»Wir werden für die Rückkehr meiner Mutter einen Feiertag ausgerufen«, sagte Elayne. »Sowie für ihre Rückkehr in die ihr zustehende … Stellung.«
Nun, diese Pause bedeutete, dass Elayne gar nicht darüber erfreut gewesen war, dass man ihre Mutter wie eine Dienerin behandelt hatte. Sie musste begreifen, dass Perrin und Faile nicht gewusst hatten, was sie da taten, aber eine Königin konnte einen solchen Vorfall trotzdem mit Missfallen betrachten. Vielleicht war das ein Vorteil, den sie benutzen wollte.
Es war durchaus möglich, dass Faile zu viel in die Worte hineindeutete, aber das konnte sie nicht vermeiden. In mancherlei Hinsicht war eine Lady genau wie eine Kauffrau, und man hatte sie für beide Rollen gut ausgebildet.
»Und schließlich kommen wir zu dem Grund für unsere Begegnung«, sagte Elayne. »Lady Bashere, Meister Aybara. Gibt es eine Gunst, die Ihr gern für das Geschenk hättet, das Ihr Andor gemacht habt?«
Perrin legte die Hand auf seinen Hammer, dann sah er Faile fragend an. Offensichtlich erwartete Elayne, dass sie darum baten, ihn formell in den Rang eines Lords zu erheben. Oder vielleicht um Nachsicht dafür baten, dass er sich dafür ausgegeben hatte, zusammen mit einem formellen Pardon. Diese Unterhaltung konnte zu beiden Ergebnissen führen.
Faile war versucht, das Erstere zu verlangen. Es wäre eine einfache Antwort gewesen. Aber vielleicht zu einfach; Faile musste noch ein paar Dinge wissen, bevor sie fortfahren konnte. »Euer Majestät«, sagte sie sorgfältig, »könnten wir uns in einem intimeren Rahmen über diese Gunst unterhalten?«
Elayne dachte darüber nach – mindestens dreißig Sekunden lang, was wie eine Ewigkeit erschien. »Sicher. Mein Wohnzimmer steht bereit.«
Faile nickte, und ein Diener öffnete eine kleine Tür an der linken Seite des Thronsaals. Perrin ging darauf zu, dann hielt er an Gaul, Sulin und Arganda gerichtet die Hand hoch. »Wartet hier.« Er zögerte, sah Grady an. »Ihr auch.«
Das schien keinem von ihnen zu gefallen, aber sie gehorchten. Man hatte sie vorher gewarnt, dass das möglicherweise passieren würde.
Faile bezwang ihre Nervosität – es gefiel ihr gar nicht, den Asha’man zurückzulassen, ihre beste Fluchtmöglichkeit. Vor allem da Elayne zweifellos im Wohnzimmer Wächter und Spione versteckt hatte, die bei dem geringsten Anzeichen von Gefahr sofort herbeistürmen würden. Sie hätte gern über ähnlichen Schutz verfügt, aber einen Machtlenker zu einem Gespräch mit der Königin mitzunehmen … nun, dann sollte es eben so sein. Sie befanden sich in Elaynes Reich.
Faile holte tief Luft und gesellte sich in dem kleinen Raum zu Perrin und Alliandre. Man hatte Stühle aufgestellt; Elayne hatte diese Möglichkeit vorhergesehen. Sie warteten auf die Königin und setzten sich nicht. Faile konnte kein offensichtliches Versteck für Wächter entdecken.
Elayne trat ein und schwenkte die Hand. Der Große Schlangenring auf ihrem Finger funkelte im Lampenschein. Faile hatte fast vergessen, dass sie eine Aes Sedai war. Vermutlich lauerten gar keine Gardisten in der Nähe – eine Frau, die die Macht lenken konnte, war so gefährlich wie ein Dutzend Soldaten.
Welchem der Gerüchte über den Vater von Elaynes Kind durfte man Glauben schenken? Sicherlich nicht das über den Narren in ihrer Garde – das sollte die Sache zweifellos nur verschleiern. Konnte es möglicherweise Rand selbst sein?
Morgase trat hinter Elayne ein. Sie trug ein dunkelrotes, eher schlichtes Gewand. Sie setzte sich neben ihre Tochter und beobachtete alles sorgfältig, beteiligte sich aber nicht an dem Gespräch.
»Also«, fing Elayne ohne Umschweife an. »Dann erklärt mir doch einmal, warum ich euch beide nicht einfach als Verräter hinrichten lassen sollte.«
Faile blinzelte überrascht. Perrin aber schnaubte bloß. »Ich glaube nicht, dass Rand viel von dieser Idee halten würde«, sagte er.
»Ich bin ihm nicht verpflichtet, mein lieber Perrin«, erwiderte Elayne. »Ich soll also allen Ernstes glauben, dass er dich dazu verleitete, meine Bürger zu verführen und dich selbst zum König zu ernennen?«
»Ein paar Eurer Fakten stimmen nicht, Euer Majestät«, sagte Faile gereizt. »Perrin hat sich nie zum König ernannt.«
»Ach, hat er denn die Flagge von Manetheren gehisst, wie mir meine Informanten berichteten?«
»Das tat ich«, sagte Perrin. »Aber ich habe sie auch wieder eingeholt, weil ich es so wollte.«
»Nun, immerhin«, sagte Elayne. »Vielleicht hast du dich ja nicht als König bezeichnet, aber dieses Banner zu hissen war im Grunde das Gleiche. Ach, setzt euch endlich, ihr alle.« Sie schwenkte die Hand. Ein Tablett stieg von einem Tischchen in die Höhe und schwebte zu ihr. Es trug Pokale und eine Kanne Wein, aber auch eine Teekanne und Tassen.
Mit der Einen Macht geholt, dachte Faile. Das ist eine Erinnerung an ihre Kraft. Und eine ziemlich unsubtile obendrein.
»Trotzdem werde ich das Beste für mein Reich tun, ganz egal, was es kostet«, sagte Elayne.
»Ich bezweifle, dass es das Beste für Euer Reich wäre, Unruhe in die Zwei Flüsse zu bringen«, sagte Alliandre zögernd. »Ihren Anführer hinzurichten würde dort zweifellos eine Rebellion auslösen.«
»Soweit es mich betrifft«, sagte Elayne und goss ein paar Tassen Tee ein, »haben sie bereits rebelliert.«
»Wir kamen in Frieden her«, sagte Faile. »Kaum die Handlung von Rebellen.«
Elayne nahm als Erste einen Schluck Tee, so wie es der Brauch war, um zu beweisen, dass er nicht vergiftet war. »Meine zu den Zwei Flüssen entsandten Botschafter hat man nicht empfangen, und eure Leute übermittelten mir die Botschaft, und ich zitiere: ›Das Land von Lord Perrin Goldauge verweigert eure andoranischen Steuern. Tai’shar Manetheren!‹«
Alliandre wurde blass. Perrin seufzte leise, ein Laut, der entfernt an ein Knurren erinnerte. Faile nahm ihre Tasse und trank – Pfefferminztee mit Wolkenbeeren; er war gut. Die Menschen von den Zwei Flüssen hatten Schneid, so viel stand fest.
»Das sind bewegende Zeiten, Euer Majestät«, sagte Faile. »Sicherlich könnt Ihr verstehen, dass sich das Volk Sorgen macht; die Zwei Flüsse waren nicht oft eine Priorität für Euren Thron.«
»Das ist freundlich ausgedrückt«, fügte Perrin mit einem Schnauben hinzu. »Die meisten von uns wuchsen auf, ohne überhaupt zu wissen, dass wir ein Teil von Andor sind. Man hat uns ignoriert.«
»Weil diese Gegend nicht rebellierte.« Elayne trank einen kleinen Schluck Tee.
»Eine Rebellion ist nicht der einzige Grund, warum Menschen die Aufmerksamkeit der Königin verdienen, die sie für sich beansprucht«, sagte Perrin. »Ich weiß nicht, was du gehört hast, aber letztes Jahr mussten wir uns ganz allein der Trollocs erwehren, ohne auch nur die geringste Hilfe der Krone. Ihr hättet uns geholfen, hättet ihr das gewusst, aber die Tatsache, dass keine Truppen in der Nähe waren, dass niemand überhaupt wissen konnte, dass wir in Gefahr waren, sagt viel aus.« Elayne zögerte.
»Die Zwei Flüsse haben ihre Geschichte wiederentdeckt«, sagte Faile mit sorgfältig gewählten Worten. »Sie konnten nicht für alle Ewigkeit ruhen, nicht wo Tarmon Gai’don lauert. Nicht nachdem sie den Wiedergeborenen Drachen während seiner Kindheit behüteten. Ein Teil von mir fragt sich wirklich, ob Manetheren fallen und die Zwei Flüsse entstehen mussten, um für einen Ort zu sorgen, an dem Rand al’Thor aufwachsen konnte. Unter Bauern mit dem Blut und der Sturheit von Königen.«
»Was es umso wichtiger macht, dass ich die Dinge jetzt beschwichtige«, sagte Elayne. »Ich bot euch eine Gunst, damit ihr um Verzeihung bitten konntet. Ich würde euch Pardon gewähren, und ich werde auch sicherlich Truppen losschicken, damit eure Familien beschützt werden. Akzeptiert das, und wir alle können wieder zu dem Leben zurückkehren, wie es sein sollte.«
»Das wird nicht geschehen«, sagte Perrin leise. »Die Zwei Flüsse werden jetzt Lords haben. Ich habe mich eine Weile dagegen gewehrt. Du magst vielleicht auch so reagieren, aber es wird nichts ändern.«