»Vielleicht sucht sie nach uns«, meinte Nynaeve.
»Wir hätten sie im Korridor gesehen«, erwiderte Egwene. »Außerdem…«
Elayne erschien im Raum. Sie trug ein majestätisches weißes Gewand, auf dem Diamanten funkelten. Sobald sie Egwene erblickte, lächelte sie breit, eilte auf sie zu und ergriff ihre Hände. »Du hast es geschafft, Egwene! Wir sind wieder vereint! «
Egwene lächelte. »Ja, auch wenn die Burg noch immer verletzt ist. Es gibt noch viel zu tun.«
»Du klingst wie Nynaeve.« Elayne warf Nynaeve einen Blick zu und lächelte.
»Danke«, sagte Nynaeve trocken.
»Ach, sei nicht albern.« Elayne umarmte Nynaeve freundschaftlich. »Ich bin froh, dass du da bist. Ich hatte schon Sorge, dass du nicht kommen würdest, und dann müsste Egwene dich jagen und dir einen Zeh nach dem anderen abreißen.«
»Die Amyrlin hat Besseres zu tun«, sagte Nynaeve. »Ist das nicht richtig, Mutter?«
Elayne zuckte zusammen und sah erstaunt aus. Ein Funkeln lag in ihren Augen, und sie unterdrückte ein Lächeln. Sie ging davon aus, dass Nynaeve die Meinung gesagt bekommen hatte. Aber natürlich wusste Egwene, dass das bei Nynaeve nichts gebracht hätte; das wäre wie der Versuch, eine Klette aus der Haut zu ziehen, deren Stacheln schief eingedrungen waren.
»Elayne«, sagte Egwene. »Wo bist du hingegangen, bevor wir zurückkamen?«
»Was meinst du?«
»Als du zum ersten Mal hier warst, waren wir weg. Hast du irgendwo nach uns gesucht?«
Elayne erschien verwirrt. »Ich lenkte Macht in mein Ter’angreal, schlief ein, und ihr wart hier, als ich erschien.«
»Wer hat dann die Schutzgewebe ausgelöst?«, fragte Nynaeve.
Beunruhigt machte Egwene die Schutzgewebe wieder scharf, dachte genau nach und webte ein umgedrehtes Gewebe gegen Lauscher, veränderte es jedoch, damit ein paar Laute durchschlüpfen konnten. Mit einem anderen Gewebe projizierte sie die paar Laute weit in die Umgebung hinaus.
Jemand in der Nähe würde sie als Flüstern hören. Sie würden näher heranschleichen, aber der Laut würde ein Flüstern bleiben. Möglicherweise würde sie das noch näher heranlocken, Zoll um Zoll, während sie sich bemühten, etwas zu hören.
Nynaeve und Elayne sahen ihr beim Weben zu. Elayne erschien überwältigt, während Nynaeve nachdenklich nickte.
»Bitte setzt euch«, sagte Egwene, erschuf einen Stuhl und nahm Platz. »Wir haben viel zu besprechen.« Elayne machte sich vermutlich unbewusst einen Thron, und Nynaeve kopierte einen der Stühle der Sitzenden. Egwene hatte natürlich den Amyrlin-Sitz bewegt.
Nynaeve sah offensichtlich unzufrieden von einem Thron zum anderen. Vielleicht hatte sie sich deshalb einem Treffen so lange wiedersetzt; Egwene und Elayne waren so weit aufgestiegen.
Es war Zeit für etwas Honig, um die Bitterkeit zu nehmen.
»Nynaeve«, sagte Egwene, »ich hätte gern, dass du in die Weiße Burg zurückkehrst und die Schwestern in deiner neuen Methode des Heilens unterrichtest. Viele erlernen sie, aber sie könnten mehr Anleitung gebrauchen. Und andere zögern, die alten Methoden aufzugeben.«
»Sture Ziegen«, sagte Nynaeve. »Zeig ihnen Kirschen, und sie fressen trotzdem verfaulte Äpfel, wenn sie es lange genug getan haben. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es klug wäre, wenn ich käme. Äh, Mutter.«
»Warum?«
»Rand«, sagte Nynaeve. »jemand muss ihn im Auge behalten. Zumindest jemand anderes als Cadsuane.« Beim Namen der Frau verzog sie die Lippen. »Er hat sich vor Kurzem verändert. «
»Verändert?«, fragte Elayne. Sie klang besorgt. »Was meinst du damit?«
»Hast du ihn in letzter Zeit gesehen?«, fragte Egwene.
»Nein«, erwiderte Elayne sofort. Zu schnell. Zweifellos war es die Wahrheit – Elayne würde sie nicht anlügen -, aber da gab es etwas, das sie über Rand für sich behielt. Egwene hatte den Verdacht schon länger. Konnte sie mit ihm den Bund eingegangen sein?
»Er hat sich verändert«, sagte Nynaeve. »Und das ist sehr gut, Mutter … du weißt nicht, wie schlimm er wurde. Es gab Augenblicke, da fürchtete ich mich vor ihm. Jetzt… ist das nicht mehr der Fall. Er ist dieselbe Person – er spricht auch noch auf dieselbe Weise wie zuvor. Leise, ohne Zorn. Zuvor war es wie die Stille eines Messers, das gezogen wird, und jetzt ist es wie die Stille einer Brise.«
»Er ist erwacht«, sagte Elayne plötzlich. »Er ist jetzt warm.«
Egwene runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?«
»Ich … Ehrlich gesagt weiß ich das nicht.« Elayne errötete. »Es kam so heraus. Tut mir leid.«
Ja, sie hatte sich mit ihm verbunden. Nun, das konnte nützlich sein. Warum wollte sie nicht darüber sprechen? Irgendwann würde sie allein mit Elayne sprechen müssen.
Nynaeve studierte Elayne stirnrunzelnd. War es ihr auch aufgefallen? Ihr Blick glitt zu Elaynes Brust, dann hinunter zu ihrem Bauch.
»Du bist schwanger!«, rief Nynaeve plötzlich und zeigte anklagend auf Elayne.
Die Königin von Andor errötete. Richtig, Nynaeve würde von der Schwangerschaft nichts wissen, allerdings hatte Egwene es von Aviendha gehört.
»Beim Licht!«, sagte Nynaeve. »Ich hätte nicht gedacht, Rand lange genug aus den Augen gelassen zu haben, damit das passiert. Wann ist das passiert?«
Elayne war noch immer ganz rot. »Niemand hat gesagt, dass er…«
Nynaeve schaute sie nur streng an, und die Königin wurde noch roter. Sie kannten beide Nynaeves Einstellung, was Schicklichkeit betraf – und ehrlich gesagt stimmte Egwene da mit ihr überein. Aber Elaynes Privatleben ging sie nichts an.
»Ich freue mich für dich, Elayne«, sagte Egwene. »Und für Rand. Ich bin mir nicht sicher, was ich von dem Zeitpunkt halten soll. Du solltest wissen, dass Rand die letzten Siegel am Gefängnis des Dunklen Königs brechen will und damit das Risiko eingeht, ihn auf die Welt loszulassen.«
Elayne schürzte die Lippen. »Nun, es sind nur noch drei Siegel übrig, und die lösen sich auf.«
»Was für einen Unterschied macht es, wenn er dieses Risiko eingeht?«, meinte Nynaeve. »Wenn sich das letzte Siegel auflöst, wird der Dunkle König frei sein; es ist besser, das es passiert, wenn Rand an Ort und Stelle ist, um gegen ihn zu kämpfen.«
»Ja, aber die Siegel? Das ist tollkühn. Sicherlich kann Rand dem Dunklen König gegenübertreten und ihn besiegen und wegsperren, ohne dieses Risiko einzugehen.«
»Vielleicht hast du recht«, sagte Nynaeve.
Elayne sah beunruhigt aus.
Das war bedeutend geringerer Zuspruch, als Egwene erwartet hatte. Sie hatte mit Widerstand der Weisen Frauen gerechnet, während Nynaeve und Elayne die Gefahr sofort erkennen würden.
Nynaeve ist zu lange in seiner Nähe gewesen, dachte sie. Vermutlich hatte sie sich in seine Ta’ueren-Natur verstrickt. Um ihn herum verbog sich das Muster. Seine Umgebung würde die Dinge schließlich auf seine Weise sehen und unbewusst versuchen, seinen Willen in die Tat umzusetzen.
Das musste die Erklärung sein. Normalerweise war Nynaeve so vernünftig. Oder … genau genommen war vernünftig das falsche Wort. Aber für gewöhnlich sah sie die Dinge auf die richtige Weise, solange die richtige Weise nicht voraussetzte, dass sie falsch lag.
»Ihr beide müsst in die Burg zurückkehren«, sagte Egwene. »Elayne, ich weiß, was du sagen willst – und ja, mir ist durchaus klar, dass du nun die Königin bist und Andors Bedürfnisse erfüllt werden müssen. Aber solange du nicht die Eide abgelegt hast, werden andere Aes Sedai der Ansicht sein, dass du das nicht verdient hast.«
»Sie hat recht«, sagte Nynaeve. »Es muss ja kein langer Besuch sein. Gerade lange genug, um formell zur Aes Sedai erhoben und in die Grüne Ajah aufgenommen zu werden. Der Adel Andors wird den Unterschied nicht sehen, aber andere Aes Sedai schon.«
»Das ist wahr«, erwiderte Elayne. »Aber der Zeitpunkt ist… nicht gut. Ich weiß nicht, ob ich das Risiko eingehen soll, während meiner Schwangerschaft die Eide abzulegen. Es könnte den Kindern schaden.«