»Das ist doch Blödsinn!«, sagte Noal, als sie sich umdrehten und zurückliefen. »So kommen wir nie irgendwohin!«
Mat ignorierte ihn und lief weiter. Bald näherten sie sich wieder dem ersten Raum.
»Mat«, sagte Noal flehend. »Können wir denn nicht zumindest …«
Noal verstummte, als sie in den ersten Raum stürmten. Nur, dass es nicht der erste Raum war. Dieses Gemach wies einen weißen Boden auf und war von gewaltigen Ausmaßen, dicke schwarze Säulen strebten einer nicht auszumachenden Decke entgegen.
Der glühende weiße Dampf, der sich an der Korridordecke gesammelt hatte, strömte in den Raum und wogte in die Dunkelheit hinauf, wie ein Wasserfall, der in die verkehrte Richtung stürzte. Obwohl Boden und Säulen wie Glas aussahen, wusste Mat, dass sie sich wie Stein anfühlen würden. Erhellt wurde der Raum von einer Reihe glühender gelber Streifen, die an jeder Säule auf den Kanten der schmückenden Kannelierungen in den Glassteinen emporliefen.
Thom schlug ihm auf die Schulter. »Mat, mein Junge, das war verrückt. Und effektiv. Irgendwie.«
»Was du auch von mir erwarten solltest«, erwiderte Mat und zog die Hutkrempe tiefer. »Ich war schon einmal in diesem Raum. Wir sind richtig. Falls Moiraine noch lebt, muss sie irgendwo hier in der Nähe sein.«
54
Das Licht der Welt
Thom hielt seine Fackel hoch und inspizierte die gewaltigen sternförmigen schwarzen Säulen mit ihren glühenden gelben Streifen. Diese Streifen versahen den ganzen Raum mit einem kränklichen Lichtschein, der Thom bleich und gelbsüchtig aussehen ließ.
Mat erinnerte sich an den Gestank dieses Ortes, diese modrige Abgestandenheit. Jetzt, wo er wusste, wonach er zu suchen hatte, konnte er auch etwas anderes riechen. Den dumpfen Gestank eines Tierbaus. Die Höhle eines Raubtiers.
Fünf Korridore führten aus diesem Raum, je einer an den Spitzen der Sternform. Er erinnerte sich, einen dieser Gänge benutzt zu haben, aber hatte es damals nicht nur einen Ausgang gegeben?
»Ich frage mich, wie hoch diese Säulen sind«, sagte Thom, hob die Fackel und kniff die Augen zusammen.
Mat hielt den Ashandarei fester in den verschwitzten Händen. Sie hatten den Fuchsbau betreten. Er tastete nach seinem Medaillon. Die Eelfinn hatten bei ihm nie die Eine Macht benutzt, aber sie wussten darüber Bescheid, oder nicht? Natürlich konnten Ogier nicht die Macht lenken. Vielleicht bedeutete das ja, dass es die Eelfinn auch nicht konnten.
Von den Seiten des Raumes ertönten raschelnde Geräusche. Schatten bewegten sich. Die Eelfinn waren hier, in der Dunkelheit. »Thom«, sagte Mat. »Wir sollten noch etwas Musik machen.«
Thom musterte die Dunkelheit. Er widersprach nicht, sondem nahm die Flöte und fing an zu spielen. In dem riesigen Raum klangen die Töne verloren.
»Mat«, sagte Noal, der fast in der Mitte des Raumes kniete. » Seht Euch das an.«
»Ich weiß. Es sieht aus wie Glas, fühlt sich aber wie Stein an.«
»Nein, das meine ich nicht«, sagte Noal. »Hier ist etwas anderes. «
Mit langsamen Schritten ging Mat zu ihm. Thom folgte seinem Beispiel, behielt dabei ununterbrochen die Umgebung im Auge und spielte weiter, während Noal mit seiner Laterne einen geschmolzenen Schlackeklumpen von der ungefähren Größe einer kleinen Truhe auf dem Boden beleuchtete. Er war schwarz, aber es war ein matteres Schwarz als der Boden und die Säulen.
»Wofür haltet Ihr das?«, fragte Noal. »Vielleicht eine der Falltüren?«
»Nein«, sagte Mat. »Das ist es nicht.« Die anderen beiden sahen ihn an.
»Das ist der Türrahmen«, sagte Mat mit einem Übelkeit erregenden Gefühl in der Magengrube. »Der rote Türrahmen aus Stein. Als ich ihn das erste Mal durchschritt, befand er sich in der Mitte eines ähnlichen Raumes. Als er auf der anderen Seite schmolz …«
»Schmolz er auch hier«, vollendete Noal den Satz.
Die drei Männer starrten das Fragment an. Thoms Musik klang wie eine Heimsuchung.
»Nun«, sagte Mat. »Wir haben ja gewusst, dass das kein Ausgang mehr sein wird. Wir werden uns den Rückzug erhandeln müssen.« Und ich werde verflucht noch mal dafür sorgen, dieses Mal nicht dabei aufgehängt zu werden.
»Werden uns die Würfel weiterführen?« Noal erhob sich wieder.
Mat spürte sie in der Manteltasche. »Ich wüsste nicht, warum nicht.« Aber er holte sie nicht hervor. Stattdessen musterte er die Tiefen des Gemaches. Thoms Musik schien einige der Schatten reglos gemacht zu haben. Aber andere bewegten sich noch. Eine rastlose Energie lag in der Luft. »Mat?«, fragte Thom.
»Ihr habt gewusst, dass ich zurückkehre«, sagte Mat laut. Seine Stimme hallte nicht. Beim Licht! Wie groß war dieses Ding eigentlich? »Ihr habt genau gewusst, dass ich in Euer verdammtes Reich zurückmarschiere, oder? Ihr habt gewusst, dass Ihr mich schließlich in die Hände bekommt.«
Zögernd senkte Thom seine Flöte.
»Zeigt Euch!«, rief Mat. »Ich höre doch, wie Ihr herumschleicht, wie Ihr atmet.«
Thom legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Mat, sie können nicht gewusst haben, dass du zurückkommst. Moiraine konnte nicht mit Sicherheit wissen, dass du sie holen kommst.«
Mat beobachtete die Dunkelheit. »Hast du je gesehen, wie Männer das Vieh zum Schlachten bringen?«
Der Gaukler zögerte, dann schüttelte er den Kopf.
»Nun, da hat jeder seine eigene Methode«, sagte Mat. »Aber das Vieh, nun, es weiß, dass etwas nicht stimmt. Die Tiere riechen das Blut. Sie geraten in Panik, weigern sich, das Schlachthaus zu betreten. Und weißt du, wie man das verhindert?«
»Müssen wir gerade jetzt darüber sprechen, Mat?«
»Das verhindert man«, fuhr Mat fort, »indem man sie ein paarmal durch das saubere Schlachthaus führt, wenn die Gerüche nicht zu stark sind. Man führt sie durch und lässt sie entkommen, und schon halten sie diesen Ort für sicher.« Er schaute Thom an. »Sie wussten genau, dass ich zurückkomme. Sie wussten, dass ich das Hängen überlebe. Sie wissen Dinge, Thom. Soll man mich doch zu Asche verbrennen, aber das tun sie.«
»Wir kommen hier wieder raus«, versprach Thom. »Das schaffen wir. Moiraine hat es gewusst.«
Mat nickte energisch. »Und ob wir das werden. Sie spielen ein Spiel. Bei Spielen gewinne ich.« Er zog die Würfel aus der Tasche, jedenfalls gewinne ich meistens.
Plötzlich flüsterte eine Stimme hinter ihnen. »Willkommen, Sohn der Schlachten.«
Mat fuhr fluchend herum und schaute sich um.
»Da«, sagte Noal und zeigte mit seinem Stab. Neben einer der Säulen stand eine Gestalt, die zur Hälfte von dem gelben Licht beleuchtet wurde. Ein anderer Eelfinn. Größer, mit ebenmäßigeren Zügen. Seine Augen reflektierten das Fackellicht. Orangerot.
»Ich kann Euch an den Ort führen, den Ihr sucht«, sagte der Eelfinn mit rauer, knirschender Stimme. Er hob einen Arm, um den Fackelschein abzuwehren. »Für einen Preis.«
»Thom, Musik.«
Thom fing wieder an zu spielen.
»Einer von Euch hat bereits versucht, uns dazu zu bringen, unsere Werkzeuge zurückzulassen«, sagte Mat. Er zog eine Fackel aus dem Bündel unter seinem Arm, dann stieß er sie zur Seite und zündete sie an Noals Laterne an. »Das klappt nicht.«
Der Eelfinn wich mit leisem Knurren vor dem neuen Licht zurück. »Ihr seid gekommen, um zu handeln, aber doch macht Ihr Euch absichtlich Feinde? Wir haben nichts getan, um das zu verdienen.«
Mat zog das Tuch vom Hals. »Nichts?«
Das Geschöpf erwiderte darauf nichts, aber es wich weiter zurück und trat in die Dunkelheit zwischen den Säulen. Sein viel zu ebenmäßiges Gesicht wurde jetzt kaum noch vom gelben Licht erfasst.
»Warum wollt Ihr mit uns sprechen, Sohn der Schlachten«, zischte der Flüsterer aus den Schatten, »wenn Ihr gar nicht feilschen wollt?«