»Schon möglich. Aber dich anzuerkennen würde anerkennen, dass sich in meiner Nation ein Mann einfach einen Titel geben kann und ihn dann stur verteidigt, indem er ein Heer aufstellt. Das wäre ein schrecklicher Präzedenzfall, Perrin. Ich glaube nicht, dass du überhaupt begreifst, in welche Zwangslage du mich da gebracht hast.«
»Das regeln wir schon«, erwiderte Perrin in dem sturen Tonfall, den er benutzte, wenn er nicht nachgeben würde. »Ich trete nicht zurück.«
»Wenn du mich davon überzeugen willst, dass du meine Autorität anerkennst, dann leistest du lausige Arbeit«, fauchte Elayne.
Das ist nicht gut, dachte Faile und öffnete den Mund, um sich einzumischen. Ein Streit half hier niemandem.
Aber bevor sie sprechen konnte, ertönte eine andere Stimme. »Tochter«, sagte Morgase leise und setzte ihre Teetasse ab. »Wenn du mit einem Ta’veren tanzen willst, solltest du dir sicher sein, die richtigen Schritte zu kennen. Ich bin mit diesem Mann gereist. Ich habe erlebt, wie sich die Welt um ihn herum beugt. Ich habe erlebt, wie bittere Feinde seine Verbündeten wurden. Das Muster selbst zu bekämpfen ist wie der Versuch, einen Berg mit einem Teelöffel abzutragen.«
Elayne zögerte, sah ihre Mutter an.
»Bitte verzeih mir, wenn ich hier meine Grenzen überschreite«, fuhr Morgase fort. »Aber ich habe den beiden versprochen, mich für sie zu verwenden. Ich sagte dir, dass ich das tun werde. Andor ist stark, aber ich fürchte, es könnte an diesem Mann zerbrechen. Er will deinen Thron nicht, das verspreche ich, und die Zwei Flüsse brauchen eine Aufsicht. Wäre es so schrecklich, sie den Mann haben zu lassen, den sie sich selbst gewählt haben?«
In dem kleinen Zimmer kehrte Schweigen ein. Elayne musterte Perrin, schätzte ihn ein. Faile hielt den Atem an.
»Also gut«, sagte Elayne schließlich. »Ich nehme an, ihr seid mit Forderungen gekommen. Lasst sie hören, damit wir entdecken können, ob sich etwas machen lässt.«
»Keine Forderungen«, sagte Faile. »Ein Angebot.«
Elayne hob die Brauen.
»Eure Mutter hat recht«, sagte Faile. »Perrin will Euren Thron nicht.«
»Was ihr beiden wollt, könnte irrelevant sein, sobald sich eure Leute eine Idee in den Kopf gesetzt haben.«
Faile schüttelte den Kopf. »Sie lieben ihn, Euer Majestät. Sie respektieren ihn. Sie tun, was er sagt. Und wir können und werden ihnen Ideen von einem wiedererstandenen Manetheren austreiben.«
»Und warum solltet ihr das tun?«, wollte Elayne wissen. »Ich weiß, wie schnell die Zwei Flüsse durch die Flüchtlinge wachsen, die über die Berge kommen. Die Letzte Schlacht könnte Nationen stürzen und hervorbringen. Ihr habt keinen Grund, auf die Chance zu verzichten, euer eigenes Königreich zu erschaffen.«
»Tatsächlich haben wir sogar einen guten Grund dafür«, sagte Faile. »Andor ist eine starke Nation, die blüht. Die Städte in den Zwei Flüssen mögen schnell wachsen, aber die Menschen dort haben kaum angefangen, sich nach einem Lord zu sehnen. In ihren Herzen sind sie noch immer Bauern. Sie wollen keinen Ruhm, sie wollen, dass ihre Ernte gedeiht.« Faile hielt inne. »Vielleicht habt Ihr recht, vielleicht wird die Welt ja wieder zerstört, aber das ist nur ein weiterer Grund, Verbündete zu haben. Niemand will einen Bürgerkrieg in Andor, und erst recht nicht die Menschen in den Zwei Flüssen.«
»Was also schlagt Ihr vor?«, fragte Elayne.
»Eigentlich nichts, das es nicht schon gibt«, sagte Faile. »Verleiht Perrin einen offiziellen Titel, und macht ihn zum Hochlord über die Zwei Flüsse.«
»Und was meint Ihr mit ›Hochlord‹?«
»Er hätte einen höheren Rang als die anderen Adelshäuser von Andor, stünde aber unter der Königin.«
»Ich bezweifle, dass das den anderen gefällt«, sagte Elayne. »Was ist mit den Steuern?«
»Die Zwei Flüsse sind davon befreit«, sagte Faile. Als sich Elaynes Miene verfinsterte, fuhr sie schnell fort. »Euer Majestät, der Thron hat die Zwei Flüsse seit Generationen ignoriert, hat sie weder vor Banditen beschützt noch Arbeiter entsandt, die seine Straßen instand hält, hat nicht für Magistrate oder Friedensrichter gesorgt.«
»Das haben sie auch nicht gebraucht«, erwiderte Elayne. »Sie haben sich prächtig selbst verwaltet.« Sie sagte nichts davon, dass die Menschen in den Zwei Flüssen von der Königin geschickte Steuereintreiber, Magistrate oder Friedensrichter vermutlich fortgejagt hätten – aber sie schien es zu wissen.
»Nun, dann muss sich auch nichts ändern«, sagte Faile. »Die Zwei Flüsse verwalten sich selbst.«
»Man könnte mit ihnen zollfreien Handel treiben«, schlug Alliandre vor.
»Das mache ich schon«, sagte Elayne.
»Also ändert sich nichts«, sagte Faile erneut. »Einmal davon abgesehen, dass Ihr eine mächtige Provinz im Westen dazubekommt. Perrin wird sich als Euer Verbündeter und untertäniger Lord bereiterklären, Truppen zu Eurer Verteidigung loszuschicken. Außerdem wird er die ihm verschworenen Monarchen anweisen, Euch zu unterstützen.«
Elayne warf einen Blick auf Alliandre. Vermutlich hatte ihr Morgase davon erzählt, dass Alliandre den Treueid geleistet hatte, aber sie würde das selbst hören wollen.
»Ich habe Lord Perrin die Treue geschworen«, sagte Alliandre. »Ghealdan fehlen schon seit langem mächtige Verbündete. Ich wollte das ändern.«
»Euer Majestät.« Faile lehnte sich vor, die Teetasse mit beiden Händen umklammert. »Perrin verbrachte mehrere Wochen mit einigen seanchanischen Offizieren. Sie haben einen großen Pakt der Nationen erschaffen, die unter einem Banner verbündet sind. Rand al’Thor, dem Ihr vermutlich als Freund vertraut, hat das Gleiche getan. Tear, Illian und mittlerweile vermutlich auch Arad Doman werden von ihm beherrscht. Heutzutage vereinigen sich Nationen eher, als sich zu trennen. Andor erscheint jede Stunde kleiner.«
»Darum tat ich das alles«, sagte Alliandre.
Nun, Faile vertrat eher die Ansicht, dass sie sich in Perrins ta’veren verfangen hatte. Da war nicht viel geplant gewesen. Aber vermutlich würde Alliandre das anders sehen.
»Euer Majestät«, fuhr sie fort, »hier ist viel zu gewinnen. Durch meine Heirat mit Perrin erhaltet Ihr eine Verbindung zu Saldaea. Durch Alliandres Eide bekommt Ihr Ghealdan dazu. Berelain folgt Perrin ebenfalls und hat oft von ihrem Wunsch gesprochen, starke Verbündete für Mayene zu finden. Sollten wir mit ihr sprechen, wäre sie meines Erachtens sicherlich bereit, ein Bündnis mit uns einzugehen. Wir könnten unseren eigenen Pakt schmieden. Fünf Nationen, wenn man die Zwei Flüsse mitzählt – sechs, rechnet man den Sonnenthron dazu, was Ihr, wenn man den Gerüchten Glauben schenken will, ja vorhabt. Wir sind nicht die mächtigsten Nationen, aber viele sind stärker als einer allein. Und Ihr würdet zu unserer Führung gehören.«
Elaynes Miene hatte fast ihre gesamte Feindseligkeit verloren. »Saldaea. An welchem Platz der Thronfolge steht Ihr denn?«
»An zweiter Stelle«, gab Faile zu, was Elayne vermutlich schon wusste. Perrin rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Sie wusste, dass ihm diese Tatsache noch immer Unbehagen einflößte; nun, er würde sich daran gewöhnen müssen.
»Das ist zu nahe«, erwiderte Elayne. »Was, wenn Ihr am Ende auf dem Thron von Saldaea sitzt? Auf diese Weise könnte ich die Zwei Flüsse an ein anderes Land verlieren.«
»Das lässt sich doch einfach regeln«, meinte Alliandre. »Sollte Faile den Thron besteigen, könnte eines ihrer und Perrins Kinder als Lord der Zwei Flüsse weitermachen. Ein anderes könnte den Thron von Saldaea erben. Haltet das schriftlich fest, und Ihr habt eine Sicherheit.«
»Ein solches Arrangement könnte ich akzeptieren«, sagte Elayne.
»Ich habe damit kein Problem«, erwiderte Faile und sah Perrin an.
»Von mir aus.«
»Ich hätte gern auch eines von ihnen«, sagte Elayne nachdenklich. »Ich meine, dass eines eurer Kinder in die andoranische Königslinie einheiratet. Wenn die Zwei Flüsse von einem Lord beherrscht werden sollen, der über so viel Macht verfügt, wie ihm dieses Abkommen verleiht, dann hätte ich gern Blutverbindungen zum Thron.«