Er erschauderte und wandte sich Thom zu. Dann nickte er.
Thom zögerte nur kurz, dann zog er ein Bronzemesser aus der Scheide an seinem Gürtel und trat vor, um die Spitze auf den Turm aufzusetzen. Grimmig beschrieb er mit der Klinge ein Dreieck, das etwa eine Handfläche breit war und dessen Spitze nach unten zeigte. Metall kratzte auf Metall, hinterließ aber keine Spuren. Abschließend zeichnete Thom eine Wellenlinie in die Mitte, wie man das am Anfang einer jeden Partie Schlangen und Füchse tat.
Keiner sagte ein Wort. Mat sah Thom an. »Hast du das auch richtig gemacht?«
»Ich glaube schon«, erwiderte Thom. »Aber woher sollen wir wissen, was ›richtig‹ ist? Das Spiel gibt es seit…«
Er verstummte, als ein Lichtstreifen auf der Turmwand erschien. Mat sprang zurück und hob den Speer. Die glühenden Linien bildeten ein Dreieck, das dem entsprach, welches Thom gezeichnet hatte, dann verschwand der Stahl in der Mitte des Dreiecks – so schnell wie der Flügelschlag einer Motte.
Noal betrachtete das handflächengroße Loch. »Das ist etwas klein, um hindurchzukriechen.« Er trat heran und schaute hinein. »Auf der anderen Seite ist nur Dunkelheit zu sehen.«
Thom schaute auf sein Messer. »Ich vermute, das Dreieck ist in Wirklichkeit ein Eingang. Darum zeichnet man es, wenn man das Spiel beginnt. Soll ich ein Größeres aufmalen?«
»Ja, klar«, sagte Mat. »Es sei denn, der Gholam hat dir beigebracht, wie man sich durch faustgroße Löcher quetschen kann.«
»Kein Grund, so verbiestert zu sein«, meinte Thom und zeichnete ein weiteres Dreieck um das Erste, dieses Mal aber groß genug, um hindurchgehen zu können. Er schloss mit der Wellenlinie.
Mat zählte. Es dauerte sieben Herzschläge, bis die weißen Linien erschienen. Zwischen ihnen löste sich der Stahl auf und gab den Weg in einen dreieckigen Korridor frei, der in den Turm führte. Das Innere schien aus solidem Stahl zu bestehen.
»Soll mich doch das Licht verbrennen«, flüsterte Noal. Der Korridor verschwand in der Dunkelheit; das Sonnenlicht schien zu zögern, in die Öffnung zu dringen, obwohl das vermutlich nur eine Sinnestäuschung war.
»Und so beginnen wir ein Spiel, das man nicht gewinnen kann«, sagte Thom und schob das Messer zurück in die Scheide.
»Mut, um zu stärken«, flüsterte Noal, hob eine Laterne mit flackernder Flamme und trat einen Schritt vor. »Feuer, um zu blenden. Musik, um zu verwirren. Eisen, um zu binden.«
»Und Matrim Cauthon«, fügte Mat hinzu. »Um die Chancen verdammt noch mal zu verbessern.« Er trat durch den Eingang.
Licht blitzte auf, grell, weiß, blendend. Fluchend kniff er die Augen zusammen und senkte den Ashandarei in einer wie er hoffte drohenden Geste. Er blinzelte, und das Weiß verschwand. Er stand in der Mitte eines großen Raumes, genau hinter ihm gab es eine freistehende dreieckige Öffnung, deren Spitze sich auf dem Boden befand. Sie war tiefschwarz, und ihr Rahmen bestand aus verdrehten Schnüren, die an einigen Stellen aus Metall und an anderen aus Holz zu bestehen schienen.
Der Raum war ebenfalls schwarz und wie ein verzogenes Quadrat geformt. Aus Löchern in allen vier Ecken strömte weißer Dampf empor; der Nebel glühte mit einem weißen Licht. Aus dem Raum führten vier Gänge, einer in jede Richtung.
Das Gemach war nicht genau quadratisch. Jede Seite wies eine leicht unterschiedliche Länge auf, was in den Ecken für seltsame Winkel sorgte. Und dieser Dampf! Er sonderte einen schwefeligen Gestank ab, der Mat durch den Mund atmen lassen wollte. Die onyxfarbenen Steine waren kein Stein, sondern ein spiegelndes Material, das an die Schuppen eines gewaltigen Fisches erinnerte. Der Dampf sammelte sich unter der Decke und glühte leicht.
Sollte man ihn doch zu Asche verbrennen! Das glich nicht einmal annähernd dem Ort, den er damals besucht hatte, der Ort mit den runden Durchgängen, aber er hatte auch keine Ähnlichkeit wie der zweite Ort mit den sternförmigen Räumen und Streifen aus gelbem Licht! Wo war er? Wo war er da nur reingeraten? Nervös drehte er sich um.
Thom stolperte blinzelnd und benommen durch das Tor. Mat ließ sein Bündel fallen und packte den Gaukler am Arm. Noal kam als Nächster. Der knochige Mann verlor nicht den Halt, war aber offensichtlich geblendet und hielt seine Laterne schützend vor sich.
Beide blinzelten, Noals Augen tränten, aber schließlich fanden sie sich zurecht und schauten sich um. Der Raum war so leer wie die in alle vier Richtungen abzweigenden Gänge.
»Das sieht gar nicht so aus, wie du es beschrieben hast, Mat«, sagte Thom. Seine Stimme hallte leicht, allerdings klang sie auf unheimliche Weise verzerrt. Beinahe wie ein Flüstern, das zu ihnen zurückgeworfen wurde. Mats Nackenhaare stellten sich auf.
»Ich weiß.« Mat zog eine Fackel aus seinem Bündel. »Dieser Ort macht keinen Sinn. Zumindest stimmen die Geschichten darin überein. Hier, entzündet die, Noal.«
Thom holte ebenfalls eine Fackel hervor, und sie entzündeten beide an Noals Laterne. Von Aludra hatten sie Zündhölzer, aber die wollte Mat sparen. Er hatte befürchtet, dass Flammen im Turm sofort wieder erloschen, wenn man sie entzündete. Aber das Licht brannte gleichmäßig. Das machte ihm etwas Mut.
»Wo sind sie also?«, fragte Thom und schritt die Wände des schwarzen Raumes ab.
»Sie sind nie da, wenn man reinkommt«, sagte Mat, hielt seine Fackel hoch und untersuchte eine der Wände. Hatte man da Schriftzeichen in den Nicht-Stein gekratzt? Die fremdartige Schrift war so zierlich, dass er sie kaum erkennen konnte. »Aber passt auf. Sie erscheinen schneller hinter einem als ein Wirt, der Münzen in deinem Geldbeutel klirren hört.«
Noal untersuchte das Dreieckstor, durch das sie gekommen waren. »Glaubt ihr, wir kommen hier auch wieder raus?« Es ähnelte den Stein-Ter’angrealen, durch die Mat getreten war. Hatte nur eine andere Form.
»Das hoffe ich doch«, sagte er.
»Vielleicht sollten wir es ausprobieren«, schlug Noal vor.
Mat nickte ihm zu. Er wollte nicht, dass sie getrennt wurden, aber sie mussten wissen, ob das ein Rückweg war oder nicht. Mit entschlossener Miene trat Noal hindurch. Er verschwand.
Einen langen Augenblick hielt Mat die Luft an, aber er kehrte nicht zurück. War das ein Trick? War dieser Durchgang hier platziert worden um …
Noal stolperte durch die Öffnung wieder in den Raum. Thom ließ seine Fackel auf den Boden fallen und lief herbei, um ihm zu helfen. Dieses Mal erholte sich Noal schneller und blinzelte die Blindheit fort. »Es hat mich ausgesperrt«, erklärte er. »Ich musste ein weiteres Dreieck zeichnen, um wieder hereinzukommen.«
»Wenigstens wissen wir, dass wir einen Fluchtweg haben«, sagte Thom.
Solange die verdammten Aelfinn und Eelfinn es nicht verschieben, dachte Mat und erinnerte sich an seinen vorherigen Besuch, der damit geendet hatte, dass man ihn aufhängte. Damals hatten sich Räume und Korridore auf geheimnisvolle Weise verändert, in völligem Widerspruch zu allem, was richtig war.
»Seht euch das an«, sagte Thom.
Mat senkte den Speer, und Noal hatte plötzlich ein eisernes Kurzschwert in der Hand. Thom zeigte auf seine Fackel, die neben einer der glühenden Dampföffnungen auf dem Boden brannte.
Der weiße Dampf wich vor den Flammen zurück, wie von einem Luftzug bewegt. Aber kein Luftzug hatte jemals Dampf sich auf so unnatürliche Weise bewegen lassen. Er krümmte sich über dem Feuer zu einer Schlinge. Thom hob die Fackel auf, hielt sie an die Dampfsäule, und sie wich einfach aus. Thom stieß sie in den Dampf hinein, und er riss auseinander, umging die Flamme und verschmolz darüber wieder zu einem Strom.
Thom sah die anderen an.
»Frag nicht mich«, sagte Mat stirnrunzelnd. »Ich habe gesagt, dass dieser Ort keinen Sinn ergibt. Wenn das das Verrückteste ist, was wir hier zu sehen bekommen, dann bin ich ein murandianischer Schnurrbart. Kommt weiter.«