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Ein Unterrichtsraum

Faile saß ungeduldig auf Tageslicht und versuchte keine Miene zu verziehen, als das Wegetor einen Strich in die Luft schnitt. Auf der anderen Seite lag eine braune Wiese; Gaul und die Töchter schlüpften sofort hindurch, um die Gegend zu erkunden.

»Und Ihr wollt bestimmt nicht mitkommen?«, fragte Perrin Galad, der in der Nähe stand und die Prozession mit auf dem Rücken verschränkten Händen verfolgte.

»Nein«, sagte Galad. »Mein Essen mit Elayne war ausreichend, uns gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen.«

»Wie Ihr wollt«, sagte Perrin. Er wandte sich Faile zu und zeigte auf das Tor.

Sie trieb Tageslicht an. Endlich war die Zeit gekommen, der Königin von Andor gegenüberzutreten, und sie musste darum kämpfen, ihre Nervosität zu verbergen. Perrin ritt neben ihr durch das Tor; auf der anderen Seite wartete Caemlyn. Die Großstadt war voller spitzer Türme und rot-weißer Banner; in der Mitte ragte der Palast auf. Niedercaemlyn außerhalb der Stadtmauer war eine eigenständige sich ausbreitende Stadt.

Perrins Prozession folgte ihnen durch das Tor; sie sollte beeindruckend aussehen, was sorgfältig geplant war, aber keinesfalls feindselig. Alliandre mit hundert Gardesoldaten. Einhundert Bogenschützen von den Zwei Flüssen, die ihre entspannten Bogenstäbe wie Lanzen trugen. Einhundert Abgeordnete der Wolfsgarde, einschließlich einem großen Kontingent niederen cairhienischen Adels, deren farbige Schlitze an ihren Uniformen mit in Weißbrücke gekauftem Stoff gemacht waren. Und natürlich Gaul und die Töchter.

Grady kam als Letzter. Der Mann trug einen sauber gebügelten schwarzen Mantel, seine Anstecknadel des Geweihten funkelte auf Hochglanz poliert am hohen Kragen. Er schaute sofort nach Westen in Richtung der Schwarzen Burg. Früher am Tag hatte er versucht, dorthin ein Wegetor zu öffnen, da Perrin ihm die Erlaubnis gegeben hatte. Es hatte nicht funktioniert. Perrin fand das besorgniserregend. Er hatte vor, sich darum zu kümmern, heute Nacht oder spätestens morgen.

Gaul und die Töchter scharten sich um Perrin und Faile, und die Kolonne setzte sich auf der Straße in Bewegung. Arganda und eine Abteilung von Perrins Wolfsgarde ritten voraus, um sie anzukündigen. Der Rest von ihnen schlug ein majestätisches Tempo an. Caemlyns wuchernde Ausbreitung war schlimmer als die in Weißbrücke. In der Nähe von Niedercaemlyn lagerten mehrere Heere. Vermutlich ernährt von den verschiedenen Adeligen, die Elaynes Thronbesteigung unterstützt hatten.

Hier gab es einen auffallenden Unterschied. Über Caemlyn brach die Wolkendecke auf. Die Wolken waren so allgegenwärtig gewesen, dass Faile es ungläubig sah. Sie bildeten ein kreisförmiges Loch über der Stadt, das auf unheimliche Weise ebenmäßig war.

Arganda und die Wolfsgardisten kehrten zurück. »Man wird uns empfangen, mein Lord, meine Lady«, verkündete er.

Faile und Perrin ritten schweigend weiter. Sie hatten das bevorstehende Treffen mehrere Male ausgiebig besprochen; es gab nichts mehr zu sagen. Klugerweise hatte Perrin ihr die Führung der diplomatischen Verhandlungen überlassen. Die Welt konnte keinen Krieg zwischen Andor und den Zwei Flüssen gebrauchen. Nicht jetzt.

Als sie die Stadttore passierten, erhöhten Perrin und die Aiel ihre Wachsamkeit. Faile erduldete ihren übertriebenen Schutz schweigend. Wie lange würde ihre Gefangenschaft bei den Shaido ihr Leben überschatten? Manchmal kam es ihr fast so vor, als wollte Perrin sie nicht zum Abort lassen, ohne ihr vier Dutzend Wächter zur Seite zu geben.

Die Straßen hinter der Stadtmauer waren dicht bevölkert, Häuser und Märkte voller Menschen. Abfallhaufen waren zu sehen, und eine beängstigende Zahl von Straßenkindern bewegte sich in der Menge. Ausrufer warnten lautstark vor den gefährlichen Zeiten. Manche von ihnen standen vermutlich in den Diensten der Kaufleute und animierten die Bürger zum Horten. Perrins Leute hatten Lebensmittel gebracht, aber sie waren teuer; Elayne würde sie bald subventionieren müssen, wenn sie es nicht bereits tat. In welchem Zustand befanden sich wohl die Lagerhäuser der Krone?

Sie durchquerten die Neustadt, dann betraten sie die Innenstadt und erklommen den Hügel zum Palast. Die Königliche Garde in ihren roten und weißen Wappenröcken und polierten Harnischen hatte außerhalb der Palasttore vor den makellos weißen Palastmauern Haltung angenommen.

Direkt hinter den Toren stiegen sie ab. Eine hundertköpfige Streitmacht begleitete Perrin und Faile in den Palast. Alle Aiel und eine kleinere Ehrengarde von jedem Kontingent. Die Palastkorridore waren breit, aber so viele Menschen nahmen Faile die Luft. Der Weg, den man sie und Perrin zum Thron führte, war ein anderer, als sie zuvor einmal gegangen war. Warum nahm man nicht den direkten Weg?

Anscheinend hatte sich seit der Zeit, in der Rand hier geherrscht hatte, nur sehr wenig verändert. Es gab keine Aiel mehr – von denen natürlich abgesehen, die Perrin mitgebracht hatte. In der Korridormitte lag derselbe schmale rote Teppich, in den Ecken standen dieselben Vasen, an den Wänden hingen dieselben Spiegel, die alles größer erscheinen lassen sollten.

Ein solches Gebäude konnte jahrhundertelang unverändert dastehen und müßig zusehen, wessen Füße über die Teppiche gingen und wessen Hintern den Thron wärmte. In der Zeitspanne einen Jahres hatte der Palast Morgase erlebt, dann einen der Verlorenen, den Wiedergeborenen Drachen und schließlich Elayne.

Als sie um die Ecke zum Thronsaal bogen, rechnete Faile beinahe damit, Rand auf seinem Drachenthron lungern zu sehen, in der Ellenbeuge diesen seltsamen Halbspeer und das Funkeln des Wahnsinns in den Augen. Aber der Drachenthron war entfernt worden, und auf dem Löwenthron saß wieder seine Königin. Rand hatte diesen Thron zur Seite gestellt und wie eine Blume beschützt, die er einer zukünftigen Liebe hatte überreichen wollen.

Die Königin war eine jüngere Version ihrer Mutter. Sicher, Elaynes Gesicht wies Züge auf, die zarter als Morgases waren. Aber sie hatte das gleiche rotblonde Haar und die gleiche atemberaubende Schönheit. Sie war hochgewachsen, und Bauch und Brust verrieten deutlich ihre Schwangerschaft.

Der Thronsaal war angemessen kunstvoll mit vergoldeten Zierleisten und schmalen Säulen in den Ecken, die vermutlich nur Dekorationszwecken dienten. Elayne sorgte für mehr Helligkeit, als Rand das getan hatte; Kandelaber brannten hell. Morgase stand auf der rechten Seite am Fuß des Throns, acht Angehörige der Königlichen Garde standen links. An den Wänden schauten einige unbedeutendere Adlige mit großer Aufmerksamkeit zu.

Elayne beugte sich vor, als Perrin, Faile und die anderen eintraten. Natürlich machte Faile einen Knicks, und Perrin verneigte sich. Keine tiefe Verbeugung, aber immerhin eine Verbeugung. Wie abgesprochen machte Alliandre einen tieferen Knicks als Faile. Das würde Elayne sofort nachdenklich machen.

Offiziell ging es bei diesem Besuch um eine Wertschätzung der Krone, ein Dank an Perrin und Faile, weil sie Morgase zurückgebracht hatten. Natürlich war das nur eine Täuschung. Der wahre Grund für dieses Treffen war die Zukunft der Zwei Flüsse. Aber das war die Art von heiklem Thema, das keiner so ohne Weiteres ansprechen konnte, zumindest nicht sofort.

Allein es schon zur Sprache zu bringen würde der anderen Seite zu viel verraten.

»Gebt allgemein bekannt«, sagte Elayne mit melodischer Stimme, »dass der Thron Euch, Lady Zarine ni Bashere t’Aybara, willkommen heißt. Königin Alliandre Maritha Kigarin. Perrin Aybara.« Er wurde nicht mit einem Titel angesprochen. »Man soll unsere persönliche Dankbarkeit verkünden, dass Ihr unsere Mutter zu uns zurückgebracht habt. Eure Bemühungen in dieser Angelegenheit bringt Euch die tiefste Anerkennung der Krone ein.«

»Vielen Dank, Euer Majestät«, sagte Perrin in seinem üblichen schroffen Tonfall. Faile hatte ein langes Gespräch mit ihm geführt, worin es darum gegangen war, nicht auf die formellen Anreden oder zeremoniellen Artigkeiten zu verzichten.