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»Sie haben angegriffen?«, fragte Nynaeve.

»Ja.« Was du wissen würdest, hättest du je auf meine Rufe reagiert!

Nynaeve verschränkte die Arme, und sie sahen sich quer durch den Raum an, getrennt von der Flamme von Tar Valon auf dem Boden. Das hier musste man sehr sorgfältig angehen; Nynaeve konnte kratzbürstiger sein als der schlimmste Dornbusch.

»Nun«, sagte Nynaeve und klang entschieden unbehaglich, »ich weiß, dass du viel zu tun hast, und das Licht allein weiß, dass es mir genauso geht. Also sag mir, was ich deiner Meinung nach unbedingt wissen muss, damit ich wieder gehen kann.«

»Nynaeve«, sagte Egwene, »ich habe dich nicht nur hergeholt, um dir Informationen zu geben.«

Nynaeve packte ihren Zopf. Ihr war klar, dass sie einen Tadel verdient hatte, weil sie Egwene auf diese Art und Weise aus dem Weg gegangen war.

»Eigentlich«, fuhr Egwene fort, »wollte ich dich um deinen Rat bitten.«

Nynaeve blinzelte. »Einen Rat weswegen?«

» Nun «, sagte Egwene und schritt langsam über die Flamme, »du bist eine der wenigen, die meiner Meinung nach in einer ähnlichen Situation wie ich waren.«

»Amyrlin?«, fragte Nynaeve tonlos.

»Eine Führerin, die alle für zu jung halten«, sagte Egwene, ging an Nynaeve vorbei und bedeutete ihr, sich ihr anzuschließen. »Die plötzlich in ihre Position erhoben wurde. Die weiß, dass sie die richtige Frau für die Aufgabe ist, trotzdem von den meisten in ihrer Umgebung nur widerwillig akzeptiert wird.«

»Ja«, sagte Nynaeve und hielt mit Egwene Schritt, während ihr Blick in die Ferne zu schweifen schien. »Man könnte sagen, dass ich mich mit dieser Situation auskenne.«

»Wie bist du damit umgegangen? Es kommt mir so vor, dass ich alles, was ich tun will, selbst tun muss – denn wenn ich es nicht mache, ignoriert man mich, sobald ich außer Sicht bin. Viele sind der Ansicht, dass ich Befehle gebe, nur um mich reden zu hören, oder sie nehmen mir meine übergeordnete Position übel.«

»Wie ich damit umging, als ich Dorfseherin wahr?«, fragte Nynaeve. »Egwene, ich weiß nicht einmal, ob ich das überhaupt bewusst tat. Die meiste Zeit konnte ich mich kaum davon abhalten, Jon Thane eins auf die Ohren zu geben, und fang bloß nicht mit Cenn an!«

»Aber am Ende respektierten sie dich.«

»Man durfte sie nie vergessen lassen, welche Stellung ich bekleidete. Man durfte ihnen einfach nicht erlauben, dass sie mich weiterhin als junges Mädchen betrachteten. Etabliere deine Autorität schnell. Sei bei den Frauen in der Burg energisch, Egwene, denn sie werden gleich zu Beginn versuchen herauszufinden, wie weit man dich herumschubsen kann. Und wenn du zulässt, dass man dich auch nur eine Handbreit herumschubst, dann wird es dir unendlich schwerfallen, das verlorene Terrain zurückzugewinnen.«

»Gut«, sagte Egwene.

»Und gib ihnen bloß keine sinnlosen Arbeiten«, fuhr Nynaeve fort. Sie hatten den Saal der Burg verlassen und spazierten durch die Gänge. »Sie müssen sich daran gewöhnen, dass du Befehle gibst, aber sorg dafür, dass es gute Befehle sind. Sorg dafür, dass sie dich nicht umgehen. Meiner Meinung nach könnte es ihnen viel zu leichtfallen, sich an den Sitzenden oder den Anführerinnen der Ajahs zu orientieren statt an dir; die Frauen in Emondsfelde fingen an, sich an den Frauenkreis zu wenden statt an mich.

Solltest du entdecken, dass die Sitzenden Entscheidungen treffen, die dem ganzen Saal hätten vorgetragen werden müssen, musst du deswegen großen Lärm schlagen. Vertrau mir. Sie werden sich darüber beklagen, dass du viel zu viel Theater wegen Nebensächlichkeiten machst, aber sie werden zweimal darüber nachdenken, bevor sie etwas Wichtiges über deinen Kopf hinweg tun.«

Egwene nickte. Es war ein guter Rat, auch wenn er natürlich durch Nynaeves Weltsicht getrübt war. »Ich glaube, das größte Problem liegt darin, dass ich so wenig überzeugte Anhänger habe.«

»Du hast mich. Und Elayne.«

»Tatsächlich?« Egwene blieb stehen und sah Nynaeve an. »Bist du das wirklich?«

Die ehemalige Dorfseherin blieb ebenfalls stehen. »Natürlich. Sei nicht albern.«

»Und wie wird es aussehen, wenn die, die mich am besten kennen, meine Autorität ignorieren? Bei anderen den Eindruck erwecken, dass es etwas gibt, von dem sie nichts wissen? Eine Schwäche, die nur meine Freunde kennen?«

Nynaeve erstarrte. Plötzlich kniff sie die Augen zusammen, und ihre Ehrlichkeit verwandelte sich in Misstrauen. »Es ging gar nicht darum, mich um Rat zu fragen, oder?«

»Doch, natürlich«, sagte Egwene. »Nur eine Närrin würde den Rat derjenigen ignorieren, die sie unterstützen. Aber wie hast du dich in diesen ersten Wochen als Dorfseherin gefühlt? Als dich alle die Frauen, die du doch führen solltest, lediglich als das Mädchen betrachteten, das sie von früher kannten?«

»Schrecklich«, sagte Nynaeve leise.

» Und war es falsch von ihnen, sich so zu benehmen?«

»Ja. Weil ich zu etwas anderem geworden war. Es ging nicht nur mehr um mich persönlich, es ging um meine herausragende Stellung.«

Egwene hielt den Blick der älteren Frau fest, und sie tauschten ein Einverständnis aus.

»Beim Licht«, sagte Nynaeve. »Da hast du mich wirklich erwischt, oder?«

»Nynaeve, ich brauche dich«, sagte Egwene. »Nicht nur, weil du in der Macht so stark bist, nicht nur, weil du eine kluge entschlossene Frau bist. Nicht nur, weil du so erfrischend unberührt von der Burgpolitik bist, und nicht nur, weil du zu den wenigen Menschen gehörst, die Rand kannten, bevor das alles hier begann. Sondern weil ich Leute brauche, denen ich uneingeschränkt vertrauen kann. Wenn du einer davon sein kannst.«

»Ich müsste vor dir knien«, sagte Nynaeve. »Dir den Ring küssen.«

»Und? Hättest du das für eine andere Amyrlin getan?«

»Es hätte mir nicht gefallen.«

»Aber du hättest es getan.«

»Ja.«

»Und bist du der ehrlichen Auffassung, dass eine andere besser für diese Aufgabe geeignet wäre als ich?«

Nynaeve zögerte, dann schüttelte sie den Kopf.

»Warum ist es dann so bitter für dich, der Amyrlin zu dienen? Nicht mir, sondern der Stellung?«

Nynaeve sah aus, als hätte sie etwas sehr Bitteres getrunken. »Das wird mir nicht… leichtfallen.«

»Ich wüsste nicht, dass du jemals einer Aufgabe aus dem Weg gegangen bist, weil sie schwierig war.«

»Die Stellung. In Ordnung. Ich versuche es.«

»Dann könntest du damit anfangen, mich Mutter zu nennen. « Egwene hielt einen Finger hoch, um Nynaeves Einwand im Keim zu ersticken. »Damit du dich selbst daran erinnerst. Das muss nicht immer sein, zumindest nicht privat. Aber du musst anfangen, mich als Amyrlin zu betrachten.«

» Schon gut, schon gut. Du hast mich mit genug Dornen gestochen. Ich komme mir schon so vor, als hätte ich den ganzen Tag Windsatter getrunken.« Sie zögerte. Dann fügte sie hinzu: »Mutter.« Sie schien fast an dem Wort zu ersticken.

Egwene lächelte ermutigend.

»Ich werde dich nicht auf die Weise behandeln, wie die Frauen mich nach meiner Ernennung zur Dorfseherin behandelten«, versprach Nynaeve. »Beim Licht! Schon komisch, sich wie sie zu fühlen. Egal, sie waren trotzdem Närrinnen. Ich werde besser sein; du wirst sehen. Mutter.«

Dieses Mal klang es etwas weniger gezwungen. Egwenes Lächeln wurde breiter. Allmählich fand sie Gefallen daran, Nynaeve zu motivieren.

Plötzlich klingelte ein Glöckchen in Egwenes Verstand. Sie hatte ihre Schutzgewebe fast schon vergessen. »Ich glaube, Elayne ist eingetroffen.«

»Gut«, sagte Nynaeve. Sie klang erleichtert. »Dann lass uns zu ihr gehen.« Sie ging los zurück in Richtung Saal – und verharrte. Sie schaute zurück. »Wenn es Euch recht ist, Mutter.«

Ich frage mich, ob sie das jemals über die Lippen bringt, ohne unbehaglich zu wirken, dachte Egwene. Nun, solange sie es versucht. »Ein ausgezeichneter Vorschlag.« Sie schloss sich Nynaeve an. Jedoch fanden sie den Saal leer vor. Egwene verschränkte die Arme und sah sich um.