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Egwene runzelte die Stirn. »Ich hätte angenommen, dass alle Verlorenen voller Hass sind.«

»Nicht Hass. Zorn. Lannis vertrat die Meinung, dass Mesaana zornig war, weil sie nicht zu denen in der ersten Reihe gehörte. Zornig auf sich selbst, auf die Welt, auf die anderen Verlorenen. Das könnte sie sehr gefährlich machen.«

Egwene nickte langsam. Sie ist eine Organisatorin. Eine Verwalterin, die es hasst, auf diese Position verwiesen worden zu sein.

War sie aus diesem Grund in der Burg geblieben, nachdem man die Schwarzen Schwestern entlarvt hatte? Wollte sie dem Dunklen König um jeden Preis mit einer großen Leistung imponieren? Verin hatte gesagt, dass die Verlorenen eine Eigenschaft teilten: ihre Selbstsucht.

Sie wollte eine zerstörte Weiße Burg übergeben. Aber damit ist sie gescheitert. Vermutlich hat sie auch an dem Versuch teilgenommen, Rand zu entführen. Ein weiteres Fiasko. Und die Frauen, die man ausschickte, die Schwarze Burg zu vernichten?

Um so viele Fehler wiedergutzumachen, würde Mesaana einen großartigen Erfolg brauchen. Egwene zu töten würde da reichen. Möglicherweise würde das eine erneute Spaltung der Weißen Burg zur Folge haben.

Gawyn war über ihre Absicht, als Köder zu dienen, entsetzt gewesen. Konnte sie das wirklich wagen? Sie umklammerte die Brüstung und stand über der Burg, über der Stadt, die von ihr abhing, schaute auf eine Welt, die sie brauchte.

Etwas musste geschehen; Mesaana musste aus ihrem Versteck gelockt werden. Wenn Saerin recht hatte, dann war die Frau zu einer direkten Auseinandersetzung bereit – sie würde sich nicht verbergen und aus den Schatten zuschlagen. Also musste Egwene sie mit einer Gelegenheit locken, die nicht offensichtlich erschien, der sie aber nicht widerstehen konnte.

»Kommt«, sagte sie und ging auf die Rampe zu, die in den Turm führte. »Ich habe einige Vorbereitungen zu treffen.«

16

Shanna’har

Faile durchquerte das Lager im schwindenden Abendlicht, auf dem Weg zum Zelt des Quartiermeisters. Perrin hatte ihre Späher durch das Wegetor nach Cairhien geschickt; sie würden am nächsten Morgen zurückkehren.

Perrin grübelte noch immer über die Weißmäntel nach. Im Verlauf der letzten beiden Tage hatten die beiden Heere mehrere Briefe ausgetauscht. Perrin wollte ein zweites, offizielles Gespräch, während die Weißmäntel auf einer Schlacht bestanden. Faile hatte Perrin ordentlich den Kopf gewaschen, weil er sich ohne sie davongeschlichen hatte, um die Kinder des Lichts zu treffen.

Perrin versuchte Zeit zu schinden, während er den Gegner von Elyas und den Aiel ausspionieren ließ, um eine Möglichkeit zu finden, ihre Leute ohne großen Aufwand zu befreien, aber ein Erfolg war unwahrscheinlich. In den Zwei Flüssen war ihm das gelungen, aber damals waren es nur eine Handvoll Gefangene gewesen. Jetzt waren es Hunderte.

Perrin kam nicht gut mit seinen Schuldgefühlen zurecht. Nun, sie würde bald mit ihm sprechen. Sie passierte die Zelte der Mayener, deren Banner hoch oben im Wind flatterten.

Darum werde ich mich auch bald kümmern müssen, dachte sie und warf einen Blick auf Berelains Banner. Die Gerüchte über die Erste und Perrin waren problematisch. Es war keine große Überraschung gewesen, dass Berelain in ihrer Abwesenheit etwas versucht hatte, ihn aber in ihrem Zelt übernachten zu lassen erschien besonders dreist.

Ihre nächsten Züge würden mit außerordentlicher Sorgfalt erfolgen müssen. Ihr Gemahl, seine Leute und seine Verbündeten unterlagen einem sehr unsicheren Gleichgewicht. Faile ertappte sich bei dem Wunsch, sie hätte ihre Mutter um Rat fragen können.

Das erschütterte sie; unwillkürlich blieb sie auf dem Weg aus niedergetretenem gelben Gras und Schlamm stehen. Beim Licht, dachte sie. Sieh an, was mit mir passiert ist.

Vor zwei Jahren war Faile aus ihrem Zuhause in Saldaea fortgelaufen, hatte den Namen Zarine angenommen und war eine Jägerin das Horns geworden. Sie hatte gegen ihre Pflichten als Älteste und die Ausbildung rebelliert, auf die ihre Mutter bestanden hatte.

Sie war nicht fortgelaufen, weil sie die Arbeit hasste; tatsächlich hatte sie alles geschafft, was man von ihr verlangte. Also warum war sie gegangen? Sicherlich aus Abenteuerlust. Aber vor allem wegen der vielen Dinge, die einfach vorausgesetzt wurden – wie sie jetzt vor sich zugeben konnte. In Saldaea tat man immer das, was von einem erwartet wurde. Es stand nie zur Debatte, ob man seine Pflicht erfüllen würde, vor allem nicht, wenn man mit der Königin verwandt war.

Und so … war sie gegangen. Nicht, weil sie das hasste, als was sie enden würde, sondern weil sie die Tatsache hasste, dass es so unausweichlich erschienen war. Jetzt war sie hier und nutzte all die Dinge, die sie auf den Befehl ihrer Mutter hatte lernen müssen.

Beinahe hätte sie gelacht. Ein bloßer Blick verriet ihr eine Menge über das Lager. Sie würden bald gutes Leder für die Schuster finden müssen. Wasser war kein Problem, da es in den letzten Tagen oft Nieselregen gegeben hatte, aber trockenes Holz für Lagerfeuer war knapp. Eine Gruppe Flüchtlinge – eine Ansammlung ehemaliger Feuchtländer-Gafscliam, die Perrins Aiel mit offener Feindseligkeit betrachteten – würde man im Auge behalten müssen. Unterwegs hatte sie darauf geachtet, ob die sanitären Einrichtungen ausreichten und die Soldaten auf sich achteten. Einige Männer kümmerten sich aufopferungsvoll um ihre Pferde und vergaßen dann etwas Vernünftiges zu essen – oder zumindest etwas Gesundes. Ganz zu schweigen von der Gewohnheit, die halbe Nacht lang mit Gesprächen am Lagerfeuer zu verbringen.

Sie schüttelte den Kopf und ging weiter, betrat den Versorgungskreis, wo die Proviantwagen für die Köche und Dienstmägde ausgeladen worden waren. Der Versorgungskreis war beinahe ein Dorf für sich, in dem Hunderte von Menschen schnell Trampelpfade in das schlammige Gras traten. Sie passierte eine Gruppe Jugendliche mit dreckigen Gesichtern, die Gruben schaufelten, dann eine Gruppe Frauen, die plaudernd und vor sich hin summend Kartoffeln schälten, während Kinder die Schalen aufsammelten und in die Gruben warfen. Es waren nicht viele Kinder, aber Perrins Streitmacht hatte einige Familien aus der ganzen Gegend aufgenommen, die kurz vor dem Verhungern gestanden und sie angefleht hatten, sich ihnen anschließen zu dürfen.

Diener brachten Körbe voller geschälter Kartoffeln zu Kochtöpfen, die von jungen Frauen mit Wasser aus dem Fluss gefüllt wurden. Kochgehilfen bereiteten Holzkohle für die Kochfeuer vor, und ältere Köche mischten Gewürze in Saucen, die man über andere Speisen kippen würde, was wirklich die einzige Möglichkeit war, um solch gewaltigen Mengen an Essen Geschmack zu verleihen.

Ältere Frauen, von denen es im Lager nur wenige gab, schlurften mit gekrümmten Rücken und leichten Weidenkörben voller Kräuter auf den dünnen Armen vorbei; ihre Schultertücher wehten, während sie sich mit brüchigen Stimmen unterhielten. Soldaten eilten umher mit frisch erlegtem Wild. Jungen zwischen Kindheit und Mannbarkeit sammelten Feuerholz; Faile passierte eine kleine Gruppe von ihnen, die sich durch Spinnenfangen hatten ablenken lassen.

Es war ein Orkan aus Ordnung und Verwirrung, beides zugleich, zwei Seiten einer Münze. Seltsam, wie gut sie hierher passte. Wenn sie ein paar Jahre in die Vergangenheit blickte, erstaunte es sie, ein verwöhntes, egozentrisches Kind zu sehen. Die Grenzlande zu verlassen, um eine Jägerin das Horns zu werden? Sie hatte ihre Pflichten, ihr Zuhause und ihre Familie im Stich gelassen. Was hatte sie sich dabei nur gedacht?

Sie kam an ein paar Frauen vorbei, die Korn mahlten, dann ging sie um einen Haufen wilder Schalotten, die auf einer Decke daneben lagen und darauf warteten, zu Suppe gemacht zu werden. Sie war froh, dass sie gegangen war und Perrin kennengelernt hatte, aber das entschuldigte ihre Handlungen nicht. Mit einer Grimasse erinnerte sie sich daran, wie sie Perrin gezwungen hatte, in der Dunkelheit durch die Kurzen Wege zu reisen, allein. Sie wusste nicht einmal mehr, was er getan hatte, um sie in Wut zu bringen, obwohl sie das ihm gegenüber niemals zugeben würde.