Das ließ Nynaeve verstummen.
»Da könntest du recht haben«, sagte Egwene. »Ich werde jemanden überprüfen lassen, ob die Eide während einer Schwangerschaft eine Gefahr darstellen. Aber Nynaeve, dich will ich auf jeden Fall hier sehen.«
»Dann wäre aber Rand ganz allein, Mutter.«
»Ich fürchte, das ist unumgänglich.« Egwene erwiderte Nynaeves Blick. »Ich lasse nicht zu, dass du als Aes Sedai nicht an die Eide gebunden bist. Nein, sag nichts – ich weiß, dass du versuchst, dich an die Eide zu halten. Aber solange du den Eidstab nicht in der Hand gehalten hast, werden sich andere fragen, ob sie nicht ebenfalls von ihnen befreit sein könnten.«
»Ja«, sagte Nynaeve. »Ich schätze schon.«
»Kehrst du also zurück?«
Nynaeve biss die Zähne zusammen und schien mit sich zu ringen. »Ja, Mutter.« Elayne riss ungläubig die Augen auf.
»Nynaeve, das ist wichtig«, sagte Egwene. »Ich bezweifle, dass du Rand jetzt noch von etwas abhalten könntest. Wir müssen Verbündete für eine vereinigte Front um uns scharen.«
»Also gut«, sagte Nynaeve.
»Sorgen bereitet mir allerdings die Prüfung«, fuhr Egwene fort. »Die Sitzenden vertreten mittlerweile die Meinung, dass es zwar in Ordnung war, dich und die anderen im Exil zur Aes Sedai zu erheben, du aber jetzt nach der Wiedervereinigung der Weiße Burg die Prüfung trotzdem ablegen solltest. Sie haben gute Argumente. Vielleicht kann ich zu bedenken geben, dass du dir mit den schwierigen Herausforderungen, denen du kürzlich gegenüberstandest, eine Ausnahme verdient hast. Uns fehlt die Zeit, euch beiden die erforderlichen Gewebe beizubringen.«
Elayne nickte. Nynaeve zuckte nur mit den Schultern. »Ich lege die Prüfung ab. Wenn ich schon zurückkehre, dann kann ich das genauso gut auch richtig machen.«
Egwene blinzelte überrascht. »Nynaeve, das sind ausgesprochen komplizierte Gewebe. Ich hatte nicht genug Zeit, sie alle auswendig zu lernen; ich bin der festen Überzeugung, dass viele von ihnen absichtlich so überladen sind, nur damit sie schwierig sind.« Egwene hatte nicht vor, die Prüfung abzulegen, und sie musste es auch nicht. Das Gesetz war eindeutig. Durch die Ernennung zur Amyrlin war sie Aes Sedai geworden. Bei Nynaeve und den anderen, die sie erhoben hatte, lagen die Dinge jedoch nicht so klar.
Nynaeve zuckte erneut mit den Schultern. »Die hundert Gewebe der Prüfung sind gar nicht so schlimm. Ich könnte sie dir hier und jetzt zeigen, wenn du willst.«
» Wann hattest du denn die Zeit, sie zu lernen?«, rief Elayne aus.
»Ich habe die letzten paar Monate nicht damit verbracht, von Rand al’Thor zu träumen und zu schwärmen.«
» Sich den Thron von Andor zu sichern war alles andere als eine ›Schwärmerei‹!«
»Nynaeve«, mischte sich Egwene ein, »falls du die Gewebe tatsächlich gelernt hast, dann würde es mir sehr helfen, wenn man dich auf die richtige Weise erhebt. Dann würde es weniger so aussehen, als würde ich meine Freunde bevorzugen.«
»Die Prüfung soll gefährlich sein«, sagte Elayne. »Bist du sicher, dass du die Gewebe beherrschst?«
»Das ist kein Problem«, versicherte Nynaeve.
»Ausgezeichnet. Dann erwarte ich dich morgen früh«, sagte Egwene.
»So bald schon!«, rief Nynaeve entsetzt aus.
»Je früher du den Eidstab hältst, umso früher kann ich damit aufhören, mir deinetwegen Sorgen zu machen. Elayne, wegen dir müssen wir trotzdem etwas unternehmen.«
»Die Schwangerschaft«, sagte Elayne. »Sie stört mein Machtlenken. Das wird besser, glücklicherweise konnte ich herkommen, aber das ist immer noch ein Problem. Erklär dem Saal, dass es zu gefährlich für mich und die Kinder sein würde, mich der Prüfung zu unterziehen, während ich die Macht nicht richtig beherrsche.«
»Sie könnten vorschlagen, dass du noch wartest«, meinte Nynaeve.
»Und mich ohne die Eide herumlaufen lassen?«, sagte Elayne. »Obwohl ich schon gern wissen würde, ob jemand die Eide in seiner Schwangerschaft ablegte, nur um sicher zu sein.«
»Ich tue, was ich kann«, versprach Egwene. »Bis dahin habe ich noch eine andere Aufgabe für dich.«
»Ich bin ziemlich damit beschäftigt, Andor zu regieren, Mutter.«
»Das weiß ich. Unglücklicherweise kann ich niemand anderen fragen. Ich brauche mehr Traum-Ter’’ angreale.«
»Das könnte ich vielleicht schaffen«, erwiderte Elayne. »Unter der Voraussetzung, dass ich die Macht beständig lenken kann.«
»Was ist mit den Traum-Ter’angrealen passiert, die du hattest?«, wollte Nynaeve wissen.
»Die hat man gestohlen«, sagte Egwene. »Es war Sheriam – die übrigens eine Schwarze Ajah war.«
Die beiden keuchten auf, und Egwene fiel ein, dass sie nichts von der Enttarnung von Hunderten von Schwarzen Schwestern ahnten. Sie holte tief Luft. »Macht euch auf etwas gefasst, denn ich muss euch eine schmerzliche Geschichte erzählen«, sagte sie. »Vor dem Angriff der Seanchaner kam Verin und …«
In diesem Augenblick ertönte wieder das Glöckchen in ihrem Kopf. Egwene bewegte sich durch reine Willenskraft. Um sie herum flackerte der Raum, dann stand sie plötzlich draußen im Gang, wo ihre Schutzgewebe gelauert hatten.
Dort wartete Talva, eine dünne Frau mit einem blonden Haarknoten. Einst war sie Mitglied der Gelben Ajah gewesen, aber sie gehörte zu den Schwarzen Schwestern, die aus der Burg geflohen waren.
Gewebe aus Feuer schossen um Talva in die Höhe, aber Egwene arbeitete bereits an einer Abschirmung. Sie rammte sie zwischen die andere Frau und die Quelle und webte sofort Luft, um sie zu fesseln.
Ein Laut ertönte hinter ihr. Egwene dachte nicht nach; sie bewegte sich, verließ sich auf ihre Erfahrung mit Tel’aran’rhiod. Und erschien hinter einer Frau, die gerade einen Flammenspeer auf den Weg schickte. Alviarin.
Egwene stieß ein wütendes Knurren aus und machte sich an die nächste Abschirmung, während Alviarins Flammengewebe die unglückliche Talva traf und sie aufschreien ließ, während ihr Fleisch brannte. Alviarin fuhr herum, stieß einen leisen Schrei aus und löste sich in Luft auf.
Verflucht soll sie sein!, dachte Egwene. Alviarin stand ganz oben auf der Liste der Frauen, die sie gefangen nehmen wollte.
Stille kehrte in den Korridor ein, Talvas geschwärzte und qualmende Leiche brach zusammen. Sie würde nie erwachen; starb man hier, starb man auch in der realen Welt.
Egwene fröstelte. Das mörderische Gewebe war für sie bestimmt gewesen. Ich habe mich zu sehr auf das Machtlenken verlassen, dachte sie. Gedanken sind hier viel schneller als Gewebe, die man erst erschaffen muss. Ich hätte mir Seile um Alviarin vorstellen sollen.
Aber das stimmte so nicht, Seilen hätte Alviarin ausweichen können. Egwene hatte einfach nicht wie eine Traumgängerin gedacht. In letzter Zeit konzentrierte sie sich auf die Aes Sedai und ihre Probleme, und die Macht zu weben war da völlig natürlich gewesen. Aber sie durfte nie vergessen, dass an diesem Ort der Gedanke viel mächtiger als die Eine Macht war.
Egwene schaute auf, als Nynaeve aus dem Saal geschossen kam. Elayne folgte ihr etwas vorsichtiger. »Ich spürte Machtlenken«, sagte Nynaeve. Ihr Blick fiel auf die verbrannte Leiche. »Beim Licht!«
»Schwarze Schwestern«, sagte Egwene und verschränkte die Arme. »Anscheinend wissen sie diese Traum-Ter’ angreale gut zu nutzen. Vermutlich haben sie den Befehl, nachts durch die Weiße Burg zu schleichen. Vielleicht suchen sie nach uns, vielleicht auch nach Informationen, die sie gegen uns benutzen können.« Während Elaidas Herrschaft hatten Egwene und die anderen genau das Gleiche getan.
»Wir hätten uns nicht hier treffen sollen«, sagte Nynaeve. »Nächstes Mal wählen wir einen anderen Ort.« Sie zögerte. »Wenn du einverstanden bist. Mutter.«
»Vielleicht«, sagte Egwene. »Vielleicht auch nicht. Wir besiegen sie nie, wenn wir sie nicht finden.«
»In Fallen zu laufen ist kaum die beste Methode, um sie zu besiegen«, erwiderte Nynaeve tonlos.