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Mat zuckte mit den Schultern und entdeckte einen hübschen kleinen Stein zu seinen Füßen. Damit ersetzte er seinen Stiefel auf dem Papierstapel. Der Regen der vergangenen Tage war vorbei und hatte die Luft mit einer kühlen Frische versehen. »Ich weiß, Ihr sagtet, es tat nicht weh«, sagte Mat. »Aber … wie fühlt es sich an? Das, was Ihr verloren habt?«

Sie schürzte die Lippen. »Was ist für Euch die köstlichste Speise, Meister Cauthon? Das, wofür Ihr alles andere stehen lassen würdet?«

»Mutters Süßkuchen«, sagte Mat, ohne nachdenken zu müssen.

»Nun, so ist das«, sagte Setalle. »Das Wissen, dass Ihr diesen Kuchen jeden Tag genießen konntet, er Euch jetzt aber verwehrt bleibt. Eure Freunde können so viele Kuchen essen, wie sie Lust haben. Ihr beneidet sie, und es tut Euch weh, aber zugleich seid Ihr auch froh. Wenigstens kann jemand das genießen, was Ihr nicht mehr könnt.«

Mat nickte langsam.

»Warum hasst Ihr die Aes Sedai eigentlich so, Meister Cauthon?«, fragte Setalle.

»Ich hasse sie nicht«, antwortete Mat. »Soll man mich zu Asche verbrennen, aber das tue ich wirklich nicht. Aber manchmal kann ein Mann anscheinend keine zwei Dinge tun, ohne dass Frauen von ihm verlangen, eines davon auf eine anclere Weise zu erledigen und das andere komplett zu ignorieren. «

»Keiner zwingt Euch, ihren Rat zu befolgen, und ich wage zu behaupten, dass Ihr oft zugeben müsst, dass es ein guter Rat ist.«

Mat zuckte mit den Schultern. »Manchmal tut ein Mann einfach gern das, was er tun will, ohne dass ihm jemand sagt, was daran falsch ist und was mit ihm nicht stimmt. Das ist alles.«

»Und es hat nichts mit Eurer seltsamen … Meinung über Adlige zu tun? Schließlich benehmen sich die meisten Aes Sedai, als wären sie Adlige.«

»Ich habe nichts gegen Adlige«, sagte Mat und zog seinen Mantel zurecht. »Ich betrachte mich nur nicht als einen von ihnen.«

»Warum nicht?«

Mat schwieg eine Weile. Warum nicht? Schließlich musterte er seine Füße und zog den Stiefel wieder an. »Es sind die Stiefel.«

»Die Stiefel?« Setalle sah verwirrt aus. »Die Stiefel«, sagte Mat mit einem Nicken und schnürte ihn zu. »Es geht nur um die Stiefel.« »Aber…«

»Wisst Ihr, die meisten Männer brauchen sich keine Gedanken darüber zu machen, welche Stiefel sie anziehen«, sagte Mat und zog die Schnürriemen fest. »Sie sind arm. Solltet Ihr also einen von ihnen fragen: ›Welche Stiefel ziehst du heute an, Mop‹, fällt ihm die Antwort leicht. ›Nun, Mat. Ich habe nur das eine Paar, also werde ich wohl das tragen.‹« Er zögerte. »Ich meine, das würden sie natürlich nicht zu Euch sagen, Setalle, da Ihr nicht ich seid und so weiter. Sie würden Euch nicht Mat nennen, wenn Ihr versteht.«

»Ich verstehe.« Sie klang amüsiert.

»Aber egal, für Leute mit einem besseren Einkommen ist die Frage, welche Stiefel sie tragen wollen, schon etwas komplizierter. Ihr müsst wissen, durchschnittliche Männer, Männer wie ich …« Er musterte sie. »Und ich bin ein ganz durchschnittlicher Mann, das dürft Ihr nicht vergessen.« »Natürlich seid Ihr das.«

»In der Tat, verdammt noch mal«, sagte Mat, machte den letzten Knoten und richtete sich auf. »Ein durchschnittlicher Mann besitzt vielleicht drei Paar Stiefel. Das drittbeste Paar Stiefel, das sind die Stiefel, die man trägt, wenn man unerfreuliche Arbeit zu erledigen hat. Sie drücken vielleicht nach ein paar Schritten, vielleicht haben sie auch ein paar Löcher, aber sie sind gut genug, dass man einen vernünftigen Halt hat. Es ist einem egal, wenn man sie auf dem Feld oder in der Scheune schmutzig macht.«

»Ich verstehe«, sagte Setalle.

»Dann ist da das zweitbeste Paar Stiefel«, sagte Mat. »Das sind die Stiefel für den Alltag. Die trägt man, wenn man vom Nachbarn zum Essen eingeladen wurde. Oder in meinem Fall trägt man sie, wenn man in die Schlacht zieht. Es sind hübsche Stiefel, sie bieten einem guten Halt, und es stört einen nicht, wenn man darin gesehen wird.«

» Und Eure besten Stiefel?«, fragte Setalle. » Die tragt Ihr zu gesellschaftlichen Anlässen, wie einem Ball oder einem Festmahl mit den örtlichen Würdenträgern?«

»Ein Ball? Würdenträger’? Verdammte Asche, Frau. Ich dachte, Ihr wärt Wirtin.«

Setalle errötete leicht.

»Wir gehen auf keine Bälle«, sagte Mat. »Aber müssten wir es, würden wir wohl unser zweitbestes Paar Stiefel auftragen. Wenn sie gut genug sind, um die alte Frau Hembrew nebenan zu besuchen, dann sind sie verdammt noch mal auch gut genug, um jeder Frau auf die Zehen zu treten, die dumm genug ist, um mit uns tanzen zu wollen.«

»Und wozu sind dann die besten Stiefel gut?«

»Zum Laufen«, sagte Mat. »Jeder Bauer kennt den Wert guter Stiefel, wenn man ein ordentliches Stück zu gehen hat.«

Setalle schaute nachdenklich drein. »Also gut. Und was hat das damit zu tun, ein Adliger zu sein?«

»Alles«, sagte Mat. »Versteht Ihr denn nicht? Ein durchschnittlicher Bursche weiß ganz genau, wie er mit seinen Stiefeln umgehen muss. Mit drei Paar Stiefeln kommt jeder Mann zurecht. Das Leben ist einfach, wenn man drei Paar Stiefel hat. Aber Adlige … Talmanes behauptet, er besäße zuhause vierzig verschiedene Paar Stiefel. Vierzig Paar, könnt Ihr Euch das vorstellen?«

Sie lächelte amüsiert.

»Vierzig Paar«, wiederholte Mat und schüttelte den Kopf. »Vierzig verdammte Paar. Und es sind auch nicht alles die gleichen Stiefel. Da gibt es ein Paar für jedes Gewand, und ein Dutzend Paar in verschiedenen Stilen, die zur Hälfte der Gewänder passen. Man hat Stiefel für Könige, Stiefel für Hohe Herren und Stiefel für normale Leute. Man hat Stiefel für den Winter und Stiefel für den Sommer, Stiefel für regnerische Tage und Stiefel für trockene Tage. Man hat verdammte Schuhe, die man bloß trägt, wenn man ins Badezimmer will. Lopin hat sich immer darüber beklagt, dass ich kein Paar hatte, um nachts auf den Abort zu gehen!«

»Ich verstehe … Ihr benützt also Stiefel als Metapher für die Bürde der Verantwortung und Entscheidungen, die der Aristokratie auferlegt werden, wenn sie die Führung bei komplizierten politischen und sozialen Fragen übernehmen.«

»Metapher für…« Mat runzelte die Stirn. »Verdammte Asche, Frau. Das ist keine Metapher für gar nichts! Es sind nur Stiefel.«

Setalle schüttelte den Kopf. »Ihr seid ein unkonventionell weiser Mann, Matrim Cauthon.«

»Ich versuche mein Bestes«, meinte er und griff nach der Kanne mit dem Apfelwein. »Unkonventionell zu sein, meine ich.« Er schenkte sich einen Becher ein und hob ihn in ihre Richtung. Sie akzeptierte anmutig und trank, dann stand sie auf. »Ich überlasse Euch jetzt Eurem Vergnügen, Meister Cauthon. Aber solltet Ihr Fortschritte wegen dieses Wegetors für mich machen …«

»Elayne sagte, sie hätte bald eines für Euch. In ein oder zwei Tagen. Sobald ich diese Sache hinter mir habe, die ich mit Thom und Noal erledigen muss, kümmere ich mich darum.«

Sie nickte verständnisvoll. Sollte er nicht von dieser »Sache« zurückkehren, würde sie sich um Olver kümmern. Sie wandte sich zum Gehen. Mat wartete, bis sie weg war, dann nahm er einen großen Schluck aus der Kanne. Das hatte er schon den ganzen Abend über getan, aber vermutlich wollte sie das lieber nicht wissen. Es gehörte zu den Dingen, über die Frauen besser nicht nachdachten.

Er wandte sich wieder den Berichten zu, aber bald schweiften seine Gedanken zu dem Turm von Ghenjei ab und den verdammten Schlangen und Füchsen. Birgittes Bemerkungen waren aufschlussreich gewesen, wenn auch nicht besonders ermutigend. Zwei Monate? Zwei verdammte Monate, die man in diesen Gängen umherirrte? Das war eine mächtige, dampfende Schüssel voller Sorge, serviert wie der Nachmittagsfraß. Darüber hinaus hatte sie Feuer, Musik und Eisen mitgenommen. So originell war die Idee, die Regeln zu brechen, also auch nicht.