Der Makel war beseitigt worden. Diese Jungs würden niemals die Dinge fühlen müssen, die er fühlte. Irgendwann würden er und die anderen, die sich vor der Reinigung der Burg angeschlossen hatten, zu einer Seltenheit werden. Beim Licht, er konnte wirklich nicht verstehen, warum jemand auf ihn hören sollte. Schwach in der Macht und obendrein wahnsinnig?
Und das Schlimmste daran war, dass er tief in seinem Inneren genau wusste, dass diese Schatten real waren. Sie waren kein Wahnsinn, den sein Verstand hervorrief. Sie waren real, und sie würden ihn vernichten, falls sie ihn jemals erreichten. Sie waren real. Sie mussten es sein.
Ach beim Licht, dachte er und biss die Zähne zusammen. Jede Möglichkeit ist furchteinflößend. Entweder bin ich verrückt, oder die Dunkelheit selbst will mich vernichten.
Darum konnte er nachts nicht länger schlafen, ohne Angst zu haben. Manchmal konnte er die Quelle stundenlang umarmen, ohne die Schatten zu sehen. Manchmal nur Minuten. Er holte tief Luft.
»Also gut«, sagte er und war zufrieden, dass zumindest seine Stimme kontrolliert klang, »macht euch wieder an die Arbeit. Aber achtet darauf, dass diese Neigung in die richtige Richtung verläuft. Sonst haben wir eine Menge Arbeit, falls das Wasser über das Ufer steigt und diese Gegend überflutet.«
Als sie gehorchten, verließ Androl sie und ging weiter durch das Dorf. Nahe dem Zentrum standen die Unterkünfte, fünf große Gebäude aus dickem Stein für die Soldaten, ein Dutzend kleinerer Gebäude für die Geweihten. Im Augenblick war dieses kleine Dorf die Schwarze Burg. Das würde sich noch ändern. In der Nähe baute man an einem richtigen Turm, dessen Fundament bereits gegraben war.
Er konnte sich genau vorstellen, wie dieser Ort eines Tages aussehen würde. Er hatte einmal bei einem Meisterarchitekten gearbeitet – eine der Dutzend verschiedenen Lehren, die er in einem Leben absolviert hatte, das manchmal viel zu lang erschien. Ja, er konnte es vor seinem inneren Auge sehen. Einen alles dominierenden schwarzen Steinturm, errichtet mit der Macht. Stark, robust. Und unten an seinem Fundament würde es kantige rechteckige Bauten mit Zinnen geben.
Dieses Dorf würde zu einer Kleinstadt wachsen, dann zu einer Stadt so groß wie Tar Valon. Man hatte die Straßen groß genug angelegt, damit mehrere Wagen einander passieren konnten. Neue Viertel wurden ausgemessen und angelegt. Alles verriet Vision und Planung. Die Straßen selbst flüsterten vom Schicksal der Schwarzen Burg.
Androl folgte einem niedergetretenen Pfad durch kurzes Gras. In der Ferne hallten laute Geräusche über die Ebenen, als würde man riesige Peitschen schlagen. Jeder Mann kam aus seinen ureigenen Gründen her. Rache, Neugier, Verzweiflung, Machtgier. Aus welchem Grund war er hier? Vielleicht alle vier?
Er verließ das Dorf, umrundete schließlich ein paar Baumgruppen und kam zum Schießstand – einer kleinen Schlucht zwischen zwei Hügeln. Dort lenkten Männer Feuer und Erde. Die Hügel mussten abgetragen werden, damit man Land für Ackerbau gewann. Eine Gelegenheit zur Ausbildung.
Bei diesen Männern handelte sich hauptsächlich um Geweihte. Gewebe wirbelten durch die Luft; sie waren weitaus geschickter und mächtiger als die der Jungen von den Zwei Flüssen. Sie waren schneidig, wie zischende Schlangen oder fliegende Pfeile. Felsen explodierten, Erdwolken schossen in die Luft. Die Sprengungen geschahen in einem unvorhersehbaren Muster, um den Feind zu verwirren. Androl konnte sich mühelos vorstellen, wie eine Gruppe Kavalleristen diesen Hügel hinunterpreschte, nur um von explodierendem Erdreich überrascht zu werden. Ein einzelner Geweihter vermochte in wenigen Augenblicken Dutzende Reiter auszulöschen.
Androl bemerkte unzufrieden, dass die dort arbeitenden Männer in zwei Gruppen standen. In der Burg fand eine langsame Spaltung statt, jene, die loyal zu Logain standen, wurden gemieden und geächtet. Auf der rechten Seite arbeiteten Canler, Emarin und Nalaam konzentriert und entschlossen, verstärkt von Jonneth Dowtry – dem fähigsten Soldaten von den Zwei Flüssen. Links stand eine Gruppe von Taims Kumpanen und lachte hämisch. Ihre Gewebe waren viel wilder, aber auch zerstörerischer. Weiter hinten lungerte Coteren herum, lehnte an einem Baum und überwachte alles.
Die Männer legten eine Pause ein und riefen einen Dorfjungen herbei, der ihnen Wasser bringen sollte. Arien Nalaam sah Androl als Erster und winkte ihn mit einem breiten Lächeln herbei. Der Domani trug einen schmalen Schnurrbart. Er war gerade mal dreißig Jahre alt, obwohl er sich manchmal viel jünger benahm. Androl ärgerte sich noch immer über das eine Mal, als Nalaam ihm Baumharz in die Stiefel gekippt hatte.
»Androl!«, rief Nalaam. »Kommt her und erzählt diesen unerfahrenen Burschen, was ein Retashen Dazer ist!«
»Ein Retashen Dazer?«, fragte Androl. »Das ist ein Getränk. Eine Mischung aus Met und Schafsmilch. Übles Zeug.«
Nalaam sah die anderen stolz an. Er trug keine Anstecknadeln an seinem Mantel. Er war nur Soldat, obwohl er mittlerweile längst weiter hätte sein müssen.
»Prahlt Ihr wieder über Eure Reisen, Nalaam?«, fragte Androl und schnürte den Armschutz ab.
»Wir Domani kommen eben herum«, erwiderte Nalaam. »Ihr wisst schon, die Art von Arbeit, die mein Vater macht, die Spionage für die Krone …«
»Letzte Woche habt Ihr behauptet, Euer Vater sei Kaufmann«, sagte Canler. Der stämmige Mann war der älteste der Gruppe; sein Haar wurde bereits grau, das kantige Gesicht war von vielen Jahren in der Sonne ganz faltig.
»Das ist er auch«, erwiderte Nalaam. »Das ist ja seine Tarnung als Spion!«
»Sind in Arad Doman nicht Frauen die Kaufleute?«, fragte Jonneth und rieb sich das Kinn. Er war ein großer, stiller Mann mit einem runden Gesicht. Seine ganze Familie – seine Geschwister, seine Eltern und sein Großvater Buel – waren ins Dorf umgezogen, statt ihn allein ziehen zu lassen.
»Nun, sie sind die Besten«, sagte Nalaam, »und meine Mutter ist da keine Ausnahme. Aber wir Männer wissen auch ein oder zwei Dinge. Und weil meine Mutter die Tuatha’an infiltrieren musste, musste sich mein Vater um das Geschäft kümmern.«
»Also jetzt wird es aber lächerlich!« Canler runzelte die Stirn. »Warum sollte man sich bei einer Horde Kesselflicker einschleichen?«
»Um ihre Geheimrezepte zu erfahren. Es heißt, dass ein Kesselflicker einen so großartigen Eintopf kochen kann, dass man Haus und Herd verlässt, um sich ihnen anzuschließen. Es stimmt, ich habe ihn selbst probiert, und man musste mich danach drei Tage lang in einem Schuppen fesseln, bevor die Wirkung nachließ.«
Canler schnaubte. Aber einen Augenblick später fragte er: »Und … hat sie das Rezept erfahren?«
Nalaam setzte zur nächsten Geschichte an, und Canler und Jonneth hörten aufmerksam zu. Emarin sah ihnen amüsiert zu – er war der andere Soldat ohne Anstecknadeln in der Gruppe. Der bereits ältere Mann hatte dünnes Haar und Falten um die Augen. Sein weißer Bart war zu einer Spitze zugeschnitten.
Der distinguierte Mann war in vielerlei Hinsicht rätselhaft; Logain hatte ihn eines Tages mitgebracht und nichts über seine Vergangenheit verraten. Er benahm sich ausgesprochen selbstsicher und drückte sich gewählt aus. Er war ein Adliger, da gab es keinen Zweifel. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Adligen in der Schwarzen Burg versuchte er nicht, auf seine angemaßte Autorität zu pochen. Viele Adlige brauchten Wochen, bis sie begriffen hatten, dass die Aufnahme in die Schwarze Burg jede gesellschaftliche Position bedeutungslos machte, die man in der Außenwelt innehatte. Das machte sie mürrisch und barsch, aber Emarin hatte sich sofort an das Leben in der Burg gewöhnt.
Es brauchte schon einen Adligen mit wahrer Würde, um die Befehle eines Kommandanten klaglos auszuführen, der nur halb so alt wie man selbst war. Emarin trank einen Schluck Wasser, das der Junge gebracht hatte, bedankte sich bei ihm und begab sich dann zu Androl. Er wies mit dem Kopf auf Nalaam, der die anderen noch immer unterhielt. »Er hat das Herz eines Gauklers.«