»In Frieden?«, sagte Paitar. »Nein, junge Frau, er betrat diese Welt nicht in Frieden. Er hat das Land mit Schrecken, Chaos und Zerstörung verschlungen.«
»Genau wie die Prophezeiungen vorhersagten«, rief Cadsuane und kam herbei, während Min Rand auf die Füße half. »Ihr legt ihm die Last eines ganzen Zeitalters zu Füßen. Ihr könnt nicht einen Mann damit beauftragen, Euer Haus umzubauen, und ihm dann Vorwürfe machen, wenn er eine Wand einreißen muss, um seine Arbeit zu machen.«
»Das setzt voraus, dass er der Wiedergeborene Drache ist«, sagte Tenobia und verschränkte die Arme. »Wir …«
Sie brach ab, als Rand Callandor vorsichtig mit einem schleifenden Geräusch aus der Scheide zog. Er hielt es hoch. »Bestreitet Ihr das hier, Königin Tenobia, Schild des Nordens und Schwert der Fäulnisgrenze, Hohe Herrin von Haus Kazadi? Wollt Ihr diese Waffe ansehen und mich einen falschen Drachen nennen?«
Das brachte sie zum Schweigen. Easar nickte. Hinter ihnen sahen die Truppenreihen mit ihren hoch gehaltenen Lanzen, Piken und Schilden stumm zu. Als wollten sie salutieren. Oder gleich angreifen. Min schaute auf und konnte undeutlich Menschen auf den Mauern von Far Madding ausmachen, die zuschauten.
»Wir wollen weitermachen«, sagte Easar. »Ethenielle?«
»Gut«, sagte die Frau. »Eines muss ich Euch sagen, Rand al’Thor. Selbst wenn Ihr Euch als der Wiedergeborene Drache erweist, müsst Ihr Euch für vieles verantworten.«
»Ihr könnt Euren Preis aus meiner Haut schneiden, Ethenielle«, erwiderte Rand leise und schob Callandor zurück in seine Scheide. »Aber erst nachdem der Dunkle König seinen Tag mit mir hatte.«
»Rand al’Thor«, sagte Paitar. »Ich habe eine Frage für Euch. Wie Ihr sie beantwortet, wird den Ausgang dieses Tages bestimmen. «
»Was für eine Frage?«, verlangte Cadsuane zu wissen.
»Cadsuane, bitte«, sagte Rand und hob die Hand. »Lord Paitar, ich lese es doch in Euren Augen. Ihr wisst, dass ich der Wiedergeborene Drache bin. Ist diese Frage nötig?«
»Sie ist entscheidend, Lord al’Thor«, entgegnete Paitar. »Sie trieb uns her, obwohl meine Verbündeten das nicht von Anfang an wussten. Ich war immer der Ansicht, dass Ihr der Wiedergeborene Drache seid. Das machte meine Suche, die mich zu diesem Ort führte, von noch entscheidenderer Bedeutung. «
Min runzelte die Stirn. Der alternde Soldat griff nach dem Schwertgriff, als wollte er es ziehen. Die Aufmerksamkeit der Töchter steigerte sich noch. Entsetzt erkannte Min, dass Paitar noch immer nahe bei Rand stand. Viel zu nahe.
Er könnte dieses Schwert in einem Lidschlag gezogen und nach Rands Hals geschwungen haben, erkannte sie. Paitar hat sich dort hingestellt, um zuschlagen zu können.
Rand wich dem Blick des Monarchen nicht aus. »Dann stellt Eure Frage.«
»Wie starb Tellindal Tirraso?«
»Wer?«, fragte Min und sah Cadsuane an. Die Aes Sedai schüttelte verwirrt den Kopf.
»Woher kennt Ihr diesen Namen?«, wollte Rand wissen.
»Beantwortet die Frage«, sagte Easar angespannt, die Hand auf dem Schwertgriff. Um sie herum bereiteten sich ganze Reihen mit Soldaten vor.
»Sie war Schreiberin«, sagte Rand. »Im Zeitalter der Legenden. Als Demandred zu mir kam, nachdem er die Achtzig und Einen gegründet hatte … sie fiel im Kampf, ein Blitz aus dem Himmel… ihr Blut klebte an meinen Händen … Woher kennt Ihr diesen Namen!«
Ethenielle sah Easar an, dann Tenobia, schließlich auch Paitar. Er nickte, schloss die Augen und stieß einen Seufzer aus, der erleichtert klang. Er nahm die Hand vom Schwert.
»Rand al’Thor«, sagte Ethenielle, »Wiedergeborener Drache. Wärt Ihr so freundlich und würdet Euch setzen und mit uns reden? Wir werden Eure Fragen beantworten.«
»Warum habe ich noch nie etwas von dieser angeblichen Prophezeiung gehört?«, fragte Cadsuane.
»Ihre Natur bedurfte der Geheimhaltung«, sagte König Paitar. Sie alle saßen in einem großen Zelt inmitten des Heers der Grenzländer auf Kissen. Auf diese Weise umzingelt zu sein ließ Cadsuanes Schultern jucken, aber der närrische Junge – er würde immer ein närrischer Junge bleiben, ganz egal, wie alt er war – schien völlig mit sich im Reinen zu sein.
Vor dem Zelt, das nicht groß genug für alle war, warteten dreizehn Aes Sedai. Dreizehn. Das hatte al’Thor nicht einmal blinzeln lassen. Welcher Mann, der die Macht lenken konnte, würde zwischen dreizehn Aes Sedai sitzen, ohne dabei zu schwitzen?
Er hat sich verändert, sagte sich Cadsuane. Das musst du einfach akzeptieren. Nicht, dass er sie nicht länger brauchte. Männer wie er wurden zu selbstbewusst. Ein paar kleine Erfolge, und er würde über die eigenen Füße stolpern und in irgendeiner Gefahr landen.
Aber … nun, sie war stolz auf ihn. Aber nur widerstrebend. Ein bisschen.
»Sie stammt von einer Aes Sedai aus meiner eigenen Linie«, fuhr Paitar fort. Der Mann mit dem kantigen Gesicht hielt eine kleine Tasse mit Tee. »Mein Vorfahr Reo Myershi war der Einzige, der sie hörte. Er befahl, die Worte für diesen Tag zu bewahren und von einem Monarchen an den nächsten weiterzugeben.«
»Sagt sie mir«, sagte Rand. »Bitte.«
»Ich sehe ihn vor euch!«, zitierte Paitar. »Ihn, der viele Leben lebt, der den Tod bringt, der Berge erhebt. Er wird zerbrechen, was er zerbrechen muss, aber zuerst steht er dort vor unserem König. Ihr werdet ihn blutig schlagen! Schätzt seine Zurückhaltung ein. Er spricht! Wie starb die Gefallene? Tellindal Tirraso, ermordet durch seine Hand, die Dunkelheit, die am Tag nach dem Licht kam. Ihr müsst fragen, und ihr müsst euer Schicksal kennen. Kann er die Frage nicht beantworten …«
Er verstummte.
»Was?«, fragte Min.
»Kann er die Frage nicht beantworten«, sagte Paitar, »dann seid ihr verloren. Ihr werdet sein Ende schnell herbeiführen, damit die letzten Tage ihren Sturm haben können. Damit das Licht nicht von ihm verschlungen werden kann, der es bewahren sollte. Ich sehe ihn. Und ich weine.«
»Also seid ihr gekommen, um ihn zu ermorden«, sagte Cadsuane.
»Um ihn zu prüfen«, erwiderte Tenobia. »Zumindest hatten wir uns dazu entschieden, nachdem uns Paitar über die Prophezeiung unterrichtete.«
»Ihr wisst gar nicht, wie nahe ihr dem Untergang kamt«, sagte Rand leise. »Wäre ich nur vor kurzer Zeit zu Euch gekommen, hätte ich diese Schläge mit Baalsfeuer beantwortet.«
»Im Wächter?« Tenobia schnaubte verächtlich.
»Der Wächter blockiert die Eine Macht«, flüsterte Rand. »Aber nur die Eine Macht.«
Was meint er denn damit?, dachte Cadsuane stirnrunzelnd.
»Wir kannten das Risiko gut«, sagte Ethenielle stolz. »Ich verlangte das Recht, Euch als Erste zu schlagen. Unsere Heere hatten den Befehl anzugreifen, sollten wir fallen.«
»Meine Familie hat die Worte der Prophezeiung Hunderte Male analysiert«, sagte Paitar. »Die Bedeutung erscheint klar. Es war unsere Aufgabe, den Wiedergeborenen Drachen der Prüfung zu unterziehen. Um festzustellen, ob man ihm vertrauen kann, dass er in die Letzte Schlacht zieht.«
»Noch vor einem Monat«, sagte Rand, »hätte ich nicht die nötigen Erinnerungen gehabt, um Euch antworten zu können. Das war ein Narrenspiel. Hättet Ihr mich getötet, wäre alles verloren gewesen.«
»Ein Wagnis«, sagte Paitar gleichmütig. »Vielleicht wäre ein anderer an Eurer Stelle aufgestiegen.«
»Nein«, erwiderte Rand. »Diese Prophezeiung war wie die anderen. Die Ankündigung, was möglicherweise geschehen wird, und kein Rat.«
»Ich sehe das anders, Rand al’Thor«, sagte Paitar. »Und die anderen sind da meiner Meinung.«
»Man sollte festhalten«, sagte Ethenielle, »dass ich nicht wegen dieser Prophezeiung nach Süden gekommen bin. Mein Ziel bestand in dem Versuch, der Welt etwas Vernunft zu bringen. Und dann …« Sie schnitt eine Grimasse.
»Was?«, fragte Cadsuane und probierte endlich ihren Tee. Er schmeckte gut, wie er es in letzter Zeit gewöhnlich in al’Thors Nähe tat.