Naeffs Gesicht war grimmig, obwohl den Asha’man nur wenig zu überraschen schien oder aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Als er einen Schritt nach vorn machen wollte, beugte sich Nynaeve blitzschnell nach vorn und packte ihn am Arm. Stirnrunzelnd sah er sie an, und sie zeigte nach unten. Direkt vor ihm, kaum erkennbar durch den unversehrten Fußboden vor ihnen, ging es steil in die Tiefe. Er war nur einen Schritt vom Gasthauskeller entfernt.
»Beim Licht!« Naeff trat zurück. Er ging auf die Knie und klopfte auf eine Bohle. Sie zerfiel zu Staub und regnete in den dunklen Keller hinab.
Nynaeve webte Geist, Luft und Wasser zusammen und unterzog den Mann auf dem Stuhl neben ihr der Tiefenschau. Normalerweise berührte sie das Objekt ihrer Tiefenschau, aber dieses Mal zögerte sie. Es würde auch ohne die Berührung funktionieren, auch wenn es später das Heilen erschwerte.
Ihre Tiefenschau fand nichts. Kein Leben, kein Hinweis, dass der Mann je gelebt hatte. Sein Körper bestand nicht einmal aus Fleisch. Mit einem üblen Gefühl in der Magengrube richtete sie die Tiefenschau auf die anderen Personen in dem dunklen Raum. Eine Magd, die drei andoranischen Kaufleuten das Frühstück brachte. Ein korpulenter Wirt, der Mühe gehabt haben musste, sich zwischen den nahe beieinander stehenden Tischen hindurchzuzwängen. Eine Frau in einem kostbaren Gewand im hinteren Teil des Raums, die sittsam in einem kleinen Buch las.
In keinem von ihnen war Leben. Es waren keine Leichen, es waren Hüllen. Mit zitternden Fingern streckte Nynaeve die Hand aus und berührte den Mann an dem hohen Tisch an der Schulter. Er zerfiel sofort zu Staub; eine Pulverwolke rieselte zu Boden. Stuhl und Bodendielen lösten sich nicht auf.
»Hier kann man keinen mehr retten«, sagte Nynaeve.
»Die armen Leute«, meinte Naeff. »Das Licht behütete ihre Seelen.«
Es fiel Nynaeve oft schwer, Mitleid für die tairenischen Adligen zu empfinden – von allen Menschen, die ihr begegnet waren, schienen sie mit Abstand die arrogantesten zu sein. Aber das hier verdiente niemand. Davon abgesehen hatte diese Blase auch eine große Zahl ganz gewöhnlicher Bürger erwischt.
Sie bahnten sich einen Weg aus dem Gebäude hinaus, und Nynaeves Frustration wuchs, als sie an ihrem Zopf zog. Sie hasste das Gefühl der Hilflosigkeit. Wie bei dem bedauernswerten Wachtposten, der in dem Herrenhaus in Arad Doman in Brand geraten war, oder den Menschen, die von seltsamen Krankheiten heimgesucht wurden. Heute diese staubigen Hüllen. Warum das Heilen lernen, wenn sie den Menschen nicht helfen konnte?
Und jetzt musste sie gehen. Zurück zur Weißen Burg. Es kam ihr so vor, als würde sie weglaufen. Sie sah Naeff an. »Wind«, sagte sie.
»Nynaeve Sedai?«
»Schickt einen Windstoß gegen das Gebäude. Ich will sehen, was passiert.«
Der Asha’man tat, worum sie gebeten hatte, seine unsichtbaren Gewebe entfachten einen Sturmwind. Das Gebäude zerplatzte zu Staub, der wie die weißen Samen eines Gänseblümchens von der Luft davongetragen wurde. Naeff wandte sich ihr wieder zu.
»Wie groß war diese Blase angeblich noch einmal?«
»Etwa zwei Straßen in alle Richtungen.«
»Wir brauchen mehr Wind.« Sie begann zu weben. »Erschafft eine Böe, die so stark ist, wie Ihr könnt. Falls es dort irgendwo Verwundete gibt, werden wir sie auf diese Weise finden.«
Naeff nickte. Sie schritten vorwärts und erschufen Wind. Sie zerschmetterten Häuser, ließen sie platzen und einstürzen. Naeff war viel geschickter darin, dafür war sie stärker in der Einen Macht. Zusammen schoben sie die zusammensackenden Gebäude, Steine und Hüllen in einem Staubsturm vor sich her.
Es war eine anstrengende Arbeit, aber sie hielten nicht inne. Nynaeve hoffte, noch jemanden zu finden, dem sie helfen konnte, auch wenn es sinnlos war. Gebäude sackten vor ihr und Naeff zusammen; die Luftwirbel fingen den Staub. Sie stießen ihn in einen Kreis und bewegten sich in Richtung Mitte. Wie eine Frau, die den Boden fegte.
Sie kamen an Menschen vorbei, die mitten im Schritt auf den Straßen erstarrt waren. Ochsen zogen einen Karren. Kinder spielten in einer Gasse. Alle zerfielen zu Staub.
Lebende fanden sie keine. Schließlich hatten sie und Naeff den zerstörten Teil der Stadt aufgelöst und den Staub in die Mitte geblasen. Nynaeve betrachtete ihn und ließ ihn durch einen kleinen Wirbelsturm, den Naeff gewebt hatte, an Ort und Stelle kreisen. Einem inneren Impuls folgend, lenkte sie einen Strahl Feuer in den Luftwirbel, und eine riesige Stichflamme stieg in die Höhe.
Nynaeve keuchte auf; der Staub verbrannte wie trockenes Papier, das in ein Feuer geworfen wurde, und erschuf eine brüllende Flammenwand. Sie und Naeff wichen zurück, aber es war blitzartig vorbei. Es blieb keine Asche zurück.
Hätten wir das nicht zusammengeschoben, dachte sie und sah zu, wie das Feuer verblich, hätte jemand darin eine Kerze fallen lassen können. Ein Feuer wie das …
Naeff löste seinen Wind auf. Sie standen in der Mitte eines offenen Kreises aus nacktem Erdboden, der gelegentlich von Kellerlöchern unterbrochen wurde. An seinem Rand waren Gebäude aufgeschnitten worden, Zimmer lagen frei zugänglich, manche Häuser waren eingestürzt. Dieses leere Gelände zu sehen war unheimlich. Wie ein leeres Auge in einem ansonsten gesunden Gesicht.
Am Rand standen mehrere Gruppen Verteidiger. Nynaeve nickte Naeff zu, und sie begaben sich zu der größten Gruppe. »Habt ihr jemanden finden können?«, wollte sie wissen.
»Nein, Lady Aes Sedai«, sagte ein Mann. »Äh … nun, wir fanden ein paar Leute, aber sie waren bereits tot.«
Ein anderer Mann nickte, ein Bursche wie eine Tonne, dessen Uniform ausgesprochen eng saß. »Wie es aussah, fiel jeder tot um, der auch nur einen Zeh im Kreis hatte. Ein paar von ihnen fehlte bloß ein Fuß oder ein Teil des Arms. Aber sie waren trotzdem tot.« Der Mann erschauderte sichtlich.
Nynaeve schloss die Augen. Die ganze Welt fiel auseinander, und es lag nicht in ihrer Macht, sie zu Heilen. Ihr war übel, und sie war zornig.
»Vielleicht waren sie daran schuld«, sagte Naeff leise. Nynaeve öffnete die Augen und sah, wie er mit dem Kopf auf die Schatten eines nahe stehenden Gebäudes wies. »Die Blassen. Drei von ihnen beobachten uns, Nynaeve Sedai.«
»Naeff…«, setzte sie frustriert an. Ihm zu sagen, dass die Blassen nur in seiner Einbildung existierten, war sinnlos. Ich muss etwas tun, dachte sie. jemandem helfen. »Naeff, bewegt Euch nicht.« Sie ergriff seinen Arm und wandte die Tiefenschau an. Überrascht sah er sie an, erhob aber keine Einwände.
Der Wahnsinn in ihm grub sich wie ein dunkles Aderngeflecht in seinen Verstand. Er schien zu pulsieren wie ein kleines pochendes Herz. Kürzlich erst hatte Nynaeve einen ähnlichen Verfall in anderen Asha’man entdeckt. Ihre Fertigkeiten in der Tiefenschau wurden immer besser, ihre Gewebe feiner, und sie konnte Dinge finden, die ihr einst verborgen geblieben waren. Allerdings hatte sie keine Idee, wie sie diesen Schaden wieder richten sollte.
Alles sollte zu Heilen sein, sagte sie sich. Alles außer dem Tod. Sie konzentrierte sich und webte alle Fünf Mächte, dann tastete sie den Wahnsinn ganz behutsam ab, denn sie hatte nicht vergessen, was geschehen war, als sie Graendals unglücklichen Diener von seinem Zwang befreit hatte. Sie wollte Naeffs Verstand nicht noch mehr schädigen; da war er mit seinem Wahnsinn besser dran.
Seltsamerweise schien die Dunkelheit tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Zwang zu haben. Hatte der Makel das angerichtet? Männer, die die Eine Macht benutzten, mit dem Zwang des Dunklen Königs auf die Knie gezwungen?
Vorsichtig webte sie ein Gegengewebe über dem Wahnsinn, dann legte sie es auf Naeffs Verstand. Das Gewebe löste sich einfach in nichts auf und bewirkte nichts.