»Das kommt nur auf die Vorbereitungen an«, sagte Egwene. Und runzelte die Stirn. Hatte sie da gerade ein Stück schwarzen Stoff gesehen, der hinter einer Ecke verschwand?
Im nächsten Moment stand Egwene genau dort; hinter ihr hallte Elaynes überraschter Fluch durch den Korridor. Unglaublich, was diese Frau für ein Mundwerk hatte.
Der Ort stand leer. Es war unheimlich, beinahe schon zu still. In Tel’aran’rhiod war das normal.
Egwene blieb mit der Einen Macht gefüllt, sprang aber zu den anderen beiden zurück. Sie hatte die Weiße Burg gesäubert, aber ein Krankheitsherd war geblieben, verborgen mitten in ihrem Herzen.
Ich werde dich finden, Mesaana, dachte Egwene und bedeutete den anderen, ihr zu folgen. Sie versetzten sich auf den Hügel, wo Egwene zuvor gewesen war, ein Ort, an dem sie einen genaueren Bericht über die Ereignisse erstatten konnte, die die beiden verpasst hatten.
15
Nimm einen Stein
Nynaeve eilte durch die gepflasterten Straßen von Tear, den Asha’man Naeff an ihrer Seite. Sie konnte noch immer den Sturm im Norden spüren, weit entfernt, aber furchterregend. Unnatürlich. Und er bewegte sich nach Süden.
Dort oben ritt Lan. »Möge das Licht ihn beschützen«, flüsterte sie.
»Was, Nynaeve Sedai?«, fragte Naeff.
»Nichts.« Langsam gewöhnte sie sich daran, die schwarz gekleideten Männer um sich zu haben. Sie verspürte kein unbehagliches Frösteln, wenn sie Naeff ansah. Das wäre albern gewesen. Saidin war gereinigt worden, sie hatte dabei geholfen. Kein Grund, sich unbehaglich zu fühlen. Selbst wenn die Asha’man manchmal ins Leere starrten und vor sich hin murmelten. So wie Naeff, der mit der Hand am Schwertgriff in die Schatten eines nahe stehenden Gebäudes blickte.
»Vorsicht, Nynaeve Sedai«, sagte er. »Ein weiterer Myrddraal folgt uns.«
»Seid Ihr Euch da … sicher, Naeff?«
Der hochgewachsene Mann mit dem kantigen Gesicht nickte. Er konnte geschickt Gewebe schmieden, vor allem mit Luft, was für einen Mann eher ungewöhnlich war, und er behandelte Aes Sedai mit ausgesuchter Höflichkeit, was ebenfalls im Gegensatz zu anderen Asha’man stand. »Ja, ich bin mir sicher«, sagte er. »Ich weiß nicht, warum ich sie sehen kann und andere nicht. Ich muss das Talent dafür haben. Sie verbergen sich im Schatten, ich glaube, sie sind eine Art Späher. Noch haben sie nicht zugeschlagen; ich glaube, sie sind vorsichtig, weil sie wissen, dass ich sie sehen kann.«
Er hatte angefangen, nachts im Stein von Tear umherzuwandern und nach den Myrddraal Ausschau zu halten, die allein er sehen konnte. Sein Wahnsinn verschlimmerte sich nicht, aber alte Verletzungen würden nicht verschwinden. Diese Narbe würde er für alle Ewigkeit mit sich herumschleppen. Der arme Mann. Wenigstens war sein Wahnsinn nicht so schlimm wie der von anderen.
Nynaeve schaute nach vorn und marschierte die breite, gepflasterte Straße entlang. Zu beiden Seiten erhoben sich Gebäude, die man auf die zufällige Art von Tear gebaut hatte. Neben einem Gasthaus mit bescheidenen Ausmaßen stand ein großes Herrenhaus mit zwei kleinen Türmen und einer bronzenen, torähnlichen Eingangstür. Ihnen gegenüber gab es eine Reihe von Wohnhäusern, deren Türen und Fenster vergittert waren, aber genau in der Mitte dieser Reihe befand sich ein Metzgerladen.
Nynaeve und Naeff wollten zum Sommerviertel, das sich direkt an der Westmauer befand. Es war nicht das wohlhabendste Viertel von Tear, aber es gedieh durchaus. Natürlich gab es in Tear nur zwei gesellschaftliche Schichten: man war entweder Adliger oder Untertan. Viele der Adligen betrachteten die normalen Bürger noch immer als vollkommen andersartige und in jeder Hinsicht minderwertige Kreaturen.
Sie passierten einige dieser normalen Bürger. Männer in locker sitzenden Hosen, die an den Knöcheln verschnürt waren, mit farbigen Schärpen um die Taille. Frauen in hochgeschlossenen Kleidern mit vorgebundenen Schürzen. Breite Strohhüte mit flachen Kronen waren üblich, oder Stoffmützen, die an der Seite herunterhingen. Viele Leute trugen Holzschuhe an Schnüren über den Schultern, die sie bei der Rückkehr nach Maule wieder anzogen.
Die Leute, die Nynaeve jetzt entgegenkamen, zeigten beunruhigte Mienen, und einige blickten angsterfüllt über die Schulter. Dort hatte eine Blase des Bösen die Stadt getroffen.
Hoffentlich gab es nicht zu viele Verletzte, denn sie hatte nicht viel Zeit. Sie musste in die Weiße Burg zurückkehren. Es ärgerte sie, Egwene gehorchen zu müssen. Aber sie würde gehorchen und sofort nach Rands Rückkehr aufbrechen. Er war an diesem Morgen irgendwohin verschwunden. Unerträglicher Mann. Wenigstens hatte er Töchter mitgenommen. Angeblich musste er etwas holen.
Nynaeve beschleunigte ihre Schritte, Naeff an der Seite, bis sie beinahe liefen. Ein Wegetor wäre schneller gewesen, aber auch nicht sicher; sie konnte nicht ausschließen, dass sie damit jemanden zerstückelte. Wir werden viel zu sehr von diesen Wegetoren abhängig, dachte sie. Unsere eigenen Füße scheinen nicht mehr gut genug für uns zu sein.
Sie bogen um eine Ecke in eine Straße, wo eine Abteilung nervöser Verteidiger – die Männer trugen schwarze Mäntel und silberne Harnische, die silbernen oder schwarzen Ärmel waren aufgeplustert – in einer Reihe Aufstellung genommen hatte. Sie ließen Nynaeve und Naeff durch, und obwohl sie erleichtert schienen, dass sie endlich eingetroffen waren, lockerten sie dennoch nicht den Griff um ihre Stangenwaffen.
Die Stadt hinter den Männern sah irgendwie … heller als sonst aus. Ausgewaschen. Die Pflastersteine wiesen ein helleres Grau auf, die Häuserwände ein lichteres Braun oder Grau.
»Männer durchkämmen sie nach Verwundeten?«, fragte Nynaeve.
Einer der Verteidiger schüttelte den Kopf. »Wir haben die Leute ferngehalten, äh, Lady Aes Sedai. Es ist nicht sicher.«
Die meisten Tairener waren noch immer nicht daran gewöhnt, den Aes Sedai den nötigen Respekt zu erweisen. Bis vor Kurzem war Machtlenken in der Stadt verboten gewesen.
»Schickt Eure Männer auf die Suche«, sagte Nynaeve energisch. »Der Lord Drache wird ärgerlich sein, wenn Eure Zögerlichkeit Leben kosten sollte. Fangt an der Grenzlinie an. Schickt nach mir, wenn ihr jemanden findet, dem ich helfen kann.«
Die Wächter setzten sich in Bewegung. Nynaeve sah Naeff an, und er nickte. Sie wandte sich ab und machte einen Schritt in den betroffenen Stadtteil. Als ihr Fuß den ersten Pflasterstein berührte, verwandelte sich der Stein zu Staub. Ihr Fuß sank durch das zerbröckelnde Straßenpflaster und landete auf der festgestampften Erde.
Sie schaute nach unten und fröstelte. Dann ging sie weiter, und die Steine zerfielen zu Staub, sobald sie sie berührte. Naeff im Schlepptau ging sie zu einem der Gebäude, dabei hinterließen sie eine Spur zu Staub zerfallener Steine.
Bei dem Gebäude handelte es sich um ein Gasthaus mit hübschen Balkonen im ersten Stock, schmiedeeisernem Kunsthandwerk vor den Glasfenstern und einer Veranda mit dunklen Flecken. Die Tür stand offen, und als sie den Fuß hob, um sie zu betreten, verwandelten sich die Planken ebenfalls zu Staub. Sie erstarrte und blickte zu Boden. Naeff trat an ihre Seite, dann kniete er nieder und zerrieb den Staub zwischen den Fingern.
»Ich habe noch nie so ein feines Pulver berührt«, sagte er leise.
Die Luft roch natürlich frisch, was einen seltsamen Kontrast zu der stillen Straße bot. Nynaeve holte tief Luft, dann betrat sie das Gasthaus. Das Vorankommen kostete Mühe, denn die Holzbohlen lösten sich bei der geringsten Berührung auf, und der Boden reichte ihr bis zu den Knien.
Drinnen war es ziemlich dunkel. Die Stehlampen brannten nicht mehr. Im Raum verteilt saßen Leute, mitten in der Bewegung erstarrt. Die meisten von ihnen waren Adlige in teurer Kleidung; die Männer trugen ihre Barte zu einer Spitze geölt. Einer von ihnen saß in der Nähe an einem hohen Tisch mit langbeinigen Stühlen. Er hatte den Becher mit Morgenale zur Hälfte bis an die Lippen geführt. Reglos saß er da, den Mund bereits für das Getränk geöffnet.