»Neue Besitzungen, Euer Majestät?«, fragte Elenia. »Von welchen Besitzungen sprecht Ihr?«
»Eine Vereinigung von Andor und Cairhien würde viele Gelegenheiten bieten. Vielleicht habt Ihr von dem Bündnis der Krone mit Ghealdan gehört. Vielleicht habt Ihr von den neu belebten Ländern im Westen des Reiches gehört. Das ist eine Zeit großer Möglichkeiten. Wenn ich für Euch und Euren Gemahl einen Ort in Cairhien finden würde, an dem Ihr ein neues Haus gründet, würdet Ihr das annehmen?«
»Ich… würde es mit Sicherheit in Betracht ziehen, Euer Majestät«, sagte Elenia und zeigte einen Schimmer der Hoffnung.
Elayne wandte sich wieder den Cairhienern zu. »Damit das alles auch machbar ist, würde ich die Autorität brauchen, sowohl für Andor und Cairhien zu sprechen. Was glaubt Ihr, wie lange würde es dauern, damit so eine Situation arrangiert werden könnte?«
»Bringt mich durch eines dieser seltsamen Tore zurück in meine Heimat«, sagte Lorstrum, »und gebt mir eine Stunde.«
»Ich brauche nur eine halbe Stunde, Euer Majestät«, mischte sich Bertome ein und warf Lorstrum einen Blick zu.
»Eine Stunde«, sagte Elayne und hielt die Hände hoch. »Bereitet das gut vor.«
»Also gut«, sagte Birgitte, nachdem sich die Tür zu dem kleinen Gemach geschlossen hatte. »Was im Namen der blutigen linken Hand des Dunklen Königs ist gerade passiert?«
Elayne setzte sich. Es hatte funktioniert! Oder zumindest sah es danach aus. Nach dem harten Löwenthron war der Polstersessel eine Wohltat. Dyelin nahm rechts von ihr Platz; Morgase saß links.
»Passiert ist gerade, dass meine Tochter brillant ist«, sagte Morgase.
Elayne lächelte dankbar. Birgitte hingegen runzelte die Stirn. Elayne konnte ihre Verwirrung spüren. Abgesehen von ihnen war sie die einzige noch Anwesende im Raum; sie mussten eine Stunde warten, um den wahren Erfolg von Elaynes Plänen betrachten zu können.
»Also gut«, wiederholte Birgitte. »Du hast dem cairhienischen Adel einen Haufen von Andors Land gegeben.«
»Als Bestechung«, sagte Dyelin. Sie erschien nicht so überzeugt wie Morgase. »Ein kluges Manöver, Euer Majestät, aber gefährlich.«
»Gefährlich?«, fragte Birgitte. »Blut und verdammte Asche, hätte bitte jemand die Güte, dieser Idiotin hier zu erklären, warum Bestechung brillant oder klug sein soll? Elayne hat sie ja wohl kaum erfunden.«
»Das war mehr als ein Geschenk«, sagte Morgase. Unpassenderweise fing sie an, allen Tee einzuschenken. Elayne konnte sich nicht daran erinnern, jemals gesehen zu haben, dass ihre Mutter Tee einschenkte. »Das größte Hindernis, das Elayne in Cairhien hatte, bestand darin, dass man sie als Eroberin betrachten würde.«
»ja. Und?«
»Also erschuf sie Verbindungen zwischen den beiden Nationen«, sagte Dyelin und nahm von Morgase eine Tasse schwarzen Tremaiking entgegen. »Indem sie dieser Gruppe Ländereien in Andor gibt, zeigt sie, dass sie den cairhienischen Adel weder ignorieren noch an den Bettelstab bringen wird.«
»Darüber hinaus macht sie sich weniger zur Ausnahme«, erklärte Morgase. »Hätte sie sich den Thron genommen, hätte sie seinen Besitz übernommen – und wäre die Einzige, die in beiden Ländern Land besitzt. Jetzt wird sie nur eine von vielen sein.«
»Aber es ist gefährlich«, wiederholte Dyelin. »Lorstrum hat nicht wegen der Bestechung nachgegeben.«
»Hat er nicht?« Birgitte runzelte die Stirn. »Aber …«
»Sie hat recht.« Elayne trank einen Schluck Tee. »Er gab nach, weil er erkannte, dass ich ihm die Chance auf beide Throne präsentierte.«
Im Raum kehrte Schweigen ein.
»Verdammt«, fluchte Birgitte schließlich.
Dyelin nickte. »Ihr habt Feinde erschaffen, die Euch überwältigen könnten, Elayne. Sollte Euch etwas zustoßen, besteht durchaus die Möglichkeit, dass entweder Lorstrum oder Bertome den Versuch unternehmen, beide Länder an sich zu reißen.«
»Ich verlasse mich darauf«, erwiderte Elayne. »Die beiden sind zur Zeit die mächtigsten Adligen in Cairhien, vor allem da Dobraine nicht von dort zurückgekehrt ist, wo auch immer Rand ihn hingebracht hat. Wenn sie die Idee eines gemeinsamen Monarchen beherzt unterstützen, haben wir tatsächlich die Chance, dass das funktioniert.«
»Aber sie werden Euch nur unterstützen, weil sie eine Gelegenheit wintern, beide Throne für sich zu gewinnen!«, sagte Dyelin.
»Es ist besser, man sucht sich seine Feinde aus, als im Ungewissen zu bleiben«, entgegnete Elayne. »Ich habe die Konkurrenz eingeschränkt. Sie sahen die Drachen, und die machten sie neidisch. Dann bot ich ihnen die Gelegenheit, nicht nur Zugang zu diesen Waffen zu erhalten, sondern auch noch ihren Reichtum zu verdoppeln. Und darüber hinaus gab ich ihnen den Hauch einer Möglichkeit, eines Tages zum König ernannt zu werden.«
»Also werden sie versuchen, dich umzubringen«, sagte Birgitte tonlos.
»Vielleicht. Vielleicht versuchen sie auch, meine Autorität zu untergraben. Aber nicht in den kommenden Jahren – ich schätze, es wird ein Jahrzehnt dauern. Jetzt zuzuschlagen hieße nur zu riskieren, dass die Nationen wieder gespalten werden. Nein, zuerst werden sie sich etablieren und ihren Reichtum genießen. Sobald sie davon überzeugt sind, dass alles sicher ist – und dass ich nachlässig geworden bin -, werden sie ihren Zug machen. Glücklicherweise sind sie zu zweit, also kann ich sie gegeneinander ausspielen. Und für den Augenblick haben wir zwei zuverlässige Verbündete – Männer, die unbedingt wollen, dass ich den Sonnenthron bekomme. Sie werden mir die Krone einfach übergeben.«
»Und die Gefangenen?«, fragte Dyelin. »Elenia und die anderen beiden? Wollt Ihr ihnen wirklich Ländereien verschaffen?«
Elayne nickte. »Ja. Eigentlich habe ich etwas sehr Nettes für sie getan. Falls das alles wie geplant funktioniert, übernimmt die Krone ihre Schulden und verschafft ihnen dann in Cairhien einen neuen Anfang. Es wird von Vorteil sein, wenn andoranische Adelige dort Güter haben, auch wenn ich ihnen vermutlich Land von meinen eigenen cairhienischen Besitzungen überlassen muss.«
»Du umgibst dich auf allen Seiten mit Feinden«, sagte Birgitte kopfschüttelnd.
»Also wie immer«, erwiderte Elayne. »Glücklicherweise habe ich ja dich, die auf mich aufpasst, nicht wahr?«
Sie lächelte die Behüterin an, wusste aber genau, dass Birgitte ihre Nervosität fühlen konnte. Das würde eine lange Stunde werden.
51
Eine Prüfung
Mins Nackenhaare stellten sich auf, als sie das Kristallschwert nahm. Callandor. Seit ihrer Kindheit hatte sie Geschichten über diese Waffe gehört, wilde Geschichten über das ferne Tear und das seltsame Schwert das kein Schwert ist. Jetzt hielt sie es in der Hand.
Es war viel leichter als erwartet. Die lange kristalline Schneide fing das Lampenlicht ein und spielte damit. Sie schien zu sehr zu schimmern, in ihrem Inneren veränderte sich das Licht auch dann, wenn sich Min nicht bewegte. Der Kristall war glatt, aber warm. Beinahe fühlte er sich lebendig an.
Rand stand vor ihr und betrachtete die Waffe. Sie befanden sich in ihren Gemächern im Stein von Tear, zusammen mit Cadsuane, Narishma, Merise, Naeff und zwei Töchtern.
Rand streckte die Hand aus und berührte die Waffe. Min sah ihn an, und über ihm erwachte eine Sicht zum Leben. Ein glühendes Schwert, Callandor, das von einer schwarzen Hand gehalten wurde. Sie keuchte auf.
»Was hast du gesehen?«, fragte Rand leise. »Callandor, gehalten von einer Faust. Die Hand schien aus Onyx zu sein.«
»Hast du eine Idee, was es bedeuten könnte?« Sie schüttelte den Kopf.
»Wir sollten es wieder verbergen«, sagte Cadsuane. Heute trug sie Braun und Grün, Erdfarben, die von ihrem goldenen Haarschmuck aufgehellt wurden. Sie stand mit verschränkten Armen kerzengerade da. »Pfff! Den Gegenstand jetzt hervorzuholen ist leichtsinnig, mein Junge!«