Wieder nickten viele. Nur Darvin und Tavalad erschienen nicht überzeugt.
Padra hielt den Atem an. Sie hatten gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Die Scharmützel mit den Seanchanern, die Unruhe der Clans. Von diesem Tag hatte sie geträumt, ihn aber auch gefürchtet. Ihre Mutter hatte in der Schlacht großes li errungen. Sie selbst hatte so wenige Gelegenheiten gehabt, sich zu beweisen.
Ein Krieg mit den Seanchanern … die Aussicht belebte sie. Aber sie würde auch so viel Tod bringen.
»Was sagen die Kinder des Drachen?«, fragte Ronam und sah die vier Geschwister an.
Es erschien immer noch seltsam, dass diese Älteren zu ihr aufschauten. Sie berührte das tröstliche, in ihrem Hinterkopf ruhende Saidar und zog Kraft daraus. Was würde sie nur ohne es tun?
»Ich sage, wir müssen unsere Leute zurückholen, die die Seanchaner gefangen halten«, meldete sich Marinna zu Wort. Sie befand sich in der Ausbildung zur Weisen Frau.
Alarch schien unsicher und blickte zu Janduin. Alarch verließ sich oft auf seinen Bruder.
»Die Aiel müssen einen Lebensinhalt haben«, sagte Janduin nickend. »Im Augenblick sind wir nutzlos, und wir haben nicht versprochen, sie nicht anzugreifen. Es ist ein Zeugnis unserer Geduld und dem Respekt meinem Vater gegenüber, dass wir so lange gewartet haben.«
Blicke richteten sich auf Padra. »Sie sind unsere Feinde«, sagte sie.
Ein Mann nach dem anderen im Raum nickte. Es erschien so banal, die Jahre des Wartens auf diese Weise zu beenden. »Geht zu euren Clans.« Ronam stand auf. »Bereitet sie vor.«
Padra blieb sitzen, während sich die anderen verabschiedeten, einige ernst, andere aufgeregt. Siebzehn Jahre ohne Schlacht waren einfach zu lange für die Aiel gewesen.
Bald war das Zelt bis auf Padra leer. Sie wartete und starrte den Teppich an. Krieg. Sie verspürte Aufregung, aber ein anderer Teil von ihr war ernst. Sie fühlte sich, als hätte sie die Clans auf einen Weg gebracht, der sie für alle Zeiten verändern würde.
»Padra?«, fragte da eine Stimme.
Sie schaute auf und sah Ronam im Zelteingang stehen. Errötend stand sie auf. Obwohl er zehn Jahre älter als sie war, war er doch recht ansehnlich. Natürlich würde sie niemals den Speer aufgeben, aber hätte sie es getan …
»Ihr erscheint besorgt«, sagte er.
»Ich habe nur nachgedacht.«
»Über die Seanchaner?«
»Über meinen Vater«, erwiderte sie.
»Ah.« Ronam nickte. »Ich erinnere mich, als er das erste Mal in die Kaltfelsenfestung kam. Ich war so jung.«
»Welchen Eindruck hattet Ihr von ihm?«
»Er war ein beeindruckender Mann«, sagte Ronam.
»Sonst nichts?«
Er schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Padra, aber ich habe nicht viel Zeit mit ihm verbracht. Mein Weg führte mich in eine andere Richtung. Aber ich habe von meinem Vater… Dinge gehört.«
Sie legte den Kopf schief.
Ronam drehte sich um und schaute aus dem offenen Zelteingang auf das grüne Gras hinaus. »Mein Vater bezeichnete Rand al’Thor als klugen Mann und großen Führer, aber auch als jemanden, der nicht wusste, was er mit den Aiel anfangen sollte. Ich erinnere mich daran, wie er sagte, dass der Car’a ‘carn bei seinen Besuchen nie wie einer von uns erschien. Als hätten wir ihm Unbehagen bereitet.« Ronam schüttelte den Kopf. »Für jeden anderen war etwas geplant, aber die Aiel wurden ziellos zurückgelassen.«
»Manche sagen, wir hätten ins Dreifache Land zurückkehren sollen.«
»Nein«, sagte Ronam. »Nein, das hätte uns zerstört. Unsere Väter wussten nichts über Dampfpferde oder Drachenrohre. Wären die Aiel in die Wüste zurückgekehrt, wären wir irrelevant geworden. Die Welt hätte uns überholt, und als Volk wären wir verschwunden.«
»Aber Krieg?«, sagte Padra. »Ist das richtig?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Ronam. »Wir sind Aiel. Es ist das, worüber wir Bescheid wissen.«
Padra nickte und fühlte sich sicherer.
Die Aiel würden wieder in den Krieg ziehen. Und darin würde viel Ehre liegen.
Aviendha blinzelte. Der Himmel war dunkel.
Sie war erschöpft. Ihr Kopf war leer, ihr Herz weit offen – als hätte es mit jedem Schlag Stärke ausgeblutet. Sie setzte sich in der Mitte der verglimmenden Säulen auf den Boden. Ihre … Kinder. Sie erinnerte sich von ihrem ersten Besuch in Rhuidean an ihre Gesichter. Das hatte sie nicht gesehen. Zumindest erinnerte sie sich nicht mehr daran.
»Ist das vorherbestimmt?«, fragte sie. »Können wir das ändern?«
Natürlich gab es keine Antwort.
Ihre Tränen waren getrocknet. Wie reagierte man, wenn man die völlige Vernichtung, nein, den völligen Verfall seines Volkes sah? Den Menschen war jeder Schritt, den sie machten, logisch erschienen. Aber jeder davon hatte die Aiel ihrem Ende näher gebracht.
Sollte jemand so schreckliche Visionen sehen müssen? Sie wünschte sich, den Säulenwald nicht noch einmal betreten zu haben. Trug sie die Schuld für die zukünftigen Ereignisse? Es war ihr Geschlecht, das ihrem Volk den Untergang bringen würde.
Das ähnelte überhaupt nicht den Geschehnissen, die sie bei ihrem ersten Besuch in Rhuidean beim Durchgang durch die Ringe gesehen hatte. Das waren Möglichkeiten gewesen. Die heutigen Visionen erschienen viel realer. Fast war sie sich sicher, dass ihre Erlebnisse nicht einfach nur eine von vielen Möglichkeiten gewesen waren. Was sie gesehen hatte, würde geschehen. Schritt für Schritt nahm man ihrem Volk die Ehre. Schritt für Schritt wandelten sich die Aiel von stolz zu kläglich.
Da musste es noch mehr geben. Wütend stand sie auf und machte einen Schritt. Nichts geschah. Sie ging den ganzen Weg bis zum Rand der Säulen, dann drehte sie sich zornig um.
»Zeigt mir mehr«, verlangte sie. »Zeigt mir, was ich tat, um das zu verursachen! Es ist meine Linie, die uns den Ruin brachte! Welche Rolle spiele ich dabei?«
Sie trat wieder zwischen die Säulen.
Nichts. Sie erschienen tot. Sie berührte eine von ihnen, aber da war kein Leben. Kein Summen, kein Gefühl von Macht. Sie schloss die Augen und drückte eine weitere Träne aus den Augenwinkeln. Die Tränen rannen ihr Gesicht hinunter und hinterließen Bahnen kalter Feuchtigkeit auf ihren Wangen.
»Kann ich das ändern?«, fragte sie.
Wenn ich es nicht kann, wird mich das davon abhalten, es zu versuchen?
Die Antwort war einfach. Nein. Sie konnte nicht leben, ohne zu versuchen, dieses Schicksal zu verhindern. Die Suche nach Wissen hatte sie nach Rhuidean geführt. Nun, sie hatte es erhalten. Viel mehr, als sie gewollt hatte.
Sie öffnete die Augen und biss die Zähne zusammen. Aiel übernahmen Verantwortung. Aiel kämpften. Aiel standen für Ehre. Wenn sie die Einzige war, die ihre schreckliche Zukunft kannte, dann war es als Weise Frau ihre Pflicht zu handeln. Sie würde ihr Volk retten.
Sie verließ die Säulen, dann rannte sie los. Sie musste zurückkehren und sich mit den anderen Weisen Frauen beraten. Aber zuerst brauchte sie Ruhe, in der Weite des Dreifachen Landes. Zeit, um nachzudenken.
50
Die Wahl der Feinde
Elayne saß, die Hände nervös im Schoß gefaltet, auf ihrem Thron und lauschte dem Donnern in der Ferne. Sie hatte absichtlich den Thronsaal gewählt statt ein weniger formelles Audienzgemach. Heute musste man sie als Königin sehen.
Der Thronsaal mit seinen majestätischen Säulen und verschwenderischen Verzierungen war beeindruckend. An jeder Seite des Raumes gab es Zweierreihen goldener Kandelaber, die nur von den Säulen unterbrochen wurden. Davor standen Gardesoldaten in Weiß und Rot mit funkelnden Harnischen. Zu den Marmorsäulen passte der dicke scharlachrote Teppich, in dessen Mitte der Löwe von Andor in Gold eingewebt war. Er führte direkt zu Elayne, die die Rosenkrone trug. Ihr Gewand entsprach der traditionellen Mode und nicht der zur Zeit am Hof favorisierten; die Ärmel waren weit geschnitten und endeten in goldbesticktem Spitzentuch unter ihrer Hand.