Dieses Mal hatte er ein rotes Halstuch gewählt. In Erinnerung an Tylin und den anderen, die dem Gholam zum Opfer gefallen waren. Einen kurzen Augenblick lang war er versucht gewesen, ein rosafarbenes zu nehmen. Einen sehr kurzen Augenblick.
Mat lächelte. Auch wenn von mehreren Lagerfeuern Lieder kamen, war doch keins davon laut, und es herrschte eine gesunde Stille im Lager. Kein Schweigen. Schweigen war nie gut. Er hasste Schweigen. Ließ ihn sich fragen, wer sich so sehr bemühte, sich von hinten an ihn anzuschleichen. Nein, das war Stille. Männer schnarchten leise, Feuer knisterten, andere Männer sangen, Unkraut raschelte, wenn die Wächter ihre Runden drehten. Die friedlichen Geräusche von Männern, die ihr Leben genossen.
Mat kam wieder zu seinem Tisch, der vor seinem dunklen Zelt stand. Er setzte sich und betrachtete die Papiere, die er dort aufgestapelt hatte. Im Zelt war es zu stickig gewesen. Außerdem hatte er Olver nicht wecken wollen.
Mats Zelt wand sich im Wind. Es sah schon seltsam aus, wie der prächtige Eichentisch mitten im Hühnerkraut stand, Mats Stuhl daneben, eine Kanne mit warmem Apfelwein auf dem Boden. Die Papiere waren mit Steinen beschwert, die er vom Boden aufgehoben hatte, und wurden von der flackernden Lampe beleuchtet.
Er hätte keine Papierstapel haben dürfen. Er hätte an einem der Feuer sitzen sollen und »Tanz mit dem Schattenjak« singen sollen. Er konnte die Worte des Liedes leise von einem Feuer in der Nähe hören.
Papiere. Nun, er hatte sich mit Elayne als Dienstherrin einverstanden erklärt, und solche Dinge brachten eben Papiere mit sich. Papiere über die Aufstellung der Drachenmannschaften. Papiere über Vorräte, Disziplinberichte und allen möglichen Unsinn. Und ein paar Papiere, die er ihrer Königlichen Majestät hatte abschwatzen können, Spionageberichte, die er sich hatte ansehen wollen. Berichte über die Seanchaner.
Viele der Neuigkeiten waren ihm nicht neu; dank Verins Wegetor war Mat viel schneller nach Caemlyn gereist als die meisten Gerüchte. Aber Elayne hatte ihre eigenen Wegetore, und ein paar Neuigkeiten aus Tear und Illian war noch frisch. Man sprach von der neuen seanchanischen Kaiserin. Also hatte sich Tuon tatsächlich selbst gekrönt oder was auch immer die Seanchaner machten, wenn sie einen neuen Anführer ernannten.
Das ließ ihn lächeln. Beim Licht, sie hatten keine Ahnung, was sie erwartete! Sie glaubten es vielleicht zu wissen. Aber sie würde alle überraschen, so sicher wie der Himmel blau war. Oder … nun, in letzter Zeit war er eben grau gewesen.
Außerdem war die Rede von einer Allianz des Meervolks mit den Seanchanern. Mat verwarf das. Die Seanchaner hatten genug Schiffe vom Meervolk erobert, damit dieser Eindruck entstehen konnte, aber das war nicht die Wahrheit. Es gab noch ein paar Seiten mit Neuigkeiten über Rand, aber die meisten waren ungenau oder nicht vertrauenswürdig.
Verdammte Farben. Rand saß mit ein paar Leuten in einem Zelt und unterhielt sich mit ihnen. Vielleicht war er ja tatsächlich in Arad Doman, aber er konnte nicht dort sein und in den Grenzlanden kämpfen, oder doch? Ein Gerücht besagt, dass Rand Königin Tylin getötet hatte. Welcher verdammte Idiot kam nur auf so etwas?
Er drehte die Berichte über Rand schnell um. Er hasste es, diese verfluchten Farben immer wieder verdrängen zu müssen. Wenigstens trug Rand dieses Mal Kleidung.
Die letzte Seite war merkwürdig. Wölfe, die in gewaltigen Rudeln liefen, sich auf Lichtungen versammelten und im Chor heulten? Ein rot leuchtender Himmel am Abend? Vieh, das sich auf den Feldern nach Norden hin aufstellte und stumm zusah? Die Fußabdrücke von Schattengezüchtheeren in der Mitte von Feldern? Diese Dinge rochen nach bloßem Hörensagen, von einer Bauersfrau zur nächsten weitergereicht, bis sie schließlich die Ohren von Elaynes Spionen erreichten.
Mat betrachtete das Blatt, dann wurde er sich bewusst, dass er ohne nachzudenken Verins Umschlag aus der Tasche gezogen hatte. Der noch immer versiegelte Brief sah dreckig und abgenutzt aus, aber er hatte ihn nicht geöffnet. Es kam ihm wie das Schwerste vor, das er je getan hatte, dieser Versuchung zu widerstehen.
»Also das ist ein wirklich seltsamer Anblick«, sagte eine Frauenstimme. Mat schaute auf und sah Setalle auf sich zuspazieren. Sie trug ein braunes Kleid, das über ihrem üppigen Busen verschnürt war. Nicht, dass Mat dort hingesehen hätte.
»Euch gefällt mein Arbeitszimmer?«, fragte Mat. Er legte den Brief zur Seite, dann stapelte er den letzten Agentenbericht auf einen Stapel, der direkt neben einer Reihe von Skizzen lag, die er für eine neue Armbrust angefertigt hatte und auf denen basierte, die Talmanes mitgebracht hatte. Die Papiere drohten wegzufliegen. Da er keinen Stein für diesen Stapel hatte, zog er einen Stiefel aus und stellte ihn darauf.
»Euer Arbeitszimmer?«, fragte Setalle und klang amüsiert.
»Sicher«, sagte Mat und kratzte sich unter dem Socken. »Ihr müsst einen Termin mit meinem Sekretär machen, wenn Ihr hereinkommen wollt.«
»Warum Sekretär?«
»Der Stumpf da drüben«, sagte Mat. »Nicht der kleine, der große mit dem Moos obendrauf.« Sie hob eine Braue.
»Er ist richtig gut«, sagte Mat. »Lässt nur selten jemanden herein, den ich nicht sehen will.«
»Ihr seid ein interessantes Geschöpf, Matrim Cauthon«, sagte Setalle und setzte sich auf den größeren Stumpf. Ihr Kleid war nach der Mode in Ebou Dar geschnitten, die eine Rockseite war oben festgemacht, um Unterröcke zu enthüllen, die bunt genug waren, um einem Kesselflicker Furcht einzujagen.
»Wollt Ihr etwas Bestimmtes?«, erkundigte sich Mat. »Oder seid Ihr bloß vorbeigekommen, um Euch auf den Kopf meines Sekretärs zu setzen?«
»Wie ich hörte, habt Ihr heute wieder den Palast besucht. Stimmt es, dass Ihr die Königin persönlich kennt?«
Mat zuckte mit den Schultern. »Elayne ist ein nettes Mädchen. Hübsch, das auf jeden Fall.«
»Ihr könnt mich nicht mehr schockieren, Matrim Cauthon«, bemerkte Setalle. »Mir ist klar geworden, dass viele der Dinge, die Ihr sagt, das oft bezwecken sollen.«
Tatsächlich? »Ich sage, was ich denke, Frau Anan. Warum spielt es für Euch eine Rolle, ob ich die Königin kenne?«
»Bloß ein weiteres Stück des Puzzles, das Ihr darstellt«, sagte Setalle. »Heute bekam ich einen Brief von Joline.«
»Was wollte sie von Euch?«
»Sie wollte nichts. Sie wollte bloß mitteilen, dass sie sicher in Tar Valon angekommen sind.«
»Dann müsst Ihr ihn falsch gelesen haben.«
Setalle sah ihn unwirsch an. »Joline Sedai respektiert Euch, Meister Cauthon. Sie sprach oft voller Wertschätzung von Euch und der Weise, wie Ihr nicht nur sie, sondern auch die anderen beiden gerettet habt. Sie hat sich in dem Brief nach Euch erkundigt.«
Mat blinzelte. »Wirklich? Sie hat solche Dinge über mich gesagt?«
Setalle nickte.
»Da soll man mich doch zu Asche verbrennen«, meinte er. »Das macht mir ja fast ein schlechtes Gewissen, dass ich ihren Mund blau gefärbt habe. Aber wenn man bedenkt, wie sie mich behandelt hat, wäre man nie darauf gekommen, dass sie auf diese Weise empfindet.«
»So etwas einem Mann zu sagen bestärkt ihn nur in seiner Voreingenommenheit. Man sollte eigentlich annehmen, dass die Weise, wie sie Euch behandelt hat, dazu gereicht hätte.«
»Sie ist eine Aes Sedai«, murmelte Mat. »Sie behandelt jeden, als wäre er Dreck, den sie sich von den Stiefeln kratzen muss.«
Setalle starrte ihn böse an. Sie hatte eine imposante Art an sich, zu gleichen Teilen Großmutter, Hofdame und kompromisslose Wirtin.
»Es tut mir leid«, sagte er. »Manche Aes Sedai sind nicht so schlimm wie andere. Ich wollte Euch nicht beleidigen.«
»Ich nehme das mal als Kompliment«, sagte Setalle. »Auch wenn ich keine Aes Sedai bin.«