»Nun, wir werden anfangen, an einer Lösung zu arbeiten.« Morgase lächelte. »Es wird dir helfen, wenn du gehört hast, was ich erlebt habe. Ach, und Lini geht es gut. Ich weiß ja nicht, ob du dir um sie Sorgen gemacht hast.«
»Um ehrlich zu sein, habe ich das nicht«, sagte Elayne und verspürte einen Stich der Scham. »Anscheinend könnte nicht einmal der einstürzende Drachenberg Lini einen Schaden zufügen.«
Morgase lächelte, dann erzählte sie ihre Geschichte. Elayne hörte ehrfürchtig und mit nicht wenig Aufregung zu. Ihre Mutter lebte. Dem Licht sei Dank, in der letzten Zeit war so vieles falsch gelaufen, aber wenigstens das hatte ein gutes Ende genommen.
In der Nacht war das Dreifache Land friedlich und still. Die meisten Tiere waren bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang aktiv, wenn nicht gerade drückende Hitze oder klirrende Kälte herrschte.
Aviendha saß mit untergeschlagenen Beinen auf einem kleinen Felsvorsprung und sah zu Rhuidean im Land der Jenn Aiel hinunter, dem Clan, den es nicht gab. Einst war Rhuidean in schützende Nebel gehüllt gewesen. Das war vor Rands Eintreffen gewesen. Er hatte die Stadt auf drei sehr wichtige, sehr beunruhigende Arten gebrochen.
Die erste war die einfachste. Rand hatte den Nebel verschwinden lassen. Die Stadt hatte ihre Kuppel wie ein Algai’d’siswai abgelegt, der sein Gesicht entschleierte. Sie wusste nicht, wie Rand diese Verwandlung bewirkt hatte; sie hatte ernste Zweifel, dass er das selbst wusste. Aber durch die Enthüllung der Stadt hatte er sie für alle Ewigkeit verändert.
Dann hatte Rand Rhuidean zum zweiten Mal gebrochen, indem er für Wasser gesorgt hatte. Neben der Stadt erstreckte sich ein großer See, und das durch die Wolkendecke gefilterte Mondlicht ließ die Fluten glänzen. Die Menschen nannten den See Tsodrelle’Aman. Die Tränen des Drachen. Obwohl man den See eigentlich die Tränen der Aiel hätte nennen sollen. Rand al’Thor hatte nicht die geringste Vorstellung gehabt, wie viele Qualen seine Enthüllungen verursachen würden. So war er eben. Oft handelte er voller Unschuld.
Aber die dritte Weise, auf die Rand die Stadt gebrochen hatte, war die mit den größten Konsequenzen. Das wurde Aviendha so langsam klar. Nakomis Worte bereiteten ihr große Sorgen. Sie hatten in ihr die Schatten von Erinnerungen geweckt, Dinge aus potenziellen Zukünften, die sie während ihres ersten Besuches in Rhuidean in den Ringen gesehen hatte, deren Einzelheiten ihr aber verwehrt blieben oder zumindest dem Versuch widerstanden, sich direkt daran zu erinnern.
Sie sorgte sich, dass Rhuidean sehr bald keine Rolle mehr spielen würde. Einst hatte die Stadt die wichtige Funktion gehabt, den Weisen Frauen und Clanhäuptlingen die geheime Vergangenheit ihres Volkes zu zeigen. Sie auf den Tag vorzubereiten, an dem sie dem Drachen dienen würden. Dieser Tag war eingetroffen. Wer würde Rhuidean nun besuchen? Die Anführer der Aiel nun durch die Glassäulen zu schicken würde sie nur an das Toh erinnern, das sie angefangen hatten zu erfüllen.
Das beunruhigte Aviendha so sehr, dass es förmlich ihre Haut jucken ließ. Sie wollte sich diesen Fragen nicht stellen. Sie wollte mit der Tradition fortfahren. Aber sie bekam sie einfach nicht aus dem Kopf.
Rand verursachte so viele Probleme. Dennoch liebte sie ihn. In gewisser Weise liebte sie ihn wegen seiner Unwissenheit. Es erlaubte ihm zu lernen. Und sie liebte ihn für die alberne Art und Weise, auf die er versuchte, diejenigen zu beschützen, die nicht beschützt werden wollten.
Vor allem aber liebte sie ihn für sein Verlangen, stark zu sein. Aviendha hatte ihr ganzes Leben lang stark sein wollen. Hatte den Umgang mit dem Speer lernen wollen. Zu kämpfen und li zu verdienen. Die Beste zu sein. Sie konnte ihn in der Ferne spüren. Was das anging, glichen sie sich so sehr.
Ihre Füße schmerzten vom Lauf. Sie hatte sie mit dem Saft eines Segaie-Strauchs eingerieben, aber sie konnte sie noch immer pochen spüren. Ihre Stiefel standen neben ihr auf dem Stein, zusammen mit den feinen Wollstrümpfen, die Elayne ihr geschenkt hatte.
Sie war müde und durstig – in dieser Nacht würde sie fasten und in sich gehen, dann würde sie ihren Wasserschlauch im See auffüllen, bevor sie Rhuidean morgen betrat. Heute Nacht saß sie da, dachte nach und bereitete sich vor.
Das Leben der Aiel veränderte sich. Stärke zeigte sich darin, eine Veränderung zu akzeptieren, wenn man dagegen nichts machen konnte. Wurde eine Festung während eines Überfalls in Mitleidenschaft gezogen und man baute sie wieder auf, geschah das niemals auf die gleiche Weise. Man nutzte die Gelegenheit, um Probleme zu lösen – die Tür, die im Wind quietschte, den unebenen Boden. Den vorherigen Zustand genau wiederherzustellen wäre dumm gewesen.
Vielleicht würde man die Traditionen irgendwann einer Prüfung unterziehen müssen – wie die Reise nach Rhuidean oder selbst das Leben im Dreifachen Land. Aber im Augenblick konnten die Aiel nicht in die Feuchtländer ziehen. Da war die Letzte Schlacht. Und dann hatten die Seanchaner viele Aiel gefangen genommen und Weise Frauen zu Damane gemacht; das durfte man nicht zulassen. Und die Weiße Burg ging immer noch von der Voraussetzung aus, dass alle Weisen Frauen der Aiel, die die Macht lenken konnten, Wilde waren. Dagegen würde man etwas unternehmen müssen..
Und sie selbst? Je länger sie darüber nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass sie unmöglich zu ihrem alten Leben zurückkehren konnte. Sie musste bei Rand sein. Falls er die Letzte Schlacht überlebte – und sie würde hart dafür kämpfen, dass das geschah -, würde er noch immer ein König der Feuchtländer sein. Und dann war da Elayne. Sie beide würden Schwester-Frauen sein, aber Elayne würde Andor niemals verlassen. Würde Elayne erwarten, dass Rand bei ihr blieb? Würde das bedeuten, dass auch sie das tun musste?
Das alles war so beunruhigend, sowohl für sie wie auch für ihr Volk. Traditionen sollten nicht aufrechterhalten werden, nur weil es Traditionen waren. Stärke war keine Stärke, wenn kein Sinn oder Ziel dahintersteckte.
Sie musterte Rhuidean, ein so großartiger Ort aus Stein und majestätischer Pracht. Die meisten Städte widerten sie mit ihrem Dreck an, aber Rhuidean war anders. Kuppeldächer, zur Hälfte fertig gestellte Monolithen und Türme, sorgfältig geplante Stadtteile mit Häusern. Die Brunnen plätscherten nun, auch wenn ein großer Teil der Stadt noch immer die Narben von Rands Kampf trug. Vieles davon war mittlerweile von den Familien, die dort lebten, beseitigt worden. Aiel, die nicht in den Krieg gezogen waren.
Es würde keine Läden geben. Keinen Streit auf der Straße, keinen Mord in den Gassen. Möglicherweise hatte Rhuidean ja seine Bedeutung verloren, aber es würde immer ein Ort des Friedens bleiben.
Ich mache weiter, entschied sie. Ich gehe durch die Glassäulen. Möglicherweise waren ihre Sorgen berechtigt und dieser Weg war nicht mehr so bedeutend wie früher, aber sie war wirklich neugierig darauf, das zu sehen, was die anderen gesehen hatten. Davon abgesehen war das Wissen um die Vergangenheit wichtig, wenn man die Zukunft verstehen wollte.
Weise Frauen und Clanhäuptlinge hatten diesen Ort jahrhundertelang besucht. Zurückgekehrt waren sie mit Wissen. Vielleicht würde ihr die Stadt ja zeigen, was sie mit ihrem Volk und ihrem eigenen Herzen tun musste.
46
Lederarbeiten
Androl holte vorsichtig das ovale Lederstück aus dem dampfenden Wasser; es war dunkel geworden und krümmte sich. Er nahm es vorsichtig mit seinen schwieligen Fingern. Das Leder war jetzt elastisch.
Schnell setzte er sich an seinen Arbeitstisch. Durch das Fenster auf seiner rechten Seite kam ein Rechteck Sonnenlicht herein. Er wickelte das Leder um einen dicken, ungefähr zwei Zoll breiten Holzstab, dann bohrte er Löcher in den Rand.
Danach nähte er das Leder an ein anderes Stück, das er bereits vorbereitet hatte. Eine ordentliche Naht an der Kante würde es am Ausfransen hindern. Viele Lederhandwerker nahmen es mit den Nähten nicht so genau. Androl war da anders. Die Nähte waren immer das Erste, das den Leuten auffiel; sie stachen hervor wie die Farbe an der Wand.