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Diese Festung hatte anders sein sollen, sie war geheim gewesen, hatte tief in der Wüste gelegen. Wie hatten ihre Feinde sie finden können?

Ein nur zwei Jahre altes Kind weinte. Sie rannte zu ihm und riss es auf die Beine, da es in der Nähe der Flammen lag. Ihre Häuser brannten. Das Holz war unter großen Schwierigkeiten in den Bergen am Ostrand der Wüste zusammengestohlen worden.

Sie hielt das Kind an den Körper und rannte auf die Kluft in der Schlucht zu. Wo war ihr Vater? Mit einem plötzlichen Rascheln landete eine der Albtraumkreaturen vor ihr, und der Windstoß blähte ihren Rock auf. Auf dem Rücken der Kreatur saß ein furchteinflößender Krieger. Sein Helm erinnerte an ein Insekt mit scharfen und gezackten Mandibeln. Er richtete den zischenden Stab auf sie. Sie schrie entsetzt auf, krümmte sich um das schluchzende Kind und schloss die Augen.

Das Zischen ertönte nie. Ein Grunzen und das plötzliche Aufkreischen der schlangenartigen Bestie ließ sie aufsehen. Eine Gestalt kämpfte mit dem Außenweltler. Der Feuerschein zeigte das Gesicht ihres Vaters, der den Geboten der Tradition zufolge glatt rasiert war. Die Bestie bäumte sich unter den beiden Männern auf und schleuderte beide zu Boden.

Wenige Augenblicke später erhob sich ihr Vater mit dem Schwert des Angreifers in seinen Händen; die Klinge war dunkel verfärbt. Der Angreifer rührte sich nicht, und hinter ihnen sprang die Bestie heulend in die Luft. Tava schaute auf und sah, dass sie dem Rest des Rudels folgte. Die Invasoren zogen sich zurück und hinterließen ein gebrochenes Volk mit brennenden Häusern.

Sie schaute wieder nach unten. Der Anblick entsetzte sie; so viele Leichen, Dutzende lagen blutend am Boden. Der Angreifer, den ihr Vater getötet hatte, schien der einzige gefallene Feind zu sein.

»Holt Sand!«, brüllte ihr Vater Rowahn. »Erstickt die Flammen!«

Groß selbst für einen Aiel und mit eindrucksvollen roten Haaren, trug er die alte Kleidung in dunklen und hellen Brauntönen, die Stiefel hoch bis zu den Knien verschnürt. Diese Kleidung zeichnete einen als Aiel aus, darum hatten viele auf sie verzichtet. Als Aiel erkannt zu werden, bedeutete den Tod.

Ihr Vater hatte seine Kleidung von seinem Großvater geerbt, zusammen mit einem Auftrag. Folge den alten Wegen. Vergiss Ji’e’toh nicht. Kämpfe und halte die Ehre aufrecht. Auch wenn er nur wenige Tage in der Festung gewesen war, hörten die anderen auf ihn, als er ihnen befahl, die Brände zu löschen. Tava brachte das Kind einer dankbaren Mutter zurück und half dann Sand und Dreck zu sammeln.

Ein paar Stunden später versammelten sich müde und blutverschmierte Menschen in der Mitte der Schlucht und betrachteten mit stumpfen Blicken, wofür sie monatelang geschuftet hatten. Es war in einer einzigen Nacht ausgelöscht worden. Ihr Vater trug noch immer das Schwert. Er benutzte es, um die Menschen zu dirigieren. Einige der Alten behaupteten, dass ein Schwert Pech brachte, aber warum behaupteten sie das? Es war doch nur eine Waffe.

»Wir müssen alles wieder aufbauen«, sagte ihr Vater und musterte die Trümmer.

»Wieder aufbauen?«, wiederholte ein rußverschmierter Mann. »Der Kornspeicher brannte als Erstes! Es gibt nichts zu essen!«

»Wir werden überleben«, sagte ihr Vater. »Wir können tiefer in die Wüste hineingehen.«

»Es gibt nichts mehr, wo man hingehen kann!«, sagte ein anderer Mann. »Das Rabenkaiserreich hat sich mit den Fernen verständigt, und sie jagen uns an der Ostgrenze!«

»Sie finden uns, wo auch immer wir uns versammeln!«, rief noch ein anderer.

»Das ist eine Strafe!«, sagte ihr Vater. »Aber wir müssen durchhalten!«

Die Leute sahen ihn an. Dann wandten sie sich paarweise oder in kleinen Gruppen von ihm ab und gingen.

»Wartet«, sagte ihr Vater und hob die Hand. »Wir müssen zusammenbleiben, weiter kämpfen! Der Clan …«

»Wir sind kein Clan!«, sagte ein mit Asche beschmierter Mann. »Allein kann ich besser überleben. Keine Kämpfe mehr. Sie besiegen uns, wenn wir kämpfen.«

Ihr Vater senkte das Schwert, und seine Spitze traf auf den Boden. Tava stellte sich neben ihn und sah besorgt zu, wie die anderen in der Nacht verschwanden. Die Luft war noch immer voller Rauch. Die gehenden Aiel waren Schatten, die mit der Dunkelheit verschmolzen wie Staubwolken im Wind. Sie blieben nicht stehen, um ihre Toten zu begraben.

Ihr Vater senkte den Kopf und ließ das Schwert auf den aschebedeckten Boden fallen.

Tränen standen in Aviendhas Augen. Man musste sich nicht schämen, um wegen dieser Tragödie zu weinen. Sie hatte die Wahrheit gefürchtet, und sie konnte sie nicht länger verneinen.

Das waren seanchanische Angreifer gewesen, die auf Raken ritten. Das Rabenkaiserreich, die Lichtmacher aus ihrer ersten Vision, waren die Seanchaner -, und es hatte sie vor der Mitte des derzeitigen Zeitalters, als Artur Falkenflügels Heere den Ozean überquert hatten, nicht gegeben.

Also sah sie gar nicht die tiefe Vergangenheit ihres Volkes. Sie sah seine Zukunft.

Bei ihrem ersten Aufenthalt zwischen den Säulen hatte sie jeder Schritt zurückgeführt, sie durch die Zeit ins Zeitalter der Legenden gebracht. Anscheinend hatten die Visionen dieses Mal an einem fernen Punkt der Zukunft begonnen und arbeiteten sich nun zu ihrer Zeit zurück; jede Vision sprang eine oder zwei Generationen zurück.

Mit tränenüberströmten Gesicht tat sie den nächsten Schritt.

49

Am Hof der Sonne

Sie war Ladalin, Weise Frau der Taardad Aiel. Wie sehr sie sich doch wünschte, die Macht hätte lenken zu können. Das war ein beschämender Gedanke, sich eine Fähigkeit zu wünschen, die man nun einmal nicht hatte, aber sie konnte es nicht abstreiten.

Sie saß in einem Zelt und verspürte Bedauern. Hätte sie mit der Einen Macht arbeiten können, hätte sie den Verwundeten besser helfen können. Sie wäre jung geblieben, um ihren Clan zu führen, und vielleicht würden ihre Knochen nicht so sehr schmerzen. Wenn es so viel zu tun gab, war das Alter ein ständiger Quell des Ärgers.

Die Zeltwände raschelten, als sich die übrig gebliebenen Clanhäuptlinge setzten. Es war nur eine einzige andere Weise Frau anwesend, Mora von den Goshien Aiel. Sie war ebenfalls keine Machtlenkerin. Die Seanchaner waren besonders entschlossen, wenn es darum ging, sämtliche Aiel – ob Männer oder Frauen – gefangen zu nehmen oder zu töten, die die Eine Macht beherrschten.

Es war eine traurige Gruppe, die sich da im Zelt versammelt hatte. Ein einarmiger junger Soldat trat mit einer warmen Kohlenpfanne ein und stellte sie mitten im Raum ab, dann zog er sich zurück. Ladalins Mutter hatte von den Tagen erzählt, als es für solche Arbeiten noch Gai’schain gegeben hatte. Hatte es wirklich Aiel, Männer oder Töchter, gegeben, die man nicht für den Krieg gegen die Seanchaner gebraucht hatte?

Ladalin beugte sich vor, um die Hände am Feuer zu wärmen; die Finger waren knotig vor Alter. Als junge Frau hatte sie den Speer getragen; das taten die meisten Frauen vor ihrer Hochzeit. Wie konnte eine Frau zurückbleiben, wenn die Seanchaner mit solcher Effektivität Soldatinnen und ihre Damane einsetzten?

Sie hatte Geschichten über die Tage ihrer Mutter und Großmutter gehört, aber sie erschienen einfach unglaublich. Ladalin kannte nur den Krieg. Ihre erste Erinnerung als kleines Mädchen waren die Almoth-Angriffe. Ihre Jugend hatte sie mit ihrer Ausbildung verbracht. Sie hatte in den Schlachten gekämpft, die sich um das Land konzentriert hatten, das als Tear bekannt gewesen war.

Ladalin hatte geheiratet und Kinder großgezogen, aber jeden Atemzug auf den Konflikt konzentriert. Aiel oder Seanchaner. Beiden war klar, dass am Ende nur einer von ihnen übrig bleiben würde.

Und es hatte immer mehr den Anschein, als würden die Aiel diejenigen sein, die man zurückzwang. Das war noch ein anderer Unterschied zwischen ihrer Zeit und der Zeit ihrer Mutter. Ihre Mutter hatte nie vom Versagen gesprochen; Ladalins Lebensspanne war voller Meilensteine des Rückzugs und der Nachhutgefechte.