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Die Nacht war kalt, die Landschaft unfruchtbar. Malidra hatte Geschichten über einen Ort jenseits der fernen Berge gehört, wo das Land grün war und überall Nahrung wuchs. Sie glaubte diese Lügen nicht. Die Berge waren bloß Linien am Himmel, zerklüftete Zähne. Wer konnte schon etwas so Hohes erklimmen?

Vielleicht die Lichtmacher. Für gewöhnlich kamen sie aus dieser Richtung. Ihr Lager lag voraus und glühte in der Dunkelheit. Das Glühen war zu gleichmäßig, um ein Feuer sein zu können. Es kam aus den Kugeln, die sie mit sich trugen. Geduckt schob sie sich näher, mit dreckigen Händen und nackten Füßen. Ein paar Männer und Frauen des Volkes waren bei ihr. Schmutzige Gesichter, strähnige Haare. Struppige Barte bei den Männern.

Nicht zueinander passende Kleidung. Zerlumpte Hosen, Kleidungsstücke, die möglicherweise einst Hemden gewesen waren. Alles, um während des Tages die Sonne abzuhalten, denn die Sonne konnte töten. Und das tat sie auch. Malidra war die letzte von vier Schwestern, zwei waren durch Sonne und Hunger umgekommen, eine durch einen Schlangenbiss.

Aber Malidra überlebte. Sie überlebte begierig. Am besten folgte man dazu den Lichtmachern. Das war gefährlich, aber sie registrierte Gefahren kaum noch. Das passierte eben, wenn buchstäblich alles andere einen töten konnte.

Malidra schob sich an einem Gebüsch vorbei und beobachtete die Wächter der Lichtmacher. Zwei Wachtposten mit ihren langen, stabähnlichen Waffen. Malidra hatte einmal eine bei einem Toten gefunden, hatte aber nichts damit anfangen können. Die Lichtmacher benutzten Magie, die gleiche Magie, mit der sie ihr Essen und ihr Licht erschufen. Magie, die sie in der bitteren Kälte der Nacht wärmte.

Die beiden Männer trugen seltsame Kleidung. Hosen, die viel zu gut passten, Mäntel voller Taschen und funkelnder Metallstücke. Beide trugen Hüte, allerdings hatte der eine ihn vom Kopf geschoben und ließ ihn an einem dünnen Lederriemen um den Hals baumeln. Die Männer plauderten. Sie hatten keine Barte, so wie es beim Volk üblich war. Ihr Haar war dunkler.

Eine Frau vom Volk kam zu nahe, und Malidra zischte sie an. Die Frau warf ihr einen finsteren Blick zu, verzog sich aber dann. Malidra verharrte am Rand des Lichtscheins. Die Lichtmacher würden sie nicht sehen. Ihre seltsamen Glühkugeln zerstörten ihre Nachtsicht.

Malidra musterte ihren gewaltigen Wagen. Es gab keine Pferde. Nur den Wagen, der groß genug war, um ein Dutzend Menschen aufzunehmen. Er bewegte sich auf magische Weise durch das Tageslicht und rollte auf Rädern, die so breit waren wie Malidra hoch. Sie hatte in der bruchstückhaften seltenen Kommunikation des Volkes gehört, dass die Lichtmacher im Osten eine gewaltige Straße erschufen. Sie würde direkt durch die Wüste führen. Man baute sie, indem man seltsame Metallstücke aneinanderlegte. Sie waren zu groß, um sie aus dem Boden zu graben, allerdings hatte Jorshem ihr einen großen Nagel gezeigt, den er gefunden hatte. Er benutzte ihn dazu, Fleisch vom Knochen zu schaben.

Es war schon eine Weile her, dass sie vernünftig gegessen hatte – nicht seit sie vor zwei Jahren diesen Kaufmann im Schlaf hatte töten können. Malidra konnte sich noch immer an das Festmahl erinnern, als sie sich über seine Vorräte hermachte und aß, bis ihr der Bauch wehtat. Ein so seltsames Gefühl. Wundervoll und schmerzhaft.

Die meisten Lichtmacher waren zu vorsichtig, um sie im Schlaf töten zu können. Malidra wagte es nicht, sie anzugreifen, während sie wach waren. Eine wie sie konnten sie mit einem Blick verschwinden lassen.

Nervös und ein paar andere vom Volk im Schlepptau, umrundete sie den Wagen und näherte sich ihm von hinten. Hier hatten die Lichtmacher wie vermutet ein paar Reste ihrer früheren Mahlzeit hingeworfen. Sie kroch nach vorn und fing an, den Müll zu durchstöbern. Da waren ein paar Fleischstücke, Fettstreifen. Begierig schnappte sie sie sich – hielt sie nahe an den Körper, bevor die anderen sie sehen konnten – und stopfte sie in den Mund. Dreck knirschte zwischen ihren Zähnen, aber Fleisch war Essen. Hastig wühlte sie weiter im Abfall herum.

Ein grelles Licht flammte auf und erfasste sie. Sie erstarrte, die Hand auf halbem Weg zum Mund. Die anderen beiden vom Volk schrien auf und eilten geduckt davon. Sie schloss sich ihnen an, stolperte aber. Da war ein zischendes Geräusch – eine der Lichtmacherwaffen -, und etwas schlug gegen ihren Rücken. Es fühlte sich an, als hätte sie ein kleiner Stein getroffen.

Sie brach zusammen, der Schmerz kam plötzlich und scharf. Das Licht verblasste etwas. Sie blinzelte, ihre Augen gewöhnten sich daran, während sie fühlte, wie das Leben aus ihrem Körper und um ihre Hände rann.

»Ich habe es dir doch gesagt«, sagte eine Stimme. Zwei Schatten bewegten sich vor dem Licht. Sie musste laufen! Sie versuchte, es sich vorzustellen, bekam aber nur ein schwaches Zucken zustande.

»Blut und Kohle, Flern«, sagte eine zweite Stimme. Eine Silhouette kniete sich neben sie. »Armes Ding. Fast noch ein Kind. Sie hat keinen Schaden angerichtet.«

Flern schnaubte. »Keinen Schaden? Ich habe erlebt, wie diese Kreaturen versuchten, einem schlafenden Mann die Kehle durchzuschneiden. Bloß um an seinen Müll heranzukommen. Verdammtes Ungeziefer.«

Der andere Schatten sah sie an, und sie erblickte ein grimmiges Gesicht. Funkelnde Augen. Wie Sterne. Der Mann seufzte und stand auf. »Das nächste Mal vergraben wir den Müll.« Er zog sich in das Licht zurück.

Der andere Mann, Flern, blieb stehen und beobachtete sie. War das ihr Blut? Das so warm über ihre Hände floss, wie Wasser, das zu lange in der Sonne gestanden hatte?

Der Tod überraschte sie nicht. In gewisser Weise hatte sie ihn den größten Teil ihrer achtzehn Jahre erwartet.

»Verfluchte Aiel«, sagte Flern, als ihre Sicht erlosch.

Aviendhas Fuß berührte die Steinplatte auf dem Platz von Rhuidean, und sie blinzelte entsetzt. Die Sonne am Himmel hatte ihren Platz verändert. Stunden waren vergangen.

Was war geschehen? Die Vision war so real gewesen, genau wie der Blick auf die frühe Geschichte ihres Volkes. Aber sie konnte darin keinen Sinn erkennen. War sie noch weiter in ihrer Geschichte zurückgegangen? Es war wie das Zeitalter der Legenden erschienen. Die seltsamen Maschinen, die Kleidung und Waffen. Aber es war die Wüste gewesen.

Sie konnte sich genau daran erinnern, Malidra gewesen zu sein. Sie konnte sich an Jahre des Hungers erinnern, an die Nahrungssuche, an den Hass auf die Lichtmacher. An die Furcht. Sie erinnerte sich an ihren Tod. An das Entsetzen, dort in der Falle zu bluten. Das warme Blut auf ihren Händen …

Sie griff sich an den Kopf und verspürte Übelkeit. Tiefes Unbehagen erfüllte sie. Nicht wegen des Todes. Jeder erwachte aus dem Traum, und auch wenn sie das nicht willkommen heißen würde, würde sie es auch nicht fürchten. Nein, das wirklich Schreckliche an dieser Vision war der völlige Mangel an Ehre gewesen, den sie erlebt hatte. Männer für ihre Lebensmittel in der Nacht zu töten? Im Dreck nach weggeworfenem Fleisch zu wühlen? Lumpen zu tragen? Sie war mehr ein Tier als ein menschliches Wesen gewesen!

Da war es besser zu sterben. Sicherlich konnten die Aiel unmöglich solchen Wurzeln entstammen. Die Aiel im Zeitalter der Legenden waren friedliche Diener gewesen, die man geachtet hatte. Wie hätten sie als Müllsammler anfangen können?

Vielleicht war das ja nur eine winzige Gruppe von Aiel gewesen. Oder der Mann hatte sich geirrt. An einer einzigen Vision ließ sich das nicht mit Sicherheit feststellen. Warum hatte man sie ihr gezeigt?

Zögernd entfernte sie sich einen Schritt von den Glassäulen, und nichts passierte. Verstört verließ sie den Platz.

Dann verlangsamte sie ihre Schritte.

Zögernd drehte sie sich wieder um. Die Säulen erhoben sich stumm und allein im schwindenden Licht und schienen mit einer unsichtbaren Energie zu summen.