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»Das erscheint unwahrscheinlich«, meinte Egwene.

»Unwahrscheinlich?«, sagte Saerin. »Eher lächerlich. Hattet Ihr nicht behauptet, ein paar dieser Theorien wären plausibel, Yukiri?«

»Das ist die am wenigsten wahrscheinliche der drei Möglichkeiten«, sagte Seaine. »Die zweite Methode wäre leichter. Mesaana könnte jemanden geschickt haben, der ihr ähnlich sieht und den Spiegel des Nebels trägt. Eine erbarmungswürdige Schwester, die einem schweren Zwang unterliegt – oder eine Novizin oder auch eine nicht ausgebildete Frau, die die Macht lenken kann. Diese Frau könnte dazu gezwungen gewesen sein, anstelle von Mesaana die Eide abzulegen. Da diese Person keine Schattenfreundin sein würde, würde sie wahrheitsgemäß sagen, dass sie es nicht ist.«

Egwene nickte nachdenklich. »Dazu wären viele Vorbereitungen nötig gewesen.«

»Aus dem, was ich über sie in Erfahrung gebracht habe, geht hervor, dass Mesaana immer gut vorbereitet ist. Darin ist sie sogar ausgezeichnet.«

Saerin hatte die Aufgabe gehabt, so viel über Mesaanas wahre Natur zu entdecken, wie das nur möglich war. Die Geschichten waren ihnen allen bekannt – wer kannte die Namen eines jeden der Verlorenen und ihre schrecklichsten Taten nicht auswendig? Aber Egwene hielt nicht viel von Geschichten; sie wollte konkretere Informationen, falls das möglich war.

»Ihr spracht von einer dritten Möglichkeit?«

»Ja«, sagte Seaine. »Wir wissen, dass manche Gewebe mit Lauten spielen. Variationen von Lautgeweben werden dazu benutzt, eine Stimme zu verstärken, um sie in eine Menschenmenge zu projizieren, oder bei einem Gewebe gegen das Lauschen – tatsächlich basieren darauf sogar die ganzen Tricks, mit denen man hören kann, was in der Nähe gesagt wird. Der Spiegel der Nebel kann eine Stimme verändern, wenn man ihn entsprechend benutzt. Mit einiger Übung konnten Doesine und ich ein Gewebe so variieren, dass es die von uns gesprochenen Worte veränderte. Also sagten wir das eine, und der andere hörte etwas völlig anderes.«

»Das ist ein gefährliches Pflaster, Seaine«, sagte Saerin barsch. »Das ist genau die Art von Gewebe, die man für finstere Zwecke benutzen könnte.«

»Ich konnte damit nicht lügen«, erwiderte Seaine. »Ich habe es versucht. Die Eide hielten – ich konnte mit dem Gewebe keine Worte aussprechen, von denen ich wusste, dass der andere sie als Lügen hören würde, selbst wenn es die Wahrheit war, als sie über meine Lippen kamen. Trotzdem fiel es leicht, dieses Gewebe zu entwickeln. Verknotet und umgedreht hing es vor mir und veränderte meine Worte auf die von mir gewünschte Weise.

Falls Mesaana dieses Gewebe in stärkerer Ausführung benutzte, hätte sie theoretisch den Eidstab nehmen und schwören können, wozu immer sie Lust hatte. ›Ich schwöre, dass ich lügen werde, wann immer es mir in den Sinn kommt‹, zum Beispiel. Der Eidstab hätte sie mit diesem Schwur gebunden, aber das Gewebe hätte die Laute in der Luft verändert, nachdem sie sie aussprach. Wir hätten gehört, wie sie die richtige Eidformel aufsagt.«

Egwene knirschte mit den Zähnen. Sie hatte angenommen, dass der Eidstab nur mit großer Mühe zu besiegen war. Und doch gab es ein simples Gewebe, mit dem man so etwas erreichen konnte. Eigentlich hätte sie es wissen müssen – benutze nie einen Felsen, wenn ein Stein reicht, wie ihre Mutter so oft gesagt hatte.

»Damit hätten sie jahrelang Schattenfreunde in die Ränge der Aes Sedai schmuggeln können«, sagte sie.

»Das ist unwahrscheinlich«, erwiderte Saerin. »Keine der von uns gefangenen Schwarzen Schwestern kannte dieses Gewebe. Sonst hätten sie versucht, es zu benutzen, als wir sie die Eide erneut schwören ließen. Ich vermute, dass, sollte Mesaana diesen Trick kennen, sie ihn für sich behielt. Wenn zu viele Leute davon wüssten, würde er seinen Nutzen verlieren.«

»Trotzdem«, sagte Egwene. »Was sollen wir tun? Möglicherweise könnten wir eine Möglichkeit finden, nach diesem Gewebe Ausschau zu halten, wo wie wir es jetzt kennen, aber ich bezweifle, dass die Schwestern bereit wären, die Eide noch ein zweites Mal abzulegen.«

»Und wenn wir damit eine der Verlorenen entlarven?«, fragte Yukiri. »Es könnte sich lohnen, ein paar Federn in Unordnung zu bringen, um den Fuchs im Hühnerstall zu erwischen.«

»Sie würde sich nicht erwischen lassen«, sagte Egwene. »Davon abgesehen wissen wir nicht, ob sie eine dieser Methoden benutzt. Seaines Logik lässt annehmen, dass es möglich wäre, den Eidstab ohne große Probleme zu besiegen. Wie es Mesaana nun geschafft hat, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass es grundsätzlich möglich ist.«

Seaine warf Yukiri einen Blick zu. Keine der drei Frauen hatte Egwenes Wissen infrage gestellt, dass sich eine der Verlorenen in der Weißen Burg aufhielt, aber sie wusste, dass alle skeptisch waren. Nun, zumindest war ihnen jetzt klar, dass es möglich war, den Eidstab zu bezwingen.

»Ich möchte, dass ihr mit Eurer Arbeit weitermacht«, sagte sie. »Ihr und die anderen habt mehrere Schwarze Schwestern entlarven und gefangen nehmen können. Das ist so ziemlich das Gleiche.« Nur weitaus gefährlicher.

»Wir versuchen es, Mutter«, sagte Yukiri. »Aber eine Schwester unter Hunderten? Eine der durchtriebensten und bösartigsten Kreaturen, die je gelebt hat? Ich bezweifle, dass sie viele Spuren hinterlässt. Bis jetzt haben unsere Ermittlungen in den Mordfällen kaum Resultate erbracht.«

»Tut es trotzdem«, sagte Egwene. »Saerin, was habt Ihr zu berichten?«

»Geschichten, Gerüchte und Andeutungen hinter vorgehaltener Hand, Mutter«, sagte Saerin und verzog das Gesicht. »Vermutlich kennt Ihr die berühmtesten Geschichten über Mesaana – dass sie die Schulen leitete, die es in den im Krieg der Macht vom Schatten eroberten Ländern gab. Soweit ich es sagen kann, entsprechen diese Legenden durchaus der Wahrheit. Marsim von Manetheren berichtet davon ausführlich in ihren Annalen der Letzten Nächte, und sie ist oft eine verlässliche Quelle. Alrom erstellte einen recht ausführlichen Bericht, wie man eine dieser Schulen überlebte, und ein paar Fragmente davon sind überliefert.

Mesaana wollte Forscherin sein, wurde aber zurückgewiesen. Die Einzelheiten sind nicht klar. Sie lenkte auch die Aes Sedai, die zum Schatten überliefen, führte sie auch manchmal in der Schlacht an, falls man Alroms Bericht Glauben schenken will. Ich bin davon nicht unbedingt überzeugt; ich halte es eher für wahrscheinlich, dass Mesaanas Führung im übertragenen Sinn zu verstehen ist.«

Egwene nickte bedächtig. »Und was ist mit ihrer Persönlichkeit? Wer ist sie?«

Saerin schüttelte den Kopf. »Für die meisten sind die Verlorenen eher Ungeheuer der Nacht als echte ›Persönlichkeiten‹, Mutter, und es ist vieles verloren gegangen oder falsch wiedergegeben worden. Soweit ich das sagen kann, ist sie die Realistin unter den Verlorenen – diejenige, die nicht hoch auf einem Thron sitzt, sondern sich die Ärmel hochkrempelt und die Hände schmutzig macht. Elandria Borndats Beobachtungen während der Zerstörung der Welt beharrt darauf, dass Mesaana im Gegensatz zu Moghedien und Graendal bereit war, die Zügel direkt in die Hand zu nehmen.

Sie galt nie als die begabteste oder mächtigste der Verlorenen, aber sie war außerordentlich fähig. Elandria erklärt, dass sie tat, was getan werden musste. Wo die anderen Intrigen schmiedeten, baute sie sorgfältig ihre Verteidigung auf und bildete neue Rekruten aus.« Saerin zögerte. »Sie… nun, sie hat viel Ähnlichkeit mit einer Amyrlin, Mutter. Die Amyrlin des Schattens.«

»Beim Licht«, murmelte Yukiri. »Kein Wunder, dass sie sich hier einnistete.« Der Gedanke schien die Graue tief zu erschüttern.

»Die einzige andere relevante Sache, die ich herausfinden konnte, Mutter«, fuhr Saerin fort, »war ein seltsamer Verweis von der Blauen Gelehrten Lannis, die andeutete, dass Mesaana nur an Demandred heranreichte, was ihren Zorn betraf.«