War das alles hier erst einmal vorbei, würde nicht das Rabenkaiserreich aufsteigen, sondern das Drachenkaiserreich.
»Ich will nicht weitergehen«, sagte Aviendha zu dem leeren Glaswald.
Die Brise war eingeschlafen. Ihre Bemerkung stieß auf Schweigen. Ihre Tränen hatten den Staub zu ihren Füßen wie Regentropfen benetzt.
»Diese … Kreatur hatte keine Ehre«, sagte sie. »Sie hat uns zerstört.«
Das Schlimmste daran war, dass die Frau – Oncala – an die Mutter ihrer Mutter gedacht hatte. Ihre Großmutter. In Oncalas Gedanken war mit diesem Begriff ein Gesicht verknüpft gewesen. Aviendha hatte es erkannt.
Es war ihr Gesicht.
Mit gesenktem Kopf schloss sie die Augen und betrat die Mitte der strahlenden Säulen.
Sie war Padra, die Tochter des Wiedergeborenen Drachen, eine stolze Tochter des Speers. Sie riss ihre Waffe aus dem Hals eines sterbenden Seanchaners, dann sah sie zu, wie der Rest von ihnen durch ihr Wegetor floh.
Das Licht verfluche diejenige, die den Seanchanern das Reisen beigebracht hat, dachte Padra. Auch wenn ihre Gewebe nicht besonders elegant sind.
Sie war der Überzeugung, dass keine lebende Person die Eine Macht so gut verstand wie sie und ihre Geschwister. Schon als Kind hatte sie weben können, und ihre Brüder und Schwestern waren genauso. Für sie war das ganz natürlich, und verglichen mit ihnen erschienen alle anderen Machtlenker unbeholfen.
Sie achtete stets darauf, das nicht laut auszusprechen. Aes Sedai und Weise Frauen wurden nicht gern an ihre Unzulänglichkeiten erinnert. Dennoch stimmte es.
Padra gesellte sich zu ihren Speerschwestern. Sie ließen eine von ihnen tot zurück, und Padra trauerte um sie. Tarra von den Taardad Aiel. Sie würde nicht in Vergessenheit geraten. Aber die Ehre war ihre, denn sie hatten acht seanchanische Soldaten getötet.
Padra webte ein Wegetor – bei ihr geschah das so schnell, wie sie denken konnte. Sie hielt die Eine Macht ständig umarmt, selbst im Schlaf. Sie hatte nie erlebt, wie es wohl war, diese tröstende rasende Macht nicht im Hinterkopf zu spüren. Andere fürchteten angeblich, von ihr verschlungen zu werden, aber wie konnte das möglich sein? Saidar war ein Teil von ihr, wie ihr Arm oder ihr Bein. Wie konnte man von seinem eigenen Fleisch, Knochen und Blut verschlungen werden?
Das Tor führte in ein Aiel-Lager in dem Land namens Arad Doman. Das Lager war keine Stadt; Aiel kannten keine Städte. Aber es war ein sehr großes Lager, und es war seit einem Jahrzehnt nicht mehr verlegt worden. Padra ging durch das Gras, und Aiel im Cadin’sor zeigten ihre Ehrerbietung. Padra und ihre Geschwister waren als Kinder des Drachen für die Aiel… etwas Besonderes geworden.
Keine Lords – dieses Konzept bereitete ihr Übelkeit. Aber sie war mehr als eine gewöhnliche Algai’d’siswai. Die Clanhäuptlinge fragten sie und ihre Geschwister um Rat, und die Weisen Frauen hatten ein besonderes Interesse an ihnen. Sie erlaubten ihr die Macht zu lenken, obwohl sie keine von ihnen war. Sie konnte genauso wenig aufhören die Macht zu lenken, wie sie zu atmen hätte aufhören können.
Sie entließ ihre Speerschwestern, dann ging sie direkt zu Ronams Zelt. Der Clanhäuptling – der Sohn von Rhuarc – würde ihren Bericht hören wollen. Sie trat ein und sah überrascht, dass Ronam Gesellschaft hatte. Eine Gruppe von Männern saß auf dem Teppich; jeder Einzelne von ihnen war Clanhäuptling. Ihre Geschwister saßen ebenfalls da.
»Ah, Padra«, sagte Ronam. »Ihr seid zurückgekehrt.«
»Ich kann ein anderes Mal vorbeikommen, Ronam.«
»Nein, man wollte Euch bei diesem Treffen dabeihaben. Setzt Euch und teilt meinen Schatten.«
Padra neigte den Kopf für diese Ehre, die er ihr gewährte. Sie setzte sich zwischen Alarch und Janduin, ihre Brüder. Obwohl die vier Geschwister Vierlinge waren, ähnelten sie einander überhaupt nicht. Alarch kam mehr nach ihrer Feuchtländerseite und hatte dunkles Haar. Janduin war blond und hochgewachsen. Neben ihm saß ihre Schwester Marinna, die von kleiner Statur mit einem runden Gesicht war.
»Ich sollte wohl berichten«, sagte Padra zu Ronam, »dass die seanchanische Patrouille genau dort war, wo wir vermuteten. Wir griffen sie an.«
Das rief unbehagliches Gemurmel hervor.
»Es verstößt nicht gegen den Drachenfrieden, wenn sie Arad Doman betreten«, sagte Tavalad, Clanhäuptling der Goshien Aiel.
»Und es ist nicht falsch, wenn wir sie töten, falls sie zu nahe kommen, Clanhäuptling«, erwiderte Padra. »Die Aiel sind nicht an den Drachenfrieden gebunden. Falls die Seanchaner das Risiko eingehen wollen, unser Lager auszuspionieren, dann müssen sie eben lernen, dass es ein Risiko ist.«
Die Bemerkung ließ mehrere der anderen nicken – mehr als sie erwartet hätte. Sie sah Janduin an, und er hob eine Braue. Verstohlen hob sie zwei Finger. Zwei Seanchaner, die ihrem Speer zum Opfer gefallen waren. Sie hätte sie gern gefangen genommen, aber Seanchaner hatten es nicht verdient, Gai’schain zu werden. Davon abgesehen waren es schreckliche Gefangene. Besser, ihnen die Schande zu ersparen und sie sterben zu lassen.
»Wir sollten sagen, weshalb wir gekommen sind«, sagte Alalved, der Häuptling der Tomanelle Aiel. Padra führte eine schnelle Zählung durch. Alle elf Häuptlinge waren da, jene eingeschlossen, die Blutfehden miteinander führten. So ein Treffen hatte es schon seit Jahren nicht mehr gegeben, nicht seit sich ihr Vater auf die Letzte Schlacht vorbereitet hatte.
»Und was wollen wir sagen?«, fragte einer der anderen.
Alalved schüttelte den Kopf. »Die Speere werden unruhig. Die Aiel sind nicht dazu gemacht, in üppigen Ländern fett zu werden und Getreide zu züchten. Wir sind Krieger.«
»Der Drache bat um Frieden«, sagte Tavalad.
»Der Drache bat andere um Frieden«, erwiderte Alalved. »Er nahm die Aiel aus.«
»Das ist wahr«, sagte Darvin, der Häuptling der Reyn.
»Kehren wir wieder dazu zurück, uns gegenseitig zu überfallen, nachdem wir unsere Blutfehden all die Jahre ausgesetzt haben?«, fragte Ronam leise. Er war ein ausgezeichneter Clanhäuptling, genau wie Rhuarc einer gewesen war. Weise, ohne sich vor einer Schlacht zu fürchten.
»Wo läge darin der Sinn?«, fragte Shedren, der Häuptling der Daryne Aiel.
Andere nickten. Aber das brachte ein größeres Problem in den Vordergrund, eines, von dem ihre Mutter oft gesprochen hatte. Was bedeutete es, Aiel zu sein, j etzt nachdem ihre Pflicht der Vergangenheit gegenüber erfüllt war und sie ihr Toh als Volk gereinigt hatten?
»Wie lange können wir warten, obwohl wir wissen, dass sie Aielfrauen mit ihren Kragen gefangen halten?«, wollte Alalved wissen. »Es sind Jahre vergangen, und sie lehnen noch immer sämtliche Angebote ab, mit uns zu verhandeln oder mit Lösegeld bezahlt zu werden! Sie erwidern unsere Höflichkeit mit Beleidigungen und Unverschämtheit.«
»Wir sind nicht dazu bestimmt zu bitten«, sagte der alte Bruan. »Bald werden die Aiel zu milchgefütterten Feuchtländern.«
Alle nickten bei seinen Worten. Der weise Bruan hatte die Letzte Schlacht überlebt.
»Wenn die seanchanische Kaiserin doch bloß…« Ronam schüttelte den Kopf, und Padra wusste, was er dachte. Die alte Kaiserin, die, die während der Tage der Letzten Schlacht geherrscht hatte, war von Ronams Vater als Frau von Ehre betrachtet worden. Angeblich war man mit ihr fast zu einer Übereinkunft gekommen. Aber seit ihrer Herrschaft waren viele Jahre vergangen.
»Trotzdem treffen die Speere aufeinander«, fuhr Ronam fort. »Unsere Leute kämpfen, wenn sie einander begegnen. Das ist unsere Natur. Wenn die Seanchaner keinen Vernunftgründen aufgeschlossen sind, welchen Grund haben wir dann, sie in Ruhe zu lassen?«
»Dieser Drachenfrieden wird sowieso nicht lange halten«, meinte Alalved. »Scharmützel zwischen den Nationen sind an der Tagesordnung, auch wenn keiner davon spricht. Der Car’a’carn verlangte Versprechen von den Monarchen, aber das wird nicht durchgesetzt. Man kann viele Feuchtländer nicht bei ihrem Wort nehmen, und ich sorge mich, dass die Seanchaner sie verschlingen, während sie sich miteinander balgen.«