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Sie knirschte mit den Zähnen. Das hätte funktionieren müssen. Aber wie so oft in letzter Zeit hatte es versagt.

Nein, dachte sie. Nein, ich kann jetzt nicht einfach aufgehen. Sie Schaute tiefer. Die Dunkelheit hatte winzige dornen-ähnliche Stachel in Naeffs Verstand gebohrt. Nynaeve ignorierte die Leute, die sich um sie herum versammelten, und inspizierte diese Dornen. Vorsichtig webte sie Geist, um einen von ihnen herauszuziehen.

Er löste sich mit einigem Widerstand, und schnell Heilte sie die Stelle, an der er in Naeffs Fleisch eingedrungen war. Das Gehirn schien zu pulsieren und sah gesünder aus. Einen nach dem anderen zog sie auch den Rest heraus. Dabei musste sie ihre Gewebe aufrechterhalten, um die Stachel davon abzuhalten, sich wieder hineinzubohren. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Das Viertel zu säubern hatte sie bereits ermüdet, und sie konnte keine Konzentration erübrigen, um die Hitze von sich fernzuhalten. In Tear war es immer so schwül.

Sie arbeitete weiter, bereitete noch ein Gegengewebe vor. Sobald sie jeden Dorn herausgezogen hatte, ließ sie ihr neues Gewebe los. Der dunkle Fleck wogte und zitterte, als wäre er lebendig.

Dann verschwand er.

Fast bis zur absoluten Erschöpfung ausgelaugt, stolperte Nynaeve zurück. Naeff blinzelte, dann schaute er sich um. Er griff sich an den Kopf.

Beim Licht! Habe ich ihn verletzt? Ich hätte dort nicht hineingreifen dürfen. Ich hätte …

»Sie sind weg«, sagte Naeff. »Die Blassen… ich sehe sie nicht mehr.« Er blinzelte. »Warum sollten sich auch Blasse in den Schatten verbergen? Sie hätten mich doch getötet, wenn ich sie hätte sehen können und …« Er blickte sie an, riss sich zusammen. »Was habt Ihr getan?«

»Ich … ich glaube, ich habe gerade Euren Wahnsinn Geheilt.« Nun, sie hatte irgendetwas damit gemacht. Was sie da getan hatte, war kein normales Heilen gewesen, es war nicht einmal Heilgewebe gewesen. Aber anscheinend hat es funktioniert.

Naeff lächelte breit und erschien verblüfft. Er nahm mit beiden Händen ihre Hand, dann kniete er mit Tränen in den Augen vor ihr nieder. »Seit Monaten hatte ich das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen. Als würde ich in dem Augenblick ermordet, in dem ich den Schatten meinen Rücken zuwende. Und jetzt… Ich danke Euch. Ich muss zu Nelavaire.«

»Dann ab mit Euch«, sagte Nynaeve. Naeff schoss davon und rannte zurück in Richtung Stein, um seine Aes Sedai zu finden.

Ich darf nicht zulassen, dass ich zu der Überzeugung gelange, dass nichts von dem, was ich tue, von Bedeutung ist. Denn das will der Dunkle König. Während sie dem rennenden Naeff nachsah, bemerkte sie, wie am Himmel die Wolkendecke aufriss. Rand war zurückgekehrt.

Arbeiter fingen an, die Trümmer der Gebäude wegzuräumen, die nur zur Hälfte zu Staub zerfallen waren, und Nynaeve beruhigte die besorgten Tairener, die sich am Rand des Kreises versammelt hatten. Sie wollte keine Panik dulden; sie versicherte jedem, dass die Gefahr vorüber war, und dann bat sie darum, mit den Familien sprechen zu können, die Opfer zu beklagen hatten.

Sie war noch immer damit beschäftigt und unterhielt sich gerade leise mit einer dünnen, besorgten Frau, als Rand sie fand. Die Frau war eine Angehörige des gemeinen Volkes und trug ein hochgeschlossenes Kleid mit drei Schürzen und einem Strohhut. Ihr Ehemann hatte in dem Gasthaus gearbeitet, das Nynaeve betreten hatte. Die Frau schaute immer wieder verstohlen zu dem Loch im Boden, das der Keller gewesen war.

Erst nach einem Moment bemerkte Nynaeve Rand, der da stand und sie beobachtete, die Hände hinter dem Rücken, mit der ihm verbliebenen Hand den Stumpf umklammernd. Zwei Töchter beschützten ihn, zwei Frauen namens Somma und Kanara. Nynaeve beendete das Gespräch mit der Tairenerin, aber die tränennassen Augen der Frau schnitten ihr ins Herz. Wie würde sie reagieren, sollte sie Lan verlieren?

Möge das Licht ihn beschützen. Bitte, bitte, beschütze ihn, betete sie. Sie löste ihren Geldbeutel vom Gürtel und gab ihn der Frau. Vielleicht würde das helfen.

Rand trat auf sie zu. »Du kümmerst dich um mein Volk. Danke.«

»Ich kümmere mich um jeden, der Hilfe braucht«, erwiderte Nynaeve.

»So wie du es immer getan hast«, sagte Rand. »So wie du dich um einige kümmerst, die es nicht nötig haben.«

»So wie dich?«, fragte sie und hob eine Braue.

»Nein, ich brauchte das immer. Das und mehr.«

Nynaeve zögerte. Dass er das zugeben würde, damit hätte sie nie gerechnet. Warum hatte er diesen alten Umhang nicht weggeworfen? Er war verblichen und fadenscheinig.

»Das ist mein Fehler«, sagte Rand und wies mit dem Kopf auf das Loch in der Stadt.

»Rand, sei nicht albern.«

»Ich weiß nicht, ob man wirklich vermeiden kann, manchmal ein Narr zu sein«, sagte er. »Ich mache mir den Vorwurf, weil es meinerseits zu viele Verzögerungen gab. Wir haben die Konfrontation mit ihm viel zu lange herausgeschoben. Was ist heute hier passiert? Die Häuser haben sich in Staub verwandelt?«

»Ja. Ihr innerer Zusammenhalt wurde entfernt. Alles zerfiel in dem Moment, in dem wir es berührten.«

»Das würde er mit der ganzen Welt machen«, sagte Rand. Seine Stimme wurde leise. »Er regt sich. Je länger wir warten und uns so gerade eben behaupten, desto mehr zerstört er von dem, was noch unberührt ist. Wir können es nicht länger hinausschieben.«

Nynaeve runzelte die Stirn. »Aber Rand, wenn du ihn befreist, wird das nicht alles noch schlimmer machen?«

»Vielleicht gibt es kurzes Aufbäumen«, sagte Rand. »Den Bohrtunnel zu öffnen wird ihn nicht auf der Stelle befreien, aber es wird ihm mehr Kraft verleihen. Trotzdem muss es gemacht werden. Stell dir unsere Aufgabe wie das Erklimmen einer hohen Steinmauer vor. Unglücklicherweise schieben wir es hinaus, laufen ein paar Runden, bevor wir uns an den Aufstieg machen. Jeder Schritt raubt uns etwas Kraft für den kommenden Kampf. Wir müssen ihm entgegentreten, solange wir noch stark sind. Darum muss ich die Siegel brechen. «

»Ich …«, sagte Nynaeve. »Ich fürchte, ich glaube dir.« Die Erkenntnis überraschte sie.

»Tatsächlich?« Er klang seltsam erleichtert. »Wirklich?«

»Ja.«

»Dann versuche bitte, Egwene davon zu überzeugen. Wenn sie kann, wird sie mich daran hindern.«

»Rand… sie hat mich zurück in die Burg befohlen. Ich muss noch heute gehen.«

Rand sah betrübt aus. »Nun, ich hatte schon so eine Ahnung, dass sie das irgendwann tun würde.« Er legte Nynaeve die Hand auf die Schulter, eine seltsame Geste. »Lass nicht zu, dass sie dich verderben, Nynaeve. Sie werden es versuchen.«

»Mich verderben?«

»Deine Leidenschaft gehört zu dir. Ich habe versucht, wie sie zu sein, auch wenn ich das niemals zugegeben hätte. Kalt. Immer derjenige zu sein, der alles unter Kontrolle hat. Um ein Haar hat mich das zerstört. Für manche liegt darin Stärke, aber es ist nicht die einzige Art Stärke, die es gibt. Vielleicht könntest du etwas mehr Selbstkontrolle lernen, aber ich mag dich so, wie du bist. Es macht dich wahrhaftig. Ich würde nur ungern zusehen, wie du zu einer weiteren ›perfekten‹ Aes Sedai wirst mit starrem, maskenhaften Antlitz und keinerlei Interesse für die Gefühle oder Bedürfnisse anderer.«

»Aes Sedai zu sein heißt beherrscht zu sein«, erwiderte Nynaeve.

»Aes Sedai zu sein heißt das zu sein, zu dem du dich entschieden hast«, sagte Rand, den Stumpf noch immer hinter dem Rücken verborgen. »Moiraine hat sich für andere interessiert. Man konnte es ihr ansehen, selbst wenn sie völlig beherrscht war. Die besten Aes Sedai, die ich kenne, sind diejenigen, über die sich andere beschweren, weil sie sich angeblich nicht so verhalten, wie es sich für eine Aes Sedai gehört.«

Nynaeve ertappte sich bei einem Nicken, dann ärgerte sie sich über sich selbst. Sie nahm einen Rat von Rand al’Thor an?