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Die anderen schienen in ihre Gedanken versunken zu sein. Drei Clanhäuptlinge und zwei Weise Frauen. Sie waren alles, was von dem Rat der Zweiundzwanzig noch übrig war. Hochlandwind drang durch den Zelteingang und streifte kalt ihren Rücken. Tamaav traf als Letzter ein. Er sah so alt aus, wie sie sich fühlte, sein Gesicht war voller Narben, und das linke Auge hatte er in der Schlacht verloren. Er setzte sich auf den Stein. Die Aiel trugen keine Teppiche oder Kissen mehr mit sich. Allein die lebensnotwendigen Dinge konnten transportiert werden.

»Die Weiße Burg ist gefallen«, sagte er. »Meine Späher haben mich vor nicht einmal einer Stunde darüber informiert. Ich vertraue ihren Worten.« Er war immer ein geradliniger Mann gewesen und ein guter Freund ihres Gemahls, der vergangenes Jahr gefallen war.

»Damit schwindet unsere letzte Hoffnung«, sagte Takai, der jüngste der Clanhäuptlinge. Er war der dritte Häuptling der Miagoma in genauso vielen Jahren.

»Sagt das nicht«, erwiderte Ladalin. »Es gibt immer Hoffnung. «

»Sie haben uns den ganzen Weg zu diesen verfluchten Bergen zurückgedrängt«, sagte Takai. »Die Shiande und Daryne gibt es nicht mehr. Damit bleiben nur fünf Clans, und von denen ist einer gebrochen und in alle Winde verstreut. Wir sind geschlagen, Ladalin.«

Tamaav seufzte. In anderen Zeiten hätte sie ihm einen Brautkranz zu Füßen gelegt – und ein paar Jahre früher. Ihr Clan brauchte einen Häuptling. Ihr Sohn glaubte noch immer, diese Stellung zu bekommen, aber nachdem die Seanchaner erst kürzlich Rhuidean erobert hatten, waren sich die Clans unsicher, wie sie die neuen Anführer erwählen sollten.

»Wir müssen uns in das Dreifache Land zurückziehen«, sagte Mora mit ihrer leisen matronenhaften Stimme. »Und Buße für unsere Sünden finden.«

»Welche Sünden?«, fauchte Takai.

»Der Drache wollte den Frieden«, erwiderte sie.

»Der Drache ließ uns im Stich!«, rief Takai. »Ich weigere mich, der Erinnerung an einen Mann zu folgen, den meine Großväter kaum kannten. Wir haben keinen Eid geleistet, seinem albernen Pakt zu folgen. Wir …«

»Frieden, Takai«, sagte Jorshem. Der letzte der drei Clanhäuptlinge war ein kleiner falkengesichtiger Mann mit einer Spur andoranischem Blut in seinen Adern großväterlicherseits. »Jetzt kann uns nur noch das Dreifache Land Hoffnung spenden. Der Krieg gegen die Raben ist verloren.«

Im Zelt kehrte Stille ein.

»Sie sagten ja, sie würden uns jagen«, bemerkte Takai. »Als sie unsere Kapitulation verlangten, da warnten sie uns vor jedem Rückzug. Das wisst ihr. Sie sagten, sie würden jeden Ort vernichten, an dem sich auch nur drei Aiel versammeln.«

»Wir ergeben uns nicht«, sagte Ladalin energisch. Energischer, als sie sich fühlte, wenn sie ehrlich war.

»Eine Kapitulation würde uns zu Gai’schain machen«, sagt Tamaav. Das Wort bezeichnete jemanden ohne Ehre, obwohl das bei Ladalins Mutter noch anders gewesen war. »Ladalin. Wie lautet Euer Rat?«

Die anderen vier sahen sie an. Sie entstammte dem Geschlecht des Drachen, war eine der letzten Überlebenden. Die anderen drei Linien waren ausgerottet.

»Wenn wir die Sklaven der Seanchaner werden, wird es die Aiel als Volk nicht mehr geben«, sagte sie. »Wir können nicht gewinnen, also müssen wir uns zurückziehen. Wir kehren ins Dreifache Land zurück und gewinnen neue Kräfte. Vielleicht können unsere Kinder da kämpfen, wo wir es nicht können.«

Wieder kehrte Schweigen ein. Sie alle wussten, dass ihre Worte bestenfalls optimistisch waren. Nach Jahrzehnten des Krieges gab es nur noch einen Bruchteil der Aiel, die es einst gegeben hatte.

Seanchanische Machtlenker waren brutal in ihrer Effizienz. Obwohl die Weisen Frauen und die Drachenblütigen in der Schlacht mit der Einen Macht gekämpft hatten, hatte das nicht gereicht. Diese verfluchten A’dam! Jeder Machtlenker, den die Aiel durch Gefangennahme verloren, wurde am Ende gegen sie eingesetzt.

Der wirkliche Wendepunkt des Krieges war der Kriegseintritt der anderen Nationen gewesen. Danach hatten die Seanchaner die Feuchtländer vereinnahmen und mehr Machtlenker aus ihren Rängen ausmerzen können. Die Raben waren unaufhaltsam; nachdem nun auch Tar Valon gefallen war, war jedes Reich der Feuchtländer Untertan der Seanchaner. Allein die Schwarze Burg kämpfte noch, obwohl es die Asha’man im Geheimen taten, da ihre Festung schon vor vielen Jahren gefallen war.

Aiel konnten nicht im Geheimen kämpfen. Darin lag keine Ehre. Obwohl, was spielte Ehre jetzt noch für eine Rolle? Nachdem die Toten längst Hunderttausende zählten? Nach dem Brand von Cairhien und der Säuberung von Illian? Seit zwanzig Jahren hatten die Seanchaner die andoranischen Kriegsmaschinen. Seit Jahrzehnten erlitten die Aiel eine Niederlage nach der anderen; es war ein Testament ihrer Hartnäckigkeit, dass sie so lange durchgehalten hatten.

»Das ist allein sein Fehler«, sagte Takai noch immer mürrisch. »Der Car’a’carn hätte uns zum Ruhm führen können, aber er ließ uns im Stich.«

»Sein Fehler?«, wiederholte Ladalin und begriff vielleicht zum allerersten Mal, warum dieser Aussage falsch war. »Nein. Aiel sind für sich selbst verantwortlich. Das ist unsere Schuld und nicht die meines fernen Großvaters. Wir haben vergessen, wer wir sind. Wir haben keine Ehre.«

»Man hat uns unsere Ehre genommen«, erwiderte Takai und stand seufzend auf. »Das Volk des Drachen, in der Tat. Was hat man davon, sein Volk zu sein? Wir wurden zum Speer gemacht, sagt die Legende, geschmiedet im Dreifachen Land. Er benutzte uns, dann warf er uns weg. Was soll ein weggeworfener Speer anderes tun, als in den Krieg zu ziehen?«

Was sollte er in der Tat tun?, dachte Ladalin. Der Drache hatte den Frieden verlangt und geglaubt, dass das den Aiel den Frieden brachte. Aber wie sollten sie glücklich sein, solange die vom Licht verfluchten Seanchaner im Land waren? Ihr Hass auf die Invasoren saß tief.

Vielleicht hatte dieser Hass die Aiel vernichtet. Sie lauschte dem heulenden Wind, als Takai das Zelt verließ. Morgen würden die Aiel ins Dreifache Land zurückkehren. Wenn sie den Frieden nicht akzeptieren konnten, musste man ihn ihnen wohl aufzwingen.

Aviendha machte den nächsten Schritt. Sie hatte fast das Zentrum der Säulen erreicht, und überall um sie herum blitzte Licht auf.

Ihre Tränen liefen nun ungehemmt. Sie kam sich wie ein Kind vor. Ladalin zu sein war am Schlimmsten von allen gewesen, denn in ihr hatte Aviendha Spuren von wahrem Aieltum entdeckt, aber es war verdorben gewesen, als hätte man es zu blankem Spott und Hohn gemacht. Die Frau hatte an den Krieg gedacht und ihn mit Ehre in Verbindung gebracht, hatte aber nicht begriffen, was Ehre eigentlich war. Keine Gai’schain? Rückzug? Toh war nicht erwähnt worden. Das war ein Kampf, der jeglichen Sinn verloren hatte.

Warum kämpfen? Für Ladalin war es um den Hass auf die Seanchaner gegangen. Es herrschte Krieg, weil immer Krieg geherrscht hatte.

Wie nur? Wie hatte das den Aiel passieren können?

Aviendha tat den nächsten Schritt.

Sie war Oncala, eine Tochter des Speers. Irgendwann würde sie den Speer abgeben und heiraten, genauso wie es ihre Mutter getan hatte und die Mutter ihrer Mutter davor. Aber jetzt war die Zeit zum Kämpfen gekommen.

Sie ging durch die Straßen von Caemlyn, und ihre Nächst-Schwester trug das Banner des Drachen, um ihre Linie zu verkünden. Neben Oncala ging der Mann, für den sie vermutlich ihre Speere abgeben würde. Hehyal, Morgendämmerungsläufer, hatte mehr Seanchaner getötet als sonst jemand in seiner Gemeinschaft und viel li errungen. Er hatte letztes Jahr die Erlaubnis erhalten, nach Rhuidean zu reisen, um Clanhäuptling zu werden.