Er war nicht überrascht. Vermutlich hatte an dem Tag, an dem das Licht den ersten Menschen erschuf und dieser Mensch die erste Regel erschuf, ein anderer darüber nachgedacht, sie zu brechen. Leute wie Elayne stellten Regeln auf, die ihnen zusagten. Leute wie Mat fanden Möglichkeiten, diese albernen Regeln zu umgehen.
Unglücklicherweise hatte Birgitte – eine der legendären Helden des Horns – die Aelfinn und Eelfinn nicht besiegen können. Das war beunruhigend.
Nun, er hatte, was sie nicht gehabt hatte. Sein Glück. Nachdenklich lehnte er sich zurück. Einer seiner Soldaten ging vorbei. Clintock salutierte; die Rotwaffen sahen jede halbe Stunde nach ihm. Sie waren noch immer nicht über die Schande hinweg, den Gholam ins Lager schleichen zu lassen.
Er nahm wieder Verins Brief, strich mit den Fingern darüber. Die Eselsohren, die Schmutzflecken auf dem einst weißen Papier. Er klopfte ihn gegen das Holz.
Dann warf er ihn auf den Tisch. Nein. Nein, er würde ihn nicht öffnen, selbst wenn er zurückkehrte. Damit war das erledigt. Er würde niemals erfahren, was dort stand, und es war ihm verdammt noch mal auch egal.
Er stand auf und machte sich auf die Suche nach Thom und Noal. Morgen brachen sie zum Turm von Ghenjei auf.
53
Wegetore
Pevara hielt den Mund, als sie zusammen mit Javindhra und Mazrim Taim durch das Dorf der Schwarzen Burg ging.
Hier herrschte überall Beschäftigung. In der Schwarzen Burg war immer jemand beschäftigt. In der Nähe fällten Soldaten Bäume; Geweihte schälten die Rinde ab und schnitten die Baumstämme dann mit konzentrierten Luftströmen zu Bauholz. Der Weg war mit Sägemehl bedeckt; fröstelnd wurde sich Pevara bewusst, dass der Bretterstapel in der Nähe vermutlich von Asha’man gesägt worden war.
Beim Licht! Sie hatte ja gewusst, was sie hier finden würde. Aber es war viel schwerer zu ertragen, als sie je gedacht hätte.
»Und seht Ihr«, sagte Taim, der mit einer hinter dem Rücken zur Faust geballten Hand ging. Mit der anderen Hand zeigte er auf eine zum Teil fertiggestellte Mauer aus schwarzem Stein. »Wachtposten im Abstand von fünfzig Fuß. Jeder mit zwei Asha’man besetzt.« Er lächelte zufrieden. »Dieser Ort wird uneinnehmbar sein.«
»Ja, in der Tat«, sagte Javindhra. »Beeindruckend.« Ihre Stimme klang leblos und desinteressiert. »Aber die Sache, über die ich mit Euch sprechen wollte. Wenn wir uns Männer mit der Drachennadel aussuchen könnten …«
»Schon wieder das?«, sagte Taim. Seine Augen hatten Feuer, das hatte dieser Mazrim Taim. Ein hochgewachsener schwarzhaariger Mann mit hohen saldaeanischen Wangenknochen. Er lächelte. Oder zeigte zumindest das, mit dem er noch am nächsten an einen derartigen Gesichtsausdruck herankam – ein schmales Verziehen der Lippen, das seine Augen nicht erreichte. Es sah … raubtierhaft aus. »Ich habe meinen Willen zum Ausdruck gebracht. Und doch hört Ihr nicht auf, darauf herumzureiten. Nein. Nur Soldaten und Geweihte.«
»Wie Ihr verlangt«, sagte Javindhra. »Wir denken weiter darüber nach.«
»Wochen sind vergangen«, erwiderte Taim, »und Ihr denkt noch immer darüber nach? Nun, es liegt mir fern, Aes Sedai infrage zu stellen. Mir ist egal, was Ihr macht. Aber die Frauen vor meinen Toren behaupten ebenfalls, von der Weißen Burg zu kommen. Wollt Ihr nicht, dass ich sie hereinbitte, damit sie sich mit Euch treffen können?«
Pevara fröstelte. Er schien immer so viel zu wissen und anzudeuten, dass er viel zu viel über die Innenpolitik der Weißen Burg wusste.
»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte Javindhra kühl.
»Wie Ihr wollt. Aber Ihr solltet Eure Entscheidung bald treffen. Sie werden ungeduldig, und al’Thor hat ihnen die Erlaubnis gegeben, mit meinen Männern den Bund einzugehen. Sie werden sich nicht ewig damit abfinden, dass ich sie warten lasse.«
»Sie sind Rebellen. Ihr müsst sie überhaupt nicht beachten.«
»Rebellen mit einer viel größeren Gruppe als ihr. Wie viele seid Ihr noch mal? Sechs Frauen? Wenn man Euch so reden hört, könnte man glauben, dass Ihr den Bund mit der ganzen Schwarzen Burg eingehen wollt!«
»Vielleicht tun wir das auch«, sagte Pevara ruhig. »Uns sind keinerlei Einschränkungen auferlegt worden.«
Taim sah sie an, und sie hatte das eindeutige Gefühl, von einem Wolf gemustert zu werden, der sich fragte, ob sie wohl eine gute Mahlzeit abgab. Sie schob das Gefühl zur Seite. Sie war eine Aes Sedai, keine leichte Beute. Trotzdem dachte sie unwillkürlich daran, dass sie nur zu sechst waren. In einem Lager mit Hunderten von Männern, die die Macht lenken konnten.
»Ich habe mal an den Docks von Illian einen Himmelsfischer verenden sehen«, sagte Taim. »Der Vogel erstickte, weil er versucht hatte, zwei Fische gleichzeitig hinunterzuwürgen.«
»Habt Ihr dem armen Ding geholfen?«, fragte Javindhra.
»Narren ersticken immer, wenn sie zu viel hinunterschlingen, Aes Sedai«, antwortete Taim. »Was ging das mich an? Ich hatte an diesem Abend eine schöne Mahlzeit. Den Vogel und den Fisch. Ich muss gehen. Aber seid gewarnt, jetzt, da ich eine wehrhafte Mauer habe, müsst Ihr mir vorher Bescheid geben, wenn Ihr hinauswollt.«
»Ihr wollt das Kommen und Gehen reglementieren?«, fragte Pevara.
»Die Welt wird zu einem gefährlichen Ort«, sagte Taim. »Ich muss an die Bedürfnisse meiner Männer denken.«
Pevara war nicht entgangen, wie er sich um die »Bedürfnisse« seiner Männer kümmerte. Eine Gruppe junger Soldaten kam vorbei und salutierte Taim. Zwei hatten Prellungen im Gesicht, einer ein zugeschwollenes Auge. Asha’man wurden brutal geschlagen, wenn sie bei ihrer Ausbildung Fehler machten, dann enthielt man ihnen das Heilen vor.
Den Aes Sedai krümmte man kein Haar. Tatsächlich grenzte die ihnen erwiesene Ehrerbietung schon an Verhöhnung.
Taim nickte, dann ging er weiter und traf sich mit zwei seiner Asha’man, die in der Nähe neben einer Schmiede warteten. Sie begannen sofort, sich in gedämpften Tonfall zu unterhalten.
»Das gefällt mir nicht«, sagte Pevara, sobald die Männer weg waren. Vielleicht sagte sie es zu schnell und verriet ihre Sorge, aber dieser Ort machte sie einfach nervös. »Das könnte sich unversehens in eine Katastrophe verwandeln. Allmählich glaube ich, wir sollten tun, was ich ursprünglich sagte – soll jede von uns ein paar Geweihte an sich binden und in die Weiße Burg zurückkehren. Es war nie die Rede davon, die ganze Schwarze Burg an die Kette zu legen, sondern den Zugang zu den Asha’man zu gewinnen und mehr über sie zu erfahren.«
»Genau das tun wir«, erwiderte Javindhra. »Ich habe in den letzten Wochen viel erfahren. Was habt Ihr gemacht?«
Pevara ließ sich von dem Tonfall der anderen Frau nicht herausfordern. Musste sie so widerborstig sein? Pevara hatte die Führung über diese Gruppe, und die anderen würden sich nach ihr richten. Was nicht bedeutete, dass sie es immer mit einem Lächeln taten.
»Das war eine interessante Gelegenheit«, fuhr Javindhra fort und schaute sich auf dem Gelände der Burg um. »Und ich bin der Meinung, dass er schließlich nachgeben wird, was die vollwertigen Asha’man angeht.«
Pevara runzelte die Stirn. Das konnte unmöglich Javindhras Ernst sein, oder? Nachdem Taim die ganze Zeit so stur gewesen war? Ja, sie hatte dem Vorschlag nachgegeben, länger in der Schwarzen Burg zu bleiben, um mehr über ihre Organisation in Erfahrung zu bringen und Taim zu bitten, ihnen den Zugang zu den mächtigeren Asha’man zu gestatten. Aber mittlerweile war offensichtlich, dass er nicht nachgeben würde. Das musste Javindhra doch erkennen.
Unglücklicherweise hatte Pevara in letzter Zeit ihre Probleme, Javindhra zu verstehen. Zuerst war die Frau anscheinend vehement gegen den Besuch bei der Schwarzen Burg gewesen und hatte sich nur mit der Mission einverstanden erklärt, weil die Höchste es befohlen hatte. Aber jetzt sprach sie von Gründen, hier zu bleiben.
»Javindhra.« Pevara trat näher an sie heran. »Ihr habt ihn doch gehört. Wir brauchen zur Abreise jetzt eine Erlaubnis. Dieser Ort verwandelt sich in einen Käfig.«