Gab es da noch mehr?
Diese eine Vision schien so gar nichts mit den anderen zu tun zu haben, die sie erlebt hatte. Wenn sie sich wieder unter die Säulen wagte, würde sich dann wiederholen, was man ihr zuvor gezeigt hatte? Oder … hatte sie womöglich mit ihrem Talent etwas verändert?
In den Jahrhunderten seit der Gründung von Rhuidean hatten diese Säulen den Aiel gezeigt, was sie über sich wissen mussten. Dafür hatten die Aes Sedai gesorgt, nicht wahr? Oder hatten sie das Ter’angreal einfach dort aufgebaut und ihm erlaubt zu tun, was es wollte, in dem Wissen, dass es für Weisheit sorgen würde?
Aviendha lauschte dem Rascheln der Blätter. Diese Säulen waren eine Herausforderung, und zwar so sicher wie ein feindlicher Krieger mit dem Speer in der Hand. Wenn sie sich erneut zwischen sie begab, kam sie womöglich nie wieder heraus; niemand besuchte dieses Ter’angreal ein zweites Mal. Das war verboten. Ein Gang durch die Ringe, einer durch die Säulen.
Aber sie war gekommen, um Wissen zu finden. Und sie würde nicht ohne dieses Wissen gehen. Sie holte tief Luft und trat an die Säulen heran.
Dann machte sie den nächsten Schritt.
Sie war Norlesh. Sie drückte ihr jüngstes Kind an die Brust. Ein trockener Wind zupfte an ihrem Schultertuch. Garivan, der Säugling, fing an zu wimmern, aber sie beruhigte ihn, während ihr Ehemann mit den Außenweltlern sprach.
In der Nähe erhob sich ein Dorf der Außenweltler, eine Reihe Hütten am Fuß der Berge. Sie trugen gefärbte Kleidung und seltsam geschnittene Hosen mit Hemden, die man zuknöpfte. Sie waren für das Erz gekommen. Wie konnten Steine nur so wertvoll sein, dass sie auf dieser Seite der Berge lebten, weit fort von ihrem sagenhaften Land voller Wasser und Nahrung? Fort von ihren Häusern, in denen Licht ohne Kerzen brannte und ihre Karren ohne Pferde fuhren?
Ihr Schultertuch rutschte, und sie zog es hoch. Sie brauchte ein neues; das hier war sehr fadenscheinig, und sie hatte kein Garn mehr, um es zu flicken. Garivan wimmerte auf ihrem Arm, und ihr einziges ebenfalls überlebendes Kind – Meise – klammerte sich an ihren Röcken fest. Meise hatte nun schon seit Monaten kein Wort mehr gesprochen. Nicht seitdem ihr älterer Bruder am Hunger gestorben war.
»Bitte«, sagte ihr Ehemann – Metalan – zu den Außenweltlern. Es waren drei von ihnen, zwei Männer und eine Frau, die alle Hosen trugen. Robuste Leute, gar nicht wie die anderen Fremden mit ihren feinen Zügen und der viel zu empfindlichen Seide, die sie am Leib trugen. Die Erleuchteten, richtig, so nannten sich diese anderen manchmal. Die drei hier waren gewöhnlicher.
»Bitte«, wiederholte Metalan. »Meine Familie …«
Er war ein guter Mann. Oder war es zumindest gewesen, als er noch stark und gesund gewesen war. Jetzt erschien er nur noch wie die Hülle eines Mannes, hatte eingefallene Wangen. Seine einst so strahlenden blauen Augen starrten nun häufig ins Leere. Von Erinnerungen heimgesucht. Dieser Blick kam daher, weil er drei seiner Kinder im Verlauf von achtzehn Monaten hatte sterben sehen. Obwohl Metalan einen Kopf größer als die Außenweltler war, schien er vor ihnen zu kriechen.
Der Anführer – ein Mann mit einem buschigen Bart und großen ehrlichen Augen – schüttelte den Kopf. Er gab Metalan den Sack mit den Steinen zurück. »Die Rabenkaiserin, möge sie ewig atmen, verbietet es. Kein Handel mit Aiel. Wir könnten schon unseren Freibrief verlieren, nur weil wir mit euch sprechen.«
»Wir haben nichts zu essen«, sagte Metalan. »Meine Kinder verhungern. Diese Steine enthalten Erz. Ich weiß, dass ihr genau danach sucht. Ich habe Wochen damit verbracht, sie einzusammeln. Gebt uns etwas zu essen. Irgendetwas. Bitte.«
»Es tut mir leid, mein Freund«, sagte der Anführer der Außenweltler. »Das ist den Ärger mit den Raben nicht wert. Geht weiter. Wir wollen keinen Zwischenfall.« Hinter ihnen kamen mehrere Außenweltler dazu; einer trug eine Axt, zwei andere hatten Zischstäbe.
Ihr Mann sackte in sich zusammen. Tagelanges Wandern, wochenlanges Suchen nach den Steinen. Für nichts. Er drehte sich um und kam zu ihr zurück. In der Ferne ging die Sonne unter. Sobald er sie erreicht hatte, schlossen sie und Meise sich ihm an und entfernten sich vom Lager der Außenweltler.
Meise fing an zu schnaufen, aber keiner von ihnen hatte den Willen oder die Kraft, sie zu tragen. Etwa eine Stunde von dem Lager entfernt fand ihr Mann eine Senke in einem Felsmassiv. Dort setzten sie sich, machten aber kein Feuer. Es gab nichts zu verbrennen.
Norlesh wollte weinen. Aber … es erschien so schrecklich schwer, überhaupt etwas zu empfinden. »Ich bin so hungrig«, flüsterte sie.
»Morgen früh fange ich was«, sagte ihr Ehemann und starrte zu den Sternen hinauf.
»Wir haben schon seit Tagen nichts mehr gefangen«, sagte sie.
Er antwortete nicht.
»Was sollen wir nur tun?«, flüsterte sie. »Seit den Tagen meiner Großmutter Tava konnten wir kein Heim mehr für unsere Leute bewahren. Versammeln wir uns, greifen sie uns an. Wandern wir durch die Wüste, sterben wir. Sie treiben keinen Handel mit uns. Sie lassen uns nicht die Berge überqueren. Was sollen wir tun?«
Seine Erwiderung bestand darin, sich hinzulegen und ihr den Rücken zuzukehren.
Da kamen ihre Tränen, stumm und schwach. Sie rollten ihre Wangen hinunter, während sie das Hemd öffnete, um Garivan zu stillen, obwohl sie keine Milch für ihn hatte.
Er bewegte sich nicht. Er saugte sich nicht an ihr fest. Sie hob seine kleine Gestalt in die Höhe und erkannte, dass er nicht mehr atmete. Irgendwann auf dem Weg zur Senke war er gestorben, ohne dass sie es gemerkt hatte.
Das Erschreckendste daran war, wie schwer es ihr fiel, Trauer für seinen Tod zu empfinden.
Aviendhas Fuß berührte die Steinplatte. Um sie herum schimmerte der Wald aus Glassäulen in prismatischen Farben. Es war, als stünde man mitten in einer Vorstellung der Feuerwerker. Die Sonne stand hoch am Himmel, die Wolkendecke war erstaunlicherweise verschwunden.
Sie wollte den Platz für immer verlassen. Auf das Wissen, dass die Aiel einst dem Weg des Blattes gefolgt waren, war sie vorbereitet gewesen. Dieses Wissen war nicht besonders schlimm. Schließlich würden sie bald ihr Toh erfüllen.
Aber das hier? Diese versprengten und gebrochenen Elendsgestalten? Leute, die nicht für sich eintraten, die bettelten, die nicht wussten, wie man im Land überlebte? Das Wissen, dass das ihre Vorfahren waren, war eine beinahe unerträgliche Schande. Es war gut, dass Rand al’Thor den Aiel diese Vergangenheit nicht enthüllt hatte.
Konnte sie fliehen? Von diesem Platz weglaufen und nicht mehr erfahren? Sollte es noch schlimmer werden, würde die Schande sie überwältigen. Leider wusste sie genau, dass hier nur einen Weg herausführte, jetzt, nachdem sie ihn begonnen hatte.
Mit zusammengebissenen Zähnen machte sie den nächsten Schritt.
Sie war Tava, vierzehn Jahre alt. Sie lief schreiend in die Nacht hinaus, fort von ihrem brennenden Haus. Das ganze Tal – eigentlich war es eine Schlucht mit steilen Wänden – stand in Flammen. Jedes Gebäude in der erst kürzlich gegründeten Festung war in Brand gesteckt worden. Albtraumhafte Kreaturen mit biegsamen Hälsen und breiten Schwingen flatterten durch die Nacht und trugen Reiter mit Bögen, schweren und seltsamen neuen Waffen, die beim Schießen zischende Geräusche machten.
Tava schrie und suchte nach ihrer Familie, aber in der Festung herrschte nur Chaos und Verwirrung. Ein paar Aiel-Krieger leisteten Widerstand, aber jeder, der den Speer hob, fiel nur Augenblicke später, getötet von einem Pfeil oder einem der unsichtbaren Schüsse aus diesen neuen Waffen.
Vor ihr starb ein Aielmann, und seine Leiche rollte über den Boden. Sein Name war Tadvishm gewesen, ein Steinhund. Das war eine der wenigen Gemeinschaften, die noch an einer Identität festhielten. Die meisten Krieger gehörten nicht länger einer Gemeinschaft an; sie wurden Bruder oder Schwester von jenen, mit denen sie gerade lagerten. Viel zu oft wurden diese Lager sowieso in alle Himmelsrichtungen verstreut.