Elayne nickte jeder Kusine zu, dann zeigte sie auf drei Stühle, die man im Schatten eines Kirschbaums aufgestellt hatte. Die drei Frauen setzten sich; links von ihnen folgte der Bach seinem verschlungenen Verlauf. Es gab Pfefferminztee. Die beiden Besucherinnen nahmen sich eine Tasse, achteten aber darauf, eine ordentliche Portion Honig hineinzutun. Ohne schmeckte jeder Tee zurzeit einfach nur fürchterlich.
»Wie geht es den Kusinen?«, fragte Elayne.
Die beiden Frauen sahen sich an. Verdammt. Sie war zu förmlich. Sie wussten, dass etwas im Busch war.
»Uns geht es gut, Euer Majestät«, sagte Alise. »Die meisten Frauen scheinen ihre Angst zu verlieren. Zumindest die, die genug Verstand hatten, sie überhaupt zu haben. Ich vermute, die anderen waren diejenigen, die allein loszogen und am Ende tot waren.«
»Es ist auch gut, nicht zu viel Zeit beim Heilen zu verbringen«, bemerkte Sumeko. »Das wurde sehr erschöpfend. Tag für Tag so viele Verwundete.« Sie verzog das Gesicht.
Alise war aus härterem Holz geschnitzt. Sie nippte mit ruhiger Miene an ihrem Tee. Nicht ausdruckslos und erstarrt wie eine Aes Sedai. Nachdenklich und warm, aber reserviert. Das war ein Vorteil, den diese Frauen gegenüber den Aes Sedai hatten – sie konnte man weniger argwöhnisch betrachten, da sie keine direkte Verbindung zur Weißen Burg hatten. Aber sie hatten auch nicht deren Autorität.
»Ihr ahnt, dass ich Euch um etwas bitten muss«, sagte Elayne und erwiderte Alises Blick.
»Tun wir das?«, fragte Sumeko und klang überrascht. Vielleicht hatte sie bei ihr zu viel vorausgesetzt.
Alise nickte auf matronenhafte Weise. »Ihr habt uns viel abverlangt, seit wir hier sind, Euer Majestät. Meiner Meinung nach nicht mehr, als Euch zustand. Bis jetzt.«
»Ich habe versucht, Euch in Caemlyn willkommen zu heißen«, sagte Elayne. »Da mir klar ist, dass Ihr nie wieder nach Hause zurück könnt. Nicht solange die Seanchaner Ebou Dar beherrschen.«
»Das ist richtig«, stimmte Alise ihr zu. »Aber wir können Ebou Dar kaum als unsere Heimat bezeichnen. Das war einfach nur ein Ort, an dem wir zusammenfanden. Weniger ein Zuhause, mehr eine Notwendigkeit. Viele von uns haben die Stadt nur als Drehscheibe benutzt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.«
»Habt Ihr schon überlegt, wo Ihr jetzt bleiben wollt?«
»Wir gehen nach Tar Valon«, sagte Sumeko schnell. »Nynaeve Sedai sagte …«
»Ich bin davon überzeugt, dass für einige von Euch dort ein Platz ist«, unterbrach Elayne sie. »Für die, die Aes Sedai werden wollen. Egwene wird jeder Kusine, die noch einmal versuchen will, die Stola zu erringen, freudig eine zweite Chance geben. Aber was ist mit dem Rest von Euch?«
»Wir haben darüber gesprochen«, sagte Alise vorsichtig und mit zusammengekniffenen Augen. »Wir werden uns mit der Burg verbinden, als Ort, an dem Aes Sedai in den Ruhestand gehen können.«
»Aber Ihr wollt bestimmt nicht nach Tar Valon ziehen. Was würden die Kusinen als Anlaufpunkt nutzen, an dem man sich aus der Politik der Aes Sedai zurückziehen kann, wenn man sich in unmittelbarer Nähe der Weißen Burg befindet?«
»Wir hatten angenommen, dass wir hierbleiben«, sagte Alise.
»Das war auch meine Annahme«, erwiderte Elayne vorsichtig. »Aber Annahmen stehen auf schwachen Füßen. Ich möchte den Kusinen stattdessen Versprechen geben. Denn wenn Ihr schließlich in Caemlyn bleiben wollt, sehe ich keinen Grund, Euch keine direkte Unterstützung der Krone zukommen zu lassen.«
»Zu welchem Preis?«, fragte Alise. Sumeko sah mit einem verwirrten Stirnrunzeln zu.
»Kein großer. Eigentlich gar keiner. Ein gelegentlicher Gefallen, so wie Ihr ihn der Krone schon in der Vergangenheit erwiesen habt.«
In den Garten kehrte Stille ein. Der Wind trug leisen Lärm aus der Stadt unter ihnen herauf, und die Äste erzitterten in der Brise, ließen ein paar braune Blätter zwischen Elayne und die Kusinen fallen.
»Das klingt gefährlich.« Alise nahm einen Schluck Tee. »Ihr wollt doch sicherlich nicht vorschlagen, dass wir hier in Caemlyn eine rivalisierende Weiße Burg aufbauen.«
»Nichts dergleichen«, sagte Elayne schnell. »Schließlich bin ich selbst Aes Sedai. Und Egwene will die Kusinen so weitermachen lassen wie zuvor, solange sie ihre Autorität akzeptieren.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob wir so ›weitermachen‹ wollen wie zuvor«, sagte Alise. »Die Weiße Burg hat dafür gesorgt, dass wir unser Leben in der schrecklichen Furcht vor Entdeckung verbringen mussten. Dabei hat sie uns die ganze Zeit benutzt. Je länger wir darüber nachdenken, desto weniger finden wir das … amüsant.«
»Sprecht für Euch selbst, Alise«, sagte Sumeko. »Ich will mich der Prüfung stellen und in die Burg zurückkehren. Ich schließe mich den Gelben an, denkt an meine Worte.«
»Vielleicht, aber mich werden sie nicht haben wollen«, sagte Alise. »Ich bin zu schwach in der Macht. Ich akzeptiere keine halbherzigen Maßnahmen, ich will mich nicht jedes Mal verbeugen und widerspruchslos gehorchen müssen, wenn eine Schwester vorbeikommt und will, dass ich ihre Sachen wasche. Aber ich werde auch nicht aufhören, die Macht zu lenken. Ich gebe das nicht auf. Egwene Sedai sprach davon, die Kusinen weitermachen zu lassen, aber wenn wir das tun, können wir in aller Offenheit die Eine Macht benutzen?«
»Ich gehe davon aus«, sagte Elayne. »Das ist größtenteils Egwenes Idee. Mit Sicherheit würde sie keine Aes Sedai zu Euch in den Ruhestand schicken, wenn man ihnen verbieten müsste, die Macht zu lenken. Nein, die Tage, in denen Frauen außerhalb der Burg nur im Geheimen die Macht lenken können, sind vorbei. Die Windsucherinnen und die Weisen Frauen der Aiel haben bewiesen, dass sich die Zeiten ändern müssen.«
»Vielleicht«, sagte Alise. »Aber unsere Dienste der Krone von Andor zur Verfügung zu stellen ist eine ganz andere Sache.«
»Wir würden dafür sorgen, dass es kein Wettstreit mit den Interessen der Burg wird«, sagte Elayne. »Und Ihr würdet die Autorität der Amyrlin akzeptieren. Wo liegt also das Problem? Überall im Land dienen Aes Sedai den Monarchen.«
Alise trank einen Schluck Tee. »Das Angebot hat einen gewissen Nutzen. Aber es hängt von der Art der Gefälligkeiten ab, die die Krone von Andor verlangen wird.«
»Ich würde die Kusinen nur um zwei Dinge bitten. Reisen und Heilen. Ihr müsst nicht an unseren Konflikten teilnehmen, Ihr müsst kein Teil unserer Politik sein. Erklärt Euch einfach bereit, meine kranken Untertanen zu Heilen und jeden Tag eine Gruppe Frauen bereitzustellen, die Wegetore erschafft, wenn es die Krone wünscht.«
»Das klingt mir immer noch zu sehr nach Eurer eigenen Weißen Burg«, meinte Alise. Sumeko runzelte die Stirn.
»Nein, nein«, sagte Elayne. »Die Weiße Burg bedeutet Autorität, Politik. Ihr wärt etwas völlig anderes. Stellt Euch einen Ort in Caemlyn vor, an dem jeder Kranke kostenlos Geheilt werden kann. Stellt Euch eine Stadt ohne Krankheiten vor. Stellt Euch eine Welt vor, in der man Nahrungsmittel augenblicklich zu jenen schafft, die sie brauchen.«
»Und eine Königin, die Truppen bewegen kann, wann immer das nötig ist«, sagte Alise. »Deren Soldaten am einen Tag kämpfen und am nächsten Tag wieder unverletzt sind. Eine Königin, die einen hübschen Profit einstreicht, indem sie Kaufleuten für den Zugang zu ihren Wegetoren eine Gebühr abverlangt.« Sie trank einen Schluck Tee.
»Ja«, gab Elayne zu. Obwohl sie sich nicht sicher war, wie sie Egwene überzeugen sollte, sie auch dies tun zu lassen.
»Wir werden die Hälfte wollen«, sagte Alise. »Die Hälfte von allem, was Ihr für Reisen oder Heilen einnehmt.«
»Das Heilen ist kostenlos«, sagte Elayne energisch. »Für jeden, der kommt, ohne Rücksicht auf die Stellung. Die Behandlung findet nach der Schwere der Leiden statt, nicht nach der gesellschaftlichen Stellung.«
»Dem könnte ich zustimmen«, sagte Alise.
Sumeko wandte sich ihr mit weit aufgerissenen Augen zu. »Ihr könnt nicht für uns alle sprechen. Ihr selbst habt mir zum Vorwurf gemacht, dass das Nähkränzchen aufgelöst ist, da wir Ebou Dar verlassen haben. Darüber hinaus gilt nach der Regel…«