Dieses Muster fand im Oberteil seine Entsprechung, das hoch genug reichte, um der Schicklichkeit Genüge zu tun, aber immer noch tief genug war, um alle zu erinnern, dass Elayne eine Frau war. Die noch immer unverheiratet war. Ihre Mutter hatte ganz zu Anfang ihrer Herrschaft einen Mann aus Cairhien geheiratet. Andere mochten sich fragen, ob Elayne das Gleiche tun würde, um ihre Macht dort zu festigen.
Wieder donnerte es in der Ferne. Der Lärm der abgefeuerten Drachen wurde langsam vertraut. Kein richtiger Donnerschlag – tiefer, regelmäßiger.
Elayne war beigebracht worden, ihre Nervosität zu verbergen. Zuerst von ihren Lehrern, dann von den Aes Sedai. Was auch immer manche Leute denken mochten, Elayne Trakand konnte ihr Temperament zügeln, wenn das nötig war. Sie ließ die Hände im Schoß liegen und zwang sich zur Ruhe. Nervosität zu zeigen würde viel schlimmer sein als Zorn.
Dyelin saß neben dem Thron auf einem Stuhl. Die stattliche Frau trug ihr blondes Haar offen, und sie arbeitete ruhig an einer auf einem Reifen aufgespannten Stickerei. Dyelin behauptete, das würde sie entspannen, so hatten ihre Hände etwas zu tun, während ihr Verstand beschäftigt war. Elaynes Mutter war nicht anwesend. Heute würde sie eine zu große Ablenkung darstellen.
Elayne konnte sich Dyelins Luxus nicht erlauben. Man musste sehen, wie sie führte. Unglücklicherweise bestand die »Führung« oft darin, auf ihrem Thron zu sitzen, den Blick nach vorn gerichtet, und Entschlossenheit auszustrahlen, während sie wartete. Sicherlich war die Demonstration mittlerweile beendet?
Ein weiteres Donnern. Vielleicht auch nicht.
Im Wohnzimmer neben dem Thronsaal hörte sie leise Unterhaltungen. Die Hohen Herren und Hohen Herrinnen, die noch immer in Caemlyn waren, hatten eine königliche Einladung erhalten, um sich mit der Königin zu einer Diskussion über die sanitären Erfordernisse zu treffen für jene, die sich außerhalb der Stadt befanden. Diese Audienz würde genau Schlag fünf stattfinden, aber in den Einladungen war angedeutet worden, dass sich die Adelsführer zwei Stunden früher einfinden sollten.
Die Formulierung der Botschaft hätte offensichtlich sein sollen. Elayne würde heute etwas Wichtiges tun, und sie lud die Adligen zu etwas sanktioniertem Lauschen ein. Sie waren im Wohnzimmer ordentlich mit Getränken und kleinen Gerichten wie Pasteten und Obst versorgt. Vermutlich drehten sich die Unterhaltungen um Spekulationen, was sie enthüllen würde.
Wenn sie nur wüssten. Elayne behielt die Hände im Schoß.
Dyelin kümmerte sich um ihre Stickerei und schnalzte mit der Zunge, als sie einen falschen Stich wieder auflöste.
Nach einer beinahe unerträglichen Wartezeit verstummten die Drachen, und Elayne fühlte, wie Birgitte in den Palast zurückkehrte. Sie der Gruppe zuzuteilen war die beste Methode gewesen, um zu erfahren, wann sie zurückkehrten. Heute musste der Ablauf reibungslos funktionieren. Elayne atmete ein und aus, um ihre Nerven zu beruhigen. Da. Birgitte war jetzt ganz bestimmt im Palast.
Sie nickte Hauptmann Guybon zu. Es war Zeit, die Gefangenen hereinzubringen.
Einen Augenblick später brachte eine Abteilung Gardisten drei Individuen hinein. Die schnaubende Arymilla war trotz ihrer Gefangenschaft noch immer ganz schön mollig. Die ältere Frau war hübsch oder wäre es zumindest gewesen, hätte sie etwas anderes als Lumpen getragen. Ihre großen braunen Augen waren vor Furcht weit aufgerissen. Als hielte sie es noch immer für möglich, dass Elayne sie hinrichten ließ.
Elenia hatte sich bedeutend besser unter Kontrolle. Wie die anderen hatte man ihr das hübsche Gewand abgenommen und stattdessen ein abgetragenes Kleid gegeben, aber sie hatte das Gesicht gewaschen und das blonde Haar zu einem sauberen Knoten gebunden. Elayne ließ ihre Gefangenen nicht hungern und misshandelte sie auch nicht. Sie waren zwar ihre Feinde, aber sie hatten Andor nicht verraten.
Elenia sah Elayne an. Ihr verschlagenes Gesicht war nachdenklich, berechnend. Wusste sie, wohin das Heer ihres Mannes verschwunden war? Diese Streitmacht kam Elayne wie ein verborgenes Messer vor, das man ihr in den Rücken drückte. Keiner ihrer Späher hatte sie aufspüren können. Beim Licht. Eine Sorge reihte sich an die nächste.
Die dritte im Bund war Naean Arawn, eine schlanke, blasse Frau, deren schwarzes Haar während ihrer Gefangenschaft viel von seinem Glanz verloren hatte. Sie war bereits gebrochen erschienen, bevor Elayne sie gefangen genommen hatte, und sie hielt deutlichen Abstand zu den anderen beiden Frauen.
Man stieß sie bis zum Thronpodest, dann zwang man sie auf die Knie. Draußen im Korridor kehrten die Adeligen aus Cairhien lautstark von der Demonstration mit den Drachen zurück. Sie würden annehmen, dass sie zufällig auf Elaynes Machtdemonstration stießen.
»Die Krone nimmt Naean Arawn, Elenia Sarand und Arymilla Marne zur Kenntnis«, sagte Elayne mit lauter Stimme. Das ließ die Unterhaltungen draußen verstummen – sowohl die der andoranischen Adligen im Wohnzimmer als auch die der cairhienischen Adligen im Korridor.
Von den dreien schaute nur Elenia auf. Elayne erwiderte den Blick steinhart, und die Frau errötete, bevor sie wieder zu Boden sah. Dyelin hatte ihre Stickarbeit zur Seite gelegt und verfolgte alles aufmerksam.
»Die Krone hat viel über euch drei nachgedacht«, verkündete Elayne. »Euer fehlgeleiteter Krieg gegen Trakand hat euch in den Bankrott getrieben, Lösegeldforderungen sind von euren Erben und Nachkommen zurückgewiesen worden. Eure eigenen Häuser haben euch im Stich gelassen.«
Ihre Worte hallten durch den großen Thronsaal. Die Frauen vor ihr sanken noch tiefer in sich zusammen.
»Das konfrontiert die Krone mit einer schwierigen Frage«, fuhr Elayne fort. »Ihr ärgert uns mit eurer lästigen Existenz. Einige Königinnen hätten euch vielleicht im Kerker gelassen, aber ich bin der Ansicht, dass das nach Unentschlossenheit stinkt. Ihr würdet mir nur Kosten bereiten und Männer über Pläne flüstern lassen, euch zu befreien.«
Abgesehen vom heiseren Atmen der Gefangenen herrschte völlige Stille im Thronsaal.
»Diese Krone neigt nicht zu Unentschlossenheit«, verkündete Elayne. »An diesem Tag werden den Häusern Sarand, Marne und Arawn Titel und Güter aberkannt, ihre Besitzungen fallen an die Krone als Entschädigung für ihre Verbrechen.«
Elenia schaute keuchend auf. Arymilla stöhnte und sackte auf den Teppich mit dem Löwenkopf. Naean reagierte überhaupt nicht. Sie erschien wie taub.
Im Wohnzimmer ertönte Gemurmel. Das war schlimmer als eine Hinrichtung. Richtete man Adlige hin, wurden sie wenigstens mit ihren Titeln hingerichtet – in gewisser Weise war eine Hinrichtung die Anerkennung eines würdigen Gegners. Titel und Ländereien gingen auf den Erben über, und das Haus überlebte.
Aber das … das war etwas, das nur sehr wenige Königinnen jemals versuchen würden. Wenn Elayne den Eindruck erweckte, sich Land und Geld für die Krone anzueignen, würden sich die anderen Adligen gegen sie vereinigen. Sie konnte sich denken, was jetzt im Nebenzimmer gesprochen wurde. Ihre Machtbasis war wackelig. Ihre Verbündeten, die vor der Belagerung auf ihrer Seite gewesen waren und selbst mit der Möglichkeit, hingerichtet zu werden, hatten rechnen müssen, würden unter Umständen in diesem Augenblick damit anfangen, sich die Frage zu stellen, ob sie richtig gehandelt hatten.
Besser, die Sache schnell zu Ende zu bringen. Elayne gab ein Zeichen, und die Gardisten zogen die drei Gefangenen auf ihre Füße und führten sie zur Seite des Raumes. Selbst die trotzige Elenia erschien ungläubig. Im Grunde war diese Verkündung eine Proklamation des Todes. Sie würden so bald wie möglich Selbstmord begehen, um sich nicht ihren Häusern stellen zu müssen.