Выбрать главу

Die Stadt lag direkt voraus, ihre Mauern waren noch immer von dem Kampf mit den Shaido geschwärzt. Elayne konnte Birgittes Anspannung spüren, als das Wegetor hinter ihnen erlosch. Die Kusinen um Elayne umarmten die Quelle, und Alise webte ein selten benutztes Gewebe und legte es um den inneren Kreis der Reiter. Es ließ einen kleinen, aber schnellen Windhauch im Kreis rotieren.

Birgittes Anspannung war ansteckend, und Elayne ertappte sich dabei, dass sie die Zügel fest umklammerte, als Funkeln weiterging. Die Luft in Cairhien war trockener und wies einen feinen Staubgeruch auf. Der Himmel war bewölkt.

Die cairhienischen Truppen formierten sich um die kleine Gruppe Andoraner in ihren weißen und roten Uniformen. Die meisten Cairhiener waren Fußsoldaten, allerdings gab es auch schwere Kavallerie mit Männern, die ihre Lanzen dem Himmel entgegenstreckten. Alles marschierte in perfekten Reihen und beschützte Elayne. Oder hielt sie gefangen.

Lorstrum lenkte seinen braunen Hengst näher an Elaynes äußeren Ring. Guybon warf ihr einen Blick zu, und sie nickte. Der Hauptmann erlaubte ihm näher zu kommen.

»Die Stadt ist nervös, Euer Majestät«, sagte Lorstrum. Birgitte achtete noch immer sorgfältig darauf, ihr Pferd zwischen seinem und Elaynes zu halten. »Es kursieren da … unglückliche Gerüchte um Eure Thronbesteigung.«

Gerüchte, die du vermutlich in Umlauf gebracht hast, bevor du dich entschieden hast, mich zu unterstützen. »Sicherlich werden sie sich doch nicht gegen Eure Truppen erheben?«

»Ich hoffe nicht.« Er musterte sie unter seiner flachen, waldgrünen Kappe. Sein schwarzer Mantel reichte bis zu seinen Knien, und die Farben seines Hauses in den Schlitzen verliefen bis ganz nach unten. Es war die Art von Kleidung, die er bei einem Ball tragen würde. Das zeigte Selbstbewusstsein. Seine Streitmacht besetzte nicht die Stadt, sondern eskortierte die neue Königin mit einer Ehrenparade. »Es ist unwahrscheinlich, dass es bewaffneten Widerstand geben wird. Aber ich wollte Euch warnen.«

Lorstrum nickte ihr respektvoll zu. Er wusste, dass sie ihn manipulierte, aber er erklärte sich damit einverstanden. Sie würde ihn in den kommenden Jahren gut im Auge behalten müssen.

Cairhien war eine so quadratische Stadt, alles nur gerade Linien und befestigte Türme. Auch wenn ein Teil der Architektur durchaus schön war, war der Ort nicht mit Caemlyn oder Tar Valon zu vergleichen. Sie ritten direkt durch das Nordtor und hatten den Fluss Alguenya zu ihrer Rechten.

Im Inneren der Stadt hatten sich Menschenmengen versammelt. Lorstrum und die anderen hatten ihre Sache gut gemacht. Jubel ertönte, vermutlich von sorgfältig platzierten Höflingen animiert. Als Elayne die Stadt betrat, wurde der Jubel lauter. Das überraschte sie. Sie hatte Feindseligkeit erwartet. Und ja, es gab sie durchaus – der gelegentliche Wurf Müll, der aus den hinteren Teilen der Menge kam. Hier und da entdeckte sie Spott. Aber die meisten schienen erfreut.

Als sie den breiten Weg entlangritt, der von den rechteckigen Gebäuden flankiert wurde, wie man sie in Cairhien so schätzte, wurde ihr klar, dass diese Menschen möglicherweise genau auf so eine Veranstaltung gewartet hatten. Sie hatten davon gesprochen, hatten Geschichten verbreitet. Einige dieser Geschichten waren feindselig gewesen, und die hatte Norry weiterverbreitet. Aber jetzt erschienen sie Elayne eher als Zeichen der Sorge und weniger der Ablehnung. Cairhien war zu lange ohne Monarch gewesen, Unbekannte hatten den König ermordet, der Lord Drache hatte sie anscheinend ihrem Schicksal überlassen.

Ihre Zuversicht wuchs. Cairhien war eine verletzte Stadt. Die verbrannten und zerstörten Überreste von Vortor außerhalb. Aus dem Boden waren Pflastersteine gerissen worden, um sie von den Mauern zu schleudern. Die Stadt hatte sich nie richtig vom Aiel-Krieg erholt, und die nie fertig gestellten Abgedeckten Türme – vom Entwurf her symmetrisch, vom Erscheinungsbild her aber schrecklich verloren aussehend – verkündeten diese Tatsache auf eine pathetische Weise.

Das verdammte Spiel der Häuser war fast schon eine Geißel. Konnte sie daran etwas ändern? Die Menschen um sie herum klangen hoffnungsfroh, als wüssten sie, zu was für einem komplizierten Problem ihre Nation geworden war. Man konnte eher einem Aiel den Speer wegnehmen als einem Cairhiener seine Gerissenheit, aber vielleicht konnte sie ihnen eine größere Loyalität zu Land und Thron beibringen. Solange sie einen Thron hatten, der diese Loyalität auch wert war.

Der Sonnenpalast stand genau in der Mitte der Stadt. Wie der Rest war auch er quadratisch, aber hier vermittelte die Architektur ein Gefühl imposanter Stärke. Trotz des zerstörten Flügels, in dem das Attentat auf Rand stattgefunden hatte, war es ein beeindruckendes Gebäude.

Hier warteten weitere Adlige, standen auf verhüllten Stufen oder vor verzierten Kutschen. Frauen in steifen Gewändern mit breiten Reifen, die Männer in schicken Mänteln mit dunklen Farben, Mützen auf dem Kopf. Viele sahen skeptisch aus, einige auch erstaunt.

Elayne warf Birgitte ein zufriedenes Lächeln zu. »Es funktioniert. Keiner hat damit gerechnet, dass ich von einem cairhienischen Heer zum Palast eskortiert werde.«

Birgitte erwiderte nichts. Sie war noch immer nervös – und würde das vermutlich auch bis zu Elaynes Rückkehr nach Caemlyn bleiben.

Am Fuß der Treppe standen zwei Frauen, die eine hübsch mit Glöckchen im Haar, die andere mit Locken und einem Gesicht, das so gar nicht nach Aes Sedai aussah, obwohl sie es schon seit Jahren war. Das war Sashalle Anderly und die andere Frau – die mit dem alterslosen Gesicht – war Samitsu Tamagowa. Soweit Elaynes Quellen in Erfahrung bringen konnten, kamen die beiden dem noch am nächsten, was die Stadt in Rands Abwesenheit als »Herrscher« hatte. Sie hatte mit beiden korrespondiert und bei Sashalle ein erstaunliches Verständnis der cairhienischen Denkungsart entdeckt. Sie hatte Elayne die Stadt angeboten, dabei aber angedeutet, dass ihr durchaus klar war, dass es zwei sehr verschiedene Dinge waren, sie angeboten zu bekommen und sie sich zu nehmen.

Sashalle trat vor. »Euer Majestät«, sagte sie förmlich, »man soll allgemein bekannt machen, dass der Lord Drache Euch sämtliche Rechte und Ansprüche auf dieses Land gibt. Sämtliche formelle Kontrolle, die er über dieses Land hatte, geht auf Euch über, und die Position des Statthalters über die Nation wird aufgelöst. Mögt Ihr in Weisheit und Frieden herrschen.«

Elayne nickte ihr majestätisch vom Pferd aus zu, innerlich kochte sie aber vor Wut. Sie hatte behauptet, dass sie nichts an Rands Hilfe bei der Eroberung dieses Throns auszusetzen hatte, aber es gefiel ihr nicht im Mindesten, dass man es ihr unter die Nase rieb. Trotzdem, Sashalle schien ihre Position ernst zu nehmen, obwohl sie sie größtenteils selbst erschaffen hatte, wie Elayne entdeckt hatte.

Elayne und ihre Begleiter stiegen ab. Hatte Rand gedacht, dass es so einfach sein würde, ihr den Thron zu geben? Er war lange genug in Cairhien gewesen, um zu wissen, wie sie ihre Intrigen schmiedeten. Eine Aes Sedai, die eine Proklamation machte, hätte da niemals ausgereicht. Aber von mächtigen Adligen unterstützt zu werden, sollte da eigentlich reichen.

Ihre Prozession stieg die Stufen hinauf. Sie traten ein, und jeder, der Elayne unterstützte, brachte eine kleine Ehrenwache aus fünfzig Mann mit. Elayne nahm ihre ganze Truppe mit; das machte alles etwas beengt, aber sie hatte nicht die Absicht, jemanden zurückzulassen.

Die Korridore verliefen gerade, hatten spitz zulaufende Decken und goldene Simse. Auf jeder Tür loderte das Symbol der Aufgehenden Sonne. Es gab zahllose Alkoven, in denen man Reichtümer zur Schau stellte, aber viele davon waren leer. Die Aiel hatten ihr Fünftel aus dem Palast genommen.

Als sie den Eingang zur Großen Halle der Sonne erreichten, stellte sich Elaynes andoranische Garde an den Korridorwänden auf. Elayne holte tief Luft, dann betrat sie zusammen mit zehn Leuten den Thronsaal. An den Seiten erhoben sich blau geäderte Marmorsäulen bis zur Decke, und der Sonnenthron stand im hinteren Teil der Halle auf seinem blauen Marmorpodest.