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»Schon gut, Sohn. Es ist in Ordnung.«

»Ich habe so viel Schreckliches getan.«

»Niemand beschreitet einen schwierigen Weg, ohne gelegentlich zu stolpern. Dein Sturz hat dich nicht gebrochen. Nur darauf kommt es an.«

Rand nickte. Sie hielten sich eine Weile. Schließlich löste sich Rand und gab Min, die am Fuß der Stufen stand, ein Zeichen.

»Komm, Vater«, sagte er, »da gibt es jemanden, den ich dir vorstellen möchte.«

Tarn kicherte. »Drei Tage sind vergangen, Rand. Ich habe sie bereits kennengelernt.«

»Ja, aber ich habe sie dir nicht vorgestellt. Das muss ich tun.« Er winkte Min herbei, und sie hob eine Braue und verschränkte die Arme. Er sah sie bittend an, also seufzte sie und stieg die Stufen hinauf.

»Vater«, sagte Rand und legte seine Hand auf Mins Rücken. »Das ist Min Farshaw. Und sie ist jemand ganz Besonderes für mich.«

14

Ein Schwur

Egwene spazierte den sanften Hügel hinauf, das Gras unter ihren Füßen war grün, die Luft kühl und angenehm. Schmetterlinge flatterten träge von Blüte zu Blüte wie neugierige Kinder, die in Schränke spähten. Egwene ließ ihre Schuhe verschwinden, um die Grashalme unter den Sohlen zu spüren.

Lächelnd holte sie tief Luft, dann schaute sie hinauf zu den brodelnden schwarzen Wolken. Zornig und aufgewühlt, dabei trotz der amethystfarbenen Blitze absolut stumm. Oben der schreckliche Sturm, darunter die friedliche Wiese. Die Gegensätzlichkeit der Welt der Träume.

Seltsamerweise kam ihr Tel’aran’rhiod mittlerweile viel unnatürlicher vor als bei ihren ersten paar Besuchen, die sie mit Verins Ter’angreal absolviert hatte. Sie hatte diesen Ort wie einen Spielplatz behandelt und ständig ihre Kleider verändert, wie es ihr gerade einfiel, immer unter der Annahme, dass sie hier sicher war. Sie hatte es nicht begriffen gehabt. Tel’aran’rhiod war ungefähr so sicher wie eine bunt angemalte Bärenfalle. Hätten die Weisen Frauen ihr nicht den Kopf zurechtgerückt, wäre sie nicht alt genug geworden, um die Amyrlin zu werden.

ja, ich glaube, das ist es. Die grünen Hügel, die Baumgruppen. Das war der erste Ort, den sie vor über einem Jahr hier besucht hatte. Nun hier zu stehen und so weit gekommen zu sein hatte etwas Bedeutungsvolles. Und doch hatte es den Anschein, dass sie noch einmal die gleiche Strecke hinter sich bringen musste, bevor das alles hier vorbei war, und zwar in weitaus kürzerer Zeit.

Als sie in der Burg eine Gefangene gewesen war, hatte sie sich wiederholt klarmachen müssen, dass sie sich immer nur auf ein Problem nach dem anderen konzentrieren konnte. Die Wiedervereinigung der Weißen Burg hatte an erster Stelle stehen müssen. Jetzt schien es aber zahllose Probleme wie auch mögliche Lösungen zu geben. Sie überwältigten sie und hielten sie von sämtlichen Dingen ab, die sie hätte tun sollen.

Glücklicherweise hatte man in den vergangenen Tagen unerwarteterweise mehrere Kornlager in der Stadt entdeckt. In einem Fall war es ein vergessenes Lagerhaus gewesen, dessen Besitzer irgendwann im Winter gestorben war. Die anderen Funde waren kleiner, hier und da ein paar Säcke. Erstaunlicherweise war nichts davon auch nur ansatzweise verdorben gewesen.

An diesem Abend standen zwei Besprechungen auf dem Programm, bei denen es um andere Probleme ging. Ihre größte Schwierigkeit lag in den Vorstellungen der Leute, denen sie begegnen würde. Keine Gruppe würde sie als das sehen, zu dem sie geworden war.

Sie schloss die Augen und dachte sich fort. Als sie die Augen wieder öffnete, stand sie in einem großen Raum, dessen Ecken in tiefen Schatten lagen. Säulen erhoben sich wuchtigen Türmen gleich. Das Herz des Steins von Tear.

Inmitten des Säulenwalds saßen zwei Weise Frauen in der Mitte des Raums auf dem Boden. Ihre Gesichter über den weißen Blusen und den hellbraunen Röcken unterschieden sich deutlich voneinander. Bairs Antlitz war faltig vom Alter und erinnerte an Leder, das man zum Haltbarmachen in die Sonne gelegt hatte. Trotz ihrer gelegentlichen Strenge gingen Lachfältchen von Augen und Mund aus.

Amys’ Gesicht war seidenglatt, was von der Fähigkeit des Machtlenkens herrührte. Es war nicht alterslos, aber sie hätte mühelos eine Aes Sedai sein können, so ausdruckslos war es.

Die beiden hatten ihre Schultertücher um die Taille gebunden und die Blusen nicht verschnürt. Egwene setzte sich vor sie, behielt ihre Feuchtländerkleidung jedoch bei. Amys runzelte die Stirn; war sie der Ansicht, dass sich Egwene hätte umziehen sollen? Oder fand sie es gut, dass Egwene nicht imitierte, was sie nicht war? Es war schwer zu sagen.

»Der Kampf in der Weißen Burg ist beendet«, sagte Egwene.

»Die Frau Elaida a’Roihan?«, fragte Amys.

»Von den Seanchanern entführt. Ihre Anhänger haben mich als Amyrlin akzeptiert. Meine Position ist alles andere als sicher – manchmal fühle ich mich, als würde ich auf einem Stein balancieren, der auf einem anderen Stein balanciert. Aber die Weiße Burg ist wieder vereint.«

Amys schnalzte leise mit der Zunge. Sie hob die Hand, und eine gestreifte Stola, die Stola der Amyrlin, erschien darin. »Ich schätze, dann solltet Ihr das hier tragen.«

Egwene atmete langsam aus. Manchmal war sie regelrecht erstaunt, wie viel sie doch von der Meinung dieser Frauen hielt. Sie nahm die Stola und legte sie sich über die Schultern.

»Soriela werden diese Neuigkeiten nicht gefallen«, sagte Bair und schüttelte den Kopf. »Sie hatte noch immer die Hoffnung, dass Ihr diese Närrinnen in der Weißen Burg verlasst und zu uns zurückkehrt.«

»Bitte achtet auf Eure Worte«, sagte Egwene und erschuf eine Tasse Tee. »Nicht nur bin ich eine dieser Närrinnen, meine Freundin, ich bin auch ihre Anführerin. Die Königin der Narren, könnte man sagen.«

Bair zögerte. »Ich habe Toh auf mich geladen.«

»Nicht, weil Ihr die Wahrheit aussprecht«, versicherte Egwene ihr. »Viele von ihnen sind Närrinnen, aber sind wir nicht gewissermaßen irgendwann alle einmal Närrinnen? Ihr habt mich nicht meinen Fehlern überlassen, als ihr mich im Tel’aran’rhiod herumwandern fandet. Auf eine ähnliche Weise kann ich die in der Weißen Burg nicht im Stich lassen. «

Amys kniff die Augen zusammen. »Seit unserer letzten Begegnung seid Ihr sehr gewachsen, Egwene al’Vere.«

Das erzeugte in Egwene ein warmes Gefühl. »Ich musste auch wachsen. In der letzten Zeit war mein Leben sehr schwierig.«

»Wenn man vor einem eingestürzten Dach steht«, sagte Bair, »fangen manche an, die Trümmer wegzuräumen, und werden dadurch stärker. Andere gehen zum Haus ihrer Brüder und trinken ihr Wasser.«

»Habt Ihr Rand in letzter Zeit gesehen?«, fragte Egwene.

»Der Car’a’carn hat den Tod umarmt«, sagte Amys. »Er hat den Versuch aufgegeben, so stark wie die Steine sein zu wollen, und hat stattdessen die Stärke des Windes gefunden.«

Bair nickte. »Eigentlich müssten wir aufhören, ihn ein Kind zu nennen.« Sie lächelte. »Eigentlich.«

Egwene ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken. Sie hatte erwartet, dass sie unzufrieden mit Rand sein würden. »Ich möchte, dass ihr wisst, welchen Respekt ich vor Euch habe. Dafür, dass Ihr mich auf diese Weise aufgenommen habt, habt Ihr große Ehre errungen. Ich glaube, das ist der einzige Grund, dass mein Blick weiter reicht als der meiner Schwestern, denn Ihr habt mich gelehrt, gerade und mit erhobenem Kopf zu gehen.«

»Das war einfach«, bemerkte Amys sichtlich erfreut. »Das hätte jede Frau gekonnt.«

»Nur wenige Freuden sind so befriedigend, als eine Schnur zu nehmen, die jemand verknotet hat«, sagte Bair, »und sie dann wieder zu entknoten. Aber wenn die Schnur nicht aus gutem Material gemacht ist, dann wird sie auch das Entknoten nicht mehr retten. Ihr habt uns gutes Material gegeben, Egwene al’Vere.«

»Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, mehr Schwestern in der Art und Weise der Weisen Frauen zu unterrichten.«