuerst nach der Quelle suchen.« Norry sah Dyelin an.

»Alle möglichen Leute könnten daraus Nutzen ziehen«, sagte Dyelin und rührte ihren Tee um. »Ich würde sagen, dass diejenigen am meisten profitieren, die die größten Aussichten auf den Thron haben.«

»Die, die sich Rand widersetzt haben«, mutmaßte Elayne.

»Vielleicht.« Dyelin zuckte mit den Schultern. »Vielleicht auch nicht. Der Drache hat den stärksten rebellischen Elementen große Aufmerksamkeit geschenkt, und viele von ihnen wurden entweder gebrochen oder bekehrt. Also sollten wir vermutlich seine Verbündeten in Betracht ziehen, denen er am meisten vertraut oder die ihm von ganzem Herzen die Treue schworen. Schließlich reden wir hier von Cairhien.«

Daes Dae’mar. Ja, es war gut vorstellbar, dass Rands Verbündete gegen ihre Thronbesteigung waren. Sollte sich Elayne als unfähig erweisen, dann würden die, die Rand bevorzugt hatte, auch für den Thron bevorzugt werden. Allerdings würden dieselben Leute ihre Chancen unterminiert haben, weil sie ihre Treue für einen ausländischen Anführer bekundet hatten.

»Man sollte annehmen«, sagte Elayne nachdenklich, »dass die im Mittelfeld die besten Aussichten auf den Thron haben. Jeder, der sich nicht gegen Rand stellte und so seinen Zorn auf sich zog. Aber auch jemand, der ihn nicht zu übertrieben unterstützt hat – jemand, den man als Patrioten betrachten kann und der zögernd vortritt und die Macht ergreift, nachdem ich gescheitert bin.« Sie musterte die beiden. »Besorgt mir die Namen von allen, die in letzter Zeit beträchtlich an Einfluss gewonnen haben, ein Adliger oder eine Frau, die diese Kriterien erfüllen.«

Dyelin und Meister Norry nickten. Irgendwann würde sie vermutlich ein stärkeres Netzwerk aus Augen-und-Ohren erschaffen müssen, da keiner der beiden übermäßig dazu geeignet war, sie zu leiten. Norry war zu durchschaubar, und er hatte bereits genug zu tun mit seinen anderen Pflichten. Dyelin war … nun. Elayne war sich nicht sicher, was genau Dyelin war.

Sie stand tief in Dyelins Schuld, die sich anscheinend zur Aufgabe gemacht hatte, für sie eine Ersatzmutter zu sein. Eine Stimme der Erfahrung und Weisheit. Aber irgendwann würde sie ein paar Schritte zurücktreten müssen. Keiner von ihnen konnte es sich leisten, den Eindruck zu unterstützen, dass Dyelin die wahre Macht hinter dem Thron darstellte.

Aber beim Licht! Was hätte sie nur ohne diese Frau gemacht? Elayne musste sich gegen die plötzliche Gefühlsaufwallung stählen. Blut und verdammte Asche, wann würde sie endlich diese verdammten Gemütsschwankungen los sein? Eine Königin konnte es sich nicht erlauben, dass man sie bei jeder lächerlichen Gelegenheit weinen sah!

Elayne tupfte sich die Augen ab. Klugerweise enthielt sich Dyelin jeden Kommentars.

»Das wird das Beste sein«, sagte Elayne fest, um die Aufmerksamkeit von ihren verräterischen Augen abzulenken. »Ich mache mir noch immer Sorgen wegen der Invasion.«

Dazu sagte Dyelin nichts. Sie glaubte nicht, dass Chesmal von einer bestimmten Invasion Andors gesprochen hatte; ihrer Meinung nach hatte die Schwarze Schwester die Trolloc-Invasion der Grenzlande gemeint. Birgitte nahm das viel ernster und verstärkte die Truppen an den Grenzen. Trotzdem hätte Elayne wirklich gern die Kontrolle über Cairhien gehabt; falls Trollocs gegen Andor marschierten, würde ihr Schwesterreich möglicherweise einer der Aufmarschwege sein.

Aber bevor die Unterhaltung weitergehen konnte, öffnete sich die Tür zum Korridor, und Elayne wäre alarmiert zusammengezuckt, hätte sie nicht gefühlt, dass es sich um Birgitte handelte. Die Behüterin klopfte nie an. Sie trug ein Schwert, das sie nur zögernd angelegt hatte, und ihre kniehohen schwarzen Stiefel. Seltsamerweise folgten ihr zwei in Umhänge gehüllte Gestalten, deren Gesichter im Schatten der Kapuzen lagen. Norry trat zurück und legte irritiert die Hand an die Brust, weil das so ungewöhnlich war. Jeder wusste, dass Elayne im kleinen Wohnzimmer nicht gern Besucher empfing. Falls Birgitte Leute herbrachte … »Mat?«, riet Elayne.

»Wohl kaum«, sagte eine vertraute, klare und feste Stimme. Die größere der Gestalten schlug die Kapuze zurück und enthüllte ein perfektes männlich-schönes Gesicht. Er hatte ein kantiges Kinn und eindringliche Augen, an die sich Elayne gut aus ihrer Kindheit erinnerte – vor allem, wenn er sie bei irgendeinem Streich erwischt hatte.

»Galad«, sagte Elayne und war überrascht über die Wärme, die sie für ihren Halbbruder empfand. Sie stand auf und streckte ihm die Hände entgegen. Den größten Teil ihrer Kindheit hatte sie damit verbracht, aus irgendeinem Grund auf ihn böse zu sein, aber es war gut, ihn am Leben und gesund zu sehen. »Wo warst du?«

»Ich habe nach der Wahrheit gesucht«, sagte Galad und verbeugte sich elegant, aber er trat nicht auf sie zu, um ihre Hände zu ergreifen. Er richtete sich wieder auf und schaute zur Seite. »Ich fand etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe. Wappne dich, Schwester.«

Elayne runzelte die Stirn, als die zweite kleinere Gestalt ihre Kapuze zurückschlug. Es war ihre Mutter.

Elayne keuchte auf. Sie war es! Dieses Gesicht, die blonden Haare. Diese Augen, die Elayne als Kind so oft gemustert und eingeschätzt und beurteilt hatten – nicht nur wie eine Mutter, die ihre Tochter einschätzte, sondern wie eine Königin, die ihre Nachfolgerin begutachtete. Elayne fühlte, wie ihr Herz heftig pochte. Ihre Mutter. Ihre Mutter lebte.

Morgase lebte. Die Königin lebte noch.

Morgase erwiderte Elaynes Blick, dann schaute sie seltsamerweise zu Boden. »Euer Majestät«, sagte sie und machte einen Knicks, verharrte an der Tür.

Elayne kontrollierte ihre Gedanken, kontrollierte ihre Panik. Sie war die Königin, oder sie wäre die Königin gewesen, oder … Beim Licht! Sie hatte sich den Thron genommen, und sie war immerhin die Tochter-Erbin. Und jetzt kam ihre eigene Mutter von den verdammten Toten zurück?

»Bitte, setz dich doch«, hörte sich Elayne sagen und gestikulierte auf den Stuhl neben Dyelin. Es tat ihr gut zu sehen, dass Dyelin mit dem Schock kein bisschen besser klarkam als sie selbst. Sie setzte sich mit hervorquellenden Augen und hielt ihre Teetasse so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

»Danke, Euer Majestät«, sagte Morgase und setzte sich in Bewegung. Galad schloss sich ihr an und legte Elayne tröstend die Hand auf die Schulter. Dann holte er sich einen Stuhl von der anderen Zimmerseite.

Morgases Tonfall war reservierter, als Elayne in Erinnerung hatte. Und warum sprach sie sie immer noch mit ihrem Titel an? Die Königin war im Geheimen gekommen, mit hochgeschlagener Kapuze. Elayne betrachtete ihre Mutter und setzte im Kopf die Stücke zusammen, während sie sich wieder setzte. »Du hast auf den Thron verzichtet, richtig?«

Morgase nickte würdevoll.

»Oh, dem Licht sei Dank!« Dyelin stieß einen lauten Seufzer aus, die Hand auf die Brust gelegt. »Versteht das bitte nicht falsch, Morgase. Aber einen Augenblick lang hatte ich diese Vision von einem Krieg zwischen Trakand und Trakand!«

»Dazu wäre es nicht gekommen«, sagte Elayne beinahe gleichzeitig zusammen mit ihrer Mutter, die etwas Ähnliches sagte. Ihre Blicke trafen sich, und Elayne gestattete sich ein Lächeln. »Wir hätten eine vernünftige … Einigung gefunden. Das ist in Ordnung so, obwohl ich wirklich gern wissen möchte, was passiert ist.«

»Die Kinder des Lichts hielten mich gefangen, Elayne«, sagte Morgase. »Der alte Pedron Niall war größtenteils ein Ehrenmann, was man von seinem Nachfolger nicht behaupten kann. Ich wollte mich nicht gegen Andor benutzen lassen.«

»Verfluchte Weißmäntel«, murmelte Elayne. Beim Licht, hatte in diesem Brief also tatsächlich die Wahrheit gestanden, als sie behaupteten, Morgase in ihrer Gewalt zu haben?