Der Stuhl bestand aus vergoldetem Holz, war aber überraschend schlicht gehalten. Vielleicht war das der Grund gewesen, aus dem Laman sich entschieden hatte, sich einen neuen Thron zu konstruieren, mit Avendoraldera als Baumaterial. Elayne ging zum Podest, dann drehte sie sich um, während der cairhienische Adel eintrat, ihre Anhänger zuerst, dann der Rest, angeordnet nach den komplizierten Anforderungen von Daes Dae’mar. Diese Ränge konnten sich jeden Tag ändern, wenn nicht sogar stündlich.
Birgitte musterte jeden, der eintrat, aber die Cairhiener waren ein Muster an Anstand. Keiner von ihnen zeigte auch nur annähernd etwas, das an Elloriens Unverschämtheit in Andor herankam. Sie war eine Patriotin, auch wenn sie frustrierenderweise weiterhin alles ablehnte, was Elayne tat. In Cairhien machte man so etwas einfach nicht.
Sobald Ruhe eingetreten war, holte Elayne tief Luft. Sie hatte sich überlegt, eine Rede zu halten, aber ihre Mutter hatte ihr beigebracht, dass entschiedene Taten manchmal besser waren als die beste Rede. Elayne machte Anstalten, sich auf den Thron zu setzen.
Birgitte ergriff ihren Arm.
Elayne sah sie fragend an, aber die Behüterin musterte den Thron. »Warte einen Moment«, sagte sie und bückte sich.
Die Adligen fingen an zu murmeln, und Lorstrum trat zu Elayne. »Euer Majestät?«
»Birgitte, ist das wirklich nötig?«, sagte Elayne errötend.
Birgitte ignorierte sie und drückte gegen das Polster auf der Sitzfläche des Throns. Beim Licht! War die Behüterin entschlossen, sie in jeder nur denkbaren Situation in Verlegenheit zu bringen? Sicherlich …
»Aha!«, sagte Birgitte und riss etwas aus dem Polster.
Elayne zuckte zusammen und trat einen Schritt näher heran, begleitet von Lorstrum und Bertome. Birgitte hielt eine kleine Nadel mit schwarz verfärbter Spitze in die Höhe. »Im Polster versteckt.«
Elayne erbleichte.
»Das war der einzige Ort, von dem sie wussten, dass du dort sein würdest, Elayne«, sagte Birgitte leise. Sie ging auf die Knie und suchte nach weiteren Fallen.
Lostrum war knallrot geworden. »Ich werde denjenigen finden, der das gemacht hat, Euer Majestät«, sagte er mit leiser Stimme. Einer gefährlichen Stimme. »Sie werden meinen Zorn kennenlernen.«
»Nicht, wenn sie zuerst meinen kennenlernen«, sagte Bertome und musterte die Nadel.
»Offensichtlich ein Attentatsversuch für den Lord Drachen, Euer Majestät«, sagte Lorstrum lauter, für die Zuschauer bestimmt. »Niemand würde den Versuch wagen, Euch zu töten, unsere geliebte Schwester aus Andor.«
»Das ist gut zu wissen«, sagte Elayne. Ihr Gesichtsausdruck verkündete jedem im Raum, dass sie bei dieser Täuschung mitmachen würde, mit der er das Gesicht wahren wollte. Als ihr treuester Gefolgsmann fiel die Schande eines Attentatversuchs auf ihn zurück.
Sich dazu bereiterklären, ihn das Gesicht wahren zu lassen, würde ihn viel kosten. Er senkte zum Einverständnis kurz den Blick. Beim Licht, wie sie dieses Spiel doch hasste. Aber sie würde es spielen. Und sie würde es gut spielen.
»Ist er sicher?«, fragte sie Birgitte.
Die Behüterin runzelte die Stirn. »Das kann man nur auf eine Weise herausfinden«, erwiderte sie und warf sich mit unangebrachter Gewalt auf den Thron.
Nicht wenige der versammelten Adligen keuchten auf, und Lorstrum wurde noch blasser.
»Nicht gerade bequem«, sagte Birgitte, wälzte sich auf die eine Seite, um sich dann gegen die Lehne zu drücken. »Ich hätte eigentlich erwartet, dass der Thron eines Monarchen besser gepolstert ist, bei deinem empfindlichen Hintern.«
»Birgitte!«, zischte Elayne und fühlte, wie ihr Gesicht wieder rot wurde. »Du kannst doch nicht auf dem Sonnenthron sitzen!«
»Ich bin deine Leibwächterin«, erwiderte Birgitte. »Ich kann dein Essen probieren, wenn ich das will. Ich kann neben dir durch Türen gehen, und ich kann verdammt noch mal auf deinem Stuhl sitzen, wenn ich der Ansicht bin, dich damit zu beschützen.« Sie grinste. »Außerdem wollte ich immer schon wissen, wie sich so ein Thron anfühlt«, fügte sie mit leiser Stimme hinzu. Sie stand auf, noch immer misstrauisch, aber auch zufrieden.
Elayne drehte sich um und wandte sich dem Adel von Cairhien zu. »Ihr habt lange genug darauf gewartet«, sagte sie. »Einige von Euch sind damit nicht zufrieden, aber vergesst nicht, dass die Hälfte meines Blutes cairhienisch ist. Diese Allianz wird unseren beiden Nationen zu Größe verhelfen. Ich verlange nicht Euer Vertrauen, aber ich verlange Euren Gehorsam.« Sie zögerte, dann fügte sie hinzu: »Vergesst nicht, das ist der Wille des Wiedergeborenen Drachen.«
Sie sah, dass sie verstanden. Rand hatte diese Stadt erobert, wenn auch nur, um sie von den Shaido zu befreien. Sie waren klug beraten, ihn nicht dazu zu reizen, zurückzukommen und sie erneut zu erobern. Eine Königin benutzte die Werkzeuge, die sie zur Hand hatte. Andor hatte sie allein erobert; bei Cairhien würde sie sich von Rand helfen lassen.
Sie setzte sich. Eine so einfache Sache, aber die Implikationen würden in der Tat weitreichende Folgen haben. »Sammelt Eure Streitkräfte und Hauswachen«, befahl sie den versammelten Adligen. »Ihr werdet zusammen mit den Streitkräften von Andor durch Wegetore an einen Ort namens Feld von Merrilor marschieren. Wir treffen dort den Wiedergeborenen Drachen.«
Die Adligen erschienen überrascht. Sie kam herein, übernahm den Thron, dann befahl sie noch am selben Tag ihre Heere aus der Stadt? Sie lächelte. Besser, schnell und entschieden zu handeln; das würde einen Präzedenzfall schaffen, ihr zu gehorchen. Und es würde sie auf die Letzte Schlacht vorbereiten.
»Außerdem will ich«, verkündete sie, als sie zu flüstern anfingen, »dass ihr jeden Mann in diesem Reich, der ein Schwert halten kann, einberuft und in der Armee der Königin aufnehmt. Wir werden nicht viel Zeit für eine Ausbildung haben, aber in der Letzten Schlacht wird jeder Mann gebraucht – und jede Frau, die kämpfen will, soll sich ebenfalls melden. Benachrichtigt auch die Glockengießer Eurer Stadt. Ich will sie innerhalb der nächsten Stunde sehen.«
»Aber das Krönungsfest, Euer Majestät…«, sagte Bertome.
»Wir werden feiern, wenn die Letzte Schlacht gewonnen ist und Caierhiens Kinder in Sicherheit sind«, sagte Elayne. Sie musste sie falls möglich von ihren Intrigen ablenken und sie beschäftigt halten. »Bewegt Euch! Tut so, als stünde die Letzte Schlacht vor Eurer Schwelle und würde morgen eintreffen!«
Denn das konnte durchaus sein.
Mat lehnte sich gegen einen abgestorbenen Baum und musterte sein Lager. Lächelnd atmete er ein und aus und genoss das wunderbare Gefühl zu wissen, dass er nicht länger verfolgt wurde. Er hatte ganz vergessen, wie gut sich das anfühlte. Dieses Gefühl war besser, als auf jedem Knie eine hübsche Schankmagd sitzen zu haben. Nun, auf jeden Fall besser als eine Schankmagd.
Ein Militärlager am Abend war einer der bequemsten Orte auf der ganzen Welt, selbst wenn das halbe Lager leer war, weil die Männer nach Cairhien aufgebrochen waren. Die Sonne war untergegangen, und einige der Zurückgebliebenen hatten sich schlafen gelegt. Aber für diejenigen, die am nächsten Tag für die Nachmittagsschicht eingeteilt waren, gab es noch keinen Grund, jetzt schon zu schlafen.
Ein Dutzend Lagerfeuer brannten; Männer saßen dort und erzählten sich Geschichten von ihren Taten, von zurückgelassenen Frauen oder Gerüchten aus der Ferne. Flammenzungen flackerten, während Männer lachten, auf Scheiten oder Steinen saßen, gelegentlich mit Zweigen im Feuer herumstocherten und winzige Funken in die Luft schickten, während ihre Freunde »Kommt ihr Maiden« oder »Gefallene Witwen zur Mittagsstund« sagen.
Die Männer der Bande kamen aus einem Dutzend verschiedener Nationen, aber dieses Lager war ihre wahre Heimat. Mat schlenderte umher, den Hut auf dem Kopf, den Ashandarei auf der Schulter. Er hatte ein neues Tuch für seinen Hals. Die Leute wussten von_ seiner Narbe, aber es bestand kein Grund, damit zu protzen wie einer von Lucas verdammten Wagen.