Androl grunzte. »Vielleicht kann er sich damit ja etwas hinzuverdienen. Er schuldet mir immer noch ein Paar neue Socken.«
»Und Ihr habt die Seele eines Sekretärs, mein Freund!« Emarin lachte. »Ihr vergesst niemals etwas, oder?« Androl zuckte mit den Schultern.
»Woher wusstet Ihr, was ein Retashen Dazer ist? Ich halte mich in diesen Dingen für recht bewandert, aber ich hatte noch nie davon gehört.«
»Ich habe einmal einen getrunken«, erwiderte Androl. »Es war eine Wette.«
»Ja, aber wo?«
»In Retash, natürlich.«
»Aber das ist Meilen von der Küste entfernt, auf einer Inselgruppe, die nicht einmal das Meervolk oft besucht!«
Androl zuckte erneut mit den Schultern. Er warf einen Blick auf Taims Kumpane. Ein Dorfjunge hatte ihnen von Taim beauftragt einen Fresskorb gebracht, obwohl der M’Hael behauptete, keine Favoriten zu haben. Hätte Androl gefragt, hätte er herausgefunden, dass ein Junge auch den anderen etwas zu essen hätte bringen sollen. Aber dieser Junge hätte das dann vergessen oder einen anderen harmlosen Fehler gemacht. Taim hätte jemanden auspeitschen lassen, und nichts hätte sich geändert.
»Diese Spaltung ist beunruhigend, mein Freund«, sagte Emarin leise. »Wie sollen wir für den Lord Drachen kämpfen, wenn wir nicht einmal untereinander Frieden halten können?«
Androl schüttelte den Kopf.
Emarin fuhr fort. »Angeblich hat schon seit Wochen kein von Logain geförderter Mann die Drachennadel erhalten. Es gibt viele wie Nalaam hier, die schon vor langer Zeit die Schwertnadel hätten bekommen müssen, was der M’Hael aber wiederholt abgelehnt hat. Ein Haus, dessen Angehörige sich um die Autorität streiten, wird niemals eine Bedrohung für andere Häuser sein.«
»Weise Worte«, erwiderte Androl. »Aber was sollen wir tun? Was können wir tun? Taim ist der M’Hael, und Logain ist noch nicht wieder zurückgekehrt.«
»Vielleicht könnten wir ja jemanden zu ihm schicken«, schlug Emarin vor. »Oder vielleicht könntet Ihr die anderen beschwichtigen. Ich fürchte, dass einige von ihnen kurz davor stehen durchzudrehen, und sollte es zu einem Kampf kommen, habe ich nur wenig Zweifel, wer unter Taims Disziplinierungen zu leiden hat.«
Androl runzelte die Stirn. »Das ist wahr. Aber warum ich? Ihr könnt viel besser mit Worten umgehen als ich, Emarin.«
Emarin kicherte. »Ja, aber Logain vertraut Euch. Die anderen Männer schauen zu Euch auf.«
Das sollten sie besser nicht tun, dachte Androl. »Ich sehe mal, ob mir etwas einfällt.« Nalaam setzte zur nächsten Geschichte an, aber bevor er damit beginnen konnte, winkte Androl Jonneth heran und hielt den Armschutz hoch. »Ich habe gesehen, dass Euer alter gerissen ist. Versucht den hier.«
Jonneth strahlte, als er den Armschutz entgegennahm. »Ihr seid erstaunlich, Androl! Ich hätte nicht gedacht, dass es jemandem auffällt. Es ist albern, ich weiß, aber…« Sein Lächeln wurde breiter, und er eilte zu einem Baum in der Nähe, wo ein Teil der Sachen der Männer lag, darunter sein Langbogen. Diese Männer von den Zwei Flüssen wussten sie immer gern in der Nähe.
Jonneth kehrt zurück und spannte den Bogen. Er legte den Armschutz an. »Passt traumhaft!«, verkündete er, und Androl musste lächeln. Kleine Dinge. Sie konnten so viel bedeuten.
Jonneth zielte und schoss einen Pfeil ab, das Geschoss raste in den Himmel, und die Sehne schnappte gegen den Armschutz. Der Pfeil flog weit und schlug mehr als zweihundert Schritte entfernt in einen Baum auf einem Hügel.
Canler stieß einen Pfiff aus. »So etwas wie Eure Bögen habe ich noch nie zuvor gesehen, Jonneth. In meinem ganzen Leben nicht.« Beide kamen sie aus Andor, obwohl Canler aus einem Dorf stammte, das bedeutend näher bei Caemlyn lag.
Jonneth musterte seinen Schuss kritisch, dann spannte er den Bogen erneut – dieses Mal nahm er die Sehne bis zur Wange – und ließ los. Der Pfeil schlug in denselben Baum ein. Androl wäre jede Wette eingegangen, dass die beiden Schäfte keine zwei Handspannen voneinander entfernt waren.
Canler stieß erneut einen Pfiff aus.
»Mein Vater wurde an einem von ihnen ausgebildet«, bemerkte Nalaam. »Hat die Kunst von einem Mann aus den Zwei Flüssen gelernt, den er in Illian vor dem Ertrinken rettete. Hat die Bogensehne zur Erinnerung aufbewahrt.«
Canler hob eine Braue, schien die Geschichte aber dennoch gut zu finden. Androl schüttelte bloß kichernd den Kopf. » Etwas dagegen, wenn ich es einmal versuche, Jonneth? Mit einem tairenischen Bogen bin ich ein ganz guter Schütze, und sie sind etwas länger als die meisten.«
»Aber sicher«, sagte der schlanke Mann, schnallte den Armschutz ab und reichte den Bogen weiter.
Androl befestigte den Armschutz und hob den Bogen. Er war aus schwarzer Eibe gemacht, und die Sehne war nicht ganz so straff gespannt, wie er es gewohnt war. Jonneth reichte ihm einen Pfeil, und Androl machte es ihm nach und spannte die Sehne bis zur Wange.
»Beim Licht!«, sagte er, als er die Zugkraft spürte. »Eure Arme sind täuschend klein, Jonneth. Wie könnt Ihr damit nur zielen? Ich kann ihn kaum ruhig halten!«
Jonneth lachte, als Androls Arme zitterten und er schließlich losließ, weil er den Bogen keinen Atemzug länger gespannt halten konnte. Der Pfeil schlug weit vom Ziel entfernt in den Boden ein. Er gab Jonneth den Bogen zurück.
» Das war nicht übel, Androl«, meinte Jonneth.» Viele Männer schaffen es nicht einmal, den Bogen zu spannen. Gebt mir zehn Jahre, und ich bringe Euch bei, wie man schießt, als wärt Ihr in den Zwei Flüssen geboren.«
»Ich bleibe lieber bei Kurzbögen«, sagte Androl. »So ein Monstrum könnte man niemals aus dem Sattel abschießen.«
»Das brauche ich auch nicht!«, sagte Jonneth.
» Und wenn man Euch verfolgt?«
»Sind es weniger als fünf Männer, dann würde ich sie hiermit alle niederstrecken, bevor sie mich erwischen«, sagte Jonneth. »Und sollten es mehr als fünf sein, wieso schieße ich dann überhaupt auf sie? Ich sollte rennen, als wäre der Dunkle König leibhaftig hinter mir her.«
Die Männer kicherten, aber Androl erwischte Emarin dabei, wie er ihn musterte. Vermutlich fragte sich der Mann, woher er wusste, wie man aus dem Sattel schoss. Er war wirklich aufmerksam, dieser Adlige. Er würde sich vorsehen müssen.
»Und was ist das?«, fragte eine Stimme. »Wollt Ihr Bogenschießen lernen, Page? Damit Ihr Euch verteidigen könnt?«
Androl biss die Zähne zusammen und drehte sich um, während Coteren herbeischlenderte. Er war ein stämmiger Mann, der sein schwarzes öliges Haar lang und offen trug. Es hing um ein ungehobeltes Gesicht mit feisten Wangen. Sein Blick war konzentriert, gefährlich. Er lächelte. Das Lächeln eines Katers, der eine Maus zum Spielen gefunden hatte.
Androl schnallte ohne Aufhebens den Armschutz ab und gab ihn Jonneth. Coteren war ein vollwertiger Asha’man, ein persönlicher Freund des M’Hael. Sein Rang war um Längen höher als der eines jeden Anwesenden.
»Der M’Hael wird davon hören«, sagte Coteren. »Ihr ignoriert eure Lektionen. Ihr werdet keine Pfeile oder Bögen brauchen – nicht, wenn ihr mit der Macht töten könnt!«
»Wir ignorieren gar nichts«, erwiderte Nalaam stur.
»Seid still, mein Junge«, wies Androl ihn zurecht. »Achtet auf Euren Tonfall.«
Coteren lachte. »Hört auf den Pagen. Der M’Hael würde auch von eurer Respektlosigkeit erfahren.« Er konzentrierte sich auf Androl. »Ergreift die Quelle.«
Zögernd gehorchte Androl. Die Süße von Saidin floss in ihn hinein, und er warf einen nervösen Blick zur Seite. Von den Schatten war nichts zu sehen.
»Wie erbärmlich«, sagte Coteren. »Zerstört den Stein da drüben!«
Er war viel zu groß für ihn. Aber er hatte es schon zuvor mit Rüpeln zu tun gehabt, und Coteren war ein Rüpel der gefährlichsten Sorte – einer mit Macht und Autorität. Am besten gab man nach. Verlegenheit war eine geringe Strafe. Das war etwas, das nur wenige Rüpel zu verstehen schienen.