Auf dieser Seite des Ozeans dachten viele Menschen eben anders. Das hätte sie niemals geglaubt, hätte sie nicht so viel Zeit mit Matrim verbracht. Das war offensichtlich einer der Gründe gewesen, warum Fortuona ihn hatte begleiten müssen. Sie wünschte sich nur, sie hätte die Omen früher richtig gedeutet.
Zu Beslan gesellten sich Generalhauptmann Lunal Galgan und ein paar Angehörige des niederen Blutes. Galgan war ein breitschultriger Bursche mit einem weißen Haarbüschel auf dem Kopf. Die anderen Mitglieder des Blutes erwiesen ihm ihre Ehrerbietung; sie wussten, dass er in der Gunst der Kaiserin stand. Falls die Dinge hier gut verliefen und man Seanchan zurückerobern würde, war es durchaus vorstellbar, dass sie ihn in die Kaiserfamilie erhob. Die Ränge der Familie würden nach Fortuonas Rückkehr und der Wiederherstellung der Ordnung schließlich wieder aufgefüllt werden müssen. Zweifellos hatte man viele ermordet oder hingerichtet. Galgan war ein wertvoller Verbündeter. Er hatte nicht nur offen gegen Suroth gearbeitet, sondern auch den Angriff auf die Weiße Burg vorgeschlagen, der erfolgreich gewesen war. Sogar außerordentlich erfolgreich.
Melitene, Fortuonas Der’sul’dam, trat vor und verneigte sich erneut. Die stämmige Frau, deren Haar langsam grau wurde, führte eine Damane mit dunkelbraunem Haar und blutunterlaufenen Augen. Anscheinend weinte die oft.
Melitene hatte die Geistesgegenwart, verlegen dreinzuschauen, und verneigte sich besonders tief. Fortuona entschied sich zu übersehen, dass sich die Damane so unerfreulich benahm. Trotz ihrer mürrischen Gesinnung war sie ein guter Fang.
Fortuona gab Selucia ein Zeichen und instruierte sie, was sie sagen sollte. Die Frau sah aufmerksam zu; ihr Kopf war zur Hälfte mit einem Tuch verhüllt, solange sie darauf wartete, dass dort ihr Haar nachwuchs. Die andere Hälfte war glatt rasiert. Irgendwann würde Fortuona jemand anderen zu ihrer Stimme erwählen müssen, da Selucia nun ihre Wahrheitssprecherin war.
»Zeigt uns, was diese Frau kann«, sagte Selucia und sprach damit die Worte, die Fortuona ihr mit der Zeichensprache übermittelt hatte.
Melitene tätschelte den Kopf der Damane. »Suffa wird der Kaiserin – möge sie ewig leben – die Macht die Luft aufzuschneiden vorführen.«
»Bitte«, sagte Suffa und sah Fortuona flehend an. »Bitte, hört mir zu. Ich bin der Amyrlin-Sitz.«
Melitene zischte, und Suffa riss die Augen weit auf, da sie offensichtlich einen Schmerz durch das A’dam schießen spürte. Die Damane machte trotzdem weiter. »Ich kann ein großes Lösegeld anbieten, mächtige Kaiserin! Wenn man mich zurückbringt, gebe ich Euch zehn Frauen, die meine Stelle einnehmen. Zwanzig! Die mächtigsten Frauen der Weißen Burg. Ich …« Stöhnend stockte sie und brach zusammen.
Melitene schwitzte. Nervös sah sie Selucia an und sprach schnell. »Bitte erklärt unser aller Kaiserin – möge sie ewig leben -, dass mein Blick gesenkt ist, weil die hier nicht vernünftig ausgebildet wurde. Suffa ist erstaunlich stur, obwohl sie so schnell weint und andere für ihren Platz anbietet.«
Fortuona ließ Melitene einen Augenblick lang schwitzen. Schließlich bedeutete sie Selucia zu antworten.
»Die Kaiserin ist nicht unzufrieden mit Euch«, übermittelte die Stimme. »Diese Marath’damane, die sich selbst Aes Sedai nennen, haben sich alle als stur erwiesen.«
»Bitte teilt der Allerhöchsten meinen Dank mit«, sagte Melitene erleichtert. »Wenn es Ihr deren Blick nach oben schaut gefällt, kann ich Suffa dazu bringen, etwas vorzuführen. Aber es könnte noch weitere Ausbrüche geben.«
»Ihr dürft fortfahren«, sagte die Stimme.
Melitene kniete sich neben Suffa und redete zuerst scharf und dann tröstend auf sie ein. Sie war sehr geschickt im Umgang mit ehemaligen Mar ath’damane. Natürlich hielt sich auch Fortuona für geschickt im Umgang mit Damane. Sie genoss es, Mar ath’damane zu brechen, so wie es ihr Bruder Halvate genossen hatte, wilde Grolm zu dressieren. Sie hatte es stets bedauert, dass man ihn bei einem Attentat ermordet hatte. Er war der einzige ihrer Brüder gewesen, den sie je gemocht hatte.
Schließlich stemmte sich Suffa wieder auf die Knie. Neugierig beugte sich Fortuona vor. Suffa senkte den Kopf, und vor ihr durchschnitt ein Strich aus grellem Licht die Luft. Der Strich drehte sich an einer zentralen Achse entlang und öffnete direkt vor Fortuonas Thron ein Loch. Dahinter raschelten Bäume, und Fortuona stockte der Atem, als sie einen Falken mit weißem Kopf von dem Portal wegfliegen sah. Ein Omen von großer Macht. Die normalerweise unerschütterliche Selucia keuchte auf, obwohl Fortuona nicht klar war, ob wegen des Portals oder des Omens.
Fortuona verbarg ihre eigene Überraschung. Also stimmte es. Das Schnelle Reisen war weder ein Mythos noch ein Gerücht. Es war real. Das veränderte alles in diesem Krieg.
Beslan trat vor und verneigte sich. Er sah zögerlich aus. Sie winkte ihn und Galgan herbei, damit sie die Waldlichtung in der Öffnung sehen konnten. Beslan starrte sie mit offen stehendem Mund an.
Galgan verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Er war ein seltsamer Mann. Er hatte sich in der Stadt mit Meuchelmördern getroffen und sich erkundigt, was es wohl kosten würde, Fortuona ermorden zu lassen. Dann hatte er jeden der Männer, die ihm einen Preis genannt hatten, hinrichten lassen. Ein ausgesprochen subtiles Manöver – es sollte ihr zeigen, dass sie ihn als Bedrohung betrachten sollte, denn er hatte keine Angst, sich mit Attentätern zu treffen. Aber es war ein sichtliches Zeichen der Loyalität. Im Augenblick folge ich Euch, verkündete diese Tat, aber ich beobachte Euch, und ich bin ehrgeizig.
In vielerlei Hinsicht waren seine sorgfältig geplanten Aktivitäten für sie viel beruhigender als Beslans anscheinend unerschütterliche Loyalität. Mit Ersterem wusste sie umzugehen. Mit Letzterem… nun, sie war sich einfach noch nicht darüber im Klaren, was sie davon zu halten hatte. Würde Matrim genauso loyal sein? Wie würde das wohl sein, einen Prinz der Raben zu haben, gegen den sie keine Ränke schmieden musste? Es erschien beinahe wie ein Märchen, die Art von Geschichte, die man Kindern aus dem Volk erzählte, damit sie von unmöglichen Vermählungen träumten.
»Das ist unglaublich!«, sagte Beslan. »Allerhöchste, mit dieser Fertigkeit…« Seine Stellung ließ ihn zu den wenigen gehören, die direkt mit ihr sprechen durften.
»Die Kaiserin will wissen«, übersetzte Selucia Fortuonas Gesten, »ob eine der gefangen genommenen Mar ath’damane von der Waffe gesprochen hat.«
»Sagt der allerhöchsten Kaiserin – möge sie ewig leben -, dass sie das nicht taten«, sagte Melitene besorgt. »Und wenn ich so kühn sein darf, ich glaube, dass sie nicht lügen. Anscheinend war die Explosion außerhalb der Stadt ein einmaliger Zwischenfall – das Resultat eines unbekannten Ter’angreals, das auf falsche Weise benutzt wurde. Vielleicht gibt es ja keine Waffe.«
Das war möglich. Fortuona zweifelte bereits an der Richtigkeit dieser Gerüchte. Die Explosion hatte sich vor ihrer Ankunft in Ebou Dar ereignet, und die Einzelheiten waren verwirrend. Vielleicht war das alles nur ein Täuschungsmanöver von Suroth oder ihren Feinden gewesen.
»Generalhauptmann«, sagte die Stimme. »Die Allerhöchste wünscht zu wissen, wie Ihr eine Macht wie dieses Reisen einsetzen würdet.«
»Das käme darauf an«, sagte Galgan und rieb sich das Kinn. »Wie groß ist die Reichweite? Wie groß kann sie dieses Portal machen? Sind alle Damane dazu fähig? Gibt es Einschränkungen, wo man ein Loch öffnen kann? Wenn es der Allerhöchsten gefällt, werde ich mit den Damane sprechen und mir die Antworten verschaffen.«