Birgitte kannte ihr Stichwort. Sie führte die Gruppe cairhienischer Adliger herein. Man hatte sie zu der Vorführung von Andors neuer Waffe zur »Verteidigung gegen den Schatten« eingeladen, und es war ein sehr unterschiedlicher Haufen. Die wichtigsten Leute in dieser Gruppe waren vermutlich entweder Bertome Saighan oder Lorstrum Aesnan.
Bertome war ein kleiner, auf gewisse Weise ansehnlicher Mann, obwohl Elayne von der cairhienischen Tradition sich die Stirn zu rasieren und zu pudern nicht gerade begeistert war. Er trug ein großes Messer am Gürtel – in Anwesenheit der Königin waren Schwerter verboten – und schien von Elaynes Behandlung der Gefangenen verstört zu sein. Was auch gut so war. Seine Kusine Colavaere war von Rand auf ähnliche Weise bestraft worden, obwohl das nicht das ganzes Haus betroffen hatte. Sie hatte sich lieber aufgehängt, als mit dieser Schande zu leben.
Ihr Tod hatte Bertome aufsteigen lassen, und auch wenn er sich große Mühe gab, in der Öffentlichkeit keine Stimmung gegen Rands Herrschaft zu machen, hatten Elaynes Quellen ihn als einen von Rands größten Kritikern im privaten Kreis in Cairhien ausgemacht.
Lorstrum Aesnan war ein stiller, hagerer Mann, der mit hinter dem Rücken verschränkten Händen ging und dazu neigte, einen herablassenden Eindruck zu erwecken. Wie die anderen trug er dunkle Kleidung in cairhienischer Mode; die Streifen auf seinem Mantel verkündeten die Farben seines Hauses. Er war nach Rands Verschwinden aus Cairhien aufgestiegen. Verzweifelte Zeiten sorgten für schnelles Vorankommen, und dieser Mann hatte es nicht eilig gehabt, sich gegen Rand zu stellen, aber er hatte sich auch nicht mit ihm verbündet. Dieser Mittelweg verlieh ihm Macht, und es wurde getuschelt, dass er darüber nachdachte, sich den Thron unter den Nagel zu reißen.
Der Rest der Cairhiener stellte eine bunte Auswahl des dortigen Adels dar. Ailil Riatin war nicht die Anführerin ihres Hauses, aber seit dem Verschwinden ihres Bruders – ein Verschwinden, das immer mehr auf seinen Tod hindeutete – hatte sie die Macht übernommen. Riatin war ein mächtiges Haus. Die schlanke Frau mittleren Alters war groß für eine Cairhienerin und trug ein dunkelblaues Kleid, das mit ihren Farben geschlitzt war; Reifen im Rock verliehen dem Kleid seine Form. Ihre Familie hatte erst kürzlich auf dem Sonnenthron gesessen, wenn auch nur für kurze Zeit, und sie war dafür bekannt, lautstark Elaynes Partei ergriffen zu haben.
Lord und Lady Osiellin, Lord und Lady Chuliandred, Lord und Lady Hamarashle und Lord Mavabwin hatten sich hinter den wichtigeren Leuten versammelt. Ihr Einfluss bewegte sich im Mittelfeld, und aus dem einen oder anderen Grund stellten sie alle möglichen Hindernisse für Elayne dar. Sie waren ein Haufen sorgfältig frisierten Haares und gepuderter Stirnen, weiten Gewändern bei den Frauen, Mantel und Hosen bei den Männern, Spitzenbesatz an den Ärmeln.
» Meine Lords und Ladys «, sagte Elayne und begrüßte jedes Haus mit seinem Namen. »Euch hat Andors Vorführung gefallen?«
»In der Tat, Euer Majestät«, sagte der schlanke Lorstrum und neigte gnädig den Kopf. »Diese Waffen sind ziemlich … interessant.«
Er wollte offensichtlich mehr darüber wissen. Elayne segnete ihre Lehrer für ihre Beharrlichkeit, dass sie das Spiel der Häuser begriff. »Wir alle wissen, dass die Letzte Schlacht mit großer Schnelligkeit naht«, erwiderte sie. »Ich war der Ansicht, dass Cairhien über die Stärke seines größten und nächsten Verbündeten unterrichtet werden sollte. In naher Zukunft wird es Augenblicke gegeben, an denen wir uns aufeinander verlassen müssen.«
»Allerdings, Euer Majestät«, sagte Lorstrum.
»Euer Majestät«, sagte Bertome und trat vor. Der kleine Mann verschränkte die Arme. »Ich versichere Euch, dass Cairhien von Andors Stärke und Stabilität begeistert ist.«
Elayne musterte ihn. Bot er ihr seine Unterstützung an? Nein, anscheinend wollte auch er nur mehr wissen und fragte sich, ob Elayne nach dem Thron greifen würde. Mittlerweile hätten ihre Absichten eigentlich offensichtlich sein müssen – ein paar Abteilungen der Bande in die Stadt zu schicken war ein offensichtlicher Zug gewesen, anscheinend zu offensichtlich für die subtilen Cairhiener.
»Hätte doch Cairhien eine ähnliche Stabilität«, sagte Elayne sorgfältig.
Einige von ihnen nickten, zweifellos von der Hoffnung getrieben, dass sie einem von ihnen den Thron anbot. Hätte sie demjenigen Andors Unterstützung zugesichert, wäre sein Sieg sicher gewesen. Und sie hätte einen Regenten bekommen, der ihren Absichten sehr wohlwollend gegenüber gewesen wäre.
Ein anderer hätte diesen Trick vielleicht versucht. Sie aber nicht. Dieser Thron würde ihr gehören.
»Die Übernahme eines Throns ist eine sehr knifflige Sache«, sagte Lorstrum. »In der Vergangenheit hat sich das oft als … gefährlich erwiesen. Und so viele zögern.«
»In der Tat«, erwiderte Elayne. »Ich beneide Cairhien nicht um die Unsicherheit, die es in den vergangenen Monaten erleben musste.« Der Augenblick war gekommen. Sie holte tief Luft. »Angesichts der Macht von Andor sollte man annehmen, dass das ein geeigneter Zeitpunkt für starke Bündnisse ist. Tatsächlich ist der Thron erst kürzlich in den Besitz mehrerer nicht unbedeutender Güter gekommen. Da fällt mir ein, dass diese Güter keine Verwalter haben.«
Stille kehrte ein. Das Geflüster im Nebenraum verstummte. Hatten sie richtig gehört? Hatte Elayne ausländischen Adligen andoranische Güter angeboten?
Sie unterdrückte ein Lächeln. Langsam begriffen einige von ihnen. Lorstrum zeigte ein durchtriebenes Lächeln und nickte ihr andeutungsweise zu.
»Cairhien und Andor sind schon lange Gefährten«, fuhr sie fort, als wäre ihr die Idee erst gerade eben gekommen. »Unsere Lords haben Eure Ladys geheiratet, und wir teilen viele gemeinsame Bande aus Blut und Zuneigung. Ich finde, die Weisheit einiger cairhienischer Lords wäre für meinen Hof ein großer Gewinn und würde mich vielleicht dem Erbe meines Vaters näherbringen.«
Sie fixierte Lorstrum. Würde er anbeißen? Sein Besitz in Cairhien war klein und sein Einfluss zumindest für eine Weile groß – aber das konnte sich schnell ändern. Die Güter, die sie den drei Gefangenen abgenommen hatte, gehörten zu den begehrenswertesten in ihrem Land.
Er musste es verstehen. Nahm sie sich Cairhiens Thron mit Gewalt, würden Volk und Adel gegen sie rebellieren. Was zum Teil Lorstrums Schuld war, falls ihr Verdacht stimmte.
Aber was, wenn sie Ländereien in Andor an ein paar cairhienische Adelige gab? Wenn sie verschiedene Verbindungen zwischen ihren Ländern erschuf? Wenn sie bewies, dass sie ihre Titel nicht stehlen wollte – sondern sogar bereit war, einigen von ihnen einträgliche Güter zu überlassen? Würde das ein ausreichender Beweis sein, dass sie keineswegs beabsichtigte, dem cairhienischen Adel sein Land wegzunehmen und an ihre eigenen Leute zu verteilen? Würde das ihre Sorgen mindern?
Lorstrum erwiderte ihren Blick. »Ich sehe da ein großes Potenzial für Bündnisse.«
Bertome nickte anerkennend. »Ich glaube auch, dass das arrangiert werden könnte.« Natürlich wollte keiner von ihnen seine Ländereien aufgeben. Sie wollten einfach nur Güter in Andor erringen. Reiche Güter.
Die anderen warfen sich Blicke zu. Lady Osiellin und Lord Mavabwin waren die ersten beiden, die kapierten. Sie meldeten sich gleichzeitig zu Wort und boten Bündnisse an.
Elayne unterdrückte ihre Aufregung und lehnte sich auf ihrem Thron zurück. »Ich habe nur noch ein Gut zu vergeben«, sagte sie. »Aber ich glaube, es könnte aufgeteilt werden. « Sie würde Ailil ebenfalls einen Anteil geben, um sich ihre Gunst und Unterstützung zu verdienen. Und jetzt zum zweiten Teil ihres Vorhabens. »Lady Sarand«, rief Elayne in den hinteren Teil des Saals.
Elenia trat in ihren Lumpen vor.
»Die Krone ist nicht völlig ohne Mitleid«, sagte Elayne. »Zwar kann Andor Euch das Leid und die Schmerzen nicht verzeihen, die Ihr verursacht habt. Aber andere Länder haben keine derartigen Erinnerungen. Sagt mir, sollte die Krone Euch die Gelegenheit bieten, neue Besitzungen zu erhalten, würdet Ihr die Gelegenheit ergreifen?«