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Während er arbeitete, trocknete das Leder und verlor etwas von seiner Geschmeidigkeit, aber es war immer noch beweglich genug. Er setzte die Stiche sauber und gleichmäßig. Er zog die letzten fest und benutzte sie, um das Leder um den Holzstab zu binden; er würde sie abschneiden, nachdem das Leder getrocknet war.

Da die Nähte nun fertig waren, fügte er ein paar Verzierungen hinzu. Oben drauf einen Namen, den er mit seinem kleinen Hammer und den Buchstabenstempeln anfertigte. Dann kamen die Symbole von Schwert und Drache; die Vorlagen hatte er selbst nach dem Vorbild der Anstecknadeln der Asha’man hergestellt.

Unten stempelte er mit den kleineren Werkzeugen die Worte »Verteidigen-Bewachen – Beschützen« ein. Während das Leder weiter trocknete, holte er Farben und Tuch, um Buchstaben und Zeichen sorgfältig zu kolorieren, damit sie einen deutlichen Kontrast bildeten.

Diese Arbeit brachte eine gewisse Beschaulichkeit mit sich; ein so großer Teil seines Lebens drehte sich in letzter Zeit allein um Zerstörung. Ihm war klar, dass das nicht anders möglich war. Er war hauptsächlich zur Schwarzen Burg gegangen, weil ihm völlig klar war, was da auf sie zukam. Trotzdem war es nett, auch einmal etwas Konstruktives zu tun.

Er legte das Werkteil beiseite, damit es trocknen konnte, und widmete sich in der Zwischenzeit ein paar Sattelriemen. Er maß die Riemen an den auf seinem Tisch angebrachten Markierungen ab, dann griff er nach der Schere im Werkzeugbeutel, der an der Tischkante herabhing – er hatte sie selbst hergestellt. Zu seiner Verärgerung entdeckte er, dass sie nicht an Ort und Stelle war.

Verflucht soll der Tag sein, an dem sich herumgesprochen hat, dass ich gute Scheren habe, dachte er. Trotz Taims angeblich so strengen Regeln in der Schwarzen Burg herrschte hier ein beunruhigendes Maß an Chaos. Grobe Verstöße wurden hart bestraft, aber die kleinen Dinge – wenn zum Beispiel jemand die Werkstatt eines Mannes betrat und sich seine Schere »borgte« – ignorierte man. Vor allem, wenn es sich bei dem, der sich etwas ausborgte, um einen der Favoriten des M’Hael handelte.

Androl seufzte. Sein Gürtelmesser wartete in Cuellars Werkstatt aufs Schärfen. Nun gut. Taim erzählt uns doch ständig, wir sollten nach Entschuldigungen für das Machtlenken suchen … Androl machte sich von sämtlichen Gefühlen frei, dann ergriff er die Quelle. Es war Monate her, seit ihm das schwergefallen war – zuerst hatte er die Eine Macht nur lenken können, wenn er dabei einen Lederriemen hielt. Das hatte ihm der M’Hael herausgeprügelt. Es war kein erfreuliches Lernen gewesen.

Saidin floss in ihn hinein, süß, mächtig und wunderschön. Einen langen Augenblick saß er einfach nur da und genoss es. Der Makel war verschwunden. Welch ein Wunder. Er schloss die Augen und atmete tief ein.

Wie würde es wohl sein, so viel von der Einen Macht in sich aufnehmen zu können wie die anderen? Manchmal dürstete er förmlich danach. Er wusste, dass er schwach war – von den Geweihten der Schwarzen Burg war er der Schwächste. Möglicherweise sogar so schwach, dass man ihn eigentlich niemals hätte befördern sollen. Logain war deshalb zum Lord Drachen gegangen und hatte die Beförderung gegen Taims ausdrücklichen Wunsch durchgesetzt.

Androl öffnete die Augen, hielt den Riemen hoch und webte ein winziges Wegetor von einem Zoll Durchmesser. Es erwachte vor ihm grell zum Leben und schnitt den Riemen in zwei Stücke. Er lächelte, dann ließ er es verschwinden und wiederholte den Prozess.

So manch einer behauptete, dass Logain Androls Beförderung nur erzwungen hatte, um Taims Autorität zu untergraben. Aber Logain zufolge war es allein um Androls unglaubliches Talent mit Wegetoren gegangen, das ihm den Titel eines Geweihten verschafft hatte. Logain war ein harter Mann, dessen Ränder zerbrochen waren, wie eine alte Schwertscheide, die man nicht anständig lackiert hatte. Aber in dieser Scheide steckte noch immer ein tödliches Schwert. Logain war ehrlich. Unter der Abnutzung ein guter Mann.

Androl stellte die Riemen fertig. Dann ging er hinüber und durchschnitt die Schnur, die das ovale Lederstück festzurrte. Es behielt seine Form bei, und er hielt es ins Sonnenlicht und musterte die Nähte. Das Leder war steif, ohne brüchig zu sein. Er schob es sich auf den Unterarm. Ja, die Form war gut.

Er nickte. Einer der Tricks des Lebens bestand darin, auf die Kleinigkeiten zu achten. Sich zu konzentrieren, die kleinen Dinge richtig zu machen. War jeder Stich auf einem Armschutz ordentlich gesetzt, würde er weder ausfransen noch reißen. Für einen Bogenschützen machte das möglicherweise den Unterschied aus, eine Salve zu beenden oder den Bogen wegstellen zu müssen.

Ein Bogenschütze machte keinen Unterschied in einer Schlacht. Aber die kleinen Dinge addierten sich, eines nach dem anderen, bis sie zu großen Dingen wurden. Er stellte den Armschutz fertig, indem er auf der Hinterseite ein paar Schnüre anbrachte, damit man ihn am Arm festschnallen konnte.

Er nahm den schwarzen Mantel von der Stuhllehne. Der silberne Schwertanstecker am hohen Kragen funkelte im durch das Fenster fallenden Licht, als er ihn zuknöpfte. Er betrachtete sich im Spiegelbild der Scheibe und vergewisserte sich, dass der Mantel ordentlich saß. Kleine Dinge waren wichtig. Sekunden waren kleine Dinge, und wenn man sie anhäufte, verwandelten sie sich in das Leben eines Mannes.

Er legte den Armschutz an, dann stieß er die Tür der kleinen Werkstatt auf und betrat das äußere Viertel des zur Schwarzen Burg gehörenden Dorfes. Hier hatte man die zweistöckigen Gebäude so zu kleinen Gruppen angeordnet, wie es in den Kleinstädten von Andor üblich war. Strohgedeckte Spitzdächer, gerade Holzwände, dazu noch etwas Stein und Ziegel. Eine doppelte Reihe führte direkt zum Dorfzentrum. Wenn man sich umsah, hätte man den Eindruck gewinnen können, durch Neubraem oder Grafendale zu spazieren.

Natürlich hätte man dazu die Männer in den schwarzen Mänteln ignorieren müssen. Sie waren überall, erledigten Besorgungen für den M’Hael, gingen zu ihrem Unterricht, arbeiteten am Fundament der Schwarzen Burg. Dieser Ort war noch immer ein unvollendetes Werk. Eine Gruppe Soldaten – sie durften weder den Schwertanstecker noch den rotgoldenen Drachen tragen – grub mit der Einen Macht eine lange Mulde in den Boden neben der Straße. Man hatte entschieden, dass das Dorf einen Kanal brauchte.

Androl konnte die Gewebe sehen, hauptsächlich Erde, die um die Soldaten umherwirbelten. In der Schwarzen Burg erledigte man so viel wie möglich mit der Einen Macht. Ununterbrochen übte man, so wie Männer Steine stemmten, um kräftiger zu werden. Beim Licht, wie Logain und Taim diese Jungen antrieben.

Androl blieb auf der kürzlich mit Schotter versehenen Straße. Der Schotter wies größtenteils geschmolzene Kanten auf, weil man ihn mit Feuer hergestellt hatte. Sie hatten mithilfe von Geweben aus Luft Felsen durch Wegetore hergeschafft und dann mit explosiven Geweben zerschmettert. Es war wie auf einem Schlachtfeld gewesen, berstender Stein, durch die Luft wirbelnde Splitter. Mit dieser Macht und der dazugehörigen Übung würden die Asha’man dazu in der Lage sein, sämtliche Stadtmauern in Trümmer zu verwandeln.

Androl ging weiter. Die Schwarze Burg war ein Ort seltsamer Anblicke, und geschmolzener Schotter war bei weitem nicht das Seltsamste. Genauso wenig wie die Soldaten, die den Boden aufrissen und Androls sorgfältigen Vermessungen folgten. Für ihn war der seltsamste Anblick in letzter Zeit die Kinder. Sie liefen umher und spielten, sprangen in die Mulde, die die Soldaten gegraben hatten, rutschten die steilen Wände hinunter und kletterten wieder nach oben.

Kinder. Die in von Saidin-Explosionen erschaffenen Löchern spielten. Die Welt veränderte sich. Androls Großmutter, die so alt gewesen war, dass sie keinen Zahn mehr im Mund gehabt hatte, hatte ihm mit Geschichten über Männer, die die Macht lenken, so viel Angst eingejagt, dass er sich in Nächten, in denen er aus dem Haus schleichen wollte, um die Sterne zu betrachten, zitternd in sein Bett verkrochen hatte. Die Dunkelheit draußen hatte ihm keine Angst machen können, genauso wenig wie die Geschichten über Trollocs und Blasse. Aber Männer, die die Macht lenkten… das hatte ihm Höllenängste eingejagt.