Galad sah sie stirnrunzelnd an. Er stellte den Stuhl ab, den er sich geholt hatte, dann öffnete er den Umhang und enthüllte die strahlend weiße Uniform mit der Sonne auf der Brust darunter.
»Ach ja, richtig«, sagte Elayne verlegen. »Das hatte ich beinahe vergessen. Absichtlich.«
»Die Kinder hatten Antworten, Elayne«, sagte er und setzte sich. Beim Licht, er konnte einen wirklich aufbringen. Es tat gut, ihn zu sehen, aber er konnte einen aufbringen!
»Ich will nicht darüber sprechen«, erwiderte Elayne. »Wie viele Weißmäntel hast du mitgebracht?«
»Die ganze Streitmacht der Kinder hat mich nach Andor begleitet«, sagte Galad. »Ich bin der Kommandierende Lordhauptmann.«
Elayne blinzelte, dann sah sie Morgase an. Ihre Mutter nickte. »Nun«, sagte Elayne, »wie ich sehe, haben wir uns viel zu erzählen.«
Galad verstand das als Bitte – er konnte sehr direkt sein – und fing an zu erklären, wie er an diese Stellung gekommen war. Dabei ging er ziemlich in die Einzelheiten, und gelegentlich warf Elayne ihrer Mutter einen Blick zu. Morgases Miene war unleserlich.
Sobald Galad zum Ende gekommen war, erkundigte er sich nach dem Thronfolgekrieg. Eine Unterhaltung mit ihm war oft so: ein eher formeller als vertraulicher Austausch. Einst hatte das Elayne wahnsinnig gemacht, aber dieses Mal musste sie wider besseres Wissen zugeben, dass sie ihn tatsächlich vermisst hatte. Also hörte sie freundlich zu.
Schließlich endete ihr Gespräch. Sie würde noch mehr von ihm erfahren müssen, aber im Augenblick konnte sie es kaum erwarten, allein mit ihrer Mutter zu sprechen. »Galad«, sagte sie, »ich würde mich doch gern länger unterhalten. Wie wäre es mit einem frühen Abendessen heute? Bis dahin könntest du dich in deinen alten Gemächern erfrischen.«
Er nickte und stand auf. »Das wäre gut.«
»Dyelin, Meister Norry«, sagte Elayne. »Das Überleben meiner Mutter wirft einige… delikate Staatsprobleme auf. Wir müssen ihre Abtretungserklärung offiziell verkünden, und das schnell. Meister Norry, ich überlasse Euch die formellen Dokumente. Dyelin, bitte informiert meine engsten Verbündeten über diese Neuigkeit, damit sie nicht überrascht werden.«
Dyelin nickte. Sie warf Morgase einen Blick zu – Dyelin gehörte nicht zu denjenigen, die die ehemalige Königin während Rahvins Einfluss öffentlich gedemütigt hatte, aber sie kannte zweifellos alle Geschichten. Dann zog sich Dyelin zusammen mit Galad und Meister Norry zurück. Morgase warf Birgitte einen Blick zu, sobald sich die Tür hinter ihnen schloss; die Behüterin war als Einzige geblieben.
»Ich vertraue ihr wie einer Schwester, Mutter«, verkündete Elayne. »Manchmal eine unerträgliche ältere Schwester, trotzdem eine echte Schwester.«
Morgase lächelte, dann stand sie auf, ergriff Elayne bei den Händen und zog sie in eine Umarmung. »Ach, meine Tochter«, sagte sie mit Tränen in den Augen. »Sieh doch nur, was du alles erreicht hast! Die rechtmäßige Königin!«
»Du hast mich gut unterrichtet, Mutter«, erwiderte Elayne. Sie löste sich von ihr. » Und du bist Großmutter! Oder wirst es zumindest bald sein!«
Morgase runzelte die Stirn und schaute auf ihren Bauch. »Ja, das habe ich mir schon gedacht, so wie du aussiehst. Wer…?«
»Rand«, sagte Elayne errötend, »obwohl das nicht allgemein bekannt ist, und es wäre mir lieber, es bliebe auch so.«
»Rand al’Thor …« Morgases Stimmung verfinsterte sich. »Dieser…«
»Mutter«, unterbrach sie Elayne und ergriff ihre Hand. »Er ist ein guter Mann, und ich liebe ihn. Was auch immer du gehört hast, sind Übertreibungen oder böse Gerüchte.«
»Aber er … Elayne, ein Mann, der die Macht lenken kann, der Wiedergeborene Drache!«
»Und trotzdem ein Mann«, sagte Elayne und fühlte das Bündel seiner Gefühle im Hinterkopf. Es war so warm. »Ein einfacher Mann, obwohl man so viel von ihm verlangt.«
Morgases Lippen wurden zu einem dünnen Strich. »Ich werde mein Urteil zurückstellen. Obwohl ich im Grunde noch immer der Ansicht bin, dass ich diesen Jungen in dem Augenblick, in dem wir ihn auf dem Palastgelände ertappten, in den Kerker hätte werfen sollen. Mir hat schon damals nicht gefallen, wie er dich ansah.«
Elayne lächelte, dann deutete sie wieder auf die Stühle. Morgase setzte sich, und dieses Mal nahm Elayne den Stuhl neben ihr und ließ die Hände ihrer Mutter nicht los. Sie spürte Birgittes Belustigung, die mit dem Rücken an der gegenüberliegenden Wand lehnte, das eine Knie gebeugt, sodass ihre Stiefelsohle auf der Holzvertäfelung auflag.
» Was?«, fragte Elayne.
»Nichts«, erwiderte Birgitte. »Es ist gut zu sehen, dass ihr euch wie Mutter und Tochter benehmt oder zumindest wie zwei Frauen, statt euch wie zwei Pfosten anzustarren.«
»Elayne ist die Königin«, sagte Morgase steif. »Ihr Leben gehört ihrem Volk, und meine Ankunft drohte ihre Thronfolge in Gefahr zu bringen.«
»Sie könnte immer noch für Unruhe sorgen, Mutter«, sagte Elayne. »Dein Kommen könnte alte Wunden öffnen.«
»Ich werde mich entschuldigen müssen. Vielleicht Entschädigungen anbieten.« Morgase zögerte. »Eigentlich hatte ich fortbleiben wollen, Tochter. Es wäre besser gewesen, wenn die, die mich noch immer hassen, mich weiterhin für tot halten. Aber …«
»Nein«, sagte Elayne schnell und drückte ihre Hände. »So ist es besser. Wir müssen die Sache einfach nur geschickt und vorsichtig angehen.«
Morgase lächelte. »Du machst mich stolz. Du wirst eine wunderbare Königin sein.«
Elayne musste sich zwingen, mit dem Strahlen aufzuhören. Ihre Mutter war nie besonders freigebig mit Komplimenten gewesen.
»Aber bevor wir weitersprechen, verrate mir eins«, sagte Morgase etwas zögerlich. »Ich habe Berichte gehört, nach denen Gaebril…«
»Er war Rahvin.« Elayne nickte. »Es stimmt, Mutter.«
»Ich hasse ihn für das, was er tat. Ich kann ihn noch immer sehen, wie er mich benutzte und die Loyalität und die Herzen meiner engsten Freunde verdarb. Und doch gibt es einen irrationalen Teil von mir, der sich nach ihm sehnt.«
»Er hat dich mit einem Zwang belegt«, sagte Elayne leise. »Es gibt keine andere Erklärung. Wir werden sehen müssen, ob das jemand aus der Weißen Burg Heilen kann.«
Morgase schüttelte den Kopf. »Was auch immer es war, es ist mittlerweile nur noch schwach. Ich habe einen anderen gefunden, dem ich meine Zuneigung geben kann.«
Elayne runzelte die Stirn.
»Das erkläre ich ein anderes Mal«, sagte Morgase. »Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es schon verstehe. Zuerst müssen wir entscheiden, was wir wegen meiner Rückkehr machen. «
»Das ist einfach«, sagte Elayne. »Wir feiern!« »Ja, aber…«
»Kein Aber, Mutter. Du bist zu uns zurückgekehrt! Die Stadt, die ganze Nation wird feiern.« Elayne zögerte. »Und danach finden wir ein wichtiges Amt für dich.«
»Etwas, das mich aus der Hauptstadt fortschafft, damit ich keine unglücklichen Schatten werfe.«
»Aber eine Pflicht, die wichtig ist, damit nicht der Eindruck entsteht, dass man dir das Gnadenbrot gewährt.« Elayne verzog das Gesicht. »Vielleicht können wir dir ja den Befehl über das westliche Viertel des Reiches geben. Die Berichte von dort gefallen mir gar nicht.«
»Die Zwei Flüsse?«, fragte Morgase. »Und Lord Perrin Aybara?«
Elayne nickte.
»Ein interessanter Mann, dieser Perrin«, sagte Morgase nachdenklich. »Ja, vielleicht könnte ich dort von Nutzen sein. Wir haben bereits so etwas wie eine Übereinkunft.«
Elayne sah sie fragend an.
»Er hat für meine sichere Rückkehr zu dir gesorgt«, sagte Morgase. »Er ist ein ehrlicher Mann – und ein ehrenhafter. Aber trotz seiner guten Absichten auch ein Rebell. Du wirst es nicht einfach haben, solltest du mit ihm in Streit geraten.«
»Das möchte ich auch lieber vermeiden«, sagte Elayne. Die für sie einfachste Lösung wäre es gewesen, ihn zu ergreifen und hinzurichten. Aber natürlich würde sie das nicht tun. Selbst wenn sie die Berichte so sehr in Wut versetzten, dass sie beinahe wünschte, es wäre möglich.