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Rhuidean. Die Stadt wurde von den Seanchanern belagert. Oncala verzog höhnisch das Gesicht. Seanchaner hatten keine Ehre. Man hatte ihnen mitgeteilt, dass Rhuidean ein Ort des Friedens war. Die Aiel griffen den Palast in Ebou Dar nicht an. Die Seanchaner sollten Rhuidean nicht angreifen.

Sie waren Eidechsen. Es war eine Quelle ständigen Ärgers, dass die Schlachtlinien nach Jahrzehnten des Krieges beinahe noch genauso waren wie damals, als ihr Großvater zum Shayol Ghul gegangen war.

Sie und Hehyal wurden von zweitausend Speeren als Ehrenwache begleitet. Königin Talana wusste von ihrem Kommen, also standen die weißen Palasttore von Andor offen.

Hehyal gab fünfzig vorher ausgesuchten Speeren das Zeichen, sie in die prächtigen Gänge zu begleiten. Im Palast herrschte Opulenz. Jeder Wandteppich, jede Vase und jeder goldene Bilderrahmen schien Oncala beleidigen zu wollen. Vierzig Jahre Krieg, und Andor war unberührt. Es war völlig sicher und sonnte sich im Schutz seiner Aielverteidiger.

Nun, Andor würde sehen, was es davon hatte. Die Aiel waren durch ihren Kampf stärker geworden. Einst war ihre Tapferkeit legendär gewesen. Jetzt war sie noch größer! Wenn die Aiel die Seanchaner vernichtet hatten, würde die Welt erkennen, was die Aiel gelernt hatten. Die Feuchtländerherrscher würden sich wünschen, großzügiger gewesen zu sein.

Die Türen zum Thronsaal standen offen; Oncala und Hehyal traten ein und ließen ihre Eskorte zurück. Auch hier gab es das Drachenbanner, eine Erinnerung, dass das königliche Geschlecht von Andor ebenfalls die Blutlinie des Car’a’carn trug. Noch ein Grund mehr für Oncala, sie zu hassen. Der andoranische Adel hielt sich ihr für ebenbürtig.

Königin Talana war eine Frau mittleren Alters mit glänzendem rotem Haar. Nicht besonders hübsch, aber sehr majestätisch. Sie unterhielt sich leise mit einem ihrer Berater, dann bedeutete sie den Aiel zu warten. Eine Beleidigung, ganz bewusst. Oncala schäumte innerlich.

Schließlich rief man sie an den Löwenthron heran. Talanas Bruder, ihr Beschützer, stand in Hofkleidung – Weste und Mantel – hinter ihr, die Hand auf dem Schwertgriff. Oncala hätte ihn töten können, ohne dabei auch nur ins Schwitzen zu geraten.

»Ah«, sagte Königin Talana. »Wieder die Tardaad Aiel. Ihr tragt noch immer den Speer, Oncala?«

Oncala verschränkte die Arme, enthielt sich aber jeder Bemerkung. Sie wusste, dass sie nicht gut mit Leuten umgehen konnte. Wenn sie sprach, kam es viel zu häufig zu Beleidigungen. Es war besser, dem Clanhäuptling den Vortritt zu lassen.

»Ich nehme an, Ihr seid hier, um wieder um Hilfe zu bitten«, sagte Talana.

Hehyal errötete, und einen Augenblick lang wünschte sich Oncala, sie hätte ihren Speer nicht draußen gelassen.

»Wir haben etwas für Euch«, sagte Hehyal, zog einen Lederbeutel hervor und gab ihn einem der Gardisten. Der Mann öffnete ihn und inspizierte die darin enthaltenen Papiere. Eine weitere Beleidigung. Musste man sie wie Attentäter behandeln? Oncala mochte die Königin nicht, das stimmte wohl, aber ihre Familie und Talanas waren wegen ihrer Großmütter, die Erstschwestern gewesen waren, einander zur Treue verschworen.

Der Soldat übergab der Königin die Papiere. Talana las sie, und ihre Miene wurde immer besorgter und nachdenklicher.

Wie die meisten Herrscher unter dem Drachenfrieden sorgte sich auch Talana wegen der Seanchaner. Die Techniken und das Geschick des Rabenkaiserreichs, die Eine Macht zu formen, wurden ständig besser. Die Aiel hatten sie für den Augenblick zu einem Unentschieden gezwungen. Was würde passieren, sollten die Seanchaner siegen? Würden sie an ihren Eiden festhalten?

Wie weit konnte man den Seanchanern vertrauen? Hehyals Agenten hatten im Verlauf des letzten Jahrzehnts viel Zeit dafür aufgewandt, genau diese Frage an den einflussreichen Höfen der Welt in Umlauf zu bringen. Er war ein weiser Mann. Schon vor seinem Aufstieg zum Häuptling hatte er erkannt, dass dieser Krieg nicht allein von den Aiel gewonnen werden konnte. Sie brauchten diese weichen Feuchtländer.

Was der letzte Grund dafür war, warum Oncala sie so sehr hasste.

»Wo habt Ihr die her?«, fragte Talana.

»Aus dem seanchanischen Palast«, sagte Hehyal. »Sie hätten Rhuidean nicht angreifen dürfen. Der Ehre zufolge erlaubt uns das eine Antwort – obwohl unser Angriff verstohlen war, um diese Papiere in die Hand zu bekommen. Ich ahnte schon längere Zeit, wo sie aufbewahrt wurden, und allein der Gedanke an meine Ehre hielt mich davon ab, nicht in den geheiligten Palast der Seanchaner einzudringen.«

Talanas Miene versteinerte. »Ihr seid von ihrer Echtheit überzeugt?«

»Zweifelt Ihr daran?«, fragte Hehyal.

Königin Talana schüttelte den Kopf. Sie sah beunruhigt aus. Sie wusste, dass Aiel nicht logen.

»Wir waren geduldig mit Euch«, sagte Hehyal. »Wir sind zu Euch gekommen und haben erklärt, was geschehen wird, wenn wir die Seanchaner nicht abwehren können.«

»Der Drachenfriede …«

»Was kümmert sie der Drache?«, wollte Hehyal wissen. »Sie sind Invasoren, die ihn zwangen, sich ihrer Kaiserin zu beugen. Man betrachtet sie als höherrangig. Sie werden keine Versprechen halten, die sie jemandem gegeben haben, der unter ihnen steht.«

Königin Talana schaute wieder nach unten. Die Dokumente waren seanchanische Pläne für den Angriff auf Andor, zusammen mit einem genau ausgearbeiteten Plan für die Ermordung der Königin. Darunter standen ähnliche Pläne für die Herrscher von Tear, den Zwei Flüssen und Illian.

»Ich brauche Zeit, um das mit meinen Beratern zu besprechen«, verkündete Talana.

Wir haben sie, dachte Oncala und lächelte. Sie wusste bereits, wie die Antwort der Königin aussehen würde. Der Trick hatte darin bestanden, sie dazu zu bringen, über eine mögliche Reaktion nachzudenken.

Hehyal nickte, und die beiden zogen sich zurück. Oncala musste sich beherrschen, keinen Triumphschrei auszustoßen. Wenn sich Andor am Krieg beteiligte, würden die anderen Nationen ihm folgen, insbesondere jene, die den Pakt des Greifen bildeten und die vom Hof der Sonne. Sie schauten genauso zu der andoranischen Königin auf wie die anderen Aielclans zu Oncala. Das Blut Rand al’Thors hatte viel Gewicht.

»Ist das richtig?«, fragte Hehyal unterwegs; ihre Speere umgaben sie, um neugierige Ohren fernzuhalten. Oncala sah ihn überrascht an. »Es war dein Plan.«

Er nickte stirnrunzelnd.

Nichts von dem, was er der Königin gesagt hatte, war die Unwahrheit gewesen. Ihre Ehre war unbeschmutzt. Allerdings hatte Hehyal eine der von ihnen entdeckten Seiten unterschlagen. Die mit der Erklärung, dass die folgenden Pläne für den Eventualfall gedacht waren.

Die Beschreibungen von Andors Streitkräften, Vorschläge für den Einsatz von Wegetoren und Drachen bei einem Angriff auf Caemlyn, der Plan für das Attentat auf Königin Talana – das alles war nur für den Fall entwickelt worden, dass Andor in den Krieg eingriff. Sie waren als Präventivstudie eines potenziellen Feindes gedacht gewesen, und keineswegs als tatsächlicher Angriffsplan.

Aber das war buchstäblich das Gleiche. Die Seanchaner waren Schlangen. Irgendwann würden sie sich Andor nehmen, und zu diesem Zeitpunkt würden die Aiel vielleicht nicht mehr helfen können. Sollte dieser Krieg schlecht verlaufen, würde ihr Volk ins Dreifache Land gehen und die närrischen Feuchtländer den Eroberern überlassen. Die Seanchaner würden erleben, dass es unmöglich war, die Aiel in ihrer Heimat zu bekämpfen.

Es war viel besser, wenn Königin Talana jetzt in den Krieg eingriff. Und es war nur zu ihrem Besten, wenn sie diese fehlende Seite niemals zu Gesicht bekam.

»Es ist vollbracht«, sagte Hehyal. »Der Augenblick ist vorbei, etwas infrage zu stellen.«

Oncala nickte. Die Seanchaner würden fallen, und die Aiel würden den ihnen zustehenden Platz einnehmen. Das Blut des Wiedergeborenen Drachen floss in ihren Adern. Sie verdienten es zu herrschen.