»Ich glaube, wir sind sicher«, sagte Javindhra und winkte ab. » Er weiß nicht über unsere Wegetore Bescheid.«
»Soweit wir das wissen.«
»Wenn Ihr es befehlt, dann bin ich sicher, dass die anderen gehen wollen. Aber ich beabsichtige, die Gelegenheit, etwas zu lernen, weiterhin zu nutzen.«
Pevara holte tief Luft. Diese unerträgliche Frau! Sicherlich würde sie doch nicht so weit gehen und ihren Befehl über die Gruppe ignorieren? Nachdem die Höchste selbst Pevara das Kommando übertragen hatte? Beim Licht, Javindhra wurde immer sprunghafter.
Sie trennten sich ohne ein weiteres Wort, Pevara fuhr auf dem Absatz herum und ging den Weg zurück. Nur mühsam beherrschte sie sich. Diese letzte Bemerkung war fast schon offener Ungehorsam gewesen. Nun, wenn sie nicht gehorchen und bleiben wollte, dann musste sie das eben tun. Es war Zeit, in die Weiße Burg zurückzukehren.
Überall um sie herum bewegten sich Männer in schwarzen Mänteln. Viele nickten ihr mit unterwürfigem Grinsen, Respekt vortäuschend, zu. Die hier verbrachten Wochen hatten nicht dafür sorgen können, dass sie sich in Gegenwart dieser Männer sicherer fühlte. Sie würde ein paar von ihnen zu Behütern machen. Drei. Drei von ihnen würde sie kontrollieren können, oder?
Immer dieser finstere Ausdruck, wie die Augen von Scharfrichtern, die darauf warteten, dass die nächsten Hälse vor ihnen aufgereiht wurden. Wie ein paar von ihnen vor sich hinmurmelten oder bei jedem Schatten zusammenzuckten oder sich den Kopf hielten und benommen aussahen. Sie stand im Zentrum des Wahnsinns, und es verschaffte ihr eine Gänsehaut, als wäre sie am ganzen Körper mit Tausendfüßlern bedeckt. Unwillkürlich schritt sie schneller aus. Nein, dachte sie. Ich kann Javindhra nicht hier lassen, nicht ohne es noch einmal zu versuchen. Sie würde es den anderen erklären, ihnen die Abreise befehlen. Dann würde sie sie bitten, Tarna zuerst, Javindhra anzusprechen. Sicherlich würden gemeinsame Argumente sie überzeugen.
Pevara erreichte die Hütten, die man ihnen überlassen hatte. Absichtlich schaute sie nicht zur Seite, auf die Reihe der kleinen Gebäude, in denen sich die mit dem Bund belegten Aes Sedai eingerichtet hatten. Sie hatte gehört, was einige von ihnen taten, wie sie ihre Asha’man mit… verschiedenen Methoden zu kontrollieren versuchten. Auch das verschaffte ihr eine Gänsehaut. Auch wenn sie die Ansicht vertrat, dass die meisten Roten eine zu schlechte Meinung über Männer hatten, was diese Frauen da taten, überschritt die Grenze nicht nur, sondern ließ sie mit einem Sprung hinter sich.
Sie betrat ihre Hütte und fand Tarna an ihrem Schreibtisch sitzen, wo sie einen Brief schrieb. Die Aes Sedai mussten sich ihre Hütten teilen, und sie hatte Tarna ganz bewusst gewählt. Man mochte sie ja zur Anführerin dieser Gruppe gemacht haben, aber Tarna war die Behüterin der Chroniken. Die Politik dieser Expedition war sehr kompliziert, da es so viele einflussreiche Mitglieder und so viele Meinungen gab.
Vergangene Nacht hatte Tarna zugestimmt, dass die Zeit zur Abreise gekommen war. Sie würde ihr helfen, sich um Javindhra zu kümmern.
»Taim hat die Schwarze Burg abgeriegelt«, sagte Pevara ruhig und setzte sich auf ihr Bett in dem kleinen, runden Raum. »Wir brauchen jetzt seine Erlaubnis, wenn wir gehen wollen. Er sagte es ganz nebensächlich, als sollte es gar nicht uns aufhalten. Als hätte er vergessen, uns eine Ausnahmeregelung für diese Regel zu geben.«
»Vermutlich war es auch so«, sagte Tarna. »Ich bin sicher, es ist nicht wichtig.«
Pevara hielt inne. Was? Sie versuchte es erneut. »Javindhra glaubt immer noch irrationalerweise, dass er seine Meinung ändern und uns den Bund mit vollwertigen Asha’man eingehen lässt. Es ist Zeit, Geweihte an uns zu binden und zu gehen, aber sie hat angedeutet, dass sie trotz meiner Absicht bleiben wird. Ich will, dass Ihr mit ihr sprecht.«
»Ehrlich gesagt habe ich über das nachgedacht, worüber wir gestern Abend gesprochen haben«, sagte Tarna und schrieb weiter. »Vielleicht war ich voreilig. Es gibt hier noch so viel zu lernen, und da ist die Angelegenheit mit den Rebellen draußen. Wenn wir gehen, werden sie sich mit den Asha’man verbinden, was nicht erlaubt sein dürfte.«
Die Frau schaute auf, und Pevara erstarrte. Da war etwas anderes in Tarnas Augen, etwas Kaltes. Sie war schon immer sehr distanziert gewesen, aber das hier war schlimmer.
Tarna lächelte, eine Grimasse, die in ihrem Gesicht völlig unnatürlich aussah. Wie das Lächeln auf den Lippen einer Leiche. Sie wandte sich wieder ihrem Bericht zu.
Hier läuft etwas ganz schrecklich falsch, dachte Pevara. »Nun, vielleicht habt Ihr ja recht«, hörte sie sich sagen. Ihr Mund arbeitete, auch wenn ihr Verstand schwankte.» Schließlich war diese Expedition ja Euer Vorschlag. Ich denke noch eine Weile darüber nach. Wenn Ihr mich entschuldigt.«
Tarna winkte doppeldeutig. Pevara stand auf, und ihre Jahre als Aes Sedai verhinderten, dass sich ihre Sorge in ihrer Haltung zeigte. Sie trat hinaus und ging nach Osten, die noch nicht fertig gestellte Mauer entlang. Ja, man hatte tatsächlich in regelmäßigen Abständen Postenstellungen eingebaut. Früher an diesem Morgen waren sie unbemannt gewesen. Jetzt standen dort Männer, die die Macht lenken konnten. Jeder dieser Männer konnte sie töten, bevor sie reagieren konnte. Sie konnte ihre Gewebe nicht sehen, und wegen ihrer Eide konnte sie nicht als Erste zuschlagen.
Sie wandte sich ab und begab sich zu einer kleinen Baumgruppe, ein Ort, der zu einem Garten werden sollte. Dort setzte sie sich auf einen Baumstumpf und atmete tief ein und aus. Die Kälte, die sie in Tarnas Augen gesehen hatte, die beinahe schon Leblosigkeit gewesen war, ließ sie noch immer frösteln.
Sie hatte von der Höchsten den Befehl erhalten, nur in einer völlig verzweifelten Situation Wegetore zu riskieren. Diese Situation erschien ihr durchaus verzweifelt. Sie umarmte die Quelle und lenkte die Stränge.
Das Gewebe zerfiel in dem Augenblick, in dem sie es vervollständigte. Es bildete sich kein Wegetor. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte sie es erneut, erhielt aber das gleiche Ergebnis. Sie versuchte andere Gewebe, und sie funktionierten alle, aber Wegetore scheiterten jedes Mal.
Das Frösteln verwandelte sich tief in ihrem Inneren in Eiseskälte. Sie war gefangen.
Das waren sie alle.
Perrin ergriff Mats Hand. »Viel Glück, mein Freund.«
Mat grinste und zog den dunklen Hut an seiner breiten Krempe in die Stirn. »Glück? Ich hoffe, das alles läuft auf Glück hinaus. In Glück bin ich gut.«
Mat trug ein pralles Bündel über der einen Schulter, genau wie der knochige, knorrige Mann, den er als Noal vorgestellt hatte. Thom hatte sich seine Laute auf den Rücken geschnallt und trug ein ähnliches Bündel. Perrin war sich noch immer nicht sicher, was sie da eigentlich mitschleppten. Mat wollte nur wenige Tage bei dem Turm bleiben, also brauchten sie keine großen Vorräte.
Die kleine Gruppe stand auf dem Reisegelände neben Perrins Lager. Hinter ihnen bauten Perrins Leute lautstark das Lager ab. Keiner von ihnen hatte auch nur eine Ahnung, wie wichtig dieser Tag sein konnte. Moiraine. Moiraine lebte. Beim Licht, wenn das bloß die Wahrheit war.
»Bist du sicher, dass ich dich nicht überzeugen kann, mehr Hilfe mitzunehmen?«, fragte Perrin.
Mat nickte. »Tut mir leid. Diese Dinge… nun, sie sind meistens recht schwierig. Die Nachricht war eindeutig. Nur drei von uns können eintreten, sonst scheitern wir. Und wenn wir trotzdem scheitern … nun, dann hat sie eben selbst schuld daran, nicht wahr?«
Perrin runzelte die Stirn. »Sei einfach vorsichtig. Ich erwarte, mich nach deiner Rückkehr in Meister Denezels Schenke wieder von deinem Tabaksbeutel bedienen zu können. «
»Den bekommst du«, versicherte Thom und ergriff Perrins ausgestreckte Hand. Lächelnd zögerte er, ein leichtes Funkeln in den Augen.
»Was?«, wollte Perrin wissen.