Begreifst du das nicht? Für einen Anführer ist es eine großartige Eigenschaft. Es ist genau das, was die Zwei Flüsse brauchen. Natürlich unter der Voraussetzung, dass du eine Frau hast, die sich um die nebensächlichen Dinge kümmert.« Sie runzelte die Stirn. »Ich wünschte, du hättest mit mir über das Banner gesprochen, bevor es verbrannt wurde. Es wird schwer werden, es wieder zu hissen, ohne dabei dumm auszusehen.«
»Ich will es nicht mehr hissen«, sagte Perrin. »Darum ließ ich es ja verbrennen.«
»Aber warum?«
Er nahm einen weiteren Bissen Schinken und sah sie bewusst nicht an. Sie roch fast schon verzweifelt neugierig.
Ich kann sie nicht anführen, dachte er, nicht bis ich weiß, ob ich den Wolf beherrschen kann. Wie sollte er das erklären? Dass er sich vor der Art und Weise fürchtete, wie der Wolf die Kontrolle über ihn übernahm, wenn er kämpfte oder etwas zu sehr wollte?
Er würde die Wölfe nicht loswerden; dazu waren sie viel zu sehr ein Teil von ihm geworden. Aber was würde mit seinen Leuten geschehen oder mit Faile, wenn er sich in dem verlor, was da in ihm war?
Er musste wieder an die dreckige Kreatur denken, die einst ein Mann und dann in dem Käfig weggesperrt gewesen war. In dem ist nichts mehr, das sich daran erinnert, ein Mensch gewesen zu sein…
»Mein Gemahl«, sagte Faile und legte ihm die Hand auf den Arm. »Bitte.« Sie roch gequält. Das versetzte ihm einen Stich ins Herz.
»Es hat mit diesen Weißmänteln zu tun«, sagte er.
»Was? Perrin, ich dachte, ich hätte …«
»Es hat mit etwas zu tun«, sagte er fest, »das mit mir geschah, als ich das erste Mal auf sie traf. Und was ich in den Tagen zuvor entdeckte.«
Faile runzelte die Stirn.
»Ich habe dir erzählt, dass ich zwei Weißmäntel tötete. Bevor ich dich kennenlernte.«
»Ja.«
»Mach es dir bequem«, sagte er. »Du musst die ganze Geschichte kennen.«
Und er erzählte es ihr. Zuerst zögernd kamen die Worte, dann müheloser. Er sprach von Shadar Logoth, und wie ihre Gruppe getrennt worden war. Wie Egwene ihm die Führung überlassen hatte, vielleicht das erste Mal, dass er dazu gezwungen worden war.
Von seiner Begegnung mit Elyas hatte er ihr bereits erzählt. Sie wusste viel über ihn, Dinge, die er nie jemand anderem anvertraut hatte, Dinge, über die er nie mit Elyas gesprochen hatte. Sie wusste über den Wolf Bescheid. Sie wusste, dass er Angst hatte, sich darin zu verlieren.
Aber sie wusste nicht, was er im Kampf empfand. Sie wusste nicht, wie es sich angefühlt hatte, diese Weißmäntel zu töten und ihr Blut zu schmecken – entweder in seinem Mund oder durch seine Verbindung zu den Wölfen. Sie wusste nicht, wie es gewesen war, von Zorn, Furcht und Verzweiflung verschlungen zu werden, als man sie entführt hatte. Das waren die Dinge, die er zögernd erklärte.
Er erzählte ihr von der Raserei, in die er verfallen war, als er im Wolfstraum nach ihr gesucht hatte. Er sprach von Noam und über seine Befürchtungen, was mit ihm geschehen würde. Und wie das in Zusammenhang mit seinem Verhalten im Kampf stand.
Faile saß still auf dem Hügel und hörte zu, die Arme um die Knie gelegt, vom Kerzenlicht beleuchtet. Ihre Gerüche waren gedämpft. Vielleicht hätte er ein paar Dinge für sich behalten sollen. Keine Frau wollte wissen, zu was für einer Bestie ihr Mann wurde, wenn er tötete, oder? Aber als er einmal sprach, wollte er sich von seinen Geheimnissen befreien. Er war sie so leid.
Jedes ausgesprochene Wort entspannte ihn mehr. Es vollbrachte das, was die Mahlzeit, so rührend sie auch gewesen war, nicht geschafft hatte. Indem er ihr von seinem innerlichen Ringen erzählte, fühlte er, wie sich ein Teil der Last auflöste.
Am Ende sprach er von Springer. Er vermochte nicht genau zu sagen, warum er den Wolf bis zuletzt aufgespart hatte; Springer war Teil von vielem, was er bereits gesagt hatte – die Weißmäntel, der Wolfstraum. Aber es erschien richtig, Springer bis zum Schluss aufzubewahren, also tat er es.
Als er geendet hatte, starrte er in die Flamme einer der Kerzen. Zwei von ihnen waren erloschen, aber andere flackerten noch. Für seine Augen gab es kein Dämmerlicht. Er konnte sich kaum noch daran erinnern, wie die Tage gewesen waren, als seine Sinne so schwach wie die eines gewöhnlichen Menschen gewesen waren.
Faile lehnte sich an ihn und schlang seine Arme um sich. »Danke«, sagte sie.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, lehnte sich an den Stumpf hinter ihm und fühlte ihre Wärme.
»Ich möchte dir von Maiden erzählen«, sagte sie.
»Das musst du nicht«, sagte er. »Nur weil ich …«
»Pst. Ich habe geschwiegen, als du sprachst. Jetzt bin ich an der Reihe.«
»Also gut.«
Von Maiden zu hören hätte schlimm für ihn sein müssen. Er lehnte sich mit dem Rücken an den Baumstumpf; der Himmel über ihm knisterte vor Energie, das Muster selbst war in Gefahr, sich aufzulösen, und seine Frau erzählte davon, wie man sie gefangen genommen und geschlagen hatte. Und doch gehörte es auf eine merkwürdige Weise zu den entspannendsten Dingen, die er je erlebt hatte.
Die Geschehnisse in dieser Stadt waren wichtig für sie gewesen, vielleicht hatten sie ihr sogar gutgetan. Auch wenn es ihn wütend machte, als er hörte, wie Sevanna sie nackt gefesselt und über Nacht so hatte liegen lassen. Eines Tages würde er diese Frau zur Strecke bringen.
Aber nicht heute. Heute hielt er seine Frau in den Armen, und ihre starke Stimme war ein Trost. Er hätte wissen müssen, dass sie ihre Flucht geplant hatte. Als er von ihren sorgfältigen Vorbereitungen hörte, fing er sogar an, sich wie ein Narr zu fühlen. Sie hatte sich Sorgen gemacht, dass er bei einem Rettungsversuch umkommen würde – das sagte sie zwar nicht, aber er hörte es heraus. Wie gut sie ihn doch kannte.
Ein paar Dinge ließ Faile aus. Das störte ihn nicht. Ohne ihre Geheimnisse wäre Faile wie ein Tier im Käfig gewesen.
Aber er bekam ein paar gute Anhaltspunkte, was sie ihm vorenthielt. Es hatte etwas mit diesem Bruderlosen zu tun, der sie gefangen hatte, etwas mit ihren Plänen, den Mann und seine Freunde dazu zu verleiten, ihr bei der Flucht zu helfen. Vielleicht hatte sie ihn gemocht und wollte nicht, dass Perrin es bereute, ihn getötet zu haben. Das war unnötig. Diese Bruderlosen waren bei den Shaido gewesen, und sie hatten Männer angegriffen und getötet, die unter Perrins Schutz gestanden hatten. Keine freundliche Tat würde das wiedergutmachen können. Sie verdienten ihren Tod.
Das ließ ihn innehalten. Vermutlich sagten die Weißmäntel sehr ähnliche Dinge über ihn. Aber die Weißmäntel hatten zuerst angegriffen.
Sie kam zum Ende. Es war schon sehr spät, und Perrin griff nach einem Bündel, das Failes Diener mitgebracht hatten, und zog eine Decke heraus.
» Und?«, fragte Faile, als er es sich bequem machte und wieder die Arme um sie legte.
»Ich bin überrascht, dass du mich nicht angebrüllt hast, weil ich wie ein wilder Stier anstürmte und deine ganzen Pläne zunichtemachte.«
Das rief bei ihr einen zufriedenen Geruch hervor. Es war nicht das Gefühl, mit dem er gerechnet hatte, aber er hatte schon vor langer Zeit aufgegeben, die Gedankengänge von Frauen ergründen zu wollen.
»Ich hätte die Sache heute Abend beinahe angesprochen«, sagte Faile, »damit wir uns ordentlich darüber streiten und angemessen versöhnen können.«
»Und warum hast du es nicht getan?«
»Ich entschied, dass diese Nacht nach der Sitte der Zwei Flüsse ablaufen sollte.«
»Und du glaubst ernsthaft, dass sich Ehemänner und ihre Frauen in den Zwei Flüssen nicht streiten?«, fragte er amüsiert.
»Nun, möglicherweise schon. Aber du erscheinst immer so unbehaglich, wenn wir uns anschreien, mein Gemahl. Ich bin sehr froh, dass du angefangen hast, für dich selbst einzutreten, so wie es sich gehört. Aber ich habe dir viel abverlangt, dich an meine Sitten anzupassen. Ich fand, heute Nacht sollte ich versuchen, mich an deine anzupassen.«